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Einleitung

  • Joachim Pietzsch
  • Ulrich Schurr
Chapter

Zusammenfassung

Bis etwa 1780 waren alle Gesellschaften dieser Erde Bioökonomien, die ihren Bedarf aus nachwachsenden Rohstoffen und erneuerbaren Quellen deckten. Dann legten die industrielle Revolution und der wissenschaftliche Fortschritt die Grundlage für die schnellste bekannte Entwicklung einer Spezies, die wir aus der Erdgeschichte kennen. Die Menschheit trat in das Zeitalter des Anthropozän ein, in der sie selbst zur bestimmenden Kraft der Erdgestaltung wurde. Die Ära fossiler Brennstoffe wie Kohle und Erdöl, die damit begann, wird aber eines Tages nur eine kurze Epoche in der Geschichte der Menschheit gewesen sein und in neue Formen wissensbasierter Bioökonomien münden müssen. Dieses Kapitel skizziert die Ambivalenz des Anthropozän, ordnet die Ausgangsbedingungen zukünftiger Bioökonomien historisch ein und stellt unterschiedliche Ansätze nationaler Bioökonomiestrategien vor.

Alte Buche in einem früheren Hutewald auf dem Schönberg südlich von Freiburg im Breisgau. (© N. Reif)

1.1 Die Ablösung der ursprünglichen Bioökonomie

Im Grunde genommen ist Bioökonomie nichts Neues. Jahrtausende lang deckte die Menschheit ihren Bedarf an Nahrung, Werkstoffen, Gebrauchsgütern und Energie aus nachwachsenden Rohstoffen und erneuerbaren Quellen. Die Muskelkraft von Menschen und Nutztieren, allenfalls verstärkt durch mechanische Hilfsmittel, bildete die Basis ihres Wirtschaftens, dessen vorrangiger Brennstoff das Holz war. Hinzu kamen Wind und Wasser für die Mühlen, Wind für die Segelschiffe und vor und über allem die Strahlen der Sonne. Aus ihnen stammt fast alle auf Erden vorhandene Energie. Selbst wenn Pflanzen nur einen Teil davon absorbieren und weniger als 1 % im Prozess der Photosynthese umsetzen, so lässt die Sonnenenergie doch jedes Jahr viele Milliarden Tonnen an Biomasse im Meer und an Land wachsen. Weniger als ein Zehntel dieser Pflanzen werden von Tieren gefressen, die wiederum zu einem geringen Teil der Ernährung von Karnivoren und von Menschen dienen, die daraus ihre Energie beziehen. Diese Energie und die aus der Verbrennung von Holz und Torf und anderer Biomasse gewonnene Wärme trieben die Volkswirtschaften der vorindustriellen Epochen an: Bis etwa 1780 waren alle Gesellschaften dieser Erde Bioökonomien. Schon damals veränderte der Mensch aber die Landschaft und passte sie seinen Bedürfnissen an. Er schuf eine Kulturlandschaft, die weitestgehend nicht mehr der Naturlandschaft glich, wie sie sich ohne Zutun des Menschen entwickelt hätte. Der Mensch hat auch damals schon Naturressourcen „übernutzt“ – mit einschlägigen Folgen wie dauerhafter Erosion und Überweidung und Katastrophen wie zum Beispiel Hungersnöten. Die Nutzung natürlicher Ressourcen alleine garantierte schon damals keine Nachhaltigkeit .

Dann kam die industrielle Revolution und begann, die Erde und deren Landschaft massiv zu verwandeln. Das Zentrum dieser Revolution lag in Europa. Beflügelt durch die Erfindung der Dampfmaschine, die Verbrennungswärme in mechanische Arbeitskraft umwandeln konnte, stieg zunächst in England die Kohle zur wichtigsten Energiequelle auf, während sie in den Jahrhunderten zuvor ein Spezialenergieträger zur Verhüttung von Eisen gewesen war. Außerhalb von Nordwesteuropa machte sich der Einsatz von Kohle aber erst in den 1820er-Jahren „in Produktionsprozessen gesamtwirtschaftlich bemerkbar“. Das hatte weitreichende Folgen: „Kohle setzt Dampfmaschinen in Gang, und Dampfmaschinen bewegen Spindeln und Pumpen, Schiffe und Eisenbahnen. Das im dritten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts beginnende Zeitalter fossiler Brennstoffe war daher nicht nur eines unerhörter Gütererzeugung, sondern auch ein Zeitalter von Vernetzung, Schnelligkeit, nationaler Integration und erleichterter imperialer Kontrolle“ (Osterhammel 2009). Die Industrialisierung beschleunigte die wirtschaftliche Entwicklung und bereitete – gepaart mit dem wissenschaftlichen Fortschritt in Medizin und Naturwissenschaften – die Grundlage für die schnellste bekannte Entwicklung einer Spezies, die wir aus der Erdgeschichte kennen.

Der Aufstieg des Energieträgers Kohle vollzog sich nur allmählich, aber um etwa 1890 hatte die Kohle die Biomasse als den wichtigsten Energieträger weltweit überholt. Zwischen 1850 und 1914 versechzehnfachte sich die weltweite Steinkohleförderung und stieg auf etwa 1300 Mio. t pro Jahr an. 43 % davon wurden in den USA gefördert, es folgten Großbritannien mit einem Anteil von 25 und Deutschland mit einem Anteil von 15 % (Osterhammel 2009). Die Steinkohle lieferte nicht nur Energie, sondern auch Rohstoffe für die Herstellung neuer Produkte, die in erster Linie dem Steinkohlenteer entstammten, der bei ihrer Verkokung anfiel. So wurde die Herstellung von synthetischen Farbstoffen und Medikamenten möglich, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Entstehung und den Aufstieg der chemischen Industrie begründete.

