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Vom Aufstand der anständigen Presse

Rechtsextremismus-Berichterstattung in deutschen Tageszeitungen
  • Thomas Pfeiffer
  • Kerstin Jansen
  • Tim Stegmann
  • Sandra Tepper

Zusammenfassung

Der deutsche Rechtsextremismus hat Schlagzeilen gemacht: Im Sommer des Jahres 2000 griffen zahlreiche Massenmedien das Thema auf und berichteten darüber so ausführlich wie selten zuvor. Beiträge über rechtsextreme Parteien, die Gewaltbereitschaft der Neonazi-Szene oder die Verbreitung ihrer Propaganda im Internet rückten auf Titelseiten und prominente Programmplätze vor. Damit riefen die Medien ein seit Jahren virulentes Problem ins Bewusstsein, das öffentlich vielfach nur am Rande oder im Rahmen spektakulärer Ereignisse zur Kenntnis genommen worden war, für welche die Städte Hoyerswerda, Rostock, Mölln und Solingen zu Synonymen geworden sind.

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Literature

  1. 1.
    Das war jener Tag, an dem die Bundesregierung das NPD-Verbot beim Bundesverfassungsgericht beantragt hat.Google Scholar
  2. 2.
    Siegfried Jäger, Die Anstifter der Brandstifter?, Zum Anteil der Medien an der Eskalation rassistisch motivierter Gewalt in der Bundesrepublik Deutschland, in: Bernd Scheffer (Hrsg.), Medien und Fremdenfeindlichkeit. Alltägliche Paradoxien, Dilemmata, Absurditäten und Zynismen, Opladen 1997, S. 73ff.Google Scholar
  3. 3.
    Vgl. z.B. Siegfried Jäger/Jürgen Link (Hrsg.), Die vierte Gewalt. Rassismus und die Medien, Duisburg 1993; Siegfried Jäger, der Groß-Regulator. Analyse der BILD-Berichterstattung über den rassistisch motivierten Terror und die Fahndung nach der RAF im Sommer 1993, Duisburg 1993Google Scholar
  4. 4.
    Hans-Bernd Brosius/Frank Esser, Eskalation durch Berichterstattung?, Massenmedien und fremdenfeindliche Gewalt, Opladen 1995, S. 195. Diese bei Brosius/Esser häufige Metapher halten wir für problematisch, weil sie rassistische Gewalt zur Krankheit stilisiert und nicht als bewusstes Handeln darstellt.Google Scholar
  5. 5.
    Siehe ebd., S. 196Google Scholar
  6. 6.
    Nachrichtenfaktoren — Kriterien, nach denen Journalisten über die Veröffentlichung von Nachrichten entscheiden — wurden 1965 erstmals von Johan Galtung und Marie H. Ruge systematisiert, die folgende unterschieden: Elite-Nationen, Elite-Personen, Frequenz, Schwellenfaktor, Eindeutigkeit, Negativismus, Bedeutsamkeit, Konsonanz, Überraschung, Kontinuität, Variation/Komposition und Personalisierung. Einen Überblick über die Nachrichtenwertforschung gibt Christiane Eilders, Nachrichtenfaktoren und Rezeption. Eine empirische Analyse zur Auswahl und Verarbeitung politischer Information, Opladen 1997, S. 19ff.Google Scholar
  7. 7.
    Vgl. Hans-Bernd Brosius/Frank Esser, Eskalation durch Berichterstattung?, a.a.O., S. 192f.Google Scholar
  8. 8.
    Vgl. z.B. ebd., S. 73. Der bekannteste nachgewiesene Fall dürfte jener des Filmemachers Michael Born sein, der unter anderem einen Beitrag über Ku-Klux-Klan-Aktivitäten in Deutschland fälschte und an Fernsehredaktionen verkaufte.Google Scholar
