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»Schwarzer Schnee?« – Zur Virtua¦lität der Leerstelle in Christoph Ransmayrs Der fliegende Berg

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Entleerte Räume

Part of the book series: Kontemporär. Schriften zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur ((KSDG,volume 9))

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Zusammenfassung

Im 2006 erschienenen Roman Der fliegende Berg greift Christoph Ransmayr den Zeilenfall, den er bereits seinem Debüt Strahlender Untergang ursprünglich zugrunde gelegt hatte, wieder auf und lässt zwei Brüder, Liam und den Ich-Erzähler, von Horse Island in den Transhimalaya, auf einen Berg namens Phur-Ri, wie ihn die Nomaden nennen, streben. Indem Liams Verschwinden im tibetischen Hochland eng mit der Entdeckung des Phur-Ri als Leerstelle auf den Computerbildschirmen der Figur verknüpft ist, fügt Der fliegende Berg Ransmayrs Œuvre eine Konstellation hinzu, die sich nicht nur auf die für seine Romane zentrale Begegnung von Mensch und Natur beziehen, sondern insbesondere in die Diskussion um eine literarische Ästhetik der Absenz eintragen lässt: Während eine noch auszuführende ›Unsichtbarkeit‹ des Phur-Ri auf den Computerbildschirmen Liam dazu verleitet, mit seinem Bruder die Reise in das ferne Tibet anzutreten, verweist das Reisemotiv zugleich auf den Weg der Figuren aus dem virtuellen Raum in die Selbstreflexion der Fiktion. Im Sinne des in dieser Studie zugrunde gelegten Verständnisses von Virtualität bindet das romanförmige Erzählen diese an die Durchquerung des Phur-Ri als Leerstelle und rekurriert auf eine Erzählinstanz, die zwischen Glattem und Gekerbtem im Sinne Gilles Deleuze’ und Félix Guattaris navigiert. Das Erzählen öffnet dabei einen Zwischenraum, den der Roman zugleich im Zeilenfall und dem Verhältnis der graphé zum Papier als ›Nicht-Ort‹ (Michel de Certeau) verhandelt.

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Notes

  1. 1.

    Lütkehaus: Dichten bei minus 30°.

  2. 2.

    Müller-Funk: Räume in Bewegung, S. 576. Wolfgang Müller-Funk bezeichnet Christoph Ransmayrs Der fliegende Berg als »epopöetischen Roman« bzw. als »postmoderne Epopöe« (ebd., S. 577), die er zum einen im Rekurs auf Hans Blumenberg als Destruktion des Mythos begreift: Der fliegende Berg zerstöre »eine ganze Reihe von Mythen, den Mythos der Berge, den Mythos ihrer Helden, den nationalrevolutionären Mythos Irlands und des kommunistischen China, die Mythologie der Neuen Medien« (ebd.). Zum anderen hebt Müller-Funks Untersuchung die Modalität des Zeitlichen hervor, wenn das »graphische[] Schriftbild« des Romans als »Textpartitur« gelesen und in der »Rhythmisierung der Sprache« der Verweis »auf eine Zeitlichkeit, die durch die Auslassungen sinnfällig wird«, gesehen wird (ebd., S. 570).

  3. 3.

    Werle: Christoph Ransmayrs Poetik der Zeitlosigkeit, S. 160. Dirk Werle zufolge steht das Versepos »mit seinen homerischen Ursprüngen am Übergang von der Mündlichkeit zur Schriftlichkeit«, wobei »die Vorstellungen des epischen Dichters und des dichtenden Sängers in Ransmayrs Traditionsverhalten eine Symbiose« eingingen (ebd., S. 159), von der sich das »Pathos der Form« (ebd., S. 160) her denken ließe.

  4. 4.

    Frost: Whiteout, S. 178.

  5. 5.

    Ebd., S. 180.

  6. 6.

    Nitzke: Widerständige Naturen, S. 43.

  7. 7.

    Vgl. ebd., S. 42–58. Solvejg Nitzke sieht im Zeilenfall die Funktion, dem Erzähltext eine »orale Qualität« zu verleihen, wodurch er »die Entschleunigung und das Immer-wieder-Innehalten, die sein Thema sind, performiert« (ebd., S. 43).

