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„Eine langweilige Geschichte“ (1889)

  • Hans Rothe
Part of the Rheinisch-Westfälische Akademie der Wissenschaften book series (VG, volume 306)

Zusammenfassung

Exemplarisch für all diese Überlegungen ist die Erzählung Eine langweilige Geschichte (1889), die den alten Thomas Mann so fasziniert hat.51 Ein Ich-Erzähler, ein alter Medizinprofessor, beschreibt darin sein Altern. Er ist desillusioniert. In Familie und Beruf fremd geworden, hat er an nichts mehr Vergnügen, nichts kann er auch mehr richtig. Die einzige Freude, die er noch hat, ist sein Mündel Katja, eine junge Schauspielerin, die unbegabt genug war, um auch in der Provinz gescheitert zu sein, und jetzt verzehrt sie, gelangweilt und blasiert, ihr Erbe. Auch diese Beziehung löst sich auf; Katja verläßt ihn. Er bleibt in einem Provinzhotel zurück und ist sicher, daß er jetzt, verlassen und vergessen, sterben muß.52

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Literatur

  1. 51.
    Thomas Mann, Versuch über Tschechow (1954) in: Gesammelte Werke, Bd. XI: Altes und Neues. c. Kleine Prosa aus fünf Jahrzehnten. Berlin (Ost) 1955, S. 311–337, hier: 321f.: „die mir teuerste von Tschechovs erzählerischen Schöpfungen, ein ganz und gar außerordentliches, faszinierendes Werk, das an stiller, trauriger Merkwürdigkeit in aller Literatur nicht seinesgleichen hat und schon dadurch in Erstaunen setzt, daß diese sich als „langweilig“ ankündigende und dabei überwältigende Geschichte von einem jungen Menschen von noch nicht 30 Jahren mit letzter Einfühlung einem Greis in den Mund gelegt ist.”Google Scholar
  2. 52.
    Eine gründliche Interpretation steht aus. Einiges bei Winner S. 91–97; Kramer S. 106–112; Rayfield S. 87–92 (sämtlich wie Anm. 44). - V. B. Kataev, Proza 6echova. Problemy interpretacii,M. 1979, S. 97–112. - Die von Tulloch (wie Anm. 28) S. 212 Anm. 108 genannte Arbeit: J. Tulloch, Conventions of Dying: Structural Contrasts in Chekhov and Bergman,in: ders. (Hrg.), Conflict and Control in the Cinema, Melbourne (Macmillan) 1977, S. 736–755, war mir nicht zugänglich.Google Scholar
  3. 53.
    VII S. 261 (cap. 1): „ ttoby litat’ chorolo, to jest’ neskul-no i s pol’zoj dlja slu$atelej, nuäino, krome talanta (...) obladat’ samym jasnym predstavleniem o svoich silach“ (Um ein gutes Kolleg zu halten, d. h. nicht langweilig und nützlich für die Hörer, braucht man außer Talent die klarste Vorstellung von seinen eigenen Kräften). - S. 226 (cap. 2): „Ja podnimajus’ i ädu, kogda ujdet gost’, a an stoit, smotrit na okno, terebit svoju borodku i dumaet. Stanovitsja skuc5so’(Ich erhebe mich und warte, daß der Gast geht, aber der steht da, sieht das Fenster an, zupft an seinem Bärtchen. Es wird langweilig). - S. 270: „Kogda akter (...) staraetsja ubedit’ menja vo Ito by ni stalo, Ito ackij, razgovarivajullij mnogo s durakami i ljubjaslij duru, olen’ umnyj Ielovek i Ito ‚Gore ot uma’ ne skulnaja p’jesa, to na menja ot sceny veet toju ääe samoj rutinoj, kotoraja skulna mne byla ekle 40 let nazad” (ackij, der viel mit Dummköpfen redet und eine Närrin liebt, (angeblich) ein nicht langweiliges Stück... (das) war mir schon vor 40 Jahren langweilig). - S. 272: „V otvet ja poslal Kate dlinnoe i, priznat’sja, olen’ skulnoe pis’mo“ (zur Antwort (sc. auf Katjas dringende Bitte um Hilfe) sandte ich ihr einen langen und - zugegeben - sehr langweiligen Brief). - S. 277: „Preäide ja ljubil obed ili byl k nemu ravnodulen, teper’ze an ne vozbu$daet vo mne nilego, krome skuki i razdracdenija” (früher liebte ich die Mittagmahlzeiten oder sie waren mir gleichgültig, jetzt indes erregen sie in mir nichts außer Langeweile und Arger). - S. 296 (cap. 4): „Obed u nas prochodit skuenee,lem zimoju. Tot it Gnekker, kotorogo ja teper’ nenaviäiu i preziraju, obedaet u menja polti kaädyj den“` (Das Mittagessen vergeht bei uns noch langweiliger als im Winter. Dieser Gnekker, den ich jetzt hasse und verachte, ißt bei mir fast täglich zu Mittag).Google Scholar
  4. 54.
    Vgl. Max Vasmer, Russ.Etym. Wörterbuch. Bd. II, Heidelberg (Winter) 1955, S. 653 f. - Herr Christian Lehmann fragte, mit Hinweis auf das Portugiesische, nach der Möglichkeit, „daß Wörter mit einer gleichen Grundbedeutung in verschiedenen Sprachen gelegentlich dieselben Arten von Polysemie entwickeln“; oder „daß in einer Sprache die Bedeutungsnuancen, die in der Grundbedeutung versteckt liegen, entfaltet werden, und in einer anderen Sprache ist es bloß ein Dichter, der Sinn für das hat, was in einer Wortbedeutung liegt, der das alles in einem Moment entfaltet.” - Die zuletzt genannte Möglichkeit ist in diesem Fall die wahrscheinlichste; freilich kaum je ohne die „Vorarbeit“ bei anderen Dichtern, vgl. hier Anm. 87.Google Scholar
  5. 55.
    VII 262. - Hier und an mehreren anderen Stellen formuliert der Professor seine ästhetische Vorstellung fast wörtlich so wie Tschechov selbst einmal in einem Brief an den Bruder Aleksandr P. (echov am 10. V. 1886, Pis’ma Bd. I 1974. Nr. 176, S. 242.Google Scholar
  6. 56.
    An denselben am 19./20. II. 1887, ebd. Bd. II 1975, Nr. 232 S. 32.Google Scholar
  7. 57.
    George-Louis Buffon, Discours, prononcé ú l’Academie française (1753), Paris 1901, S. 8.Google Scholar
  8. 58.
    Tatsächlich gibt es Ähnliches schon in der Steppe; VII 17: „izdajut zvuk:,vläi, vääi “; 24: „gde-to pela Yienlèina (...) toèno nad step’ju nosilsja nevidimyj duch i pel`; 39: „nepreryvnoe,gal-gal-gal-gal’ (...) èto-to v rode,tu-tu-tu-tu”; 46: „radostnyj gul“; 71: „slylu:,tup! tup! tup!”; 86:,,,Trrach! tach, tach! tach!` otèekenival grom.“ Aber das sind fast immer motivierte oder als Naturerscheinungen erklärte Laute, sie sind expressiv, zeigen nicht eigentlich unmotivierte Stimmung an, und sie bleiben unreflektiert, während in der Istorija nicht der Laut, sondern das Motiv erläutert wird. Ausdrücke der Unbestimmtheit gehören bei Tschechov als Stilsignal fest dazu.Google Scholar
  9. 59.
    Zu diesem Zustand des Helden, der unerklärlich „aus den Fugen geraten“ ist, vgl. Nordaus Beobachtung, Entartung S. 132: „Erregungen, deren Ursprung sich dem Bewußtsein entzieht, brechen plötzlich wie eine Horde Wilder ins Bewußtsein ein. Sie geben nicht an, woher sie kommen und fügen sich keiner Polizeiordnung des gesitteten Denkens und fordern gebieterisch Unterkunft.”Google Scholar

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© Westdeutscher Verlag GmbH Opladen 1990

Authors and Affiliations

  • Hans Rothe

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