Zur Beziehung von Befund und Befinden in der evidenzbasierten Logopädie – ein Plädoyer für die Betrachtung allgemeiner Wirkfaktoren

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Zusammenfassung

Die Forderung von Kostenträgern nach wirksamen therapeutischen Interventionen hat zur Folge, dass die Wirksamkeitsannahmen logopädischer Therapiekonzepte aktuell verstärkt theoretisch abgeleitet und systematisch untersucht werden. Klinische Evidenz kann Therapiewirksamkeit jedoch nur zum Teil erklären bzw. prognostizieren. Neben der spezifischen Wirkung therapeutischer Interventionen scheinen allgemeine Wirkfaktoren einen großen Anteil am Therapieerfolg zu haben. Dieser Beitrag fokussiert daher auf bislang nicht hinreichend beachtete Einflussvariablen des therapeutischen Behandlungserfolgs. Die Schwierigkeit, die unterschiedlichen Wirksamkeitsfaktoren in ihrer Komplexität zu untersuchen, darf aber nicht dazu führen, es zu unterlassen. Vielmehr muss sich die Logopädie im Rahmen der Akademisierung mit der Frage beschäftigen, was therapeutisch wirkt und warum. Eng damit verbunden ist der Forschungsauftrag, diese Wirksamkeitsfaktoren systematisch zu evaluieren und zukünftig, als Ergänzung zum Anspruch evidenzbasierter sprachtherapeutischer Praxis, im Konzept der praxisbasierten Evidenz zu verorten.

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Authors and Affiliations

  1. 1.EUFHEuropäische Fachhochschule Rheit/Erft GmbHRostockDeutschland

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