  8. 8.

    Ransmayr: »Ich bleibe auch in den Gebirgen lieber Wanderer«.

  9. 9.

    Auf die Komplexität des Erzählens zielt auch Müller-Funks Feststellung, dass »der traditionelle Gestus des Erzählens« – gemeint ist der Rekurs auf den Mythos des Abenteuers, auf den Der fliegende Berg mit der Besteigung des Phur-Ri anspielt – »durch avanciert moderne ästhetische Strategien modifiziert, konterkariert und verfremdet« werde (Müller-Funk: Räume in Bewegung, S. 571).

  10. 10.

    Moser: Archipele der Erinnerung, S. 410.

  11. 11.

    Ebd., S. 408.

  12. 12.

    Vgl. ebd., S. 408 f.

  13. 13.

    Ebd., S. 409.

  14. 14.

    Ebd., S. 410.

  15. 15.

    Ebd., S. 413.

  16. 16.

    Ebd.

  17. 17.

    Zum Verhältnis der de Certeau’schen Figur des Voyeurs zur Position der Übersicht vgl. Abschn. 3.2.2 in der vorliegenden Studie.

  18. 18.

    Frost: Whiteout, S. 166.

  19. 19.

    Ebd., S. 170.

  20. 20.

    Ebd.

  21. 21.

    Nitzke: Widerständige Naturen, S. 42. Zum paradoxalen Romananfang vgl. auch Telge: Erste Sätze, S. 171; sowie Werle: Christoph Ransmayrs Poetik der Zeitlosigkeit, S. 156 f.

  22. 22.

    Diese Zeitangabe wird an anderer Stelle in Ransmayrs Roman nochmals aufgegriffen. Sie indiziert den ›Übergang‹ des Erzählers in einen kulturellen Sprachraum, der ihm zunehmend vertraut erscheint: »Selbst die Zeitrechnung von Nyema und ihrem Clan / wurde mir auf diesem Weg so vertraut, / daß ich aufhörte, meine Jahre / dem gewohnten Zählwerk zu unterwerfen, / und sie nicht länger mit den alten Nummern versah, / sondern ich sagte wie Nyema und die Ihren / zur Gegenwart, zum Jahr unserer Reise von Horse Island / nach Kham Jahr des Pferdes, ein Jahr, / das auf das der Schlange folgte, an seinem Ende / von einem Jahr der Ziege abgelöst wurde / und insgesamt in eine Zukunft fortlief, / die nach zyklischen Charakterwechseln […] / zum reinen Spiegel des Himmels wurde – stillstand.« (FB 150 f.; Hervorh. im Orig.)

  23. 23.

    Vgl. dazu auch Nitzke: Widerständige Naturen, S. 42: »Der Erzähler berichtet nicht nur in der Vergangenheitsform von seinem eigenen Tod, er vermischt auch die Maße und Markierungen von Raum und Zeit, die in den verschiedenen Kulturen, in denen er sich bewegt, gelten. Mit ›Ich starb‹ positioniert sich der Erzähler aber jenseits dieser Gegenüberstellung und befreit sich gewissermaßen von ihren Beschränkungen.«

  24. 24.

    Gleichwohl die Erzählsituation in Strahlender Untergang sich gegenüber derjenigen in Der fliegende Berg im Einzelnen anders verhält, indem das Debüt nicht seinen Ausgang in einer unmöglichen Erzählsituation nimmt, sondern durch die Selbstbeobachtung des Probanden angesichts seines Verschwindens auf sie zuläuft, weist sie doch die folgende Parallele auf: Beiden Ich-Erzählern wird implizit eine Art ›Beobachtungshoheit‹ zugesprochen, die ihnen eine Sonderrolle zuschreibt.

  25. 25.

    Die Topologie des Nahen und Fernen greift Ransmayrs Roman an anderer Stelle im Kontext des Kletterns als einer zwischenräumlichen Bewegungspraktik auf (vgl. FB 44). Vgl. dazu Abschn. 7.3 in der vorliegenden Studie.

