Derrida, Habermas und der Strudel der Geschichte

  • Günther Ortmann
Part of the Organisation und Gesellschaft book series (OUG)

Zusammenfassung

Fünf Kannitverstan:

„Ich bin Philosoph, und ich kann französisch, aber ich kam einmal auf dem Weg aus meinem Büro an einer Veranstaltung mit Lyotard vorbei und bin reingegangen, und, glauben Sie mir, ich habe kein Wort verstanden.“ (Mündliche Mitteilung)

„But I’m a mere physicist: If I find myself unable to make heads or tails of jouissance and differance, perhaps that reflects my own inadequacy.“ (Sokal, 1996a, 62)

„Meine erste persönliche Begegnung mit dem postmodernen Denken hatte ich im Herbst 1983 (...) in Wien. Es war ein trüber Sonntagnachmittag Ende September (...), und ich gestehe, daß ich kein Wort verstand. (...) Ich dachte, den (Jargon, G. O.) lern‘ ich auch noch, inzwischen habe ich die Sache aufgegeben. Irgendwas hatte das mit dem späten Heidegger zu tun, aber was? (...) Was sie sagten, weiß ich nicht mehr, und habe es auch damals nicht gewußt (...) Durch das Fenster fiel mein Blick auf einen Garten, das Laub war welk, (...) Bald jedoch kam ich ins Schwitzen, (...) auch, weil ich, trotz ernstestem Bemühen, nach spätestens zehn Minuten bei keinem der Referenten mehr wußte, wovon die Rede war.“ (Burger 1993, 461)

„Wie es der Zufall will, besuchte ich dieses Seminar (Derridas, G. O.) und hatte, wie die meisten Teilnehmer, mit denen ich in Kontakt kam, Schwierigkeiten zu verstehen, worauf Derrida hinauswollte.“ (Lilla 1999a, 189; vgl. auch 180)

„Da Derrida nicht zu den argumentationsfreudigen Philosophen gehört, ist es ratsam, seinen im angelsächsischen Argumentationsklima aufgewachsenen literaturkritischen Schülern zu folgen (...) J. Culler rekonstruiert sehr klar die etwas undurchsichtige Diskussion zwischen Jacques Derrida und John Searle (...)“ (Habermas 1985, 228).

