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Stationäre Versorgung während der ersten Welle der Covid-19-Pandemie in Europa: ein internationaler Vergleich

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Zusammenfassung

Die Covid-19-Pandemie stellt seit Anfang 2020 insbesondere die Gesundheitssysteme weltweit vor ungeahnte Herausforderungen und führte u. a. dazu, dass ursprüngliche Intensivkapazitäten in einigen Ländern nicht zur Behandlung aller Patienten ausreichten. In diesem Beitrag werden die Entwicklungen der Covid-19-Hospitalisierungen und der Ausbau der Intensivkapazitäten in Europa im Verlauf der ersten Pandemiewelle vor dem Hintergrund der jeweiligen Ausgangsbedingungen veranschaulicht und darüber hinaus Unterschiede in der Patientensteuerung aufgezeigt. Dazu wurde auf zwei Datenbanken zurückgegriffen, die mit dem Ausbruch der Covid-19-Pandemie vom Fachgebiet Management im Gesundheitswesen der Technischen Universität Berlin und dem European Observatory on Health Systems and Policies im März 2020 ins Leben gerufen wurden. Der Beitrag zeigt auf, dass viele europäische Länder auf das Verschieben planbarer Eingriffe und die Aufstockung von Intensivbetten gesetzt haben, um dem rasanten Anstieg an Covid-19-Patienten zu begegnen. Weiterhin wird gezeigt, dass dies in den meisten Ländern ausreichend war und initiale Kapazitätsgrenzen in der Akutversorgung nicht überschritten wurden. In einigen stärker betroffenen Ländern wie Schweden und den Niederlanden hätten jedoch die verfügbaren Intensivbetten ohne Aufstockung nicht ausgereicht.

FormalPara Zusammenfassung

Die Covid-19-Pandemie stellt seit Anfang 2020 insbesondere die Gesundheitssysteme weltweit vor ungeahnte Herausforderungen und führte u. a. dazu, dass ursprüngliche Intensivkapazitäten in einigen Ländern nicht zur Behandlung aller Patienten ausreichten. In diesem Beitrag werden die Entwicklungen der Covid-19-Hospitalisierungen und der Ausbau der Intensivkapazitäten in Europa im Verlauf der ersten Pandemiewelle vor dem Hintergrund der jeweiligen Ausgangsbedingungen veranschaulicht und darüber hinaus Unterschiede in der Patientensteuerung aufgezeigt. Dazu wurde auf zwei Datenbanken zurückgegriffen, die mit dem Ausbruch der Covid-19-Pandemie vom Fachgebiet Management im Gesundheitswesen der Technischen Universität Berlin und dem European Observatory on Health Systems and Policies im März 2020 ins Leben gerufen wurden. Der Beitrag zeigt auf, dass viele europäische Länder auf das Verschieben planbarer Eingriffe und die Aufstockung von Intensivbetten gesetzt haben, um dem rasanten Anstieg an Covid-19-Patienten zu begegnen. Weiterhin wird gezeigt, dass dies in den meisten Ländern ausreichend war und initiale Kapazitätsgrenzen in der Akutversorgung nicht überschritten wurden. In einigen stärker betroffenen Ländern wie Schweden und den Niederlanden hätten jedoch die verfügbaren Intensivbetten ohne Aufstockung nicht ausgereicht.

Since the beginning of 2020, the Covid-19 pandemic has posed unprecedented challenges on health systems worldwide, and has led to a situation in which initial intensive care unit (ICU) capacities in some countries proved insufficient. This chapter illustrates the development of Covid-19 hospitalisations and the creation of ICU surge capacities in Europe during the first wave and shows differences in the management of Covid-19 patients. For this purpose, two databases were used, which were launched with the outbreak of the Covid-19 pandemic by the Department of Healthcare Management at the Berlin University of Technology and the European Observatory on Health Systems and Policies in March 2020. The chapter shows that many European countries relied on postponing non-urgent interventions and increasing ICU beds to cope with the rapid increase in Covid-19 patients. Furthermore, the authors show that this was sufficient in most countries and initial capacity limits in acute care were not exceeded. However, in some more affected countries, such as Sweden and the Netherlands, initial ICU bed capacity would not have been sufficient to treat all patients with Covid-19 requiring intensive care during the first wave without an ICU surge capacity.