  26. 26.

    Zur Zirkularität von Aktualität und Virtualität in Gilles Deleuze’ Ansatz vgl. ausführlicher Abschn. 2.1.2 in der vorliegenden Studie.

  27. 27.

    Müller-Funk: Räume in Bewegung, S. 571.

  28. 28.

    Vgl. dazu auch ebd., S. 573: »Der digitalisierten Kartographie, die die virtuelle, quasi-photographische mimetische Darstellung der betreffenden Räume einschließt, stehen die unbeherrschbaren Räume gegenüber, die nicht topographisch, sondern elementar sind: Berge, Wüsten und Eiswüsten, Meere und Ozeane […].« Müller-Funk argumentiert an dieser Stelle mit Blick auf Der fliegende Berg und weist seine Beobachtung zugleich als Strukturäquivalenz der dort beschriebenen Räume mit denjenigen in Ransmayrs Werk insgesamt aus.

  29. 29.

    Hammer: Wege zur weißen Spitze, S. 118.

  30. 30.

    Müller-Funk: Räume in Bewegung, S. 573.

  31. 31.

    Der Begriff des ›Weißeinbruchs‹ findet sich auch in Frost: Whiteout. Sabine Frost untersucht in ihrer Studie literarische Erzähltexte ab 1800 mit Blick auf ein Textverfahren, für das sie den Begriff des ›Whiteout‹ fruchtbar gemacht hat: »Dem Betrachter wird im Whiteout nicht nur die Sicht verstellt: Durch die angezeigte Ambivalenz erhält er ebenso Einblick in die Mechanismen der visuellen Wahrnehmung bzw. in die Funktionsweisen des Textes.« (Ebd., S. 311) In der vorliegenden Studie steht der Begriff des ›Weißeinbruchs‹ jedoch unabhängig von Frosts Studie und ist zur Bezeichnung einer Wahrnehmungsstörung nicht mit den Dimensionen des Textverfahrens nach Frost aufgeladen. Da der Begriff allerdings ihrer Studie entlehnt ist, wird er nachfolgend mit einfachen Anführungszeichen indiziert.

  32. 32.

    Nitzke: Widerständige Nature, S. 57.

  33. 33.

    Zur Irrwegmetapher im Kontext der Reise zum Phur-Ri vgl. Hammer: Wege zur weißen Spitze. Erika Hammer macht die Vorstellung des Irrwegs nicht nur für den Weg zum Phur-Ri, den die Figuren zurücklegen, sondern auch für die Emanzipation des Erzählers von Liam produktiv: »Indem der Ich-Erzähler das Bergsteigen, diese ganze Einstellung [d. h. ›die Zentralperspektive, die Unterwerfung des Raumes durch den Menschen‹; Anm. K. S.] als Irrweg erkennt, löst er sich von dem Bruder. Er grenzt sich von seinem Bruder ab, findet seinen eigenen Weg, was aber auch eine Absage an das teleologische Modell ist.« (Ebd., S. 128)

  34. 34.

    Vgl. Massumi: Parables for the Virtual, S. 180 (Hervorh. im Orig.).

  35. 35.

    Barad: Was ist das Maß des Nichts?, S. 33.

  36. 36.

    Ransmayr: Bericht am Feuer, S. 34.

  37. 37.

    Frost: Whiteout, S. 31.

  38. 38.

    Ebd.

  39. 39.

    Nitzke: Widerständige Naturen, S. 50.

  40. 40.