  9. 9.
    Uwe Sander, Beschleunigen Massenmedien durch Gewaltdarstellungen einen gesellschaftlichen Zivilisationsverlust?, in: Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.), Das Gewalt-Dilemma. Gesellschaftliche Reaktionen auf fremdenfeindliche Gewalt und Rechtsextremismus, Frankfurt am Main 1994, S. 285Google Scholar
  10. 10.
    Siehe Hans-Jürgen Weiß u.a., Gewalt von Rechts — (k)ein Fernsehthema? Zur Fernsehberichterstattung über Rechtsextremismus, Ausländer und Asyl in Deutschland, Opladen 1995, S. 169Google Scholar
  11. 11.
    Ruud Koopmans, Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit als einwanderungs-und ausländerpolitisches Problem, in: Andrea Grimm (Hrsg.), Rechtsextremismus. Bestandsaufnahme, gesellschaftliche und politische Folgerungen, Loccum 2000, S. 21Google Scholar
  12. 12.
    Vgl. z.B. Georg Ruhrmann, Fremde im Mediendiskurs. Ergebnisse empirischer Presse-, TV- und PR-Analysen, in: Matthias Jung/Martin Wengeler/Karin Böke (Hrsg.), Die Sprache des Migrationsdiskurses. Das Reden über „Ausländer“ in Medien, Politik und Alltag, Opladen 1997, S. 64f.Google Scholar
  13. 13.
    Vgl. Christoph Butterwegge, Ambivalenzen der politischen Kultur, intermediäre Institutionen und Rechtsextremismus, in: Wilfried Schubarth und Richard Stöss (Hrsg.), Rechts-extremismus in der Bundesrepublik Deutschland. Eine Bilanz, Opladen 2001, S. 305f.Google Scholar
  14. 14.
    Siehe Andrea Böhm, Die mediale Täter-Opfer-Falle: Ausländer als Objekte journalistischer Begierde, in: Christoph Butterwegge/Gudrun Hentges/Fatma Sarigöz (Hrsg.), Medien und multikulturelle Gesellschaft, Opladen 1999, S. 93Google Scholar
  15. 15.
    Vgl. z.B. Franziska Hundseder, Medien und Rechtsradikalismus. Zwischen Sensationsgier und Ignoranz, in: Vorgänge 118 (1992), S. 1ff.Google Scholar
  16. 16.
    Siehe Siegfried Jäger, Die Anstifter der Brandstifter?, a.a.O., S. 90Google Scholar
  17. 17.
    Siehe Christoph Butterwegge, Ambivalenzen der politischen Kultur, a.a.O., S. 305Google Scholar
  18. 18.
    Vgl. Brigitta Huhnke, Intermediale Abhängigkeiten bei der Inszenierung rassistischer Feindbilder seit Mitte der achtziger Jahre am Beispiel der Wochenzeitungen „Bild am Sonntag“ und „Der Spiegel“, in: Siegfried Jäger/Jürgen Link (Hrsg.), Die vierte Gewalt, a.a.O., S. 236 und S. 241ff. Inwieweit dieser Beitrag typisch für die Rechtsextremismus-Berichterstattung der BamS ist, macht Huhnke allerdings kaum deutlich. Ein ähnliches Beispiel aus Bild schildert Siegfried Jäger, Der Groß-Regulator, a.a.O., S. 47f.Google Scholar
  19. 19.
    Vgl. Christoph Butterwegge, Ethnisierungsprozesse, Mediendiskurse und politische Rechtstendenzen, in: ders. (Hrsg.), NS-Vergangenheit, Antisemitismus und Nationalismus in Deutschland. Beiträge zur politischen Kultur der Bundesrepublik und zur politischen Bildung, Mit einem Vorwort von Ignatz Bubis, Baden-Baden 1997, S. 194Google Scholar
  20. 20.
    Vgl. Christiane Rajewsky/Adelheid Schmitz, Wegzeichen. Initiativen gegen Rechtsextremismus und Ausländerfeindlichkeit, Tübingen 1992, S. 23f.Google Scholar