2.1 Einleitung

Seit Ende 2019 stellt die Covid-19-Pandemie die Welt vor neue Herausforderungen, wobei insbesondere die Gesundheitssysteme einem Stresstest unterzogen worden sind. Der exponentielle Anstieg der SARS-CoV-2-Infektionen im März und April 2020 führte in vielen europäischen Ländern zu einer noch nie dagewesenen Nachfrage nach Krankenhauskapazitäten, insbesondere in Italien, Spanien, Frankreich, den Niederlanden und Schweden. In Italien überstieg die Belegung mit Covid-19-Patienten in einigen Krankenhäusern bereits am 11. März 2020 die vorhandenen Intensivbettenkapazitäten (Verelst 2020). Bereits Ende März meldeten dann auch viele spanische Krankenhäuser – insbesondere in der Hauptstadt Madrid – dass sie ihre Kapazitätsgrenzen an Akut- und/oder Intensivbetten, um für alle stationär behandlungsbedürftigen Covid-19-Patienten eine adäquate Versorgung sicherzustellen, erreicht haben (Jones 2020). Auch in anderen europäischen Regionen (z. B. die niederländische Region Brabant und Grand Est in Frankreich) waren viele Krankenhäuser mit dem Zustrom von Covid-19-Patienten überfordert und verlegten intensivpflichtige Patienten in andere Krankenhäuser im Land oder sogar in Nachbarländer, um Kapazitäten freizumachen (Winkelmann et al. 2020). Während der zweiten Welle, die im Herbst 2020 begann, sahen sich viele Länder mit wieder steigenden Krankenhauseinweisungsraten und einem erheblichen Druck auf die Krankenhausstationen konfrontiert.

Dieser Beitrag vergleicht die Entwicklungen der Covid-19-Hospitalisierungen und den Ausbau der Intensivkapazitäten in Europa im Verlauf der ersten Pandemiewelle. Der Fokus des Kapitels liegt deshalb auf der ersten Welle (Februar bis Juli 2020), da in diesem Zeitraum der Ausbau von Testkapazitäten und die Organisation der Versorgung von Covid-19-Patienten meist von Land zu Land stark voneinander abwichen und damit auch die Krankenhäuser unterschiedlich mit Covid-19-Patienten ausgelastet waren. In einem ersten Schritt werden die verschiedenen Strategien des Ausbaus von zusätzlichen Akut- und Intensivkapazitäten in europäischen Ländern beschrieben und verglichen. Es wird dargestellt, wie die Krankenhäuser im Verhältnis zu vorhandenen und neu geschaffenen intensivmedizinischen Kapazitäten während der ersten Welle ausgelastet waren. In einem zweiten Schritt werden die verschiedenen Teststrategien und Behandlungspfade für Covid-19-Patienten beleuchtet, um Erklärungsansätze für die unterschiedlichen Krankenhausauslastungen aufzuzeigen. Ziel dieses Beitrages ist es darzustellen, inwieweit die Belastungen der Krankenhäuser durch Covid-19-Patienten zwischen europäischen Ländern voneinander abwichen.

2.2 Methode

Die Analyse beruht primär auf zwei Datenbanken, die mit dem Ausbruch der Covid-19-Pandemie durch das Fachgebiet Management im Gesundheitswesen der Technischen Universität Berlin und dem European Observatory on Health Systems and Policies (von dem das Fachgebiet ein Zentrum darstellt) ins Leben gerufen wurden. Zum einen basiert die Analyse auf einer Datenerhebungsinitiative des Fachgebiets Management im Gesundheitswesen. In einer Datenbank wurden seit März 2020 täglich relevante Daten zum Covid-19-Versorgungsgeschehen in 31 Ländern erfasst. Die Daten umfassen Zahlen zu Infektionen und Tests von Covid-19 sowie die Anzahl an aktuellen und kumulierten Covid-19-Patienten, die sich in akut- und intensivmedizinischer Behandlung und in Beatmung befanden. Die Daten wurden von offiziellen Quellen wie z. B. Gesundheitsministerien, nationalen Forschungs- und Public-Health-Institutionen, offiziellen nationalen Dashboards, Our World in Data (OWiD) und dem European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC) zusammengetragen. Zum anderen basiert dieses Kapitel auf den Ergebnissen des Gesundheitssystem-Reaktionsmonitors zur Covid-19-Pandemie (HSRM), einer gemeinsamen Initiative des Europäischen Observatoriums für Gesundheitssysteme und Gesundheitspolitik, des WHO-Regionalbüros für Europa und der Europäischen Kommission.Footnote 1 Die Online-Plattform wurde Anfang April 2020 ins Leben gerufen. Sie berichtet und dokumentiert seitdem Maßnahmen der verschiedenen Länder der WHO-Region als Reaktion auf die Covid-19-Pandemie. Der HSRM konzentriert sich in erster Linie auf die Reaktionen der Gesundheitssysteme, erfasst aber auch umfassendere Initiativen im Bereich der öffentlichen Gesundheit. Der HSRM wird von Länderexperten, größtenteils aus dem Netzwerk Health System and Policy Monitor, verfasst und von Mitarbeitern des Europäischen Observatoriums herausgegeben. Die Online-Plattform enthält zudem thematische Analysen zu Covid-19.