    Ransmayr äußert sich entsprechend auch in einem Interview zu Der fliegende Berg: »Ich wollte meine Helden die wahrhaft ganze Länge eines denkbaren Weges in die Höhe, ins Gebirge gehen lassen, also aus dem tiefsten Land bis in die Wolken, vom Meeresspiegel, von dem aus ja die Höhe noch des küstenfernsten Wüstengebirges aus gemessen wird, bis in die Höhen des Transhimalaya. Dabei ist aber der – erfundene – Berg, den meine beiden Protagonisten besteigen, für Tibet kein extrem hoher Berg, sondern kaum 7000 m hoch. Extreme Höhe kann ja durchaus subjektiv, also an den eigenen Kräften, der eigenen Erschöpfung gemessen, definiert werden. Wichtiger als die Gipfelhöhe war mir, dass der Weg dieser Brüder aus der virtuellen Realität ihrer Computer in die Wirklichkeit führen sollte, dorthin, wo Kälte, dünne Luft, die Erschöpfung und schließlich der Tod tatsächlich erlitten werden. Meine Figuren gehen ihren Weg aus der Virtualität in die Realität entlang einer vertikalen Linie, von ganz unten nach ganz oben.« (Ransmayr: »Ich bleibe auch in den Gebirgen lieber Wanderer«)

  41. 41.

    Vgl. Lotman: Die Struktur literarischer Texte, S. 313–327.

  42. 42.

    Vgl. Petrarca: Die Besteigung des Mont Ventoux.

  43. 43.

    Hamann/Honold: Kilimandscharo, S. 18.

  44. 44.

    Ebd., S. 18 f.

  45. 45.

    Nitzke: Widerständige Naturen, S. 45.

  46. 46.

    Dies bestätigt auch Liams Selbstverortung. Denn dieser habe sich, berichtet der Erzähler, zeitlebens dagegen gewehrt, als »Aussteiger« oder »Drop-out« bezeichnet zu werden, und habe mitunter vehement entgegnet: »Er sei niemals! und nirgendwo! / aus-, sondern immer nur eingestiegen / und dabei immer und Schritt für Schritt höher / und niemals zurück oder hinab, Arschloch!« (FB 32; Hervorh. im Orig.) Liam artikuliert auf diese Weise nicht nur seine Ambitionen, als Bergsteiger hoch hinaus zu wollen. Er bezeugt mit solch einer Aussage zugleich die Form der technischen Vernetzung, die räumliche Koordinaten und die Begrenztheit der Insel überwindet.

  47. 47.

    Zum Verhältnis von Entdeckerfahrt, ›weißen Flecken‹ und Intertextualität am Beispiel der Geschichte der Polarfahrt vgl. insbesondere Menke: Grenzüberschreitungen (in) der Schrift, Exterritorialität der Pole; sowie Dies.: Die Polargebiete der Bibliothek.

  48. 48.

    Vgl. dazu den Erzählerkommentar: »Ich war wütend, ich war oft wütend, / aber ich schwieg.« (FB 97)

  49. 49.

    Müller-Funk: Räume in Bewegung, S. 575.

  50. 50.

    Ebd.

  51. 51.

    Zur Verschaltung von Denken und Reisen in Tausend Plateaus vgl. auch Abschn. 3.3.3 in der vorliegenden Studie.

  52. 52.

    Es ist bemerkenswert, dass Ransmayrs Roman mit dem Begriff der ›Fluchtlinie‹ zugleich implizit eine Verbindung zur ›Deterritorialisierung‹ in Tausend Plateaus von Deleuze/Guattari terminologisch herstellt. Zum Verhältnis von Fluchtlinie und Deterritorialisierung vgl. TP 703–706.

  53. 53.

    Vgl. Vogl: Medien-Werden.

  54. 54.

    Die Sogmetapher findet sich bereits in Ransmayrs Die Schrecken des Eises und der Finsternis: Die »Kraft jenes Sogs« (SEF 242), die insbesondere die Leere auf die Figur Mazzini entfaltet, ist nicht nur mit einer Ästhetik des Verschwindens verbunden, sondern deutet die Unverfügbarkeit der Natur an, deren Faszination nicht nur Mazzini, sondern auch die Figur Liam im später erschienenen Roman Der fliegende Berg einholt.

  55. 55.

    Zum Fußgänger als im ›Unten‹ verankerte Figur vgl. Abschn. 3.2.3 in der vorliegenden Studie.

  56. 56.

    Nitzke: Widerständige Naturen, S. 49.

  57. 57.

    Ebd., S. 53.

  58. 58.

    Eichmanns Maier: Leerstellen, weiße Flecken und blassrote Zeichen im Schnee, S. 6.

  59. 59.

