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Zusammenfassung

Weil in ihr das genossenschaftliche Element der gemeinsamen Besitzverwaltung überwog und die Ortsherrschaft sehr unterschiedlich ausgeprägt war, gelang der unmittelbare Zugriff des absolutistischen Staates auf die dörfliche Selbstverwaltung nicht so eindeutig wie der auf die städtische. Es gab keinen Rat als Obrigkeit, dem die Bürger als Untertanen gegenüberstanden — die bäuerliche Untertanenschaft wirkte sich anders aus — und die örtlichen Funktionen waren zwar vielfach erblich oder an einen bestimmten Besitz gebunden, wenn sie nicht überhaupt nur auf Ernennungsakte der jeweiligen Herrschaft zurückgingen. Sie wurden aber stets nebenamtlich wahrgenommen; die Funktionsträger traten nicht aus dem sozialen Umfeld heraus. Im übrigen traf man die Unterscheidung zwischen Stadt und Land so klar wie möglich. Auf dem Land — so das ALR — sollte man auf die Landbewirtschaftung beschränkt sein. In der Zeit des Königreichs Westfalen fielen die administrativen Unterschiede zwischen Stadt und Land zugunsten einer einheitlichen und mehrstufigen Verwaltung weg. An die Stelle einer vielfach als Herrschaft in Gemengelage ausgeübten Justiz und Verwaltung traten je für sich Justiz und Verwaltung, wobei auch letztere nunmehr hauptamtlich und dem Anspruch nach von dazu qualifizierten Beamten ausgeübt wurde. Diese nahmen großen Einfluß auf die Verwaltung des gemeinsamen Besitzes und seiner Nutzung. Die tatsächlichen Unterschiede zwischen Stadt und Land blieben aber bestehen. Die Gewerbefreiheit wirkte sich erst allmählich aus. Das Königreich Preußen behielt nach 1815 in den westlichen Provinzen die (französische) Konstruktion der ländlichen Verwaltung bei. Der bisherige (westfälische) Kanton oder (französische) Verwaltungsbezirk fungierte weiter, wurde 1841 zum Amt und blieb bürokratisch, d.h. ohne nennenswerte Mitwirkung der Bürger, für die Ortspolizei zuständig. In ihm waren die stärker genossenschaftlichen Verbände der Dorf- oder Bauerschaften mit der Eigentümer- und Nutzerselbstverwaltung zusammengeschlossen. Der Staat übte damit auf dem Lande staatliche Herrschaft unmittelbar aus, griff aber in den genossenschaftlichen Bereich nur in Maßen ein. Das ergab ein eigentümliches Nebeneinander, welches unbeschadet der zugrundeliegenden Theorie verschiedene Entwicklungsmöglichkeiten in sich barg. Die einer ständigen Stärkung der kommunalen Selbstverwaltung hat sich durchgesetzt.