2.3 Ausgangslage: Krankenhauskapazitäten in Europa vor Corona

Das Sars-CoV-2 Virus hat sich unterschiedlich schnell in den europäischen Ländern verbreitet. Mit den daraus variierenden Inzidenzen wurden auch die Gesundheitssysteme unterschiedlich belastet. Einige Länder hatten somit einen zeitlichen Vorteil beim Ausbau von Versorgungskapazitäten, um auf die Ausbreitung des Virus zu reagieren. Um zu verstehen, wie europäische Länder auf die Covid-19-Krise und die schnell steigenden Zahlen von Covid-19-Patienten, die stationär behandelt werden mussten, reagiert haben, ist es wichtig, die Ausgangssituation der Länder hinsichtlich der Krankenhausinfrastruktur zu verstehen. Dies betrifft insbesondere Betten für die Akut- und Intensivstation (aber natürlich auch persönliche Schutzausrüstung (PSA) und medizinische Geräte, wie z. B. Beatmungsgeräte).

Die Krankenhaus- und Intensivbettenkapazitäten vor der Pandemie variierten stark zwischen europäischen Ländern, wobei verlässliche und vor allem vergleichbare Daten zu Intensivbettenkapazitäten nicht für alle Länder vorliegen. Bei den Akutbetten variierten die Kapazitäten von 197 Akutbetten pro 100.000 Einwohner in Schweden bis zu 602 Betten in Deutschland und von 5,0 Intensivbetten pro 100.000 in Irland (2016) und Schweden bis zu 33,9 Intensivbetten in Deutschland (2018) (Abb. 2.1; OECD 2020). Demnach gab es vor der Covid-19-Pandemie eine Variation bei der Akutbettendichte um den Faktor drei und sogar um den Faktor sieben bei den Intensivbetten zwischen den einbezogenen Ländern.

Abb. 2.1
figure 1

Anzahl der Akut- und Intensivbetten vor der Pandemie und Anzahl der geschaffenen Intensivbetten in neun europäischen Ländern und der Lombardei während der ersten Covid-19-Welle (April bis Juni 2020) (pro 100.000 Einwohner). Legende: BE – Belgien, DE – Deutschland, DK – Dänemark, GR – Griechenland, IE – Irland, IT – Italien, IT-25 – Lombardei, NL – Niederlande, NO – Norwegen, SE – Schweden. (Quelle: Berger et al. 2021)

Unabhängig von der Ausgangssituation erschwerte die rasante Ausbreitung des SARS-COV-2-Virus den Gesundheitssystemen weltweit, stationär oder intensivmedizinisch behandlungsbedürftige Covid-19-Patienten angemessen zu versorgen. Die Pandemie zwang die Länder zu einer schnellen Mobilisierung von Krankenhauskapazitäten, medizinischer Ausrüstung und PSA. Der zentrale Faktor in der medizinischen Versorgung von Covid-19-Patienten war neben dem medizinischen Personal, das in diesem Beitrag nicht beleuchtet werden soll, somit die Schaffung ausreichender physischer Ressourcen (Betten, Beatmungsgeräte etc.). Die Aufstockung der Kapazitäten war zum einen wichtig, um Covid-19-Patienten getrennt von Nicht-Covid-Patienten zu versorgen und zum anderen, um genügend Kapazitäten im Hinblick auf Intensivbetten und Beatmungsgeräte für Covid-19-Patienten zur Verfügung zu haben.