  21. 21.
    Vgl. Ralph Weiß, Zwischen Anstiftung und Aufklärung. Zur Rolle der Medien gegenüber dem Rechtsextremismus — ein Forschungsüberblick, in: Sabine Jungk (Hrsg.), Zwischen Skandal und Routine. Rechtsextremismus in Film und Fernsehen, Marburg 1996, S. 188Google Scholar
  22. 22.
    Vgl. Uwe Sander, Beschleunigen Massenmedien durch Gewaltdarstellungen einen gesellschaftlichen Zivilisationsverlust?, a.a.O., S. 28lf.Google Scholar
  23. 23.
    Vgl. z.B. Hans-Gerd Jaschke, Fremdenfeindlichkeit, Rechtsextremismus und das Fernsehen. Eine medienkritische Betrachtung, in: Institut für Sozialforschung (Hrsg.), Aspekte der Fremdenfeindlichkeit. Beiträge zur aktuellen Diskussion, Frankfurt am Main/New York 1992, S. 62Google Scholar
  24. 24.
    Siehe Wolfgang Gessenharter, Die Neue Rechte in Deutschland, in: József Wieszt/Ernst Gattol/Kari Kinnunen (Hrsg.), Integration contra Nationalismus. Handbuch für Erwach-senenbildung, Celle/Duisburg 1997, S. 164; vgl. ergänzend: Thomas Pfeiffer, Aufforderung zum kritischen Blick. Wenn Ultrarechte seriös daherkommen, in: Journalist 8/1997, S.31Google Scholar
  25. 25.
    Vgl. Ralph Weiß/Bettina Nebel, Lokalradio und Rechtsextremismus. Aufklärung im Hörfunk, Opladen 1993, S. 144ff.Google Scholar
  26. 26.
    Vgl. Andreas Albes, Die Behandlung der Republikaner in der Presse, Frankfurt am Main 1999, S. 93 und 131f.Google Scholar
  27. 27.
    Für die freundliche Unterstützung danken wir der Aachener Zeitung, Bild Köln und der taz ruhr. Google Scholar
  28. 28.
    Die Artikel über Sebnitz wurden ggf. als „rechtsextreme Straftaten“ codiert, da zum Erscheinungszeitpunkt die Vermutung bestand, dass rechte Skinheads Joseph ermordet hatten.Google Scholar
  29. 29.
    Bei der Codierung der Darstellungsform haben wir die unterschiedlichen Zeitungsformate berücksichtigt.Google Scholar
  30. 30.
    Eine Ausnahme bilden antisemitische Straftaten, über die häufig auch dann berichtet wird, wenn sie keine Gewalttaten sind.Google Scholar
  31. 31.
    „Nichtjugendliche“ wurde codiert, wenn die Handelnden nicht ausschließlich Jugendliche waren.Google Scholar
  32. 32.
    Die taz bildet hier mit 18 Prozent die Spitzenreiterin: Ihre Berichterstattung ist relativ kontinuierlich und berücksichtigt auch kleinere Vorkommnisse.Google Scholar
  33. 33.
    Bei allen drei Zeitungen sind das etwa 10 Prozent der gesamten Berichterstattung zum Thema.Google Scholar
  34. 34.
    In Einzelfällen kommen solche Berichte durchaus vor. So porträtierte Bild Hamburg in für das Boulevardblatt ungewöhnlich ausführlicher Weise die führenden Neonazis Christian Worch und Thomas Wulff.Google Scholar
  35. 35.
    So z.B. die Gabber-Szene; vgl. Verfassungsschutzbericht des Landes NRW 2000, S. 109f., sowie zu den Gothics: S. 112f.Google Scholar
  36. 36.
    Zwei längere Beiträge der SZ, die sich mit der Regisseurin Leni Riefenstahl und dem Juristen Carl Schmitt befassen, gehen auf deren Bedeutung für die Neue Rechte nicht ein. Insbesondere die zentrale Rolle Schmitts als Ideengeber dieser Strömung bleibt somit unberücksichtigt. Auch rechte Tendenzen in deutschen Burschenschaften tauchen in den Beiträgen der Stichprobe nicht auf.Google Scholar