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Literatur

  1. 1.
    Das erfolgte für die Rheinprovinz und die Provinz Westfalen früher und konsequenter als für die östlichen Provinzen, weil man hier dezidiert an die Überlieferung der französischen (westfälischen, hessischen) Zeit bis 1814 anknüpfte. Vgl. Brauchitsch VII, S. 256ff.Google Scholar
  2. 2.
    Vgl. oben S. 86 und K. Hartong,Beiträge zur Geschichte des Oldenburgischen Staatsrechts. 1958, S. 151ff.Google Scholar
  3. 3.
    Weniger Streit gab es wegen der Grundsteuer. Bei der Klassensteuer mußte aber eine Einschätzung durch die Gemeinde erfolgen, wenn der Pflichtige anderenorts als Steuerbürger gemeldet und eingestuft war. Beispiele für solche Auseinandersetzungen finden sich z.B. in den Unterlagen für das Amt Brakel — STADt M 2 Höxter 1645. Aus ihnen ergibt sich u.a., daß der Zuschlag zur Grundsteuer einen viel höheren Ertrag brachte als der zur Klassensteuer und daß etwa 1844 die durch Zuschläge zu deckenden Defizite zwischen 29 Talern (Beller) und 379 Talern ( Bökendorf) schwankten. Vgl. dazu Kapitel 14. 3.Google Scholar
  4. 4.
    In der ortsgeschichtlichen Literatur finden sich eigene Amtsgeschichten — so: Gütersloh-Avenwedde oder Delbrück-Boke — und Gemeindegeschichten, die wegen der territorialen Gemeindereform der 70er Jahre praktisch auch Amtsgeschichten sind — so Petershagen, Rödinghausen oder Spenge.Google Scholar
  5. 5.
    Als Beispiel für solche Beschwerden verweise ich auf STADt M 2 Halle — Amt Versmold 1050 (Amtmann) und STADt M 2 Büren 650 ( Vorsteher ). In beiden Fällen wird die Beschwerde für unbegründet erklärt, beide Beschwerden werden aber ausweislich der Randbemerkungen gründlich behandelt.Google Scholar
  6. 6.
    Am 14.3.1856 beschwert sich der Förster in Steinhausen beim Amtmann: „Seit einiger Zeit war unter den Einwohnern von Steinhausen der Holzfrevel derartig eingerissen, daß ich mich, um demselben Einhalt zu tun, genöthigt fand, die Orts-Polizei-Behörde in Steinhausen bei verschiedenen Gelegenheiten um Hilfe und Beistand zu ersuchen. Die Orts-Polizei-Behörde leistet aber die gewünschte (Hilfe) nicht, sondern sucht vielmehr den Holzfrevlern dadurch Aufschub zu gewähren, daß sie denselben Begleitscheine ausstellt oder beglaubigt, die dem Gesetze durchaus zuwider sind.“ Aus den Randbemerkungen von Amtmann und Landrat ergibt sich, daß in einem konkreten Falle gestohlenes Holz konfisziert war, die Gemeinde dann aber einen „nicht in legaler Weise ausgestellten Begleitschein” nachlieferte, so daß das Diebesgut dem Dieb zurückgegeben werden mußte. STADt M 2 Büren 650.Google Scholar
  7. 7.
    STADt M 2 Halle — Amt Versmold 507: ‘Warnung’ des Bürgermeisters von Versmold vor einem unter polizeilicher Aufsicht stehenden Individuum, das auch bei Tage Stalltüren öffnet, offenbar um seine Spießgesellen auf gute Gelegenheiten aufmerksam zu machen.Google Scholar
  8. 8.
    STADt M 2 Halle — Amt Versmold 507: ‘Nachweise über Zahl und Art von vergangenen Verbrechen im Verwaltungsbezirk Versmold aus dem Jahre 1836’. Die Liste umfaßt 25 Positionen, nämlich 1 Totschlag, 3 Mißhandlungen, 3 Einbrüche, 8 ’kleine Diebstähle’, 7 Feld- und 3 Holzdiebstähle. — Für 1846 liegt eine Liste vor (ebenda 554), aus der wir entnehmen können, daß die Strafen in der Regel 1 Taler betragen; mit 10 Talern wird das Betreiben eines Gewerbebetriebes ohne Konzession nach der Gewerbeordnung von 1845 bestraft und mit 5 Talem die ‘Nichteinfriedigung’ einer Dungstätte (?); im übrigen handelt es sich um Ordnungsstrafen.Google Scholar
  9. 9.
    Am 19. März 1870 schreiben 14 Bürger aus Weida an den Amtmann in Warburg, daß sie wegen einer Schlägerei zwischen Förstern und Holzhauem aus Volkmarsen einerseits und Maurern und Handarbeitern aus Weida andererseits als Zeugen zum Gerichtsamte Volkmarsen müßten. Dort würden sie von 2 Uhr ab vernommen und hätten Angst vor dem Heimweg. „Da in Folge dieser Schlägerei die Betheiligten in Volkmarsen uns Weldaern, und namentlich uns Zeugen, so sehr erbittert gegenüberstehen, so befürchten wir, daß es an dem Tage des Termins vielleicht wieder zu blutigen Auftritten kommen möchte. Unsere Furcht ist gewiß begründet, wenn wir bemerken, daß am 21. d. Mts. Abend zwischen 7–8 Uhr dicht vor Volkmarsen hinter zwei Weldaern 4 Schüsse abgefeuert wurden.“ Der Amtmann gibt die Eingabe an den Gendarm weiter (Cito!), dieser gibt sie mit dem Vermerk zurück, der Termin sei vorläufig aufgehoben. STADt M 2 Warburg — Amt Warburg 476.Google Scholar
