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Empathie in digitalen Zeiten

  • Peter Michael BakEmail author
Chapter

Zusammenfassung

Wieder so ein Missverständnis. Lotte meint aus den Nachrichten, die Peter ihr schickt, ablesen zu können, wie er gerade denkt und fühlt, also „drauf ist“. Sie hat heute frei, bleibt zu Hause und hat irgendwie das Bedürfnis, mit Peter zu kommunizieren. Peter dagegen muss arbeiten und ist gerade ziemlich beschäftigt. Ein Meeting jagt das nächste. Zwar hat er sein Smartphone dabei, doch schaut er nur unregelmäßig darauf, weil andere Themen bei ihm im Fokus stehen. Auch kann er sich nicht viel Zeit zum Antworten nehmen, da es ihm unangenehm ist, wenn er mitten im Meeting und für alle sichtbar auf seinem Smartphone tippt. Alles das bekommt Lotte nicht mit. Sie deutet daher seine Antworten vor dem Hintergrund ihres eigenen aktuellen Zustands. Sie denkt: Wenn Peter so wenig schreibt, dann hat er offenbar keine Lust, mit mir zu reden! Warum nur? Ist er sauer auf mich? Mit anderen Worten, Lotte ist Peter gegenüber wenig empathisch. Allerdings wird ihr das auch schwer gemacht. Sie hat ja nur die wenigen Wörter und mehr nicht, worauf sie ihre Interpretation stützen kann. Hier wird sofort ersichtlich, wie schwer es ist, die Bedeutung einer Botschaft zu dechiffrieren, ohne den Kontext zu kennen, in dem die Botschaft verfasst wurde, und ohne Anhaltspunkte zu haben, in welchem Zustand der Sender wohl war, als er die Nachricht versandt hat. Wenn Lotte Peter sehen oder wenigstens seine Stimme hören könnte, wäre das schon eine andere Situation. Dann könnte sie an seiner Stimme bzw. Gestik vielleicht besser ablesen, wie seine Nachrichten in Wirklichkeit gemeint sind. Doch das kann sie nicht. Und daher gibt es auch keine Interpretationshilfen. Sie kann gar nicht empathisch sein, da sie keine Ahnung hat, in welcher Situation Peter steckt. Dieses Beispiel zeigt, dass erfolgreiche Kommunikation natürlich sehr viel mehr ist, als nur Wörter miteinander zu wechseln. Kommunikation ist ein im wahrsten Sinne des Wortes sinnliches Erleben.

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© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2016

Authors and Affiliations

  1. 1.Hochschule FreseniusKölnDeutschland

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