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Dekonstruktionen von Lust, Diskurs und Film

  • Joachim Küchenhoff

Zusammenfassung

Lars von Triers Filme Nymphomaniac I &II haben ein sehr kontroverses Echo gefunden. Vor allem die detaillierten und häufigen Sexszenen sind unterschiedlich bewertet worden. Aber auch die Ästhetik und die weitgespannten Gesprächsinhalte sind mal gefeiert, mal kritisiert worden. Die hier vorgelegte Deutung geht von einer verborgenen Symmetrie zwischen den beiden Protagonisten des Films aus, deren nächtliches Gespräch den Rahmen für die Stationen der Sexbiografie der Frau (Joe) bilden: Ihrer sog. nymphomanen Suche nach der unmittelbaren Lust, die sie nicht finden kann, antwortet und entspricht seine (Seligmanns) versatzstückartige Reflexion quer durch die Kulturgeschichte, die zu nichts führt und die hier »Discursivomanie« genannt werden soll, um die Entsprechung beider Positionen zu charakterisieren. Beiden fehlt die Vermittlung zwischen der unmittelbaren realen Erfahrung und der symbolischen Erfassung der Wirklichkeit, die im Gefühl, der Fantasie, im Imaginären liegen würde und deren Fehlen unweigerlich Gewalt erzeugt. Der Film dekonstruiert die Suche nach der reinen Begierde, er dekonstruiert zugleich die empathieferne Diskursivität des Denkens, schließlich aber hinterfragt er sich auch selbst: Der Film steht nicht über dem Dilemma, das er aufzeigt, sondern ist in ihm verstrickt. Ihn zu sehen vermittelt keine Lust, stellenweise hingegen tut er dem Zuschauer Gewalt an, er ist »jenseits des Lustprinzips«.

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Copyright information

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2017

Authors and Affiliations

  • Joachim Küchenhoff
    • 1
  1. 1.LiestalSchweiz

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