  10. 10.
    stellte die Regierung in Minden dazu fest, daß über das Konkubinat unterschiedliche Vorstellungen herrschten und die Neigung bestehe, dagegen mit „polizeilichen Maßregeln vorzuschreiten, wo nur Einwirken auf Sittlichkeit statthaben kann“. Es sei Vorschrift, im Falle des „offenbaren Conkubinats” (Zusammenleben, Kinder zeugen und sich zu ihnen bekennen) zuerst durch die Geistlichkeit zu ermahnen, erst dann solle der Amtsbürgermeister ernstlich drängen. Im übrigen habe die Gesetzgebung „zur Verhütung öffentlicher Liederlichkeit“ genügend Bestimmungen erlassen. Im Zweifel bemühen die Geistlichen aber offenbar von sich aus die Orts-Obrigkeit. 1825 zeigt der Pfarrer in Versmold dem Amtmann noch einmal an, daß die Witwe V. mit ihrem Verlobten noch immer nicht copuliert sei, obwohl alle Unterlagen vorhanden seien. „Ihrem bösen, anstößigem Beyspiel folgen jetzt andere nach, und berufen sich auf sie.” STADt M 2 Halle — Amt Versmold 470.Google Scholar
  11. 11.
    Vgl. die ‘Straßen-Polizei-Ordnung für die STADt Versmold’ vom 1.4.1859 mit 37 Paragraphen, die für die Reinigung den Eigentümer oder seinen „der Polizei-Behörde benannten Stellvertreter“ haftbar macht, die Reinigung im Detail vorschreibt, die Polizei-Offizianten zur Anzeige und zur Ersatzvornahme verpflichtet, die „Anlage neuer Miststätten, Düngergruben, Ahlebehälter etc.” vor den Häusern und an der Straße verbietet, Vorschriften „zur Vorbeugung von Beschädigungen und Unglücksfällen“ in Zusammenhang mit Bauten und mit Fahren und Reiten enthält, das Wäschetrocknen an der Straße verbietet und allgemein bestimmt: „Jede grobe Unsittlichkeit auf den Straßen und öffentlichen Plätzen hat sofortige Verhaftung und Bestrafung zur Folge. Die Urheber von Streit, Zusammenlauf und anderen ruhestörenden Auftritten, oder auch solche, die öffentliches Aergernis veranlassen, Betrunkene, muthwillige Bettler etc. haben sofortige Verhaftung zu gewärtigen.” Die Strafandrohung reicht bis 3 Taler; Jugendliche sollen der „Schulanstalt resp. den sonst zur Aufsicht berufenen Personen behufs Ertheilung einer wirksamen Züchtigung angezeigt“ werden. STADt M 2 Halle — Amt Versmold 1372. — Ein schönes Beispiel für die Aufsicht durch die Regierung bietet die Straßenordnung für Büren: Der Landrat legt sie am 13.12.1842 der Regierung zur Genehmigung vor. Diese wünscht am 19.1.1843 — in der Sache unerhebliche — Veränderungen, was am 20.9.1843 eine erneute Bitte um Genehmigung zur Folge hat. Nun reagiert die Regierung mit einem Anpfiff, weil die Ordnung mit dem Genehmigungsvermerk versehen gedruckt worden ist. Dem Landrat wird aufgetragen, den Amtmann zur Rechenschaft zu ziehen. In Randbemerkungen wird gegrübelt, ob der Amtmann eine ’böse Absicht’ gehabt habe oder nur ’Unüberlegtheit’ im Spiel gewesen sei, während dieser zurückhaltend kontert, das Schreiben vom Januar sei praktisch eine Genehmigung gewesen. Bürokratietechnisch hat in diesem Falle die Regierung ihre Beanstandungen nicht gebündelt vorgetragen, sondern sich später noch neue einfallen lassen — ein besonders schlimmer Verstoß gegen die Regel einer guten Aufsicht. STADt M I P 123 S. 18ff.Google Scholar
  12. 12.