Parallel begann die Karriere des Erdöls als zweitem fossilem Brennstoff. Seine erste kommerziell genutzte Quelle wurde 1859 im US-Bundesstaat Pennsylvania erschlossen. Den entscheidenden Anschub erhielt diese Karriere durch die Entwicklung eines Verfahrens zur Raffinierung von Benzin in den 1890er-Jahren und durch die weltweite Automobilisierung mit Verbrennungsmotoren im 20. Jahrhundert. Erst dann fand sie auch durch die Entdeckung großer Erdölvorkommen in Russland, den USA, Mexiko, im Iran, in Arabien und anderen Ländern eine breite Basis – und schuf die Basis für die weltweite Industrialisierung und die globale Vernetzung des Wirtschaftens der Menschheit. Seiner größeren Ergiebigkeit und Flexibilität wegen löste das Erdöl nach dem Zweiten Weltkrieg die Kohle als primäre Rohstoffquelle der Chemieproduktion ab, sodass heute rund 90 % der Grundchemikalien, an denen alle chemischen Wertschöpfungsketten ansetzen, aus Erdöl und Erdgas gewonnen werden. Besondere Bedeutung kommt dabei neben der Herstellung von Arzneimitteln, Farben, Lacken und Waschmitteln der Produktion von Kunststoffen und -fasern zu. Bis etwa 1965 blieb die Kohle der vorherrschende fossile Energieträger. Erst danach verdrängte das Erdöl sie vom Spitzenplatz, während sich auf Platz drei Erdgas etablierte (McNeill und Engelke 2013).

Heute hat der Primärenergieverbrauch der Menschheit Ausmaße angenommen, die nur in unvorstellbar hohen Zahleneinheiten darstellbar sind (Abb. 1.1).
Abb. 1.1

Eine Skala unseres Energieverbrauchs. (Nach Davis et al. 2014)

In Erdöläquivalenten ausgedrückt, liegt dieser Verbrauch bei jährlich rund 14 Gt, das entspricht der Energie, die beim Verbrennen von 14 Mrd. t Erdöl entsteht und sich in rund 580 EJ umrechnen lässt. Fossile Brennstoffe haben daran einen Anteil von fast 80 %. Es wird geschätzt, dass dieser Anteil sich trotz weiterhin steil ansteigender Nachfrage nach Energie bis 2040 auf gut 70 % verringern wird (Abb. 1.2). Auf Erdteile und Länder bezogen, ist der Energieverbrauch sehr ungleich verteilt. So lag beispielsweise zu Beginn unseres Jahrhunderts der durchschnittliche Verbrauch eines Nordamerikaners 70-mal höher als der eines Bewohners des ostafrikanischen Mosambik (McNeill und Engelke 2013). Darin spiegelt sich der wirtschaftsgeografisch und machtpolitisch von Anfang an asynchrone und asymmetrische Verlauf des fossilen Zeitalters wider. Bereits „um 1910 oder 1920 zerfiel die Welt in die Minderheit derjenigen, die sich Zugang zu fossilen Energiespeichern geschaffen und die für deren Nutzung notwendigen Infrastrukturen etabliert hatten, und die Mehrheit derer, die unter wachsendem Knappheitsdruck mit den traditionellen Energiequellen auskommen mussten“ (Osterhammel 2009). Daraus resultierend gehört die Tatsache, „dass ein hoher Energieverbrauch nach 1850 ein Jahrhundert lang hauptsächlich auf Europa und Nordamerika sowie, in geringerem Maße, auf Japan beschränkt war … wohl zu den wichtigsten Gründen der politischen und wirtschaftlichen Dominanz dieser Regionen im internationalen System“ (McNeill und Engelke 2013). Andererseits sahen sich besonders diese Länder seit 1960 mit den Ansprüchen der Organisation erdölexportierender Staaten (OPEC) konfrontiert, einem Kartell, dessen Macht sie während der beiden Ölkrisen 1973 und 1979 deutlich zu spüren bekamen, weil ihre Prosperität von der Versorgung mit Erdöl abhing. Das zeigte sich auch in Deutschland. „War die Bundesrepublik mit ihrer Kohle noch Anfang der 1960er-Jahre fast energieautark gewesen, so hatte sie sich zwei Jahrzehnte später mit einem Anteil von 61 % von Importen abhängig gemacht“ (Rödder 2015).
Abb. 1.2

Entwicklung und Projektion des weltweiten Gesamtenergieverbrauchs. (Nach BGR 2015)

1.2 Die Ambivalenz des Anthropozän

Zweifelsohne hat erst der Zugriff auf fossile Energievorräte den Fortschritt ermöglicht, dem die Menschheit heute ihren ungeheuren Wohlstand verdankt, zumindest in weiten Teilen der Welt. Vergessen wir nicht, dass wir nach derzeitigen Maßstäben fast alle Menschen vor Beginn der industriellen Revolution als arm ansehen müssen. Sie waren Missernten und Seuchen ausgeliefert, ohne darauf viel Einfluss nehmen zu können, sie lebten durchschnittlich relativ kurz und meist innerhalb eines eng beschränkten Horizontes und Wirkungskreises. Das fossile Zeitalter hat uns in den Komfort einer Moderne katapultiert, deren Ausstattung die ausreichende und preiswerte Verfügbarkeit von Energie voraussetzt. Vergessen wir aber auch nicht, dass dies nur auf Kosten eines ungeheuren Raubbaus möglich war und ist. Fossile Brennstoffe sind als Ablagerungen von Biomasse nichts Anderes als deren geologische Speicherform. Sie enthalten grob geschätzt die akkumulierte Energie aus 500 Mio. Jahren Photosynthese . Das klingt beruhigend, ist es aber nicht: „Die zwischen 1950 und 2010 verbrauchten fossilen Brennstoffe entsprachen 50 bis 150 Mio. Jahren gespeicherten Sonnenscheins“ (McNeill und Engelke 2013).

