Organisation und Welterschließung

  • Günther Ortmann
Part of the Organisation und Gesellschaft book series (OUG)

Zusammenfassung

Alfred Kieser, Herausgeber des wohl instruktivsten Lehrbuchs über Organisationstheorien, hat seinem „Weber-Kapitel“ als Motto dieses Wort Max Webers vorangestellt:

„Die Fähigkeit des Erstaunens über den Gang der Welt ist Voraussetzung der Möglichkeit des Fragens nach ihrem Sinn.“ (Zit. in Kieser 1999, 39)

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Literatur

  1. 1.
    Sein Sohn, Thure von Uexküll, hat die Zeichenlehre des Vaters anhand eines plastischen Beispiels verdeutlicht. Wer Zeichenprozesse ermitteln will, indem er mit Hilfe von Galvanometern die moleku- laren Bewegungsvorgänge in den Nervenbahnen von Tieren oder Menschen beobachtet, „läßt sich (…) mit einem Spion vergleichen, der eine Telefonleitung anzapft. Dieser Vergleich macht sofort klar, daß ein Anzapfen von Telefonleitungen nur dann zum gewünschten Erfolg führt, wenn der Spion die Sprache der Telefonbenutzer versteht. Im anderen Fall wird er nur Geräusche hören, mit denen er keinen Sinn verbinden kann. Die Geräusche können jedoch einem Techniker ausreichende Information über die Stromschwankungen in den Leitungen geben. Er ist in der Lage, mit ihrer Hilfe eine lückenlose Kausalanalyse der Zeichenträger durchzuführen. Der Vorschlag, den Zeichenbegriff zur Auseinandersetzung mit biologischen Grundsatzfragen zu verwenden, gibt uns folgende neue Denkfigur für den Zusammenhang zwischen molekularen Bewegungsvorgängen im Gehirn und seelischen Phänomenen: Die Stromschwankungen im Fernsprechnetz lassen sich wie die neurophysiologischen Abläufe im Gehirn als physikalische Bewegungsphänomene beschreiben, das heißt wir können Fragen nach Quantität und kausalem Zusammenhang der einzelnen Phänomene stellen und erhalten Antworten, die sich jederzeit durch Beobachtung und Experiment nachprüfen lassen. Aber diese Antworten sagen uns nichts über den Sinn und die Bedeutung, das heißt die Nachrichten, welche diese Phänomene den Benutzern der Fernsprechleitung vermitteln. Wir haben es daher mit empirisch beantwortbaren, aber dem Problem nicht angemessenen Fragen zu tun, mit Fragen, deren Antworten nur Verwirrung stiften, wenn wir sie mit Antworten auf das eigentliche Problem verwechseln Nach der neuen Denkfigur haben wir in den physikalischen Stromschwankungen also Zeichenträger vor uns, die nur dann Sinn und Bedeutung erlangen, wenn der Empfänger die Sprache versteht, in der die Bedeutung der Zeichenträger festgelegt ist, oder wenn er, wie wir jetzt sagen können, in der Lage ist, die Zeichenträger zu codieren und zu decodieren, das heißt in Zeichen zu verwandeln “ (Von Uexküll 1980, 34 f; Hervorh. G. O.)Google Scholar
  2. 2.
    Einen für den Anfang schon ziemlich kompletten Überblick verschafft ein einziger Reader „The Economic Nature of the Firm“, herausgegeben 1996 von Louis Putterman und Randal S. Kroszner. Darin sind sie alle versammelt, die Größen der „theory of the firm” von Smith und Marx über Frank Knight, Hayek, Chandler, Coase, Richardson, Alchian und Demsetz, Williamson, Milgrom und Roberts, Bowles und Gintis, Jensen und Meckling, Akerlof und Oliver Hart.Google Scholar
  3. 3.
    Ein möglicher Startpunkt dafür wäre René Girards Theorie des mimetischen Begehrens, weil sie nachdrücklich klarmacht, dass Präferenzen nicht eine Sache isolierter Subjekte und ihrer Beziehung zu Objekten sind, sondern eine Dreierbeziehung, an der „die Anderen“ einen konstitutiven Anteil haben; in den Worten Jean-Pierre Dupuys (1999, 36): „Die ökonomische Theorie, ob liberal oder marxistisch, fußt auf der einfachsten, auf der erlogensten Konzeption der Beziehungen zwischen Subjekt und Objekt: das Subjekt begehrt das Objekt, oder es braucht es: Geschmäcker, Präferenzen, subjektive Bedürfnisse, objektive Bedürfnisse, immer handelt es sich dabei um einen Pfeil, der vom Subjekt aus in Richtung Objekt zeigt. Die geometrische Figur, die die Bedeutung der Zeichen darstellt, ist kein Pfeil mehr, sondern ein Dreieck. Dessen Ecken sind: Subjekt begehrt das Objekt, weil es glaubt, dass es nur über das Objekt vermittelt die Blicke der anderen auf sich ziehen kann: Blicke der Bewunderung, der Hochachtung, des Respekts, der Schätzung, des Vertrauens, der Anerkennung, der Liebe.” Anerkennung, ob man sie nun wie Girard denkt oder wie Hegel, Freud, Mead, Heidegger, Sartre oder Lacan, verweist immer auf die konstitutive Rolle dieser Anderen bei der Herausbildung unserer Bedürfnisse und Präferenzen; für Überblicke vgl. Honneth (1992), Verweyst (2000).Google Scholar
