Advertisement

Post mortem? Nachrufe auf die Postmoderne Eine Polemik

  • Günther Ortmann
Part of the Organisation und Gesellschaft book series (OUG)

Zusammenfassung

Im Frühling 1983, während seines letzten Paris-Besuchs, es ging um Verhandlungen über die Atomrüstung in Europa angesichts des Nato-Doppelbeschlusses, fragte eine amerikanische Journalistin Leonid Breschnew zu später Stunde, am Ende einer in überraschend launiger Atmosphäre verlaufenen Pressekonferenz, was er von den neuen französischen Philosophen halte. Breschnew antwortete, einigermaßen erwartungsgemäß: “I confess that I‘m an unabashed Old Leftist who never quite understood how deconstruction was supposed to help the working class.” (The New York Tanzes Nr. 60 vom 29.2.1983, S. 12)

Preview

Unable to display preview. Download preview PDF.

Unable to display preview. Download preview PDF.

Literatur

  1. 49.
    Burger (1993, 462); Laermann übrigens sieht, dass „keine Theorie gegen den Unsinn gefeit ist, den ihre Adepten regelmäßig dann aus ihr machen, wenn sie zur Mode wird“ ( 1986, 35) und lässt in seinem Beitrag die „Frage, welche der polemisch unter diesem Hieb-und Stichwort ( Frankolatrie, G. O.) vereinigten, höchst unterschiedlichen Theorien in welchem Umfang ernstzunehmen sind,” ausdrücklich „ausgeklammert“ (ebd., 37 ).Google Scholar
  2. 50.
    Heidegger (1975, 77 ff) hat vielmehr diese ganze Frage als falsch gestellt zurückgewiesen: „Die Idee eines Subjekts, das nur in seiner Sphäre intentionale Erlebnisse hat und noch nicht draußen ist, sondern in seiner Kapsel eingeschlossen, ist ein Unbegriff, der die ontologische Grundstruktur des Seienden, das wir selbst sind, verkennt“ (ebd., 90). Vgl. auch Stegmüller (1965, 169): „Die Frage nach der Realität der Außenwelt ist für Heidegger ohne Sinn. Sie entsteht erst daraus, daß, statt das eigentliche Phänomen des In-der-Welt-seins zu analysieren und vor Augen zu legen, durch Aufsprengung der Einheit ein weltloses Subjekt konstruiert wird, das man jetzt vergeblich mit den anderen Sprengstükken (Außenwelt) zusammenzuleimen sucht.” Und Derrida hat, explizit genug, unmissverständlich genug, klargestellt, „daß der Text-oder Kontext-Begriff, der mich leitet, die Welt, die Realität, die Geschichte umfaßt und nicht ausschließt.“ (Derrida 1988, 137, deutsch 2001, 212).Google Scholar
  3. 51.
    Nicht viele Denker, und gewiss nicht der frühe Popper, glaubten das Problem der Existenz und Er kennbarkeit der äußeren Welt auf Sokals Niveau abtun zu können: „Übrigens ist jeder, der die Gesetze der Physik für bloße gesellschaftliche Konventionen hält, eingeladen, diese Konventionen von meinem Fenster aus zu überwinden Ich wohne im 21. Stock.“ So stand es in einem Nachwort Sokals zu der Debatte (Sokal 1996b, hier zit. n. Sokal, Bricmont 2001, 320). Natürlich kommt es darauf an, was „bloße gesellschaftliche Konventionen” heißen soll. Darüber gehe ich hinweg, weil einen reinen Konventionalismus niemand, der ernstzunehmen wäre, behauptet, die Notwendigkeit von Konventionen bei der Entscheidung über Basis-bzw. Protokollsätze andererseits schon von Carnap und Popper anerkannt ist - Derrida und Adorno allerdings haben darin ein reflexionsbedürftiges Problem gesehen. In der Buchfassung hat Sokal den Fensterprung-Witz wiederholt, dort jedoch mit einem bemerkenswerten Postscriptum: „P.S.: Ich bin mir bewußt, daß diese Witzelei unfair gegenüber den differenzierteren relativistischen Wissenschaftstheoretikern ist, die zugestehen werden, daß empirische Aussagen objektiv wahr sein können - zum Beispiel wird der Fall von meinem Fenster auf das Pflaster etwa 2,5 Sekunden dauern -, aber behaupten, daß die theotrtischen Erklärungen, für diese empirischen Aussagen mehr oder weniger willkürliche Konstruktionen sind. Ich glaube, daß auch diese Vorstellung weitgehend falsch ist, aber das ist eine ganz andere Geschichte.“ (Sokal, Bricmont 2001, 320) Dieses Verfahren nenne ich: Erst Buhmänner aufbauen, dann sie abschießen, im Kleingedruckten zugeben, dass dies unfair ist, schnell einen neuen Buhmann aufbauen - wer redet ernstlich von willkürlichen Konstruktionen? - und von dem demagogischen Effekt weiterhin zehren.Google Scholar