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Literatur

  1. 62.
    Diese Verwendungsweise der Einrede des performativen Selbstwiderspruchs versenkt die Möglichkeit der kritischen Reflexion des Bodens, auf dem wir stehen - man denke an die Sprachkritik seit Wittgenstein -, in der Spalte zwischen einem Noch Nicht und einem Nicht Mehr: „Noch darfst Du die Grundlagen nicht kritisieren, denn du nimmst sie ja noch in Anspruch“ - „Jetzt darfst Du es nicht mehr, denn nun argumentierst Du ja bar jeder Vernunft und Logik.” Von solchen Denkverboten haben sich die älteren Frankfurter nicht abhalten lassen, und auch Friedrich Nietzsche, Sigmund Freud, Anatol Holt, Gregory Bateson, Karl Weick, um etwas wahllos einige zu nennen, die mir gerade einfallen, haben es nicht als ehrenrührig betrachtet, an den Ästen jener kathedralenähnlichen Bäume zu sägen, auf denen wir seit Jahrhunderten sitzen. Vgl. auch diese Formulierung Derridas (1976, 425): „ (…) es ist sinnlos, auf die Begriffe der Metaphysik zu verzichten, wenn man die Metaphysik erschüttern will. Wir verfügen über keine Sprache (…), die nicht an dieser Geschichte beteiligt wäre.“63 Albert (1969) gegen Habermas: „Mythos der totalen Vernunft”; Habermas (1985, 219) gegen Adorno und Derrida: „Die totalisierende Selbstkritik der Vernunft verstrickt sich in den performativen Selbstwiderspruch (..)`; Adorno (1969, 17, 19) in Verteidigung Habermas’: „Habermas wird von Albert einer totalen Vernunftidee geziehen. (…) Totalität ist keine affirmative, vielmehr eine kritische Kategorie.“Google Scholar
  2. 64.
    Albert (1969, 223 f) gegen Habermas: „ (…) dialektische Deutungsversuche (…) in totalitären Gesell-65 Kein Zufall ist es, dass Habermas in seinem „Exkurs zur Einebnung des Gattungsunterschiedes zwischen Philosophie und Literatur“ gleich zum Auftakt, in der ersten Zeile, Adornos „Negative Dialektik” und Derridas „Dekonstruktion“ in einem Atemzuge nennt und gegenüber beiden seinen Standardeinwand erhebt: performativer Selbstwiderspruch. Auf die „Verwandtschaft im Denkgestus” (Habermas 1985, 220) komme ich zu Beginn des 5. Abschnitts. Den Aspekt einer indirekten Absetzung von Adorno übersieht Paul Michael Lützeler in seiner ansonsten treffsicheren Einschätzung: „In Deutschland hat die Postmoderne (..) nur wenige Anhänger und Vertreter gefunden. (…) Das hängt zum Teil mit dem Einfluß der Frankfurter Schule Horkheimers und Adornos im intellektuellen Haushalt der Deutschen zusammen. Was sollte die postmoderne Kritik des Rationalismus und die Selbstkritik der Aufklärung auch bringen, wenn sie in Horkheimers/Adornos Dialektik derAufkkirung schon vorweggenommen worden war. Aber war sie es? Das postmoderne Denken scheut auch vor einer Kritik an der Hegelschen Dialektik und an neomarxistischen Geschichtsdeutungen nicht zurück. Es orientiert sich eher an der Dialogik Bakhtins, bei der konkurrierende Dualitäten nicht in Synthesen aufgehen müssen.“ Indes „bedeutete das nicht - und hier liegt das Mißverständnis der Postmoderne bei Habermas begründet -, daß ihnen (den Theoretikern der Postmoderne, G. O.) die Ideale der Aufklärung gleichgültig geworden wären.” (Lützeler 1998, 68)Google Scholar
  3. 66.
    Wir müssen daher auch mit Blick auf Denkbewegungen mit selbstverstärkenden Prozessen und Trajektorien rechnen, manchmal ausgelöst durch kontingente institutionelle Umstände - das wäre wohl ein anderes fundamentum in re als Hegel, Marx und auch noch Adorno mit der Rede vom notwendig falschen Bewusstsein im Sinn hatten. 