Unbegrenzt sind die fossilen Vorräte also nicht: Wir nähern uns dem Gipfelpunkt ihrer Ausbeutung (Abb. 1.3). Zwar gibt es nach den Erkenntnissen der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) „noch gewaltige fossile Energiemengen, die aus geologischer Sicht grundsätzlich auch einen steigenden Energiebedarf decken können“ (BGR 2015), allerdings ist Erdöl „der einzige nicht erneuerbare Energierohstoff, bei dem in den kommenden Jahrzehnten eine steigende Nachfrage wahrscheinlich nicht mehr gedeckt werden kann“. Insgesamt sei weltweit bisher bereits mehr Erdöl verbraucht worden als derzeit an konventionellen Reserven ausgewiesen sei (180 vs. 171 Mrd. t).
Abb. 1.3

Die heutige Wirtschaft und der heutige Wohlstand bauen auf fossilen Ressourcen auf, die in geologischen Zeiträumen abgelegt wurden. Fossile Kohlestoff- und Energieressourcen sind endlich. Wir befinden uns deshalb gegenwärtig auf dem Gipfelpunkt des fossilen Zeitalters, das eines Tages nur eine kurze Epoche der Menschheitsgeschichte gewesen sein wird. (Schurr 2015)

Wenngleich fossile Brennstoffe folglich nicht so bald knapp sein und noch mindestens während des 21. Jahrhunderts (im Fall der Kohle darüber hinaus) verfügbar sein werden, wäre es besser, sie immer sparsamer zu verwenden. Ihre Nutzung hat nämlich nicht nur den Wohlstand der Menschheit gemehrt, sondern auch deren Umwelt erheblich in Mitleidenschaft gezogen. Dazu zählen die lokalen, massiven Eingriffe in Landschaften, wie in den Tagebauen, Öl- und Gasfeldern, wo die konzentrierten fossilen Energieträger vorkommen – in den Industrieländern selbst, aber auch z. B. bei der Zerstörung des Nigerdeltas und der Regenwälder Ecuadors. Auf den Transportwegen kommen selbst heute trotz stark verschärfter Sicherheitsstandards noch Ölhavarien vor und im globalen Maßstab sind vor allem Luftverschmutzung, Smog, saurer Regen und Klimawandel auf die fossilen Rohstoffe zurückzuführen. In ambivalenter Dynamik hat die Nutzung fossiler Rohstoffe eine Epoche eröffnet, der eine eigene geologische Dimension zugeschrieben werden kann: das Anthropozän , in dem der Mensch durch tiefgreifende Eingriffe zur bestimmenden erdgestaltenden und -verändernden Kraft wird. 1873 erstmals von dem italienischen Geologen Antonio Stoppani vorgeschlagen, wurde der Begriff neuerdings erst um das Jahr 2000 durch den Atmosphärenchemiker Paul Crutzen populär, der für seinen Beitrag zur Entdeckung des Ozonlochs 1995 mit einem Nobelpreis für Chemie ausgezeichnet worden war:

It seems appropriate to assign the term ‘Anthropocene’ to the present, in many ways human-dominated, geological epoch, supplementing the Holocene – the warm period of the past 10–12 millennia. The Anthropocene could be said to have started in the latter part of the eighteenth century, when analyses of air trapped in polar ice showed the beginning of growing global concentrations of carbon dioxide and methane. This date also happens to coincide with James Watt’s design of the steam engine in 1784 (Crutzen 2002).

Die anthropogen verursachte Erhöhung von Kohlendioxid und anderen Treibhausgasen wäre demnach ein charakteristisches Kennzeichen des Anthropozän und der Klimawandel zählte zu seinen Kulminationspunkten. Vor Beginn der industriellen Revolution lag die Kohlendioxidkonzentration in der Atmosphäre bei etwa 280 ppm, heute beträgt sie rund 385 ppm. Dieser Anstieg wurde zum weitaus größten Teil durch die Verbrennung fossiler Rohstoffe verursacht. Allein seit Beginn ihrer gezielten Messung im Jahr 1958 stiegt die Kohlendioxidkonzentration um rund 80 ppm (Abb. 1.4).
Abb. 1.4

Entwicklung des CO2-Gehalts der Atmosphäre in ppm seit dem Beginn seiner Messung im Jahr 1958 im Mauna-Loa-Observatorium auf Hawaii. Das Sägezahnmuster der Messergebnisse ist jahreszeitlich bedingt. In den Sommermonaten enthält die Atmosphäre jeweils weniger Kohlendioxid, weil dann mehr davon im Laub von Bäumen und Büschen gespeichert ist. (© Delorme 2015, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Mauna_Loa_CO2_monthly_mean_concentration.svg)

