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Beratung und Expertenwissen

Chapter
Part of the Forschung Gesellschaft book series (FORSCHGES)

Zusammenfassung

Im 2. Kapitel hat sich gezeigt, dass die These von der Wiederbelebung des Todes auf eine besondere theoretische Problemstellung verweist. Demnach ist der Tod nur in der historisch konkreten Wechselwirkung physischer, gesellschaftlicher und kultureller Bedingungen zu sehen. Dafür steht das Konzept der dying role. Die spätmoderne Gesellschaft zeichnet sich, so die Diagnose, durch unterschiedliche dying roles und durch ein Nebeneinander kultureller Repräsentationen des Todes aus. Insbesondere handelt es sich dabei um das Skript der modernen Medizin und das Skript der Psychologie. Wesentliche Aspekte der Wiederbelebungsthese sind jedoch fraglich, etwa die Rolle, die die Populärliteratur spielt. Deutet sich hier ein Diskursmonopol des psychologischen Skripts an? In welcher Form vollzieht sich somit das revival des Todes: spätmodern — unter Anleitung von Experten — oder als postmoderne Vielfalt individueller Perspektiven? Das soll am Beispiel populärer Literatur zu Sterben, Tod und Trauer untersucht werden.

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Literatur

  1. 86.
    Wenn es dafür ein Publikum gibt, haben auch Priester eine Chance zu schreiben und Engel eine Chance, abgebildet zu werden. Daneben finden sich jedoch zahlreiche Veröffentlichungen, die mit den kirchlichen Lehren wenig gemeinsam haben.Google Scholar
  2. 87.
    Denn auch die Bibel muss sich zahlreiche Übersetzungen und Auslegungen gefallen lassen.Google Scholar
  3. 88.
    manuals“ (Hawkins 1991: 301; Giddens 1991: 2)Google Scholar
  4. 89.
    Ratgeberliteratur“ (Land 1983); „counselling” (Giddens 1991: 33), das sich im Englischen zusätzlich von dem härteren „advice“ abgrenzen kann. Siehe dazu auch die Entwicklung der organisierten Trauerberatung CRUSE in England, die bei Amason und Hafsteinsson beschrieben wird. Angefangen hätte diese mit praktischen Tipps für Witwen (,,advice”); heute jedoch dominiere die psychologische Beratung (,,counselling“). Vgl. 2002: 49f.Google Scholar
  5. 90.
    Meuser 1998; „seif-helf` (Giddens 1991: 3)Google Scholar
  6. 91.
    Dazu paßt auch der Hinweis von Alemann, dass sowohl Berater wie auch Klient für die Dauer der Beratung ihre Autonomie einschränken würden (vgl. 2001: 31).Google Scholar
  7. 92.
    Fuchs bezieht sich auf „Intervention, Steuerung und Beratung“ (1999: 7) als einem Komplex von ähnlichen Phänomenen.Google Scholar
  8. 93.
    Dann sind, wie Alois Hahn sagen würde, Wissen und Situation immer weniger eindeutig miteinander verbunden (vgl. 1991).Google Scholar
  9. 94.
    Ü]berlegter Wille“, „Ratschluß” lautet das Ergebnis des Innehaltens bei Buchheim und Kersting (1974: 30).Google Scholar
  10. 95.
    Nach der Beratung ist nichts wie vorher, denn, wie Fuchs und Mahler es ausdrücken: „Man kann die Alternative nicht verwerfen.” (2000: 357) Was man dann sieht, sind verpaßte Chancen, suboptimale Ergebnisse. Das zeigt die,Härte’ des Rats und findet sich am besten in dem Ausdruck der Rat-„Schläge” wieder.Google Scholar
  11. 96.
    An dieser Unvollkommenheit leiden vor allem Unternehmensberater (vgl. Willke 2001: 125ff). Kein Wunder, dass sie sich mit wohlklingender Rhetorik behelfen, um davon abzulenken.Google Scholar
  12. 97.
    Allerdings wird zu fragen sein, wie sich die aktuelle Resonanz auf diese Thesen erklären läßt und worin das,Neue` der modernen Wissens-und Beratungsgesellschaft gesehen werden kann. Vgl. dazu weiter unten.Google Scholar
  13. 98.
