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Zusammenfassung

“The literature leaves one overwhelming impression: finance still remains very much the poor relation of mainstream development economics.” So leitet Chandavarkar (1992, S. 134) seinen Aufsatz über den Stellenwert des Finanzsektors in der Entwicklungsökonomie ein. Daß in den Entwicklungsländern unvollständige, oft instabile Finanzsysteme bestehen, ist ein allgemein anerkannter Sachverhalt; welche Rolle er aber für die wirtschaftliche Unterentwicklung dieser Länder spielt, wurde bis weit in die achtziger Jahre kaum berücksichtigt. Die früheren Überlegungen von Gurley/Shaw (1955, 1960) und Patrick (1966), wonach die Finanzinterme-diation den realen Output beeinflußt, indem sie die finanziellen Möglichkeiten der Investoren erweitert, fanden vorerst keinen Eingang in die Entwicklungsökonomie und blieben überhaupt ohne Einfluß auf die mikro- und makroökonomische Wirtschaftstheorie1. Ebenfalls wenig beachtet blieben eine Reihe historischer Analysen der Finanzintermediation wie die von Hoselitz (1956), Cameron (1961, 1970), Gerschenkron (1962) und Goldsmith (1969), die dem Bankensektor eine aktive Rolle bei der Industrialisierung Europas zuschrieben. Das Interesse im monetären Bereich galt damals der Geldtheorie, bei der Finanzintermediäre, und hier insbesondere der Bankensektor, keine Rolle spielten. Die beobachtete Korrelation zwischen finanzieller Entwicklung und der allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung wurde mit dem “demand-following”-Ansatz abgetan: “By and large, it seems to be the case that where enterprise leads finance follows” (Robinson, 1952, S. 86)2.

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References

  1. 1.
    Dieser Zusammenhang zwischen Bankensektor und realem Output wurde schon 1911 in Schumpeters Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung thematisiert. Schumpeter betrachtet das Finanzkapital, damals hauptsächlich in Form von industriellen Krediten bereitgestellt, als Motor der wirtschaftlichen Entwicklung, indem es Innovationen in einer Volkswirtschaft ermöglicht.Google Scholar
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    Die Bezeichnung “demand-following approach” (und das Pendant “supply-leading approach”) gehen auf Patrick (1966) zurück.Google Scholar
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    Nach den empirischen Resultaten von Rockerbie (1993, Abb. 2–14) zeigt sich ab Anfang der achtziger Jahre mit Ausnahme von Brasilien und Peru bei 11 anderen untersuchten lateinamerikanischen Ländern eine Verschärfung der Rationierung (zwischen 5 und 10% des BIP) auf den internationalen Kreditmärkten. Seine Resultate deuten aber gleichzeitig auf eine Anpassung der Länder an diese Schocks hin und damit auf eine Revision ihrer Wirtschaftspolitik. Langfristig betrachtet (1965–1988) ist mit Ausnahme weniger Länder die Rationierungshypothese statistisch insignifikant.Google Scholar
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    Ein Überblick über die McKinnon- und Shaw-Modelle sowie ihre Formalisierung bzw. Erweiterungen durch Kapur (1976, 1983), Mathieson (1979, 1980) und Galbis (1977) findet sich in Fry (1988, Kap. 1 und Kap. 2, S. 13ff.).Google Scholar
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    Zur Darstellung der Liberalisierungsreformen und ihrer Ergebnisse in diesen Ländern siehe z. B. Díaz-Alejandro (1985), Edwards/Edwards (1987), Fry (1988, Kap. 13 u. Kap. 14), Cho (1989), Weltbank (1989, S. 149ff.), McKinnon (1989, 1993), Amsden/Euh (1993), Caprio et al. (1994, Kap. 5–10), Hermes (1996).Google Scholar
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    Dornbusch/Reynoso (1989) argumentieren ähnlich. Für eine Stichprobe von 84 Entwicklungsländern schreiben sie: “The correlation of growth and financial deepening is not tight ; it is apparent that by judicious choice of sample any partial correlation can be generated.” (Dornbusch/Reynoso, 1989, S. 205).Google Scholar
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    Die Existenz der “threshold effects” in der wirtschaftlichen Entwicklung einer Volkswirtschaft impliziert die Existenz multipler Equilibria und — anders als Patrick’s “demand-following-approach” oder “supply-leading-approach” der finanziellen Entwicklung — eine wechselseitige Kausalitätsbeziehung zwischen finanzieller Entwicklung und Wirtschaftswachstum. Unter den Arbeiten, die aufgrund der Externalitäten multiple Equilibria ableiten, siehe Berthélemy/Varoudakis (1994, 1995, 1996b), Saint-Paul (1992, 1996) und Zilibotti (1994). In den Granger-Kausalitätsanalysen von Jung (1986) und Demetriades/Hussein (1996) wird die wechselseitige Kausalitätsbeziehung in mehreren der untersuchten Länder empirisch bestätigt.Google Scholar
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    Besonders betont werden diese beiden Strategien im Liberalisierungsprozeß beispielsweise von Villanueva/Mirakhor (1990).Google Scholar
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    Einen Überblick über neostrukturalistische Modelle gibt Fry (1988, Kap. 4).Google Scholar
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    Siehe auch Greenwald et al. (1984), Bernanke/Gertler (1989, 1990) und Blinder (1987) für ähnliche Analysen über die negative Auswirkung von Finanzierungsrestriktionen auf den Output im Rahmen von (partiellen bzw. totalen) Marktgleichgewichtsmodellen. Buffie (1990) analysiert die negativen Auswirkungen einer Kreditbeschränkung auf die Kapitalakkumulation im Rahmen eines Lebenszyklusmodells für das Unternehmen. Bencin-venga/Smith (1993) analysieren die Effekte einer Finanzrestriktion auf das Wachstum im Rahmen eines endogenen Wachstumsmodells.Google Scholar
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    Ähnlich argumentieren Jappelli/Pagano (1994) für den Prozeß der finanziellen Integration in der Europäischen Union: “This process may lead to further easing of liquidity constraints in the countries where the mortgage and consumer credit markets are still relatively underdeveloped. the development of these markets will lead to a deterioration in the Community’s overall saving and growth performance (Jappelli/Pagano, 1994, S. 105).Google Scholar
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    Die Weltbank (1989, S. 71f.) listet 30 Entwicklungsländer mit einem sehr hohen Anteil an notleidenden oder uneinbringlichen Krediten auf. Galbis (1995, S. 40) steEt in seiner Analyse der finanzieren Reformen für 8 Entwicklungsländer fest: “the problem of nonperforming loans remains perhaps the most serious one in some countries”.Google Scholar
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    Eine Bestandsaufnahme dieser Marktindikatoren in einigen Entwicklungsländern ist in El-Erian/Kumar (1995) zu finden. Einen Überblick über die Entwicklung der Kapitalmärkte in den Entwicklungsländern allgemein gibt Ciaessens (1995).Google Scholar

Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden 1999

Authors and Affiliations

  • Nordin Oulad-Youssef

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