2.4 Krankenhauskapazitäten und Krankenhausauslastung mit Covid-19-Patienten in Europa: ein Vergleich

In Europa wurden mehrere Strategien eingesetzt, um die steigende Nachfrage an akut- und intensivmedizinischer Versorgung von Covid-19-Patienten zu bewältigen und eine ausreichende physische Infrastruktur sicherzustellen. Im folgenden Abschnitt wird ein Überblick gegeben, wie die Länder es geschafft haben, Kapazitäten für Covid-19-Patienten in den Krankenhäusern zu schaffen. Im Anschluss werden die effektiv geschaffenen intensivmedizinischen Krankenhauskapazitäten im Ländervergleich dargestellt.

2.4.1 Strategien zur Schaffung von Akut- und Intensivkapazitäten für Covid-19-Patienten

Insgesamt haben die meisten Länder schnell Krankenhaus-Notfallpläne umgesetzt oder initiiert, um Kapazitäten für Covid-19-Patienten freizumachen und zusätzliche Akut- und Intensivbetten in bestehenden Einrichtungen einzurichten. Die häufigste Strategie war die Anpassung, Neukonfiguration und Zuweisung von Krankenhausstationen und Räumen wie postoperativen Aufwachräumen oder Akut- und Intermediate-Care-Einheiten, um intensivpflichtige Patienten mit Covid-19 unterzubringen, indem nicht dringende und elektive Eingriffe verschoben wurden (Winkelmann et al. 2021b; OECD/European Union 2020). In vielen Ländern wurden private Krankenhäuser vorübergehend als Teil des öffentlichen Systems genutzt, um wesentliche Leistungen für Covid-19-Patienten sowie für dringende elektive Eingriffe, die nicht mit Covid-19 in Verbindung stehen, zu erbringen. Diese Strategie wurde vor allem in Ländern angewandt, die stark von der Pandemie betroffen waren und/oder einen starken privaten Krankenhaussektor haben. Zum Beispiel blockierten die Regierungen in Irland, England, Italien und Spanien Betten, Ausrüstung und Personal privater Krankenhäuser, damit diese während der Krise flexibel zur Verfügung standen. In Irland und Italien (Lombardei) trugen die privaten Krankenhausbetten wesentlich zur Überbrückungskapazität der Krankenhäuser bei: 2.000 private Krankenhausbetten in Irland und 30 % der Überbrückungskapazität der Intensivstation in der Lombardei. In weniger betroffenen Ländern wie Dänemark und Portugal war vorgesehen, private Krankenhausbetten im Bedarfsfall zur Verfügung zu stellen. Um den Druck auf die bestehenden Krankenhäuser zu verringern und die Notaufnahmen zu entlasten, haben viele Länder temporäre Krankenhäuser in Konferenzzentren, in Stadien oder auf Messegeländen eingerichtet, viele Länder errichteten Feldkrankenhäuser, oft mit Hilfe der Armee, die für die Aufnahme weniger schwerer Covid-19-Fälle vorgesehen waren (Winkelmann et al. 2021b; OECD/European Union 2020).

2.4.2 Die Ausweitung der intensivmedizinischen Kapazitäten

Mit den verschiedenen Strategien konnten die europäischen Länder teilweise sehr schnell den Ausbau von Akutbetten, insbesondere aber von Intensivbetten vorantreiben; allerdings gab es große Unterschiede. Der Ausbau der Akut- und Intensivbetten war natürlich auch vom Fallgeschehen in den Ländern geprägt. Einige Länder, die keinen kritischen Anstieg der Covid-19-Fälle und Krankenhausaufenthalte in der ersten Welle verzeichneten, darunter Dänemark, Estland und Norwegen, hatten Notfallpläne, um für Extremsituationen Überkapazitäten zu reservieren. Abb. 2.1 zeigt den Ausbau der Intensivkapazitäten während der ersten Covid-19-Welle. Die Daten stammen zu Teilen aus dem Covid-19-Gesundheitsreaktionsmonitor, zum anderen aus offiziellen nationalen Quellen wie dem DIVI-Intensivregister oder Zeitungsbeiträgen (Italien) (Berger et al. 2021).

In Irland, den Niederlanden und Schweden – sowie in der stark betroffenen italienischen Region Lombardei („IT-25“) – haben sich die Kapazitäten der Intensivstationen seit Beginn der Covid-19-Krise etwa verdoppelt. Auch in Belgien, Deutschland, Griechenland und Italien insgesamt stieg die Zahl der Intensivbetten deutlich an. Laut dem norwegischen Notfallplan konnte die Kapazität der Intensivstationen in einer Notfallsituation mehr als verdoppelt werden. Ein Anstieg der Bettenzahl trat wahrscheinlich auch in den Akutstationen auf, Daten dazu wurden jedoch im Covid-19-Gesundheitsreaktionsmonitor und den länderspezifischen Quellen nicht konsistent gemeldet.

