Von der Auswertung zum Gegenstand. Wenn die Methode ein Eigenleben entwickelt

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Zusammenfassung

In diesem Beitrag beschäftigen wir uns mit der Erfahrung, dass die Fragestellung im Laufe der Auswertung nochmals eine andere Richtung eingeschlagen und sich in diesem Sinne erst geschärft hat. Die Suche nach einer geeigneten Auswertungsmethode führte uns beide zur Dokumentarischen Methode. Im Zuge einer langen Interpretationsphase, die auch eine theoretische Auseinandersetzung mit der Methode einschloss, veränderte sich letztlich das Verhältnis zwischen Theorie und Forschungsgegenstand. Voraussetzung dafür war allerdings, neben der benötigten Offenheit und intensiven Reflektionsprozessen, sich Zeit für diese Phase der Arbeit zu nehmen, ebenso aber auch für die Suche nach der Auswertungsmethode selbst. Wir möchten darüber reflektieren, dass Forschungsabläufe nicht so wie im Lehrbuch verlaufen, dass es kein optimales/planbares Timing für die Auswertungsphase gibt, und dass manchmal erst die Auswertungsmethode einen Weg zur Schärfung der Fragestellung darstellt, mit der man fast immer zu verschiedenen Zeitpunkten des Forschungsprozesses zu hadern neigt. So hat bei uns beiden die Auseinandersetzung mit dem bei der Dokumentarischen Methode zentralen Begriff der „Handlungsorientierung“ ein Literaturstudium nach sich gezogen, das nochmal „nachträglich“ eine theoretische Fundierung mit sich brachte. So beschreiben wir anhand unserer Erfahrungen einen zirkulären Forschungsprozess, der sich als Alternative zum Popper‘schen Forschungsprozess mit strengen Abfolgen (Formulierung der Fragestellung, Erstellung von Hypothesen, Operationalisierung etc.) insbesondere in qualitativen Untersuchungsdesigns etabliert hat.

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Authors and Affiliations

  1. 1.Leibniz-Institut für LänderkundeLeipzigDeutschland
  2. 2.BerlinDeutschland

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