Der vor allem durch den Kohlendioxidanstieg entstandene Treibhauseffekt hat in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts aller Wahrscheinlichkeit nach die mittlere Erwärmung der Erdatmosphäre in Oberflächennähe um 0,8 °C gegenüber der vorindustriellen Zeit herbeigeführt. Das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts war nach Angaben der US-Raumfahrtbehörde NASA wärmer als jedes jemals zuvor dokumentierte. Dass sich die Folgen dieser Erwärmung bereits bemerkbar machen, z. B. durch das Abschmelzen von Gletschern, davon sind viele Wissenschaftler überzeugt: „Die potentiellen Risiken des Klimawandels sind zahlreich, doch keines ist alarmierender als die Umwälzungen des weltweiten Wasserhaushalts. Die Erwärmung der Atmosphäre wird wahrscheinlich sehr viele Ökosysteme des Planeten verändern, die Niederschlagsmuster abwandeln, häufigere und extremere Wetterereignisse verursachen, die Meeresspiegel steigen lassen und Küsten überfluten, die Biodiversität negativ beeinflussen, die Ausbreitung von Infektionskrankheiten begünstigen, mehr hitzebedingte Todesfälle fordern und vieles andere mehr“ (McNeill und Engelke 2013). Aus gutem Grund hat die internationale Klimapolitik es sich deshalb zum Ziel gesetzt, die globale Erwärmung in Relation zur Temperatur zu Beginn der Industrialisierung strikt zu begrenzen – auf höchstens 2, wenn möglich sogar auf 1,5 °C, wie es bei der Weltklimakonferenz in Paris im Dezember 2015 vereinbart wurde. Dieses Ziel wird aber nur dann erreicht werden können, wenn 70 % aller verfügbaren Vorräte an Kohle und ein Drittel der Vorräte an Öl und Gas unter der Erde bleiben und niemals genutzt werden (IPCC 2014).

Der Erderwärmung eine nachhaltige Containment-Politik entgegenzusetzen, ist demnach eine der vordringlichsten Aufgaben der Menschheit im Anthropozän, die Crutzen insgesamt noch weiter fasst: „Unless there is a global catastrophe – a meteorite impact, a world war or a pandemic – mankind will remain a major environmental force for many millennia. A daunting task lies ahead for scientists and engineers to guide society towards environmentally sustainable management during the era of the Anthropocene“ (Crutzen 2002). Als aussichtsreicher und letztendlich unumgänglicher Weg bietet sich in dieser Situation der allmähliche Übergang zu einer Wirtschaftsform an, die auf erneuerbare Energieträger und Rohstoffe setzt. Dazu werden nachwachsende Rohstoffe als energetisch wie stofflich nutzbare Kohlenstoffquellen von zentraler Bedeutung sein und die moderne Bioökonomie begründen. Ressourcenknappheit rechtfertigt diesen Übergang zwar erst mittel- bis langfristig, Klima- und Umweltschutzgründe aber machen ihn kurz- bis mittelfristig erforderlich. Auch wenn die erdölbasierte und die biobasierte Ökonomie voraussichtlich noch viele Jahrzehnte lang parallel als komplementäre Formen der Weltwirtschaft bestehen werden, so wird es doch höchste Zeit, gangbare Wege in nachhaltige Bioökonomien zu ebnen. Die Bioökonomie wird es dabei im Übrigen genauso wenig geben wie die fossil basierte Ökonomie. Beide verkörpern ein Prinzip, das sich in verschiedenen Ländern und Regionen dieser Erde politisch, wirtschaftlich und sozial unterschiedlich ausgeprägt hat bzw. ausprägen wird (Abschn. 1.4).

1.3 Die Ausgangsbedingungen einer wissensbasierten Bioökonomie

Natürlich lässt sich die Uhr nicht zurückdrehen: Mit den vorindustriellen Formen der Bioökonomie werden zukünftige Bioökonomien fast nichts gemein haben. Denn einerseits haben wir es heutzutage mit einer völlig veränderten Ausgangslage und früher unbekannten Herausforderungen zu tun. Andererseits stehen uns dank der Erfahrung und des Wissens, die wir im Lauf der vergangenen 250 Jahre erworben haben, Lösungsoptionen offen, die jenseits der Vorstellungskraft unserer Vorfahren lagen.

Der Treiber hinter dem weiter steigenden Bedarf an Nahrung, Gebrauchsgütern und Energie ist die weiterhin rasch wachsende Zahl der Menschen auf dieser Erde. 1780 lebten zwischen 800 und 900 Mio. Menschen auf der Erde, im Jahr 2030 werden es mit voraussichtlich 8,3 Mrd. etwa zehnmal so viel sein. Wenn die Kinderzahl pro Frau weltweit durchschnittlich auf dem heutigen Niveau bliebe, dann würde die Weltbevölkerung nach Hochrechnungen der Vereinten Nationen am Ende dieses Jahrhunderts 26 Mrd. Menschen umfassen (Abb. 1.5). Um die erste Milliarde zu erreichen, hatte die Menschheit viele Tausend Jahre gebraucht. Anfang des 19. Jahrhunderts war es soweit. Um 1930 hatte sich die Weltbevölkerung auf 2 Mrd. verdoppelt. 1960 überschritt sie die 3-Mrd.-Grenze. 1975, 1987 und 1999 waren die nächsten Milliardenmarken erreicht und im Jahr 2011 lebten 7 Mrd. Menschen auf der Erde. „In der gesamten Geschichte des Lebens auf unserem Planeten hat kein Primat und möglicherweise überhaupt kein anderes Säugetier sich derart frenetisch fortgepflanzt und sein Überleben gesichert“ (McNeill und Engelke 2013).
Abb. 1.5

Bereits geringe Unterschiede der durchschnittlichen Kinderzahl pro Frau werden die zukünftige Entwicklung der Weltbevölkerung erheblich beeinflussen. Bleibt es konstant beim heutigen Durchschnitt von 2,5 Kindern pro Frau, dann werden am Ende dieses Jahrhunderts 26 Mrd. Menschen auf dieser Erde leben. Würde der Durchschnitt auf 2 Kinder pro Frau sinken, dann wären es nur 11,2 Mrd., bei einem Rückgang auf 1,5 Kinder pro Frau sogar nur 7,3 Mrd. (nach Vereinte Nationen, World Population Prospects: The 2015 Revision)