Die Schaffung der Intensivbettenkapazitäten muss natürlich als eine dynamische Entwicklung gesehen werden. Die Anzahl der Betten wurde sukzessive aufgestockt und je nach Infektionsgeschehen und Vorhersagen wurden Intensivbetten durch Verschiebung von planbaren Eingriffen und/oder Schaffung neuer Betten freigehalten, um für Covid-19-Patienten zur Verfügung zu stehen. Im Lauf der Pandemie und mit fortschreitenden Erfahrungen zu den Auswirkungen des Infektionsgeschehens auf die Covid-19-bedingten Hospitalisierungen wurden Notfallreserven vorgehalten.

2.4.3 Die Auslastung der akut- und intensivmedizinischen Kapazitäten im Zeitverlauf

Ein Querschnittsvergleich der Krankenhausbettenauslastung während der ersten Covid-19-Welle über elf europäische Länder zeigt, dass die Kapazitäten an Akutbetten (basierend auf Daten von 2018, also vor der Pandemie) in keinem der Länder überschritten wurden (Abb. 2.2). In der italienischen Region der Lombardei erreichte der Prozentsatz der Akutbetten, die von Covid-19-Patienten belegt waren, mit 38,3 % Anfang April 2020 seinen Höhepunkt, gefolgt von Italien insgesamt mit 21,1 %, während in Österreich der höchste Prozentsatz bei 2,3 % lag (Berger et al. 2021).

Abb. 2.2
figure 2

Belegung von Akutbetten mit Covid-19-Patienten während der ersten Welle und Krankenhausbettenkapazität (pro 100.000 Einwohner) vor Covid-19. (Quelle: Berger et al. 2021)

Abb. 2.3 stellt die Kapazität der Intensivbetten vor der Pandemie (blaue Linie) und die Ausweitung der Intensivkapazitäten (blaue gestrichelte Linie) im Vergleich zur Anzahl der täglich auf den Intensivstationen behandelten Covid-19-Patienten während der ersten Welle in 15 Ländern und der Region Lombardei dar. In den Niederlanden und Schweden hätten die Intensivkapazitäten vor der Pandemie nicht ausgereicht, um alle Patienten mit Covid-19, die eine Intensivbehandlung benötigten, zu behandeln. In der Region Lombardei wurden die zusätzlich geschaffenen Intensivkapazitäten sogar überschritten. Bei der Darstellung der Belegung mit Covid-19-Patienten und den verfügbaren Kapazitäten ist jedoch anzumerken, dass Nicht-Covid-19-Patienten, die eine Akut- oder Intensivbehandlung benötigten, in der Analyse nicht berücksichtigt wurden. Diese Patienten sollten jedoch für eine umfassende Schätzung der gesamten Belastung der Krankenhäuser während der ersten Welle berücksichtigt werden. Die dazu notwendigen Daten sind jedoch nicht für alle Länder, die der Analyse zugrunde liegen, verfügbar. Des Weiteren berücksichtigt die Analyse nicht die geographische Verteilung der Krankenhauskapazitäten, der Covid-19-Aufnahmen und der Auslastungsmuster der Krankenhäuser. Es ist nicht möglich, aus den aggregierten Daten zu entnehmen, ob es in Ländern Zeiten gegeben hat, in denen die Intensivstationen in bestimmten Regionen überlastet waren. So waren die Intensivstationen in der Lombardei beispielsweise überlastet, nicht jedoch in Italien insgesamt. Ebenso können wir anhand unserer Daten nicht feststellen, ob die Kapazitätsgrenzen der einzelnen Krankenhäuser überschritten wurden. So wird zum Beispiel aus England berichtet, dass die Krankenhauskapazitäten eines Drittels aller Krankenhäuser während der ersten Covid-19-Welle überschritten wurden (Mateen et al. 2021). Schlussendlich konzentriert sich die Analyse auf die Bettenkapazitäten in den Krankenhäusern, ohne dabei die zur Patientenversorgung unerlässlichen Ressourcen im Hinblick auf medizinisches Personal, medizinische Ausrüstung wie PSA und Beatmungsgeräte zu berücksichtigen (Berger et al. 2021).