    Auch wenn sich die theoretischen Ansätze unterscheiden, kann man auffallende Ähnlichkeiten in der Diagnose feststellen. Auf diese Ähnlichkeiten will ich zunächst eingehen, um ein Bild von den gesellschaftlichen Bedingungen der Beratung zu gewinnen.Google Scholar
  14. 99.
    Schütz deutet diese Erfahrung an, wenn folgende Entwicklung beschreibt: „Die radikale Verschiebung von Perspektiven, das,Auf-den-Kopf-Stellen` von Problemen, die unter bestimmten Umständen religiöses, philosophisches und auch wissenschaftliches Denken kennzeichnen, sind der natürlichen Einstellung fremd. Radikale Verschiebungen dieser Art können jedoch mittelbar aus jenen Denk-und Wissensbereichen in den alltäglichen Wissensvorrat einer Gesellschaft einsickern.“ (1979: 353) Dass dies in der Modeme geschieht, verdeutlich der Begriff von der „natürlichen Kontingenz”, den Scott Lash dafür verwendet (1992: 264).Google Scholar
  15. 100.
    Insofem bezeichnet Niklas Luhmann „Kontingenz“ und „Reflexivität” als Eigenwerte der modernen Gesellschaft (vgl. 1992: 93ft).Google Scholar
  16. 101.
    Bei Weber wird Beratung jedoch moralisch aufgeladen. Hier dagegen wird ein Begriff der Beratung verwendet, der auch andere Ratschläge miteinbezieht, also z.B. dazu, wie man am besten Steuern hinterzieht.Google Scholar
  17. 102.
    Pfarrer nähern sich deshalb, außer im Krankenhaus, nur vorsichtig und auf ausdrücklichen Wunsch einem Sterbebett. Den Begleitsegen für Sterbende verschieben sie wohlweislich immer mehr nach hinten, auch bis nach dem Tod. Aber genauso viel Mißtrauen bringt man inzwischen Ärzten entgegen, die lange Zeit als die Weisen des Todes galten.Google Scholar
  18. 103.
    Anthony Giddens vergleicht die Moderne mit einem „Dschagannath-Wagen“: „Dies ist eine nicht zu zügelnde und enorm leistungsstarke Maschine, die wir als Menschen kollektiv bis zu einem gewissen Grade steuern können, die sich aber zugleich drängend unserer Kontrolle zu entziehen droht und sich selbst zertrümmern könnte,” (1996a: 173) Das Bild verdeutlicht die Eigendynamik und Unberechenbarkeit der modernen Gesellschaft.Google Scholar
  19. 104.
    Am Beispiel der Gerichte könne man sehen, wie wichtig die Ausbildung der Richter sei, um Recht zu sprechen. Sie müssten die Gesetze kennen und auch in der Auslegung und Anwendung der Normen geschult sein.Google Scholar
  20. 105.
    Die Mitglieder eines Vereins, die Angestellten eines Betriebs sind eingestellt auf bestimmte Verfahren. Wenn einer ausfällt, wird er leicht ersetzt. Da macht es noch nicht einmal einen Unterschied, ob die Führungsspitze wechselt.Google Scholar
  21. 106.
    Dass den „Expertensystemen“ eine „Einklammerung von Kontingenzen” zu verdanken ist, stellt auch Scott Lash fest (1992: 266). Allerdings bezieht er ausdrücklich die Ratgeber mit ein. Im Gegensatz dazu verstehe ich Beratung — auch die von Experten — gerade als Reflexion von Kontingenz und damit keineswegs als Einklammerung. Aber auch bei Giddens bleibt die Abgrenzung von Beratung und Expertensystemen offen, wie ich später noch genauer zeigen werde.Google Scholar
  22. 107.
    An erster Stelle ist hier natürlich der Arzt zu nennen, dem die Sicherheit des Bezugsrahmens die Möglichkeit gibt, ohne Zeit zu verlieren mit der Behandlung zu beginnen. Aber auch so mancher Pfarrer hakt die einzelnen Punkte ab,die es bei einem Trauerfall zu erledigen gibt. Vgl. dazu Kap. 5. 108 Schelsky fügt hinzu: Fachleute der Organisation. Worauf ich später noch zurückkommen werde.Google Scholar
  23. 109.