  37. 37.
    Unser Sample umfasst keine Tageszeitung, die ihren Sitz in den neuen Bundesländern hat. Damit dürften Beiträge über den ostdeutschen Rechtsextremismus in der Stichprobe eher unterrepräsentiert sein.Google Scholar
  38. 38.
    Wir gehen hier von der Anzahl der Gewalttaten aus, da rechtsextreme Straftaten, die keine Gewalttaten sind, in der Berichterstattung kaum vorkommen. Im Jahr 2000 wurden 998 rechtsextreme Gewalttaten in Deutschland registriert. Rund 65 Prozent davon entfielen auf die alten Länder, 35 Prozent auf die neuen; vgl. Verfassungsschutzbericht des Bundes 2000, S. 33ff.Google Scholar
  39. 39.
    Durch die medienpräsenten Ereignisse in Sebnitz kommt es zu keiner erheblichen Verzerrung der Ergebnisse: Zwar fallen sie auf der Seite der neuen Länder ins Gewicht, allerdings liegen mit den beiden Düsseldorfer Anschlägen auch medial stark präsente Vorfälle in den alten Ländern im Untersuchungszeitraum.Google Scholar
  40. 40.
    Ausnahmen: Bild bei 3 Prozent und FAZ bei 20 ProzentGoogle Scholar
  41. 41.
    Die taz führt diese These später in einem längeren Beitrag aus; vgl. Christoph Seils, Selbstläufer symbolischer Politik, in: tageszeitung v. 24.7.2001, S. 4 (ungekürzte Fassung unter: www.miteinander-ev.de/npd-verbot.html)Google Scholar
  42. 42.
    Mariam Niroumand (Weltmitte, Weltgewissen. Der Brand in der Lübecker Hafenstraße — Reaktionen in Printmedien und im Fernsehen, in: Sabine Jungk [Hrsg.], Zwischen Skandal und Routine, a.a.O., S. 96ff.) wies auf ähnlich vorschnelle Berichte nach dem Brand im Lübecker Flüchtlingsheim vom 17./18. Januar 1996 hin; ihre suggestive Setzung, diese Kurzschlüsse seien auf eine deutsche Büßermentalität zurückzuführen, blieb allerdings analytisch oberflächlich.Google Scholar
  43. 43.
    Dieselbe nebulöse Behauptung stellte der Leiter der sächsischen Staatskanzlei, Thomas de Maizière, auf. Sie wurde z.B. von der Deutschen Presseagentur (Medien könnten Neonazis im Fall Joseph bezahlt haben, dpa-Meldung v. 29.11.2000, 9:14:02 Uhr) als indirektes Zitat übernommen.Google Scholar
  44. 44.
    Zit. nach: SZ v. 1.12.2000, S. 5. Die Journalismus-Fachzeitschrift message (1/2001) griff die Formulierung in ihrem Themenheft „Anatomie eines Medien-Gaus“ auf.Google Scholar
  45. 45.
    Siehe Rainer Jogschies, Emotainment — Journalismus am Scheideweg. Der Fall Sebnitz und die Folgen (Journalismus: Theorie und Praxis 1), Münster/Hamburg/ London 2001Google Scholar
  46. 46.
    Jogschies weist die mangelnde Recherche detailliert nach; vgl. ebd., S. 106ff.Google Scholar
  47. 47.
    Siehe Deutscher Presserat, www.presserat.de, 9.9.2001Google Scholar
  48. 48.
    Vgl. Roland Koch: Unser Land ist nicht rechtsradikal, in: Bild v. 17.10.2000Google Scholar

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© Springer Fachmedien Wiesbaden 2002

Authors and Affiliations

  • Thomas Pfeiffer
  • Kerstin Jansen
  • Tim Stegmann
  • Sandra Tepper

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