Abb. 2.3
figure 3

Intensivbettenkapazitäten vor und während der ersten Welle der Covid-19-Pandemie und Belegung der Intensivbetten mit Covid-19-Patienen (pro 100.000 Einwohner). (Quelle: Berger et al., 2021)

2.5 Covid-19-Patienten in akut- und intensivmedizinischer Krankenhausbehandlung im Ländervergleich

2.5.1 Anteile der Covid-19-Patienten in stationärer Versorgung

Der Prozentsatz der Covid-19-Patienten, die während der ersten Welle (bis Juli 2020) in ein Krankenhaus eingewiesen wurden, variierte wie die Fallzahlen sehr stark zwischen den europäischen Ländern. Abb. 2.4 zeigt, wie unterschiedlich der Anteil kumulierter Covid-19-Krankenhausfälle an positiv bestätigten Covid-19-Fällen am Höhepunkt der ersten Pandemie-Welle (Zeitpunkt der höchsten Inzidenz in der ersten Welle) in verschiedenen europäischen Ländern war. In Frankreich wurden zwei von drei, im Vereinigten Königreich und in Spanien einer von zwei Covid-19-Fällen stationär behandelt, in Norwegen geschah dies im Vergleich nur bei einem von 13 Covid-19-Fällen (Augurzky et al. 2020; Panteli et al. in Review).

Abb. 2.4
figure 4

Anteile der kumulierten Covid-19-Krankenhausfälle an positiv bestätigten Covid-19-Fällen zu länderspezifischen Höhepunkten der ersten Pandemie-Welle, in %. *Die Angaben für Italien stammen von der italienischen Seite des Gesundheitssystem-Reaktionsmonitors (HSRM) und beziehen sich auf den 08.04.2020. (Quelle: eigene Darstellung auf Basis von Winkelmann et al. 2021a)

Im Gegensatz dazu wurde in anderen Ländern die Mehrheit der Fälle ambulant behandelt. In Irland, der Schweiz und Norwegen lagen die Anteile der im Krankenhaus behandelten Covid-19 Fälle unter 20 %. Auch in Deutschland lag die Hospitalisierungsrate der positiv auf Sars-CoV-2-Getesteten zu Beginn der Pandemie bei ungefähr 20 %. Diese unterschiedlichen Entwicklungen bis zum Höhepunkt der ersten Welle können auf verschiedene Faktoren zurückzuführen sein. Unter anderem haben sich die Teststrategien und die Testsettings stark voneinander unterschieden (vgl. Abschn. 2.6). Auch waren vermutlich bestimmte Versorgungsstrukturen und -pfade zu Beginn der Pandemie mit niedrigen Schwellenwerten für einen Krankenhausaufenthalt und damit einem erhöhten Risiko für das Infektionsgeschehen in Krankenhäusern assoziiert (Panteli et al. in Review; Augurzky et al. 2020). In Italien, wo sich die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung nach Regionen stark unterscheidet, wird deutlich, dass es auch zwischen der besonders stark betroffenen Lombardei (mit einem stärker krankenhauszentrierten Versorgungssystem) und der benachbarten Region Venetien mit seinen integrierten ambulanten Gesundheitsteams (Ghiotto et al. 2018) große regionale Unterschiede gab.

2.5.2 Anteile der Covid-19-Patienten in intensivmedizinischer Versorgung

Betrachtet man die Anteile der Covid-19-Patienten, bei denen eine intensivmedizinische Behandlung notwendig war, können ebenfalls zwei Ländergruppen ausgemacht werden. Von allen Patientinnen und Patienten, die in der ersten Welle ins Krankenhaus eingeliefert wurden, wurden in den Niederlanden und Norwegen ungefähr einer von vier intensivmedizinisch behandelt. In Deutschland erhielt initial sogar fast jeder dritte Patient intensivmedizinische Behandlung. Im Gegensatz dazu war dies in Spanien nur für einen von neun Patienten der Fall, auch im Vereinigten Königreich und in Irland wurde nur einer von sieben hospitalisierten Covid-19-Patienten intensivmedizinisch behandelt (Abb. 2.5). Diese Differenzen könnten teilweise durch selektivere Hospitalisierungsstrategien in Deutschland, aber auch durch die hohen Fallzahlen und Hospitalisierungsraten in Spanien erklärt werden. Nach dem Höchststand blieben die Anteile in allen Ländern nahezu konstant (Panteli et al. in Review).