    Und entspricht damit der Weberschen Diagnose von der Vollbürokratie.Google Scholar
  24. 110.
    Hier kann man auch die Einrichtung Klinischer Ethik-Komittees erwähnen. Diese stören zwar weniger die alltägliche Praxis auf Station; allerdings stellen sich dort auch Arzte mit ihren Entscheidungen der Diskussion.Google Scholar
  25. 111.
    Und was könnte anderes damit gemeint sein als: sich beraten zu lassen?Google Scholar
  26. 112.
    Die Institutionalisierung stand für die „Sicherung einer kontinuierlichen Lebensspanne und die sequentielle Ordnung und chronologische Normalisierung von Verhaltensabläufen“ (Kohli 1988: 38).Google Scholar
  27. 113.
    Individualisierung bedeutet in diesem Sinne, daß die Biographie der Menschen aus vorgegebenen Fixierungen herausgelöst, offen, entscheidungsabhängig und als Aufgabe in das Handeln jedes einzelnen gelegt wird.“ (1986: 216) Auch in Familie und Partnerschaft heißt es folglich: gestalten! Vgl. Beck/ Beck-Gernsheim 1994a: 21.Google Scholar
  28. 114.
    Auch hier sieht man die Parallelen zu Schelskys Begriff der „Dauerreflexion“ ganz deutlich (1965b).Google Scholar
  29. 115.
    Man hört auf zu rauchen, weil es Krebs erzeugt, fängt an, regelmäßig Rowein zu trinken, weil es das Gegenteil bewirken soll.Google Scholar
  30. 116.
    Vertrauen muß erworben werden und sich bewähren, was in der Regel voraussetzt, daß man sich mit dem anderen austauscht und ihm gegenüber emotional aufgeschlossen ist.“ (Ebd.: 320)Google Scholar
  31. 117.
    Dies ist jedoch keine vorab gegebene, natürliche Sicherheit, sondern eine — durch Rekonstruktion — produzierte Sicherheit.Google Scholar
  32. 118.
    Man gibt sein Kind im Kindergarten ab, kauft im Supermarkt ein, fahrt mit dem Bus, arbeitet in der Bank und bekommt monatlich sein Gehalt überwiesen. Stillschweigender Begleiter dieser Handlungen ist (blindes) Vertrauen. Man vertraut auf Kreisläufe (z.B. dass die Milch, von der ich nicht weiß, woher sie ist, nicht vergiftet ist, dass das Geld angenommen wird, der Bus funktioniert, die anderen die Vorfahrt beachten), die einem verborgen bleiben und trotzdem den selbstverständlichen Hintergrund für unser Handeln im Alltag darbieten.Google Scholar
  33. 119.
    Hier zeigen sich Parallelen zur soziologischen Biographie-und Lebenslaufforschung. Was dort unter dem Stichwort einer „De-Institutionalisierung des Lebenslaufs“ diskutiert wird, bedeute, so Monika Wohlrab-Sahr, die Erosion einer klassisch modernen „Form der sozialen Konstruktion von Sicherheit” (Wohlrab-Sahr 1993: 63). Das eigene Leben verliert den selbstverständlichen Charakter, den es als „Bahn“ oder „Stufenfolge” (ebd.), zumindest für Männer, lange Zeit haben konnte.Google Scholar
  34. 120.
    So heißt es eben „counselling of all types“ (1991: 33).Google Scholar
  35. 121.
    Man muß sich nur einmal die Entscheidungsmaschine ansehen, die in Gang kommt bei einem Berufsverfahren an der Universität und aus der kein Entrinnen möglich scheint. Oder welche bürokratischen Wege jedes Mal nach dem Tod eines Menschen zu gehen sind.Google Scholar
  36. 122.