6767Daran lässt sich lernen, was mediale Selbstreferenz und Selbstverstärkung heißt: Die New York Review of Books bringt Lillas Beitrag, Hans-Peter Müller und Jörg Lau loben ihn im Merkur, weil er der Gemeinde aus dem Herzen spricht und weil er in der New York Review of Books erschienen ist; der Merkur bringt zusätzlich einen resümierenden Beitrag Sokals und Bricmonts (1998b); der Leviathan übersetzt Lilla aus dem selben Grund, die Süddeutsche Zeitung bringt einen Folgebeitrag Lillas, vielleicht, weil der erste im Merkur so gelobt worden ist? Jörg Lau jedenfalls bespricht in Die Zeit (Nr. 11 vom 11.3.1999, S. 52) Newsletter, das Mitteilungsblatt des Committee an Intellectual Correspondence: „Neuerdings spielt Mark Lilla eine führende Rolle, ein junger Philosoph aus New York, der einem breiteren Publikum durch seine scharfsinnigen Essays in der New York Review of Books (über Derrida, Foucault, Heidegger, Schmitt) bekannt ist Ab der nächsten Nummer wird er die Redaktion leiten, eine gute Entscheidung.“ Der Spiegel (42/1998, S. 77 wiederum zitiert Jörg Lau mit seinem extrem aggressiven Merkur-Beitrag, den Reinhold Mohr dort wie folgt qualifiziert: „Eine sanft-kritische, durchaus ironische Haltung, die im Zweifelsfalle lieber bewahrt als zerstört.” Und im Leviathan lesen wir demnächst vielleicht einen einigermaßen selbstreferentiellen, aber kritischen Beitrag über Selbstreferentialität und Macht der Medien.68 Vgl. zum Beispiel Gehlens Sorge um Institutionen dann, wenn alles darauf ankomme, sie aus dem „Chaos der Meinungen“ herauszuhalten (1956, 74), die gelegentlich in Angst vor der „Barbarei der Reflexion” (1961, 73) umschlug. „Das Chaos ist ganz im Sinne ältester Mythen vorauszusetzen und natürlich, der Kosmos ist göttlich und gefährdet.“ (Gehlen 1961, 59) Auf das Verhältnis von Chaos und Ordnung komme ich im B. Abschnitt noch zurück.69 Was bleibt uns aber in der Zwischenzeit zu tun,” fragt Jörg Lau (1998, 953), „bis der Messias eines unerwarteten Tages erscheinen mag? Und wem fällt unterdessen die Aufgabe zu, die Hoffnung wach-zuhalten und die Menschen an den Aufschub ihres Wunsches nach Gerechtigkeit zu gewöhnen?“ Das sind, seit einem „Was tun?” aus dem Jahre 1902, brennende Fragen. Will Lau uns sagen, akzeptabel seien nur Philosophien und Theorien, die Trost und Hoffnung spenden, am besten in dem Maße, wie er sie braucht? Wie zum Beispiel die Botschaft Fukuyamas? „Ich (…) beuge mich ihrem Vorwurf,“ hat Freud, die Enttäuschung seiner Mitmenschen antizipierend, einmal gesagt, am Ende just jenes Textes, auf den Mariam Lau mit dem Titel ihres Beitrages anspielt, „daß ich ihnen keinen Trost zu bringen weiß, denn das verlangen sie im Grunde alle, die wildesten Revolutionäre nicht weniger leidenschaftlich als die bravsten Frommgläubigen.” (Freud 1930/1982, 270)70 Vgl. dazu, ohne jeden denunziatorischen Zungenschlag, Bredekamp (1998), ferner Agamben (2002).Google Scholar
  4. 68.
    Bredekamp übrigens hebt (ebd., 915) aus Derridas „kongenialer Analyse“ der Affinitäten zwischen Benjamin und Schmitt den einen Satz heraus, der den ausschlaggebenden Punkt dieser ihrer Nähe benennt: „Es ist der Augenblick, da die Begründung des Rechts im Leeren oder über dem Abgrund schwebt, an einem rein performativen Akt hängend.” (Derrida 1991, 78) Von diesem Augenblick „am Rande des Chaos“ wird unten, im B. Abschnitt, noch zu reden sein.Google Scholar
  5. 71.
    „Mein Gefühl also ist es, daß Marx sich angst macht, daß er selbst auf jemanden versessen ist, der nicht weit davon entfernt ist, ihm zum Verwechseln ähnlich zu sehen: ein Bruder, ein Doppelgänger, mithin ein teuflisches Bild. Eine Art Gespenst seiner selbst. Das er entfernen, unterscheiden, in argen- salz zu sich bringen möchte.“ (Derrida 1996, 219) Die Nähe zwischen Derrida und Habermas — die Punkte, an denen sie einander nahekommen - betont Waltraud Naumann-Beyer (1994). Inzwischen, im Jahre 2001, ist Derrida der Theodor W. Adorno-Preis verliehen worden, und die Tonlage wird versöhnlicher.72 Zur Kritik des Habermasschen Rekurses auf eine idealisierende Sprechsituation als „Ideal der Wirklichkeit” vgl. auch Wellmer (1986; 1992). Letzteren Beitrag hat Habermas seinerseits (1994, 32, Fn. 12) zustimmend zitiert.73 Auf weitere Schwierigkeiten mit dem Einwand des performativen Selbstwiderspruchs macht Tugend-hat (1997, 166 ff) aufmerksam. Für eine Kritik des inhärenten tu quoque.Arguments McCloskey (1994, 199 ff).74 „Dieses Denken des Kontextes ist als solches kein Relativismus mit allem, was man damit assoziieren könnte (Skeptizismus, Empirismus, sogar Nihilismus). (…) Husserl hat es besser denn irgend jemand sonst gezeigt, weil der Relativismus, ebenso wie all seine Surrogate, eine philosophische Position bleibt, die sich selbst widerspricht.“ (Derrida 1988, 137; deutsch 2001, 211)Google Scholar