  4. 52.
    Denn ich neige dazu, auf die Frage „Was heißt Postmoderne?“ mit Foucault zu antworten: „Ich bin nicht auf dem Laufenden”. Es gehört zu den eingangs erwähnten Topoi der Aversion, dass die genannten französischen Autoren von ihren Gegnern — sie selbst haben sich nach Kräften, wenn auch stets vergeblich, dagegen gewehrt — erst in einen Topf geworfen werden, dem dann ein Etikett aufgeklebt wird: „Postmodernismus“, ein Etikett, von dem im dritten Schritt beklagt wird, dass niemand wisse, was das heißen soll. Zu guter Letzt wird den Franzosen dann vorgeworfen, dass unter diesem Etikett gänzlich Disparates firmiere (so zum Beispiel Burger 1993, 463 f; Lilla 1999a, 180 f, 198). Burger zum Beispiel macht sich über das von Hans Robert Jauß so genannte „Gespenst des Postismus” und über „blödelnde“ Merve-Bändchen lustig. Auch Derrida macht sich über solche Ismen seine eigenen Gedanken — in einem dieser Merve-Bändchen, in einem 1986 geschriebenen, 1990 erstmals publizierten Text über „Some statements and truisms about neologisms, newisms, postisms, parasitisms, and other small seisms” (deutsch bei Merve 1997). Aber solche Heftchen fassen wir ja nicht an.Google Scholar
  5. 53.
    Assheuer in „Die Zeit“. Die derzeit prominenteste Variante stammt von Fukuyama (1992). Und eine der schärfsten und scharfsinnigsten Fukuyama-Kritiken stammt von Derrida, dem insistierendsten Kritiker jedweden finalen Gestus, jedweder, wie wir noch sehen werden, Beschwörung des Todes einer Idee, sei sie modern oder „postmodern”; vgl. Derrida 1996, 96 ff.Google Scholar
  6. 54.
    Derrida kommt in den Kapiteln über die Postmoderne in Joas (1992, 358 ff) und (1997, 227 ff) überhaupt nicht vor, Foucault am Rande. Dafür gibt es eine abweisende Nebenbemerkung zu beiden (Joas 1997, 264). Von einer Derrida-Lektüre sehe ich in beiden Büchern keine Spur.Google Scholar
  7. 55.
    Habermas bezieht sich in einem fast dreißigseitigen „Exkurs zur Einebnung des Gattungsunterschie des zwischen Philosophie und Literatur“, (eine Einebnung, die, wie ich noch zeigen werde, Derrida keineswegs im Sinn hat,) nahezu ausschließlich auf den Derrida-Rezipienten Jonathan Culler statt auf Derrida selbst, rezipiert Derrida dort also im wesentlichen aus dieser Quelle, die er gar noch als die womöglich authentischere - „I. Culler rekonstruiert sehr klar die etwas undurchsichtige Diskussion zwischen Jacques Derrida und John Searle” (Habermas 1985, 228) - dem Leser anempfiehlt. Dieses erstaunliche Vorgehen krönt Habermas (ebd.) mit einer noch erstaunlicheren Entschuldigung: „Da Derrida nicht zu den argumentierfreudigen Philosophen gehört, ist es ratsam, seinen im angelsächsischen Argumentationsklima aufgewachsenen literaturkritischen Schülern zu folgen (…)“. Er zitiert Culler, übrigens nicht korrekt, um unmittelbar anzuschließen: „Offensichtlich setzt Damida im Argument schon voraus, was er beweisen möchte (…)” (Habermas 1985, 230; Hervorh. G. O.). Zuvor (205, Fußnote 28) schreibt Habermas eine Husserl-Passage versehentlich Derrida zu (zu alledem: Gondek 1987, insbes. die Anmerkungen 28–31 und den zugehörigen Text). Er stellt Derrida, der erkennbar und erklärtermaßen das Projekt einer neuen Aufklärung verfolgt, in den Kreis der Gegenaufklärung (s. a. Habermas 1985, 390). Er zeiht einen Autor der Ursprungsphilosophie, der wie kaum ein anderer gegen die Idee reiner Ursprünge angeschrieben hat: „Die Ursrpunglosigkeit ist es, die ursprünglich ist.