    Was so harmlos nach einem Auswechseln der Brille klingt, ist nichts anderes als die Vielzahl von Problemen, Interessen und Zwecken, die sich in konkurrierenden Handlungsketten äußern. Medien wie Liebe, Wahrheit, Macht oder Geld sichern somit jeweils eigenes Anschlußverhalten. Und ein Mediziner wird sagen, dass die Gesundheit der Patienten vorgeht. Die Logiken ergänzen sich nicht ordentlich, sondern überlagern sich und prallen unvereinbar aufeinander. Die Krankenkassen schlagen dann die Hände über dem Kopf zusammen angesichts der Kostenexplosion im Gesundheitswesen. Das Ministerium will im Wahljahr keine unangenehmen Entscheidungen mehr treffen. Mit den verschiedenen Problemen sind zudem ganz unterschiedliche Dringlichkeiten verbunden. In diesem Sinne muß sich die Gesellschaft, wie Luhmann sagt, mit einer „Mehrheit von validen Weltbeschreibungen“ (1997: 754) abfinden.Google Scholar
  37. 123.
    Es würde sonst viel zu lange dauern, jemanden zu finden, der die Schmerzen behandeln kann, wenn man nicht wüßte, dass es im Krankenhaus Ärzte gibt. Hier kann man davon ausgehen, dass das zuständige Personal keine Geschäfte mit einem macht, über Wahrheit diskutiert, sondern die Gesundheit des Patienten wiederherstellen will. Und auch die Ärzte probieren nicht jedes Mal ein anderes Heilverfahren aus, sondern folgen erlemten Routinen bei Diagnose und Behandlung.Google Scholar
  38. 124.
    Ich erinnere hier noch mal Schelskys Formulierung der „Fachleute der Organisation“ (1965a: 456).Google Scholar
  39. 125.
    Damit ist (s. Einleitung) eine Situation zirkulärer Unbestimmtheit gemeint, die auftritt, sobald ein psychisches System auf ein Gegenüber trifft, dem es freie Verhaltenswahl zugesteht. Beide gelten als für einander intransparent. Trotzdem läßt sich ein Patient freiwillig von einem wildfremden Gegenüber Spritzen geben und operieren. Und der Arzt freut sich auf die Überweisung.Google Scholar
  40. 126.
    Wenn die Götter alle Fäden in ihren Händen halten, kann man als Mensch auf Erden nichts entscheiden. Und man entscheidet sich auch nicht dafiir, heute wieder zu atmen.Google Scholar
  41. 127.
    Daneben sorgt eine gewisse Organisationskultur bzw. das Gedächtnis fur Sicherheit und Erwartbarkeit jenseits von Entscheidbarem. Man hat das doch immer so gemacht. Das erschwert es vor allem vielen Reformvorschlägen, jemals in die Routinen des Alltags eindringen zu können (z.B. mehr Kommunikation zwischen Schwestern und Arzten!).Google Scholar
  42. 128.
    André Kieserling spricht deshalb auch von einer „Technisierung der Interaktion“ (1994: 164). Dafiir sorgen, so Luhmann, außerdem die Spuren, die Organisationen hinterlassen (vgl. 2000: 148f), neben den typischen Akten (der Patientenkartei, Rezepten, Formblättern) sind das hier vor allem räumliche Bedingungen (Betten, Nachttische, Tropf, Spritzen, Kittel) oder auch Termine (Sprechstunden, Arbeitszeiten).Google Scholar
  43. 129.
    Erleichtert wird das auch durch die organisationseigene Nomenklatur (Patienten, Stationen, Quartale),mit der sich Anforderungen der Umwelt in geordnete Bahnen leiten lässt. Die Arbeitszeit ist viel zu kurz, als dass man sich um alles kümmern könnte, z.B. Mülltrennung, Gespräch mit Angehörigen. Für das meiste ist man gar nicht zuständig. Der nächste Patient wartet schon. Und selbst im Krankenhaus ist fUr unbürokratische Hilfe nur die Ambulanz zuständig — nachdem man sich — auch dort — angemeldet hat. Für Extra-Wünsche wird z.B. ein Tag der offenen Tür eingerichtet oder eine Stelle, die sich um Öffentlichkeitsarbeit kümmert.Google Scholar
  44. 130.
    Insofern halte ich auch den Ausdruck der „Unsicherheitsabsorption“ bei Fuchs und Mahler für problematisch (2000: 355). Die Reflexion der Kontingenz kann gerade nicht als Absorption derselben gesehen werden. Dadurch würde auch der Unterschied zur Organisation nicht deutlich, denen diese Funktion mit guten Gründen zugeschrieben wird.Google Scholar
  45. 131.