  6. 77.
    Wohl aber in der kritischen, aber einlässlicheren Derrida-Rezeption McCarthys (1993).Google Scholar
  7. 76.
    Vgl. etwa die Hinweise auf die Notwendigkeit, einer Stimme Gehör zu schenken und sie zu Gehör zu bringen, bei Derrida (2000, 65, 69, 197, 207, 411 ff). Das, weit davon entfernt, Regeln des Argumentierens zu suspendieren, ließe sich vielmehr zu den Standards interpretativer, hermeneutischer Sorgfalt zählen“ Dass Kafaks Literatur durch einen Zug zum Déjà vu ausgezeichnet ist, war eine Beobachtung Theodor Adornos (1977, 259 f). Marianne Schuller, deren Lesart der zitierten Erzählung dieser Abschnitt alles verdankt, stellt ihre Kafka-Lektüre ausdrücklich in den Kontext, mit dem ich es hier zu tun habe: Es stelle „das Wissen der Literatur eine Beunruhigung und Subversion des kategorialen Wissens dar.” (Schuller 2001, 232) Wenn das stimmen könnte, was spricht dann gegen eine interpretative Musikalität der Philosophie?18 Leider fährt Habermas (ebd.) fort: „Eines dieser Begriffspaare bilden Logik und Rhetorik. Derrida hat ein besonderes Interesse daran, den schon vor Aristoteles kanonisierten Vorrang der Logik vor der Rhetorik auf den Kopf zu stellen.“ (Hervorh. G. O.) Das ist nicht nur falsch, sondern es suggeriert, zusammen mit der - gemessen an den Standards Habermasscher Diktion - erstaunlich scharfen Rede von Derridas angeblichem „Extremismus” und „Fanatismus“, dass wir mit Derridas Befähigung zu logischer Argumentation nicht zu rechnen brauchen Auf Derridas detaillierte Einreden gegen den gesamten Beitrag und diese letztere Passage (Derrida 1988, 156–158; deutsch 2001, 256–259) hat Habermas meines Wissens nie geantwortet - weder in späteren Auflagen von „Der philosophische Diskurs der Moderne” noch in dem 1989 erschienenen Band „Nachmetaphysisches Denken“.79 Für die ökonomische Theorie scheint mir im Übrigen Derridas Analyse der Gabe (1993), prima facie nur für Kulturanthropologen von Interesse, von großer Bewandtnis, weil sie einer Figur sozialer Praxis auf der Spur ist, mit der Ökonomen sich ganz schwer tun, die aber, entgegen erstem Anschein, auch für moderne Ökonomien erhebliche Bedeutung hat: der Figur eines Gebens vor allem Tausch, eines Gebens ohne Blick auf eine Gegengabe Unten, im 1. Abschnitt des 12. Kapitels, wird diese Figur am heute so viel beachteten Phänomen des Vertrauens erläutert, dem inzwischen allseits große Relevanz für das Funktionieren von Organisationen, Unternehmungen, Unternehmungsnetzwerken und ganzen Volkswirtschaften attestiert wird.80 „Wir wollen aus der Atomenergie heraus, so rasch wie möglich,” sagte einmal Rudolf Scharping, weiland Kanzlerkandidat der SPD, „was ja zwei Aspekte beinhaltet:,rasch` und,möglich`“ (Die Zeit Nr. 12 vom 18.3.1994, S. 5)Google Scholar
  8. 81.
    Jedenfalls bezeichnet auch Habermas (1983) seinen diskursethischen Universalisierungsgrundsatz als „Argumentationsregel“ (so auch Wellmer 1986, 54), und auch Tugendhat (1997, 167) sieht, „daß die Bedingungen der idealen Sprechsituation (..) die Dignität von Regeln haben.”.B2 Vgl. die Bestimmung Giddens` (1984, 21): „rules are procedures of action“.Google Scholar
  9. 83.
    Ich könnte hier fünftens die Giddenssche Strukturationstheorie nennen, die jene Zirkularität mittels der Figur der Rekursivität von Struktur abarbeitet. Einerseits findet sich aber bei Giddens wenig, was über diese allerdings wichtige Figur hinausgeht, andererseits hat Giddens seinen Begriff von Struktur, wie ich gleich zeigen möchte, mit beträchtlichen Anleihen bei Derrida entwickelt, und zwar gerade da, wo dieser Begriff sozialtheoretisch innovativ ist und weitergeführt hat.Google Scholar