“ (Derrida 1976, 312; vgl. auch Derrida 1983; Kimmerle 1988; Naumann-Beyer 1994). Zu „Jacques Der-ridas Recht auf (Zugehörigkeit zur) Philosophie” vgl. auch den gleichnamigen Beitrag von Gondek (1993) mit einem instruktiven Überblick über eine Fülle einlässlicher Arbeiten zu Derrida, auch über das Verhältnis von Dekonstruktion und Ethik. Derrida (1988, 156 ff; deutsch 2001, 256 ff) hat gegen Habermas’ Procedere vehement protestiert und dessen Kritik auch inhaltlich minutiös zurückgewiesen - auch von dieser Antwort nimmt man in Deutschland kaum Notiz.Google Scholar
  8. 57.
    Lilla (1998, 40) „Einem falschen Glauben einen falschen Namen geben“? Diese Übersetzung im Leviathan (Lilla 1999a, 195) tilgt den ätzenden Ton Lillas „In bad faith” heißt „in böser Absicht, arglistig“, und „bad name” ist nicht einfach ein falscher, sondern ein übler Name (für eine üble Sache). Dass manchmal der Ton die Musik macht, wissen wir ja alle. Ich komme darauf zurück.Google Scholar
  9. 58.
    In Hanne Herkommers allzu wohlmeinender Übersetzung „Dekonstruktion bedeute, daß man sich niemals entschuldigen müsse, nie sagen müssen (sict Muss wohl heißen: müsse; G. O.),,es tut mir leid“` (Lilla 1999a, 188) fehlt, einmal mehr, der hämisch-ironische Ton, der in dieser Passage daher rührt, dass Lilla die große kitschige Botschaft aus Erich Segals Love Story zitiert. In den USA ist der Kitsch dieses Satzes Gegenstand landläufiger Ironie, wie am Ende des Films „Is’ was, Doc?” von Peter Bogdanovich, dessen Happy End dadurch ironisch gebrochen wurde, dass Barbra Streisand zu Ryan O’Neal - er war auch Hauptdarsteller in der Verfilmung der „Love Story“ - sagt: „Liebe bedeutet, nie um Verzeihung bitten zu müssen”, worauf er grinsend antwortet: „Was Dümmeres hab’ ich noch nie gehört.“ „Playfully” heißt nicht nur, wie in der deutschen Übersetzung, „spielerisch“, sondern auch „neckisch”, und das ist hier angesichts jener Ironie ein deutlich wahrnehmbarer Unterton. Ich erwähne das nur, weil der triumphierend-höhnische Ton, den Lilla anschlägt, und der in der deutschen Übersetzung viel sanfter und seriöser klingt, wichtig ist. An ihm kann man erkennen, dass nicht Argumente, sondern Giftpfeile die wahre Vorliebe dieses Autors sind, und dass Argumente deswegen weniger wichtig sind, weil er weiß, woher der Wind weht, und weil er des Beifalls der Seinen - seiner Denkgemeinde - sicher sein kann.Google Scholar
  10. 59.
    Allein in dem von Lilla rezensierten Buch „Force de loi“ wird von der gesamten Problematik–Allge meinheit und daher Mehrdeutigkeit von Regeln, besonders: Gesetzen, versus eindeutiger, gerechter Anwendung in situ - ständig wiederholt: Sie fordere „die Erfahrung der Aporie” (Derrida 1991, 33). Mehr noch: „diese Aporien sind die bevorzugte Gegend, der bevorzugte Ort der Dekonstruktion” (ebd., 44). Schließlich gibt es in diesem Buch drei Abschnitte (46 ff, 49 ff, 54–59), die schon im Titel auf diese Aporien aufmerksam machen („1. Erste Aporie: Die Epoché der Regel“, „2. Zweite Aporie: Die Heimsuchung durch das Unentscheidbare”, „3. Aporie: Die Dringlichkeit, die den Horizont versperrt“). Damit könnte man sich auseinandersetzen. Zu behaupten jedoch, Derrida hielte eine Auseinandersetzung mit solchen Widersprüchen für absolut unnötig, wo er fast nichts anderes tut, als sie zu führen - es fällt schwer, das noch als Fahrlässigkeit zu werten.Google Scholar
  11. 60.
    Lichtenberg (1980), Sudelbücher I, Heft J, [G 89].Google Scholar

Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden 2003

Authors and Affiliations

  • Günther Ortmann

There are no affiliations available

Personalised recommendations