    Auch die Spitze unterliegt Regeln und hat nur begrenzte Kompetenzen. Die Klinikleitung kann die Kostensenkung, das neue Leitbild beschließen, aber nicht sämtliches Geschehen dadurch festlegen. Die Organisation als,Subjekt`, als Einheit, gibt es demnach nicht, nur das fortwährende und parallel stattfindende Arrangieren bestimmter Festlegungen. Es gibt das Netz nur, weil es sich immer weiter spinnt.Google Scholar
  46. 132.
    Man kann sich zwar beim Chefarzt, dem Klinikchef beschweren. Aber ob das was ändert?Google Scholar
  47. 133.
    Zu pauschal erscheint aber auch die These Rudolf Helmstetters, der eine als Ratlosigkeit bezeichnete Reflexivität als „Implikation und Folge funktionaler Differenzierung“ feststellt (1999: 149). Hier muß man gerade mit Blick auf die modemen Organisationen differenzieren. Zumindest spricht einiges für die Annahme, dass Organisationen nach wie vor als Interdependenzunterbrechung und Absorption von Ungewißheit ein Schutzschild gegen „prinzipiell mögliche Interdependenzen” von Kommunikation bieten (Nassehi 2002: 461 ).Google Scholar
  48. 134.
    Kieserling führt das auf die „undifferenzierte Inklusion“ der Interaktion zurück (vgl. 1999: 47ff). Das gilt auch für Situationen, in denen die Asymmetrie extrem sichtbar wird wie bei der Visite im Krankenzimmer. Die Patientin kann dem Arzt um den Hals fallen, mit ihm flirten oder aber das Radio lauter stellen und ihn ignorieren. Trifft er auf einen Kollegen, wird dieser womöglich mit ihm fachsimpeln. Die Gleichzeitigkeit von wechselseitiger Wahrnehmung und Kommunikation machten die Interaktion so irritierbar. Gerade Rangdifferenzen oder Rollenanforderungen setzen sich hier nicht automatisch durch.Google Scholar
  49. 135.
    Die organisierte Beratung muß vor allem mit der sogenannten Unvollkommenheit der Beratung zurechtkommen, die ja gerade darin bestand, dass der Adressat des Rats oder die Handlung dadurch nicht zur Annahme verpflichtet ist. Ein Extremfall ist wiederum die ärztliche Sprechstunde: Wer einen Arzt konsultiert,unterwirft sich meist damit der Behandlung und bekommt eine Spritze gegen die Schmerzen verpaßt.Google Scholar
  50. 136.
    Das gilt etwa für den Buchmarkt (vgl. Beckmann 2001; Moog 2002: 72f). Abzulesen ist es aber auch an dem Aufblühen der Unternehmensberatung. Deren Umsatz habe sich laut Wochenzeitung DIE ZEIT (5.2.2004) zwischen 1992 und 2003 mehr als verdoppelt, nämlich von 5,9 auf 12,3 Milliarden Euro. Beeindruckend auch die Zahl der Beratungsfirmen, die ZEIT auf 24.300 veranschlagt, allein für Deutschland.Google Scholar
  51. 137.
    Nachdem die Unternehmensberatung McKinsey die Evangelische Kirche beraten hat, muß diese Mitarbeiter entlassen, Gemeinden zusammen legen und Kirchen schließen. Sachzwänge stehen dahinter, allen voran die knappe Kassenlage.Google Scholar
  52. 138.
    Da dies nichts an der Struktur der funktional differenzierten Gesellschaft ändert, gehe ich anders als Beck, nicht von einem strukturellen Wandel der Gesellschaft aus (vgl. Luhmann 1997: 1088ff). Gleichzeitig kann der Wandel nicht allein kognitivistisch wie bei Giddens begriffen werden, als Folge wachsenden Expertenwissens. Weder mit objektiven Risiken noch mit zunehmendem Wissen läßt sich das, was neu, d.h. anders als vorher, ist, hinreichend erfassen. In diesem Sinne ziehe ich den Begriff der Risikokultur dem der Risikogesellschaft vor (vgl. Nassehi 1997a: 25ff).Google Scholar
  53. 139.