Verändert ist die Ausgangslage der neuen Bioökonomie auch durch das Phänomen der Globalisierung , deren Wurzeln im 19. Jahrhundert liegen, deren Triebe sich aber erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wirklich entfalteten und nach der weltpolitischen Wende von 1989 zu voller Blüte gelangten. Im selben Jahr erfand Tim Berners-Lee die universale Sprache des World Wide Web. Globalisierung bedeutet, dass die Welt prinzipiell allen Menschen offensteht und sie sich auf Märkten begegnen, auf denen grenzüberschreitend ein weltweites Angebot auf eine weltweite Nachfrage trifft, sei es beim Austausch von Arbeitskraft oder Kapital, von Handelsgütern oder von digital vermittelten Informationen. Diese globale Vernetzung bietet große Chancen der wirtschaftlichen Entfaltung, der Wohlstands- und der Wissensmehrung. Sie birgt aber auch große Risiken und macht die Welt verwundbarer als früher, wie beispielsweise das Entstehen der Weltfinanzkrise im Jahr 2008 zeigte, in deren Kontext auch deutlich wurde, wie stark die Preise von Rohstoffen und Agrarprodukten von den Mechanismen der Spekulation auf den Finanzmärkten abhängen.

Kompliziert wird, so anachronistisch das klingen mag, die Verwirklichung neuer Ansätze der Bioökonomie dadurch, dass wir heute – im Gegensatz zur Bioökonomie unserer Vorväter – doch mehrheitlich in demokratisch verfassten Staaten leben, in denen Veränderung nicht von oben verordnet werden kann, sondern die politische Gestaltung vom Volk ausgeht und deshalb um Zustimmung in partizipatorischen Prozessen geworben werden muss. Den Weg in eine Bioökonomie erfolgreich einzuschlagen, erfordert deshalb einen intensiven Diskurs um den Ausgleich oft stark divergierender Interessen.

Auch auf multinationaler Ebene ist die Komplexität politischer Willensbildungs- und Gestaltungsmöglichkeiten enorm. Jedoch haben sich dort, geprägt von den fürchterlichen Erfahrungen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, Institutionen und Verfahrensweisen etabliert, deren Bedeutung für die globale Friedensstiftung und Konsensfindung nicht unterschätzt werden darf, auch wenn ihre Mühlen oft noch so langsam zu mahlen scheinen. Das gilt insbesondere auch für die Umweltpolitik , die die Vereinten Nationen überhaupt erst auf die Agenda gesetzt und international salonfähig gemacht haben. Im Sommer 1972 beriefen sie die erste Weltumweltkonferenz nach Stockholm ein, die den Impuls zur Gründung des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) gab. Diese Konferenz gilt als der erste Meilenstein auf dem Weg zu einer globalen nachhaltigen Entwicklung. Als sustainable development wurde dieses Konzept in dem Bericht Our common future begrifflich geprägt, den die 1983 gegründete UN-Weltkommission für Umwelt und Entwicklung unter dem Vorsitz der norwegischen Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtlandt 1987 veröffentlichte. Er bildete eine Grundlage der Weltumweltkonferenz von Rio de Janeiro 1992 und der dort beschlossenen Agenda 21, die seither als Kompass der Nachhaltigkeit gilt und den Dreiklang von ökonomischen, ökologischen und sozialen Faktoren im Konzept der Nachhaltigkeit betont.

Dass umweltpolitische Konferenzen über Absichtserklärungen hinausgehen und nachhaltig positive Wirkungen entfalten können, zeigt das Montreal-Protokoll , das 1987 unterzeichnet wurde. Es war die schnelle politische Reaktion auf die zwei Jahre vorher erfolgte Entdeckung einer Ausdünnung riesigen Ausmaßes der stratosphärischen Ozonschicht über dem Südpol. Der ozonzerstörende Einfluss von Fluorchlorkohlenwasserstoffen (FCKW), die vor allem als Kältemittel und Treibgase in Spraydosen weltweit im Einsatz waren, hatte sich allerdings schon seit Mitte der 1970er-Jahre experimentell angedeutet, war aber zunächst bestritten oder heruntergespielt worden. Die Entdeckung des Ozonlochs zwang die Staatengemeinschaft zum Handeln. Im Montreal-Protokoll, das 1989 in Kraft trat, verpflichteten sich die Unterzeichnerstaaten völkerrechtsverbindlich auf ein schrittweise umzusetzendes Verbot der Herstellung von FCKW und anderen ozonschädigenden Substanzen. Seitdem beginnt sich die Ozonschicht allmählich zu erholen. Auch der Klimawandel ist erst durch die Arbeit internationaler Gremien in das Zentrum öffentlicher Aufmerksamkeit gerückt, allen voran durch den Zwischenstaatlichen Ausschuss für Klimaänderungen (Intergovernmental Panel on Climate Change, IPCC), der 1988 vom UNEP und der Weltorganisation für Meteorologie gemeinsam gegründet worden war.

Aus der in Rio beschlossenen Agenda 21 leiten sich auch die Sustainable Development Goals der Vereinten Nationen ab, die aus den im Jahr 2000 formulierten Millenium Goals hervorgingen und im Herbst 2015 verabschiedet wurden. Viele dieser 17 Nachhaltigkeitsziele sind unmittelbar mit den Herausforderungen einer nachhaltigen Bioökonomie verbunden (Kap.  9). Dazu gehören nicht nur der Kampf gegen Armut, Hunger und Klimawandel und für Gesundheit, sondern auch der Schutz natürlicher Ressourcen und die verantwortliche Produktion und Konsumption von Gütern. Auch Themen wie Ausbildung und Gleichberechtigung spielen dabei sehr wichtige Rollen.