Abb. 2.5
figure 5

Anteile der kumulierten Covid-19-Intensivpatienten an kumulierten Covid-19-Krankenhausfällen zu länderspezifischen Höhepunkten der ersten Pandemie-Welle, in %. (Quelle: eigene Darstellung auf Basis von Winkelmann et al. 2021a)

2.6 Unterschiede in der Patientensteuerung im Hinblick auf Testungen, Erstanlaufstellen und Behandlungspfade von Covid-19-Patienten

Im folgenden Abschnitt werden einzelne Aspekte beleuchtet, die während der ersten Coronawelle nicht nur Auswirkungen auf das Infektionsgeschehen, sondern auch auf die Entwicklung der Covid-19-bedingten Krankenhauseinweisungen hatten. Dafür sind primär das allgemeine Infektionsgeschehen innerhalb der Bevölkerung und die damit im Zusammenhang stehenden nicht-pharmazeutischen Maßnahmen zur Kontrolle der Covid-19-Pandemie ausschlaggebend. In diesem Abschnitt sollen jedoch die Faktoren des Versorgungssettings diskutiert werden, die vermutlich auch einen Einfluss auf das Infektionsgeschehen hatten, zumindest während der ersten Welle. Dazu zählen neben Falldefinition und Teststrategien insbesondere auch das Test-Setting, die Erstanlaufstellen für Patienten mit Verdacht auf Covid-19 und die Behandlungspfade von Covid-19-Patienten (Webb et al. 2021; Panteli et al. in Review). Die hier dargestellten Ergebnisse beruhen auf den Informationen des Covid-19-Gesundheitssystem-Reaktionsmonitors, der die Situation und Entwicklungen im Jahr 2020 zeitnah beschrieben und fortlaufend aktualisiert hat (HSRM 2020).

2.6.1 Unterschiede in der Messung des Infektionsgeschehens (Falldefinition, Testen)

Eine breite Teststrategie wurde in Deutschland und den meisten anderen europäischen Ländern zu Beginn der Pandemie als wichtigstes Instrument zur Eindämmung des Infektionsgeschehens gesehen und realisiert. Abhängig von Kapazitäten und Ressourcen wurden in den europäischen Ländern unterschiedliche Zielgruppen in unterschiedlichen Settings getestet. Auch die Versorgung von Verdachtsfällen variierte insbesondere in den ersten Wochen stark. Dies hatte auch Auswirkungen auf Fallzahlentwicklungen und die Zahl von stationär zu behandelnden Covid-19-Patienten.

Im April 2020 testeten die meisten europäischen Länder aufgrund der noch begrenzten Testkapazitäten vorwiegend Menschen mit schweren Symptomen – hauptsächlich solche, die einen Krankenhausaufenthalt benötigten – sowie symptomatische Fälle in Gruppen mit hohem Risiko und in der Gesundheits- und Sozialfürsorge (Tab. 2.1). Jedoch variierten die Teststrategien zwischen den Ländern: In den Niederlanden beispielsweise wurde das Gesundheitspersonal mit Covid-19-Symptomen aufgefordert, sich zu isolieren, aber nicht routinemäßig getestet. Auch beim Testen von Bewohnern von Langzeitpflegeeinrichtungen gab es sehr unterschiedliche Strategien: Einige Länder testeten alle symptomatischen Bewohner, andere Länder wie z. B. Frankreich, die Niederlande und das Vereinigte Königreich testeten nur wenige oder ausgewählte Fälle, um festzustellen, ob es in einer Einrichtung einen Ausbruch gab. Luxemburg war eines der ersten Länder, die im April bzw. Mai 2020 eine bevölkerungsweite Teststrategie implementierten. Jedoch wurden auch in Luxemburg zu Beginn vorrangig Personen mit Symptomen und Risikopatienten getestet.

Tab. 2.1 Veränderungen der Testkriterien, Testsettings und Versorgungspfade während der ersten Welle im Ländervergleich. (Quelle: HSRM 2020)