  4. 4.
    Für die deutschsprachige Betriebswirtschaftslehre, im Anschluss an McCloskey; Sadowski, Pull (1997); dazu s. unten, das 17. Kapitel.Google Scholar
  5. 5.
    Über den Sinn solcher Sätze gibt es natürlich fortbestehende Missverständnisse. Hartmut Kliemt etwa meint Sadowski und Pull, die Blumenberg zustimmend zitieren, entgegnen zu müssen: „Wir stoßen uns alle in der gleichen Welt das Knie an dem einen gleichen Tisch“ (Kliemt 1997, 441). So ähnlich pflegt Alan Sokal gegen die so genannte Postmoderne zu argumentieren; vgl. unten, die Fußnote 51 in Kapitel 3, und das Kapitel 17, 3. Abschnitt.Google Scholar
  6. 6.
    Die Sprache ist ihrem Wesen nach weder Ausdruck, noch eine Betätigung von Menschen. Die Sprache spricht.“ (Heidegger 1986, 19) Natürlich liegen die Dinge auch bei Heidegger komplizierter, wie Lafont (1994, besonders prägnant: 134 ff) zeigt. Jean-Luc Nancy hat darüber hinaus dargelegt, dass die Sehnsucht nach Sinn, verstanden als Bedeutung, als präsentabler, präsentierter Sinn, eine Schutzreaktion gegen die Verlassenheit ist: „Wir ertragen es nicht, ohne den Entwurf einer Bedeutung, ohne die Bedeutung eines Entwurfs zu sein.” (Nancy 2001, 33) Die Bedeutung aber ist für Nancy (2001, 33) „das Urbild einer in sich geschlossenen Struktur oder eines in sich geschlossenen Systems, besser noch einer Schließung in sich.“ Sie schützt, indem sie die Kluft oder den Abgrund wieder schließt, „der sich zwischen den beiden korrelativen Möglichkeiten auftut, dass das Denken leer und die Realität chaotisch sein könnte”. Das ist ein Gedanke, kaum auszudenken und von unabsehbarer Tragweite. Immerhin: Dass Organisation als organisierte Fest-Stellung von Sinn an solcher Schließung teilhat, lässt sich wohl denken.Google Scholar
  7. 7.
    Auch dazu, unter Rekurs auf Putnam (bes. 1988 ), Lafont (194, 360 ff).Google Scholar
  8. 8.
    Gute Erfinder, wie oft bemerkt worden ist, erfinden daher nicht nur Lösungen für Probleme, sondern auch Probleme für ihre Lösungen. Vgl. auch Paul Watzlawicks allerdings ironische Apologie des Betrunkenen, der seinen Schlüssel auf der einen Straßenseite verloren hat, ihn aber auf der anderen sucht, weil dort eine Laterne leuchtet (Watzlawick 1997, 27 ). Ich selbst habe gern und oft die neoklassische Ökonomie nach diesem Muster kritisiert. Man muss aber sehen, dass, solange man nicht weiß, wo der Schlüssel sein könnte, es ganz vernünftig ist, ihn dort zu suchen, „wo das Licht hinfällt“.Google Scholar
  9. 9.
    Vgl. Kiesers „Über die allmähliche Verfertigung der Organisation beim Reden“ (1998).Google Scholar
  10. 10.
    Schreyögg (1987) hat Organisationsstrukturen - Anreiz-, Gratifikations-, Karriereregeln - als „verschlüsselte Botschaften“ interpretiert. In der Tat: Sobald wir es mit Bedeutung zu tun haben, auch: der Bedeutung von Regeln, haben wir es mit Prozessen der Ver-und Entschlüsselung zu tun.Google Scholar
  11. 11.
    Vgl. die Überlegungen „Zur Ökonomie des Sehens“ in Ortmann (1984, 165 ff).Google Scholar
  12. 12.
    Vgl. dazu die fulminanten Lektüren von Giorgio Agamben (2002, 60 ff) und Jacques Derrida (1992), die viel tiefer reichen, als ich hier auch nur andeuten kann; ferner das Kapitel „Zonen des Schweigens“ in Ortmann (2003a).Google Scholar
  13. 13.
    Dazu s. das Kapitel „Das Schweigen der Sirenen“ in Ortmann (2003a).Google Scholar
  14. 14.
    Der folgende Absatz ist wörtlich entnommen aus Ortmann (1988, 10 f).Google Scholar

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© Springer Fachmedien Wiesbaden 2003

Authors and Affiliations

  • Günther Ortmann

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