  10. 84.
    Vgl. Arthur (1994, 1995a,b) mit einem Plädoyer für einen Paradigmenwechsel in der Ökonomik, derGoogle Scholar
  11. mit.
    den resultierenden, unausweichlichen Erwartungs-und Verhaltensunsicherheiten rechnet und sie bearbeitet und nicht mehr an die Möglichkeit der Ableitung optimaler Entscheidungen gebunden ist 85 Für letzteren ist es, zum Beispiel, „schwerer, illegitimer, die (be)gründende Gewalt zu kritisieren, da sie nicht vor die Institutionen eines schon bestehenden Rechts geladen werden kann“ (Derrida 1991, 87).Google Scholar
  12. 86.
    In dem von Harry Kunnemann und Hent de Vries (1993) herausgegebenen Sammelband über „Encounters between Critical Theory and Contemporary French Thought“ werden dazu verschiedene Vorschläge gemacht: Komplementarität, Schnittpunkt im Unendlichen, Juxtaposition und „stretching Habermas”.Google Scholar
  13. 87.
    Das beginnt erst, mit immerhin schon ersten Resultaten; vgl. zum Beispiel Arrington, Francis (1989), Cooper (1989), Chia (1994; 1996), Ortmann (1995), Vaassen (1996), Hatch (1997), Ortmann (2003a). „Die Regulierung, die durch die Formalstruktur erreicht wird, ist (..) nie vollständig. Sie ist ständig überrollt von Praktiken, die die in ihr enthaltenen Vorschriften nicht einhalten. Durch diese Praktiken versuchen die Beteiligten je nach ihrer Wahrnehmung der Zwänge wie der Ressourcen der Situation, die Prägnanz des formalen Rahmens anzuknabbern und dessen Gültigkeit“ zu verschieben oder zu begrenzen, ja sogar die theoretischen Abläufe vollkommen auf den Kopf zu stellen (…)” (Friedberg 1995, 145)Google Scholar
  14. 88.
    Es ist dieses Verschieben, Verzeitlichen und Anderssein, (das Friedberg hier für das Verhältnis formaler Regeln und organisationaler Praxis postuliert, das sich aber auf das Verhältnis aller gesellschaftlicher Konventionen, Normen und Werte zur gesellschaftlichen Praxis beziehen lässt,) für das Derrida den Titel dférance ersonnen hat. Wie Jean-Pierre Dupuy (1991, 94) in einem Beitrag mit dem Titel „Zur Selbst-Dekonstruktion von Konventionen“ gezeigt hat, bedeutet dies, dass für jedwede soziale Ordnung gilt, „daß Ordnung die Krise, die sie bedroht, einschließt” - ihre mögliche Umkehrung, Negation, Verletzung oder Zerstörung. („Einschließen” in dem doppelten Sinne von: die Verletzung der Ordnung „in sich selbst enthalten“ und „unter Kontrolle halten”.)Google Scholar
  15. 89.
    Damit stellt sich, am Falle von Organisationen, am Falle von Gesellschaften, in ganzer Schärfe jenes Problem, das auch Habermas umtreibt: die Frage, wie dann ihre Integration gedacht werden kann. Ich kann hier nur noch erwähnen, dass Dupuy Lösungen andeutet, die um das Problem jener grundlegenden Unentscheidbarkeit und doppelter Kontingenz kreisen, die entsteht, „wenn ein jeder einen jeden nachahmt“ (Dupuy 1991, 99). Das nenne ich: Von Derrida aus, mit ihm, ab einem bestimmten Punkt vielleicht auch: gegen ihn, weiterdenken. Natürlich ist das nur eine Leseart, nur eine Umgangsweise mit Derrida. Unter Rekurs auf die jüngere Theorie iterativer Spiele (Kreps u. a. 1982, Kreps, Wilson 1982) und auf eine ähnliche Denkfigur in Keynes’ General 7heory of Employment (1937) lässt sich zeigen, dass in krisenhaften Situationen - wenn auf Konventionen beruhender Konsens nicht für stabile Ordnung sorgt - Trajektorien mit allerdings nur prekärer Stabilität entstehen können: „Dank Keynes verstehen wir, wie eine konventionelle Ordnung funktioniert, die das Prinzip ihrer eigenen Auflösung einschließt. Bei Keynes89 ist dies kein Paradoxon mehr, da ein Mecha-88 Habermas würde sagen: dessen Geltung.Google Scholar
  16. 89.