    bittet der Bürger Franz T. aus Büren, unterstützt durch ein ergänzendes Schreiben des Schullehrers, die Regierung, man möge ihm seine Dungstätte an der Straße belassen, weil er an anderer Stelle keinen Platz habe. Die Regierung fordert den Landrat auf, binnen 14 Tagen gutachtlich zu berichten. Der Landrat: „Da der Franz T. in Büren der wiederholten Aufforderung, die von der Kgl. Regierung erlassene und gehörig publizierte Polizey-Verfügung, wonach die Düngerstätten so weit einzuziehen sind, daß zwei Wagen sich auf der Straßen ungehindert vorbeyfahren können…“ „Würde Denunciat in seiner Halsstarrigkeit verharren… hat er Strafe zu erwarten”. Die Regierung akzeptiert das; Franz T. bekommt Bescheid; daß er der Anordnung Folge zu leisten habe, zumal „die Verlagerung seiner Miststätte mit keiner Schwierigkeit verbunden“ sei. Der unterstützende Lehrer wird ebenfalls abgewiesen. Auch hier mußte der Landrat aber berichten. Beschwerden werden ernstgenommen. Sie verbessern die Information. STADt M I P 123 S. 3ff.Google Scholar
  13. 13.
    Offenbar werden von den 20er Jahren ab Journale über die „aus fremden Gemeinden zuziehenden Heuerlinge und anderen Familien“ geführt. STADt M 2 Halle — Amt Versmold 13.Google Scholar
  14. 14.
    Ebenda: „H. H., angeblich geboren zu Münster, den 15. März 1808“, ist vom Militärdienst zurückgestellt und „von Profession ein Ziegler”, er „ist unverdächtig, welches im behuf seines Aufenthaltes und seiner Aufnahme im benachbarten Versmoldschen hiermit bescheinigt wird, mit dem Bemerken, daß er seinen dortigen Aufenthalt ohne vorherige Anzeige hier-selbst, seiner dauernden Militärpflichtigkeit wegen, nicht verlassen darf. Dissen den 26. März 1829. Der Vogt“.Google Scholar
  15. 15.
    Dafür gibt es ein eigenes Formular mit einem sehr genauen Signalement (Größe, Haare, Stirn, Augenbrauen (blond), Nase, Mund (groß), Zähne (gut), Bart, Kinn (länglich) usw.) und dem Text: „Vorzeiger dieses… gebürtig aus… wohnhaft zu… erhält mit diesem die Weisung, sich auf geradestem Wege und ohne Aufenthalt von hier über Coesfeld und Münster nach Versmold zu begeben. Inhaber darf von der ihm vorgeschriebenen Route nicht abweichen, und hat gegenwärtigen Vorweis an obigen Orten, so wie überall, wo er übernachtet, zur Visitierung vorzulegen.“ Es folgen Strafandrohungen. Der Ausweis ist im konkreten Falle für 3 Tage ausgestellt. Der Inhaber hat sich (natürlich) in Coesfeld und Münster nicht gemeldet, aber in Darup übernachtet, was ihm bescheinigt wird. Zeit: 1856. STADt M 2 Halle — Amt Versmold 1163.Google Scholar
  16. 17.
    STADt M 2 Halle — Amt Versmold 1050: Diesem Falle liegt eine Beschwerde gegen den Vorsteher zugrunde, weil er den Zuzug erlaubt haben soll. Der Vorsteher berichtet dem Amtmann, daß der Colon den Mieter aus freien Stücken aufgenommen habe, daß Armenmittel — abgesehen vom Schulgeld — nicht in Anspruch genommen würden und der Mieter wie auch seine Frau ausgesprochen fleißig seien. Der Amtmann vermerkt, der Beschwerdeführer sei „ein durch eigene Schuld (prozessieren, querulieren, unordentlicher Lebenswandel) zurückgekommener Colon, welcher allen guten Unternehmungen der Gemeinde widerstrebt“.Google Scholar
  17. 18.
    Nach der Haushaltsrechnung der Kirchspiel- und Gemeinde-Armenkassen im Amt Brackwede für 1862 betrug das Einnahmesoll etwa 4.700 Taler. Die tatsächlichen Einnahmen beliefen sich auf etwa 3.900 Taler. An Ausgaben waren etwa 2.900 Taler vorgesehen. Es fielen aber nur 2.560 an. STADt M 2 Bielefeld 710. — Die vom Pfarrer und Armenvorstand abgelegte ‘Armen-Rechnung von Vörden’ für 1841 weist Einnahmen in Höhe von 21 Talent und Ausgaben von 19 Talern aus. Zu den Ausgaben gehören dreimal 2 Taler regelmäßige Unterstützung und 25 ’zufällige Ausgaben’ für neue Schuhe, Arzneien, 10 Ellen Kattun, Papier für die Armenschule usw. Die Armenkasse in Vörden gehörte nach Auffassung des Vorstandes zu den „Stiftungen, und Fonds, welche nach Art. 15 der Verfassungs-Urkunde vom 31. Januar 1850 der Kirche zur selbständigen Ordnung und Verwaltung gewährt“ sind. Ob das zutrifft, bleibt offen. Man versteht den Pfarrer aber, wenn man in die Details der Revision eindringt, welche die Regierung 1844 in dieser Kasse vorgenommen hat. STADt M 2 Höxter 299.Google Scholar

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© Springer Fachmedien Wiesbaden 1993

Authors and Affiliations

  • Thomas Ellwein

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