Trauma und Tabu im Wien der Nachkriegszeit

  • Marlen Bidwell-Steiner

Zusammenfassung

Liliana Cavanis Nachtportier verknüpft eine sadomasochistische Liebesgeschichte mit den Traumata des Konzentrationslagers, was dem Film den zweifelhaften Ruf eines Prototyps der sogenannten Sadiconazista-Strömung eintrug. Doch wie meine psychoanalytische Lesart offenlegt, geht es der Regisseurin nicht um Sensationslust, sondern um eine radikale Engführung pervertierter Körperpolitiken in der (Nazi-)Diktatur mit individueller Regression in Form einer Folie à deux zwischen einer ehemaligen Lagerinsassin und ihrem Peiniger, die schließlich zum Tod führt. Dass die Szenen gewaltvoller sexueller Handlungen von Begehren und bestechender Ästhetik durchdrungen sind, wirft die Zuschauerinnen und Zuschauer in eine Ambivalenz zwischen Ablehnung und Attraktion. Diese verdeutlicht die Gefahr verdrängter Anteile der faschistischen Vergangenheit, was durch intermediale Anspielungen auf die Aufklärungsmetaphorik von Mozarts »Zauberflöte« zusätzlich untermauert wird.

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Copyright information

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2017

Authors and Affiliations

  • Marlen Bidwell-Steiner
    • 1
  1. 1.Institut für RomanistikUniversität WienWienÖsterreich

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