    Gemeint ist Keynes’ Theorie der Finanzspekulationen, für die Keynes das folgende Spiel als Metapher gefunden hat: Jeder Spieler soll eine Reihe von Objekten nach Präferenzen für diese Objekte sortieren, aber nicht nach den eigenen, vorab feststehenden, sondern nach den als Durchschnitt der jeweiligen Vorlieben aller Spieler erwarteten Präferenzen Dieser Durchschnitt ergibt sich natürlich erst als Re d-tat der Entscheidung aller Mitspieler und steht nicht vorab fest. Das führt mitten in die Zirkularität doppelter Kontingenz - in eine grundlegende Unentscheidbarkeit. Keynes zeigt nun, wie es in dieser Situation - jeder muss sich in die Lage des anderen versetzen und wissen, dass die anderen genau dies auch tun - eine Entscheidung geben kann, als Ergebnis konventioneller Einschätzungen. Finanzspekulationen, aber, viel allgemeiner: alle sozialen Interaktionen unter doppelter Kontingenz können in Trajektorien - Flugbahnen - von gewisser, allerdings prekärer Stabilität einmünden (Keynes 1937). Fast zeitgleich zum Problem wechselseitiger Erwartungsbildung: Morgenstern (1935/1968); für eine komplexitätstheoretische Simulation der Dynamik von Aktienmärkten: Palmer u. a. (1994). „To summerize all this: if we look at a serious branch of economics, the theory of capital markets, we see (…) indeterminacy. Agents need to form expectations of an outcome that is a function of these expectations. With reasonable heterogeneity of interpretation of,information`, there is no deductive closure. The formation of expectation is indeterminate.“ (Arthur 1994, 5) Man bedenke das Verallgemeinerungspotential dieser Figur, nicht nur innerhalb der Ökonomie, nämlich über Kapitalmärkte hinaus, sondern auch für soziales Handeln überhaupt, das doppelte Kontingenz in hohem Maße über Erwar-tungen abarbeitet — Erwartungen von Ergebnissen, die ihrerseits eine Funktion eben jener Erwartungen sind. Der Ausgang wird durch die Verkettung differentieller Erwartungen bestimmt.Google Scholar
  17. 90.
    Vgl. zur Übertragung der Idee Dupuys auf Organisationen und Organisationstheorie Ortmann (2003a).9’ Für ein Fallbeispiel aus Organisationen: Bensman, Gerver (1963).Google Scholar
  18. 91.
    Kauffman (1991; 1993; 1995); Lewin (1993); Waldrop (1993); Holland (1995a; 1995b); für die ökonomische Theorie: Anderson u. a. (1988); Arthur u. a. (1997); für einen Überblick einschließlich einer strengen Erörterung der Übertragbarkeit auf die Sozialwissenschaften Kappelhoff (2000).Google Scholar
  19. 93.
    Dieses Ergänzungsverhältnis erklärt auch die Merkwürdigkeit, dass für mich zu den ganz wenigen lesenswerten Arbeiten über Marx seit langen Jahren eine dekonstruktive (Derrida 1996) und eine, in meiner Terminologie, komplexitätstheoretische Re-Lektüre zählen, prima facie sehr verschiedene Lesarten, die einander aber ergänzen können; zu letzterer vgl. Peter Weise (1998), der als bewahrenswert besonders die Idee der Selbstorganisation kapitalistischen Wirtschaftens nennt.Google Scholar
  20. 94.
    In der Welt dieser Reflexion auf Selbstbezüglichkeit und Selbstreflexivität (dazu auch Giddens 1979, 75 f) erwarten uns viele fruchtbare Konzepte: seltsame Attraktoren (Hofstadter 1991, besonders 383 ff, 404 ff; vgl. auch Luftmann 1993, 354 f), selbstreplikative Strukturen (Hofstadter 1991, 53 ff), Reflexionen über die Reflexivität im Rechtswesen (Hofstadter 1985, 737 ff; 1991, 75 ff); bootstrapping (Hofstadter 1985, 315 ff), Rekursivität (Hofstadter 1985, 137 ff; 1991, 435 ff, 453 ff), Reflexionen über Entscheidung (Hofstadter 1991, 90 ff) und Unentscheidbarkeit (Hofstadter 1985, 470 ff; 1991, 519 ff) und vieles andere, das wir in unserem Zusammenhang gebrauchen können.Google Scholar
  21. 95.
    Vgl. für meine Haltung vorläufig: Ortmann (1995, 226–252), ferner (2003a); zum Verhältnis von Dekonstruktion und Ethik im übrigen Gondek (1993) und die dort genannte Literatur; für eine verständnisvolle, kritische und verständliche Erörterung der Gerechtigkeitskonzeption Derridas am Beispiel des ersten Mauerschützenurteils des Bundesverfassungsgerichts vgl. Reinhardt (1998).Google Scholar

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© Springer Fachmedien Wiesbaden 2003

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  • Günther Ortmann

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