    Alles andere würde zu lange dauern, wäre viel zu teuer. Wenn der Arzt nur mit dem Patienten übers Wetter reden würde, würde dieser sofort mißtrauisch werden. Er erwartet die Diagnose und eine entsprechende Therapie. Jede Kommune hat eine Verwaltung, die Verordnungen erläßt, und so hat auch ein Atomreaktor einen Vorstand, ein Kontrollgremium, einen Mann an der Spitze, der bestimmen kann: abschalten oder weiterlaufen.Google Scholar
  54. 140.
    Der Frauenarzt hat die Hormone verschrieben, um damit andere Krankheiten zu vermeiden. Die Kommune, die kein Fahrverbot verhängt hat, wollte keinen Verkehrskollaps verursachen. Die Fastfoodindustrie wollte ihre Kundschaft nicht krank machen.Google Scholar
  55. 141.
    Es ist somit Luhmann zufolge genau das als Gegenwart eingetreten, was man immer vermeiden wollte, eine völlig unkontrollierbare Zukunft: „Je stärker aber die Gesellschaft ihre Zukunft von ihren eigenen Entscheidungen abhängig macht, desto intransparenter wird diese Zukunft, weil man ja […] entscheiden muß, was die Zukunft bringen wird“ (1990a: 158).Google Scholar
  56. 142.
    Demnach kann auch der „Versuch, sich die Zukunft offen zu halten“ als Festlegung von Irreversibilitäten gesehen werden (Luhmann 1990a: 166). Davon abzugrenzen wäre Defätismus oder bloße Willkür.Google Scholar
  57. 143.
    Die Organisationstheorie diskutiert dies unter dem Stichwort „Wissensmanagement“ (Willke 2001). Der Begriff steht dafür, dass das — implizite oder explizite — Wissen der Organisation, das an allem I landeln beteiligt ist, zum Problem reflexiv — wird.Google Scholar
  58. 144.
    Helmut Willke begründet dies, indem er auf den Umbau der Gesellschaft zur „Wissensgesellschaft“ verweist. Willke verweist auf die geringe Halbwertszeit von Wissen (vgl. 2001: 23), ebenso wie die Folgen von Prozessen der „Globalisierung” und „Digitalisierung“ (ebd.: 36).Google Scholar
  59. 145.
    Dieses Problembewußtsein spiegelt sich in Zielen wie „Innovationskompetenz und Lernfähigkeit“, dem Ruf nach „mehr Wissen und Expertise” (Willke 2001: 36), der von nicht wenigen Organisationen ver-/ übernommen wird. Der Ausdruck „Wissensmanagement“ zeigt, dass auch die Unruhe organisiert wird: nämlich durch Unternehmensberater und im besten Fall anschließend durch die eigenen Regelsysteme.Google Scholar
  60. 146.
    Typisch dafür sei, so Willke, die klassische Weiterbildung der Mitarbeiter, die auch Beratungsfirmen selbst einsetzen, um ihr Personal zu schulen. Doch solange nur am personalen Wissen angesetzt werde, laufe alles weiter wie bisher. Denn dann gibt es keinen Grund zum Innehalten im Tagesgeschäft. Daran hindern einen meist schon die engen Fristen und Kunden, die nachfragen, was los ist.Google Scholar
  61. 147.
    Das revival des Todes, auf das die Reflexivität verweist und von dem bereits im 1. Kapitel die Rede war, beschränkt sich demnach keineswegs nur auf die Medien.Google Scholar
  62. 148.
    Um Vertrauen zwischen „professionals and clients“ zu generieren bzw. wiederherzustellen, sollten sich jene z.B. offen zeigen für die Gefühle auf beiden Seiten (vgl. 1998: 5).Google Scholar
  63. 149.
    Darauf zielt jedenfalls die umfassende Aufklärung des Patienten ab: über „full details of possible treatment options, so that they are empowered to assess the risks of various courses of action, and can make choices congruent with their uniquely given lifestyle preferences“ (1998: 97).Google Scholar
  64. 150.
    Physische Aufgaben könne man auch viel leichter dokumentieren als ein offenes Gespräch, so die Argumentation.Google Scholar
  65. 151.