2.6.2 Rolle von Test-Setting und Erstanlaufstellen

Die Test-Settings und Versorgungspfade für Covid-19-Verdachtsfälle unterschieden sich in europäischen Ländern insbesondere zu Beginn der Pandemie stark (Webb et al. 2021). Beispielweise wurden zu Beginn der Pandemie in Frankreich, der Schweiz und Spanien Covid-19-Verdachtsfälle u. a. auch in Krankenhausnotfallambulanzen getestet und versorgt bzw. wurden dorthin überwiesen. Die genannten Hospitalisierungsanteile (s. Abschn. 2.5.1) wurden maßgeblich durch diese länderspezifisch unterschiedliche Testintensität beeinflusst. In Frankreich beispielsweise wurden im April 2020 mehr als 80 % der Testungen in Krankenhäusern durchgeführt.Footnote 2 Die Infektionsgefährdung für das dort tätige medizinische Personal und auch für Patienten, die dort aufgrund von anderen Erkrankungen behandelt wurden, aber auch den Patienten lediglich mit Verdacht auf Covid-19 in den Notfallambulanzen war dadurch (unnötig) erhöht. Diese Strategie, Covid-19-Patienten in Notfallambulanzen zu testen und zu behandeln, wurde dann relativ zügig angepasst und Empfehlungen ausgesprochen, Patienten mit Verdacht auf eine Covid-19-Infektion und leichteren Symptomen primär hausärztlich bzw. durch Hotlines zu betreuen (s. Tab. 2.1) (Panteli et al. in Review).

2.7 Zusammenfassung und Fazit

Die Analyse der kumulierten Covid-19-Krankenhausfälle hat gezeigt, dass in Ländern mit großem stationärem Sektor nicht zwangsläufig mehr Covid-19-Patienten hospitalisiert wurden. So wurde beispielsweise sowohl in Frankreich als auch in Spanien ein großer Teil der Covid-19-Fälle zu Beginn der Pandemie in Krankenhäuser eingeliefert, obwohl beide Länder eine vergleichsweise niedrige Akutbettendichte pro 100.000 Einwohner haben. Das Verhältnis von Bettendichte und Hospitalisierungen war in Deutschland genau umgekehrt. Deutschland weist einen sehr großen stationären Sektor auf, aber es wurden während der ersten Welle nur etwa 20 % aller Covid-Fälle stationär aufgenommen. Dies ist zum einen auf eine Tradition der ambulanten Versorgung einschließlich diagnostischer Labore zurückzuführen. Zum anderen wurden die Strukturen des öffentlichen Gesundheitswesens frühzeitig genutzt, um Covid-19-Fälle aus dem Krankenhaus herauszuhalten. In der Folge wurde in Deutschland ein größerer Anteil der hospitalisierten Fälle intensivmedizinisch behandelt (Panteli et al. in Review). Auch in Irland wurden relativ wenige Covid-19-Patienten hospitalisiert, da sie ambulant betreut wurden, jedoch war der Anteil der intensivmedizinisch betreuten an allen hospitalisierten Covid-19-Patienten hier geringer.

Das Kapitel hat die Unterschiede in den Krankenhauskapazitäten und den Versorgungsmustern von Covid-19-Patienten zwischen ausgewählten europäischen Ländern dargestellt. Die in der ersten Covid-19-Welle ausgebauten Kapazitäten und die gesammelten Erfahrungen zur Behandlung von Patienten mit Covid-19, aber auch in der Koordination zwischen Krankenhäusern waren wichtig für die Bewältigung der Anzahl der Covid-19-Patienten in der zweiten und dritten Welle, die die der ersten Welle in den meisten Ländern bei Weitem überstieg.

Die starken Unterschiede der Anteile der Covid-19-Patienten, die zu Beginn der Pandemie akut- und intensivmedizinisch versorgt wurden, haben gezeigt, wie wichtig das frühzeitige Planen und Definieren von Versorgungssettings und Versorgungspfaden innerhalb der Sektoren sowie zwischen dem ambulanten und stationären Sektor sind. Eine Aufteilung der Aufgaben in der Versorgung der Covid-19-Patienten und Verdachtsfälle zwischen dem ambulanten und stationären Sektor zu Beginn der Pandemie hat in Deutschland und vielen Ländern z. B. mit dem Aufbau von Fieberambulanzen bzw. spezifischer Versorgungszentren für Covid-19-Fälle sehr gut funktioniert.

Notes

  1. 1.

    www.covid19healthsystem.org.

  2. 2.

    https://www.covid19healthsystem.org/countries/france/livinghit.aspx?Section=3.2%20Managing%20cases&Type=Section (acc: 16.10.2020).

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Winkelmann, J. et al. (2022). Stationäre Versorgung während der ersten Welle der Covid-19-Pandemie in Europa: ein internationaler Vergleich. In: Klauber, J., Wasem, J., Beivers, A., Mostert, C. (eds) Krankenhaus-Report 2022. Springer, Berlin, Heidelberg. https://doi.org/10.1007/978-3-662-64685-4_2

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