Mögen die Verhandlungen bei internationalen Konferenzen, die sich mit drängenden Problemen nachhaltiger Entwicklung beschäftigen, auch noch so zäh verlaufen, so können die Diplomaten doch auf eine Fülle von Lösungsoptionen zurückgreifen, die wissenschaftlich fundiert und an eine besser denn je gebildete Menschheit vermittelbar sind. In einer dynamischen Wechselwirkung mit der Erschließung fossiler Rohstoffquellen und dem wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fortschritt hat sich nämlich seit Beginn des 19. Jahrhunderts, ausgehend von Europa und Nordamerika und später immer weitere Teile der Welt einbeziehend, eine Vermehrung und Vertiefung des Wissens vollzogen, die der Menschheit einen immensen Handlungsspielraum eröffnen. Das fängt mit den Errungenschaften der Alphabetisierung an – vor der industriellen Revolution konnten die wenigsten Menschen lesen und schreiben – und führt bis zur Digitalisierung und den daraus entstehenden Optionen. Die Mathematik und die Naturwissenschaften hatten ihre exakten und experimentellen Grundlagen zwar schon im 17. und 18. Jahrhundert gelegt, traten ihren Siegeszug aber erst im 19. Jahrhundert an. Als Antwort auf die Herausforderung durch die Natur- und Technikwissenschaften entstanden die modernen Geistes- und Sozialwissenschaften (Marquard 2015). Sie bieten Orientierung in einer unübersichtlicher werdenden Welt und zeigen deren anthropologisch, psychologisch und soziologisch bedingte Funktionsweisen auf. Unterstützt von ihnen lernte die Medizin, aufbauend auf den Erkenntnissen von Physik, Chemie und Biologie, physiologische und pathologische Prozesse immer besser zu verstehen und Krankheit und Tod zurückzudrängen. Die Wirtschaftswissenschaften entwickelten mithilfe mathematischer Methoden Modelle ökonomischen Handelns, die sich, wie später etwa in der Spieltheorie, auch zur Analyse und Planung politischer Vorgänge einsetzen ließen.

Von der Erfindung der Elektrizität bis zum Standardmodell der Teilchenphysik, von der Harnstoffsynthese bis zu umweltfreundlichen Katalysen, von der Evolutionstheorie bis zur Erfindung der Gentechnik und der Entschlüsselung des Humangenoms, von der ersten Anästhesie über die Antibiotika bis zur Magnetresonanztomographie, von der Eisenbahn über das Auto bis zum Weltraumsatelliten, von der Rechenmaschine über den Computer bis zum Internet der Dinge: Atemberaubend weit und nicht annähernd umfassend anzudeuten spannt sich der Bogen des naturwissenschaftlichen Erkenntnisgewinns, der es der Menschheit in relativ kurzer Zeit erlaubte, Technologien zu entwickeln, mit der sie die Welt tiefgreifend verändert hat – ein Erkenntnisgewinn, der ihr, zusammen mit den Einsichten aus den Geistes-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften, zugutekommen kann, wenn es gilt, den Weg in eine zukünftige Bioökonomie einzuschlagen.

Denn die Revolution des Wissens hat dazu geführt, dass der Menschheit heute Technologien zu Gebote stehen, die Auswege aus nicht nachhaltigen Sackgassen eröffnen, etwa im Bereich der Erzeugung und Anwendung von Energie aus regenerativen Quellen. Die Bioökonomien der Zukunft werden deshalb wissensbasiert sein. Politik und Gesellschaft werden sich zur Implementierung einer nachhaltigen Bioökonomie mit allen Feldern der Wissenschaften und der Praxis auseinandersetzen müssen. Eine isolierte Betrachtung des notwendigen Wandels aus nur einer oder wenigen Perspektiven kann der Komplexität moderner Gesellschafts- und Wirtschaftssysteme nicht mehr gerecht werden. So ist Bioökonomie eine notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung für die Entwicklung eines nachhaltigen Wirtschaftssystems. Hinzu kommen komplementär und parallel Bereiche, deren Nachhaltigkeit auf nichtbiologiebasierten Ansätzen beruht, etwa auf dem Gebiet der Elektromobilität .

1.4 Ausgangspunkte nationaler Bioökonomiestrategien

Vor diesem Hintergrund haben schon mehr als 40 Staaten der Erde Pläne für eine stärkere Berücksichtigung bioökonomischer Prinzipien oder gar nationale Bioökonomiestrategien entwickelt (Abb. 1.6). Alle bekennen sich zu einer nachhaltigen Nutzung biologischer Systeme. Überdies verstehen sie die Bioökonomie als eine große Chance, zentrale Probleme ihrer wirtschaftlichen Entwicklung auf innovativen Wegen anzugehen. Allerdings sind sowohl die Definition, welche Bereiche zur Bioökonomie zählen, als auch die auf dem jeweiligen bioökonomischen Weg verfolgten Ziele sehr unterschiedlich. Das ist eine Konsequenz der unterschiedlichen Herausforderungen und Möglichkeiten in den einzelnen Ländern (Regionalisierung der Bioökonomie).
Abb. 1.6

Weltweit gewinnen Bioökonomiestrategien zunehmend an Bedeutung, wie das Team der Geschäftsstelle des deutschen Bioökonomierates hier beim ersten Global Bioeconomy Summit zeigt, der im November 2015 in Berlin stattfand. (© Bioökonomierat)