    Clive Seale führt die Tendenz zur Routinisierung im Hospiz auch auf psychologische Bedürfnisse zurück (vgl. 1998: 102). Die Ergebnisse dieser Arbeit legen einen anderen Schluß nahe. Vgl. dazu Kap. 6.Google Scholar
  66. 152.
    Auf dem Buchmarkt ist die Beratung höchst erfolgreich und garantiert als einzige Sparte noch für Umsatzwachstum. Hier hat sich der Anteil der Ratgeberliteratur am Gesamtumsatz seit Ende der 80er verdoppelt (vgl. Beckmann 2001 ).Google Scholar
  67. 153.
    Obwohl die Vermittlung ähnlich asymmetrisch verläuft, haben Medien wie Fernsehen und Hörfunk weitaus mehr Möglichkeiten. Hier können Zuschaueranrufe, Fragen aus dem Publikum bearbeitet werden, oder ein Moderator thematisiert im Dialog mit einem Experten bestimmte Fragen. Durch Bilder und Töne läßt sich interaktive Dynamik vermitteln. Gespräche können also eine gewisse Offenheit der Beratung simulieren.Google Scholar
  68. 154.
    Ich beziehe mich hier auf ein Experteninterview, das im Rahmen des Forschungsprojektes mit der Lektorin eines einschlägigen Verlags geführt wurde.Google Scholar
  69. 155.
    Das krasse Gegenbeispiel wäre dazu der gesetzlich verordnete Beratungsschein, der zum Schwangerschaftsabbruch benötigt wird. Hier ist der Zugang zur Beratung alles andere als freiwillig.Google Scholar
  70. 156.
    Wie groß die Konkurrenz unter den Verlagen und wie stark damit die Rolle des Lesers ist, zeigt sich wiederum im Gespräch mit der Lektorin, wonach der Platz im Regal der „heiß umkämpfteste Platz“ sei. Das Programm des Verlags werde ständig an den Markt, so die Lektorin, angepaßt. Erst dann kümmere sich der Verlag darum, den „richtigen Autor” fir ein Buch zu finden.Google Scholar
  71. 157.
    Der grausame und massenhafte Tod war also durchaus Problem für die Deutungsmacht Kirche, als die massenhafte körperliche, aber vor allem auch „seelische Not“ (Imhof 1991: 34) der Sterbenden bisherige Routinen problematisch werden ließ. Gleichwohl kann man davon ausgehen, dass den Texten, wo vorhanden, eine Autorität zukam, die nur vor dem Hintergrund einer geordneten Gesellschaft möglich ist.Google Scholar
  72. 158.
    Um erneut auf das Gespräch mit der Lektorin zu verweisen: Festgelegt wird zunächst das Buch selbst, indem ein bestimmtes Verlagsprogramm beschlossen wird; danach haben im kommenden Frühjahr bestimmte Titel zu erscheinen. Festgelegt wird außerdem das gesamte Buch vom richtigen Autor bis hin zur Titelgestaltung, und zwar nachdem der Verlag intensiv die Nachfrage erforscht hat.Google Scholar
  73. 159.
    Auch im Hinblick auf den anspruchsvollen Begriff der „Verständigungsliteratur“ (Meuser 1998) muß man sagen: Verständigung stößt hier an die Grenzen massenmedialer und notwendig asymmetrischer Kommunikation. Die Ablehnungsmöglichkeit auf seiten des Leser reduziert die Chancen einer Verständigung im Sinne einer Beziehung unter Gleichen. Sofern mit Verständigung aber Vernunft, also Rationalität, gemeint ist, trifft dies aufjeden Ratgeber zu. Beratung setzt voraus, dass mehr Information, größere Chancen, vernünftigere Verhaltensweisen bekannt sind. Allerdings gibt es diese Vernunft nicht im Singular, sondern, wie man an der Beratungsbranche sehen kann, nur im Plural. Was gerade ratsam erscheint, unterscheidet sich von Experte zu Experte, von Buch zu Buch.Google Scholar
  74. 160.