    Vgl. dazu auch Frost: Vom Erzählen zwischen Meereshöhen und Meerestiefen, S. 100: »In Der fliegende Berg wird literarisches Sprechen als eines ausgewiesen, das konträr zur Metapher der gefrorenen Schrift eine flüchtige Bedeutung nicht in der Erstarrung und Vereisung stiftet, sondern indem es sich der Verfestigung entzieht.« (Hervorh. im Orig.)

  60. 60.

    Müller-Funk: Räume in Bewegung, S. 572.

  61. 61.

    Zum Verhältnis von Klettern und Zwischenraum vgl. weiterführend Dünne: Topos und Einfingerlöcher. Müller-Funk legt den Fokus in Bezug auf Ransmayrs Der fliegende Berg anders, wenn er das Bergsteigen als »semiotischen Akt« (Müller-Funk: Räume in Bewegung, S. 573) begreift.

  62. 62.

    Von der Leere ist in den Berglandschaften immer wieder die Rede, beispielsweise von einer »donnernden Leere« (FB 65), von den »Schneegärten der Götter«, die »bloß in die Schwärze, in die Leere, / hinaus in die Nacht« (FB 128) führen, von der »Stille einer leeren, grundlosen Tiefe« (FB 233) und dem »Sturz ins Leere« (FB 322).

  63. 63.

    An das Nomadische knüpft sich in Ransmayrs Der fliegende Berg zugleich die Vorstellung von einer zyklischen Zeit, auf die Gabriele Eichmanns Maier hingewiesen hat: »Auf der Ebene des Romans kann die von den Brüdern unternommene Reise als ein Zurücklassen der historischen Zeit und ein Eintreten in den zyklischen Zeitlauf gesehen werden, der die Brüder den eigenen sowie den zeitlich weit entfernt liegenden mythischen Ursprüngen aussetzt.« (Eichmanns Maier: Leerstellen, weiße Flecken und blassrote Zeichen im Schnee, S. 9 f.)

  64. 64.

    Vgl. dazu auch Ransmayrs Kommentar im Interview mit Uwe Wittstock: »Irgendwo allein und der erste zu sein, heißt eben auch, mit allen seinen Fähigkeiten und Möglichkeiten allein zu sein und zu erfahren, wozu man im Stande ist. Aber das ist nur die eine Seite. Die andere und am Ende wichtigere Seite bleibt aber die Rückkehr. Wer aufbricht ins Unbekannte, ins noch nie Erreichte, der will irgendwann nichts als zurück, nach Hause, gleichgültig ob er nun sein Ziel erreicht hat oder gescheitert ist. Das leere, unbekannte Land zeigt ja auch den Wert der Welt, die man verlassen hat. Irgendwann wird jede Expedition geradezu beseelt von dem Gedanken zurückzukehren, denn hinter jedem noch so entlegenen Ziel kommt die Sehnsucht nach dem Vertrauten zum Vorschein. Wenn alles aus dem Ruder läuft oder Sturm und Lawinen alle Absichten zunichte machen, dann wird die Sehnsucht nach dem Ort, von dem [man] aufbrach, am größten. Nie leuchtet dieser Ort heller als in den Augenblicken, in denen er schon verloren scheint.« (Ransmayr: »Ich bleibe auch in den Gebirgen lieber Wanderer«)

  65. 65.

    Zur Gegenwendigkeit von Höhe und Tiefe vgl. z. B. auch die Formulierung des Erzählers in Bezug auf Nyema: »[…] zu ihr hinauf, auf den Pfad zurück, / ließ mich emporfallen!« (FB 144; Hervorh. im Orig.)

  66. 66.

    Den Impetus, ›feste‹ Zuschreibungen aufzubrechen, stellt auch Frost für Ransmayrs Der fliegende Berg heraus. Vgl. Frost: Whiteout, S. 162: »Der […] generierte Textraum erweist sich als unsicheres Terrain, das sich nicht nachzeichnen lässt und die Orientierung des Lesers bei seiner Durchquerung erheblich beeinträchtigt. Die Reise der Brüder liest sich als metapoetische Reflexion literarischer Verfahren und Bedingungen sowie als Versuch, konventionalisierte und starre Bedeutungen aufzubrechen und dennoch flüchtige Sinnzuweisungen zu ermöglichen.«

  67. 67.