Während einige Staaten sehr breite Bioökonomiestrategien formuliert haben, die nicht nur regionale Probleme adressieren, sondern sich auch auf globale Themenfelder beziehen, sind andere sehr viel spezifischer in Bezug auf konkrete Zielsetzungen des eigenen Landes auf Basis der dort vorhandenen natürlichen und naturräumlichen Ressourcen angelegt. Einige Staaten sehen generell die Biowissenschaften als die Basis der Bioökonomie an und legen deshalb auch großes Gewicht auf Anwendungen der Biotechnologie im Gesundheitssektor. Dazu gehören etwa die USA, Indien, Südafrika und Südkorea. Andere Staaten bzw. Staatengemeinschaften klammern die medizinische Biotechnologie dagegen bewusst aus und fokussieren ihre Strategie auf die agrarische Produktion, die Bereitstellung von Nahrungs- und Futtermitteln und die Ablösung fossilbasierter durch nachwachsende Rohstoffe. Dazu gehört in erster Linie die Europäische Union (EU), die politisch zu den Pionieren der Bioökonomie zählt. Schon 2005 präsentierte ihr Kommissar für Forschung, Wissenschaft und Innovation das Konzept einer wissensbasierten Bioökonomie, das unter deutscher EU-Präsidentschaft 2007 beim Gipfeltreffen in Köln verabschiedet wurde. Dabei spielten neben nationalen und europäischen Interessen Aspekte der Verantwortung für weltweite Probleme wie Ernährungssicherung und nachhaltige Entwicklung von Anfang an eine wichtige Rolle. Wichtige Impulse gab in der Folge das 2009 unter dem Titel The Bioeconomy to 2030: Designing a Policy Agenda veröffentlichte Strategiepapier der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD).

Nirgendwo entwickelt sich die Bioökonomie also von Null, sondern überall von einem Ausgangspunkt aus, der von der Rohstoffbasis , der volkswirtschaftlichen Spezialisierung und dem Entwicklungsstand und -pfad des jeweiligen Landes abhängt. Man kann die unterschiedlichen nationalen Motivationslagen, Bioökonomiestrategien zu verfolgen, aus wirtschaftlicher Sicht in vier Kategorien unterteilen (German Bioeconomy Council 2015a, 2015b):
  • ■ In einem Land herrscht strukturelle Nahrungsmittelknappheit. Die Bioökonomie wird primär als Weg zur effektiveren Produktion von Nahrungs- und Futtermitteln gesehen, der in erster Linie der Ernährungssicherung (food security ) zu dienen hat. Das ist z. B. in Tansania der Fall. Mit seinen knapp 50 Mio. Einwohnern gehört das ostafrikanische Land zu den ärmsten Ländern der Welt. Mehr als drei Viertel der arbeitenden Bevölkerung sind in der Landwirtschaft beschäftigt. Die tansanische National Biotechnology Policy von 2010, die sich aus der fünf Jahre zuvor formulierten Strategy for growth and reduction of poverty ableitet, nimmt deshalb vor allem den Agrarsektor in den Blick. Ihr Hauptziel ist es, die Ernährungssicherung zu fördern und sicherzustellen, dass das Land sich selbst mit Lebensmitteln versorgen kann und nicht von teuren Importen abhängig ist. Die Einführung moderner Nahrungsmitteltechnologien und die Entwicklung von Lebensmitteln, die den lokalen Bedingungen und Bedürfnissen angepasst sind, sind zentrale Bestandteile dieser Strategie. Eine bedeutende Rolle der Biotechnologie wird aber auch in einer Verbesserung der Gesundheitsversorgung, z. B. durch Impfstoffe, und in einer Bewahrung der Biodiversität gesehen. Einen vergleichbar starken Fokus auf die Ernährungssicherung legen Länder wie Kenia, Mosambik, Paraguay und Uganda.

  • ■ Ein Land verfügt über ein großes und fast unerschöpfliches Ausmaß natürlicher Ressourcen, die es bisher nicht effizient genug verwertet hat. Die Bioökonomie wird als Weg zur Etablierung neuer Biomasse-Wertschöpfungsketten verstanden, die die Rohstoffe des primären Sektors gewinnbringend mit nachgeschalteten Sektoren verknüpft, um so das Bruttosozialprodukt zu erhöhen. Das ist z. B. in Finnland der Fall. Fast drei Viertel der Fläche des Landes – das entspricht etwa 23 Mio. ha – sind mit Wald bedeckt. Folglich steht die Forstwirtschaft im Zentrum der 2014 veröffentlichten Finnish Bioeconomy Strategy – Sustainable growth from bioeconomy (Albrecht und Ettling 2014). Die Stärkung des Holzmarktes und ein diversifiziertes Angebot von Holzprodukten sollen zum Wohlstand und zur Wettbewerbsfähigkeit Finnlands beitragen. Auch holzbasierte Treibstoffe gewinnen dort an Bedeutung. Die wertsteigernde Verknüpfung der Biomasseproduktion mit den Möglichkeiten der industriellen Biotechnologie wird betont. Die finnische Expertise im Bereich der Biotechnologie soll darüber hinaus der Gesundheitswirtschaft zugutekommen. Die finnische Strategie unterstreicht auch die Bedeutung von sauberem Wasser als kritische Ressource der Bioökonomie. Zu den Ländern, die ein großes Biomasseangebot zum Ausgangspunkt ihrer Bioökonomiestrategien machen, zählen z. B. auch Argentinien, Brasilien und Russland.