    Lesen können die meisten, und Zugang zur entsprechenden Literatur bietet jede Buchhandlung. Im Gespräch mit der Verlagslektorin kommt heraus, dass 80% der Leser von Ratgeberliteratur Frauen sind. Zwar ist auch die Praxis der Pflege eine weibliche Domäne; gestorben und getrauert wird aber immer noch von beiden Geschlechtern. Als Sprachrohr der Kirche hatte die Literatur diese Probleme nicht. Und wenn denn eine Krankenschwester tatsächlich den Ratschlag liest, so wird sie doch zunächst wieder in den üblichen Schichtbetrieb einsteigen, die Visite begleiten, Mahlzeiten austeilen, Blutdruck messen — und höchstens dazwischen mit dem Sterbenden sprechen. Und selbst wenn sie einen Antrag für die nächste Schwestembesprechung oder — supervision schreibt, und daraufhin ein Positionspapier herauskommt: Wie schwer es Texte haben, die eigengesetzliche Dynamik von Organisation zu stören, kann man an den vielen Reformpapieren und Verordnungen feststellen, die zwar in Aktenordnern abgeheftet, aber doch die Mühlen der Organisation nicht erreichen (Papier ist geduldig).Google Scholar
  75. 161.
    Vgl. auch Fuchs (1994a: 24), der betont, wie wichtig der Verweis auf Hintergrundwissen ist, um die Asymmetrie zu stabilisieren.Google Scholar
  76. 162.
    Hier fehlt die Möglichkeit der Interaktion, durch „dramatische Gestaltung“ Kompetenz zu vermitteln: Das Buch verfügt über keinerlei Requisiten des „Bühnenbilds” wie den weißen Kittel, das Namensschild, den Schreibtisch, den Termin etc. Vgl. Goffman 1983: 19ff.Google Scholar
  77. 163.
    Was nicht nachgefragt wird, verschwindet sehr bald aus dem Verlagsprogramm. Die Macht der Verlage wird also durchaus indirekt durch die Kunden beschränkt. Dem Interview zufolge reagieren Verlage sehr sensibel auf Marktschwankungen.Google Scholar
  78. 164.
    Mit Blick auf die Studien zu Anstands-und Etikettebücher und Verständigungsliteratur sind unterschiedliche Formen denkbar, wie in einem Text mit Asymmetrie und Unverbindlichkeit umgegangen wird. Darin spiegelt sich die gesellschaftliche Bandbreite von Beratung, die es als formale Beratung in Organisationen und informaler Beratung unter Betroffenen, wie sie die Selbsthilfe oder das Gespräch mit Freunden darstellt, gibt. Wenn man Ratgeberliteratur ebenfalls als offene Form oder Kontinuum begreift, kann man zwei verschiedene Pole unterscheiden: Auf der einen Seite befinden sich dann Texte, in denen die Asymmetrie der Literatur auch inhaltlich manifest wird. Hier präsentiert sich eine Art Expertenwissen in weitgehend geschlossener Form, bei dem der Autor eine besondere, evtl. exklusive Kompetenz zugeschrieben bekommt. Auf der anderen Seite die Selbsthilfe-oder Verständigungsliteratur, die sich auf verschiedene Weise bemüht, zwischen Leser und Autor eine Beziehung, einen Austausch unter Gleichen, weil Betroffenen zu konstruieren: Gemeinsam ist beiden Textsorten, der Etikette wie der Verständigung, insbesondere da es sich um gedruckte Massenware handelt, mit ihrem Anspruch auf besseres und verbindliches Wissen an Grenzen zu stoßen.Google Scholar
  79. 165.
    Meuser unterscheidet zwischen „Kulturproduktion“, wie sie die Ratgeber produzieren und „Alltag” (1998: 131). Obwohl Meuser die von ihm untersuchte Literatur als „Verständigungsliteratur“ bezeichnet und damit auf die Nähe zum Alltag abhebt, traut er das den Büchern doch nicht zu bzw. mißtraut ihrem kommerziellen Hintergrund. Den Alltag versucht er deshalb zusätzlich über Gruppengespräche mit Männern aufzuspüren, um damit die Lücke der Rezeption zu schließen.Google Scholar

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© Springer Fachmedien Wiesbaden 2005

Authors and Affiliations

  1. 1.MünchenDeutschland

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