    Auf Ransmayrs poetologische Notiz bezieht sich z. B. Werner Michler, der den Zeilenfall bzw. den sogenannten »Flattersatz« (FB 6) des Romans in den Kontext des ›Flatterns‹ als »eines der wichtigen Wörter« (Michler: Fliegende Berge, letzte Welten, S. 110) des Romans stellt. Ausgehend vom Motiv der sich in der Wahrnehmung des Erzählers in Schneeflocken verwandelnden Schmetterlinge erkennt er eine Äquivalenz von Form und Gegenstand (vgl. ebd.).

  68. 68.

    Solch eine Zuschreibung verdankt sich auch dem Zusammenspiel von Schrift und Weißfläche. Vgl. dazu Kayser: Kleine deutsche Versschule, S. 11; sowie die Ausführungen zur versförmigen Struktur des Textes Strahlender Untergang in Abschn. 5.4 in der vorliegenden Studie.

  69. 69.

    Vgl. dazu Lamping: Das lyrische Gedicht, S. 24; sowie die Ausführungen zur versförmigen Struktur des Textes Strahlender Untergang in Abschn. 5.4 in der vorliegenden Studie.

  70. 70.

    Frost: Vom Erzählen zwischen Meereshöhen und Meerestiefen, S. 95.

  71. 71.

    Auch Werle verweist darauf, dass das »Erreichen des Gipfels […] am Ende des Romans nicht beschrieben« werde (Werle: Christoph Ransmayrs Poetik der Zeitlosigkeit, S. 160).

  72. 72.

    Frost: Whiteout, S. 186.

  73. 73.

    Vogl: Was ist ein Ereignis?, S. 72.

  74. 74.

    Werle: Christoph Ransmayrs Poetik der Zeitlosigkeit, S. 160.

  75. 75.

    Müller-Funk hat die Figur der Wiederholung auf anderer Ebene, und zwar für die Überlagerung der Räume in Ransmayrs Der fliegende Berg, stark gemacht und in diesem Zuge thematische Bezugspunkte herausgearbeitet, die eine solche Wiederholung erkennbar werden lassen – z. B. wiederholt die »Inbesitznahme Tibets durch den chinesisch-kommunistischen Imperialismus […] die Akte eines früheren Kolonialismus« (Müller-Funk: Räume in Bewegung, S. 574). Neben solchen Konstellationen verweist Müller-Funk insbesondere auf »Szenen zwischen den Brüdern« (ebd., S. 575) Liam und Pádraic, die der Wiederholung anheimfielen. Zu den »drei Subtexte[n]«, die das Verhältnis dieser Figuren narrativ steuern, vgl. ebd.

  76. 76.

    Blumenberg: Wirklichkeitsbegriff und Möglichkeit des Romans, S. 52 (Hervorh. im Orig.).

  77. 77.

    Ebd.

  78. 78.

    Vogl: Was ist ein Ereignis?, S. 72.

  79. 79.

    Vgl. dazu auch Eichmanns Maier: Leerstellen, weiße Flecken und blassrote Zeichen im Schnee, S. 15 f.

  80. 80.

    Werle sieht im Flattersatz daher auch vor allem einen »formalen Kniff«, durch den der Text zwar »der Fixierung« nicht entgehen könne, durch den jedoch »auf der Formebene« ein »›Denkmal‹ des Verschwindens« errichtet werde (Werle: Christoph Ransmayrs Poetik der Zeitlosigkeit, S. 170).

  81. 81.

    Ransmayr: Bericht am Feuer, S. 33 f.

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Schuchmann, K. (2022). »Schwarzer Schnee?« – Zur Virtua¦lität der Leerstelle in Christoph Ransmayrs Der fliegende Berg. In: Entleerte Räume. Kontemporär. Schriften zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, vol 9. J.B. Metzler, Berlin, Heidelberg. https://doi.org/10.1007/978-3-662-64025-8_7

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