  • ■ Ein Land beheimatet vielfältige und große Industrien, die auf genügend Rohstoffe angewiesen sind. Angesichts der absehbaren Verknappung fossiler Rohstoffe ist es sein Interesse, sich durch die Bioökonomie neue Rohstoffquellen für seine Industrien zu erschließen. Auf diesem Weg kann es gleichzeitig das inländisch vorhandene Wissen und Know-how optimal nutzen. Das ist z. B. in Deutschland der Fall. So hat etwa sein bevölkerungs- und industriereichstes Bundesland Nordrhein-Westfalen seine Bioökonomiestrategie auf einer Potenzialstudie aufgebaut, die von den Leitfragen ausging: Welche Industrien haben wir heute? Welche Ressourcen brauchen sie? Wie können wir das durch Bioökonomie adressieren? Bundesweit widmen sich die Nationale Forschungsstrategie Bioökonomie von 2010 und die Nationale Politikstrategie Bioökonomie von 2013 dem Thema mit hohem Anspruch in umfassender Form. So formuliert die Forschungsstrategie als ihre fünf hauptsächlichen Handlungsfelder: weltweite Ernährung sichern, Agrarproduktion nachhaltig gestalten, gesunde und sichere Lebensmittel produzieren, nachwachsende Rohstoffe industriell nutzen, Energieträger auf Basis von Biomasse ausbauen. Bereits 2009 konstituierte sich als unabhängiges politikberatendes Gremium der Bioökonomierat , der im November 2015 in Berlin den ersten Global Bioeconomy Summit organisierte. Länder, deren bioökonomische Ausgangsbasis eines potenziellen Rohstoffmangels der deutschen vergleichbar ist, sind z. B. Japan und die USA.

  • ■ Ein Land hat sich in den vergangenen Jahrzehnten so gut entwickelt, dass es kurz vor oder bereits auf der Schwelle zum Industrieland steht. Es verfügt sowohl über viele natürliche Ressourcen als auch über ein erhebliches Hightech-Potenzial. Die effektive technologische Nutzung biologischer Systeme in der Bioökonomie wird deshalb primär als Mittel zum „Sprung über die Schwelle“ gesehen. Das ist z. B. in Malaysia der Fall. Das Land ist reich an Bodenschätzen und an Biomasse. Es hat im Laufe des vergangenen Vierteljahrhunderts einen schnellen wirtschaftlichen Aufschwung genommen und gehört zu den politisch stabilsten Ländern Südostasiens, unter denen es die Pionierrolle bei der Formulierung einer ganzheitlichen Bioökonomiestrategie einnimmt (Abb. 1.7). Malaysia betrachtet, wie seine Regierung bereits in ihrer 2005 verabschiedeten National Biotechnology Policy betonte, die Biotechnologie als einen Haupttreiber seines künftigen Wachstums, mit dessen Hilfe es hofft, bis 2020 zu einer wissensbasierten Wirtschaft zu werden. In diesem Zusammenhang wurde 2012 ein Bioeconomy Transformation Programme veröffentlicht, flankiert von der 2013 novellierten National Biomass Strategy 2020. Sie hebt auf die industrielle Wertschöpfung ab, die mit agrarischer Biomasse (vor allem Palmöl) und deren Reststoffen möglich ist und konzentriert sich damit darauf, Technologien zu fördern, die aus den biologischen Ressourcen des Landes einen höheren Mehrwert als bisher generieren. Vergleichbare Ausgangspositionen und Motivationen auf dem Weg in eine Bioökonomie, die sie als Schlüssel zu ihrer Industrialisierung begreifen, haben z. B. Thailand, Südafrika und Indien. Für solche Schwellenländer – zu denen etwa auch Peru zählt – bietet die Bioökonomie gleichzeitig eine Chance, die wirtschaftliche Lage der ländlichen Bevölkerung zu verbessern und damit die Landflucht und das Anschwellen von Megastädten abzuschwächen.
    Abb. 1.7

    Mit der technologischen Nutzung biologischer Systeme setzt Malaysia (hier ein Blick auf seine Hauptstadt Kuala Lumpur) zum Sprung über die Schwelle zur Industrienation an. Als erstes Land Südostasiens formulierte es eine dedizierte Bioökonomiestrategie. (© Paulista/Fotolia)

Die unterschiedlichen Ausgangspunkte nationaler Bioökonomiestrategien sollten jedoch nicht den Blick darauf verstellen, dass alle national verfolgten Ziele sich letzten Endes an dem übergeordneten globalen Ziel der Nachhaltigkeit und damit der UN-Nachhaltigkeitsziele orientieren müssen. Das Abschlusscommuniqué des ersten Global Bioeconomy Summit weist in diesem Zusammenhang auf fünf Eckpfeiler hin, die für die Errichtung einer nachhaltigen Bioökonomie unerlässlich sind (El-Chichakli et al. 2016):

  1. 1.

    Internationale Zusammenarbeit zwischen Regierungen und öffentlich und privat finanzierter Forschung zur Optimierung der Ressourcennutzung und zum Wissensaustausch,

     
  2. 2.

    Festlegung international abgestimmter Kriterien zur Evaluation des Fortschritts der Bioökonomie, die in nationale Kriterien heruntergebrochen werden,

     
  3. 3.

    Stärkere Vernetzung der Bioökonomie mit multilateralen Prozessen der internationalen Politik im Zusammenhang mit den UN-Nachhaltigkeitszielen, den Zielen der Weltklimakonferenz und internationalen Biodiversitätsabkommen,

     
  4. 4.

    Aus- und Weiterbildung als Schlüsselkomponente der nachhaltigen Produktion und Entwicklung von biobasierten Produkten erfordert international abgestimmte Curricula,

     
  5. 5.

    Etablierung und Förderung gezielt ausgewählter Forschungs- und Entwicklungsprogramme für eine nachhaltige Bioökonomie.

     

Literatur

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Copyright information

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2017

Authors and Affiliations

  • Joachim Pietzsch
    • 1
  • Ulrich Schurr
    • 2
  1. 1.Frankfurt/MainDeutschland
  2. 2.Institut für PflanzenwissenschaftenForschungszentrum JülichJülichDeutschland

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