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Die Verbesserung des Willens der Völker zur Einhaltung des Völkerrechtes

  • Rudolf Blühdorn

Zusammenfassung

Wir haben bereits öfters auf den großen Einfluß hinweisen müssen, den die geistige Einstellung der Menschen und Völker auf ihr Verhalten ausübt. Wir können daher wohl auf Verständnis rechnen, wenn wir feststellen, daß die Frage der Verbesserung der Rechtsbeziehungen zwischen den Völkern auch, um nicht zu sagen: in erster Linie, eine solche der Verbesserung der geistigen Einstellung der Völker, auf deren Willen das Völkerrecht allein beruht, zum Völkerrechte ist.1 Diese Verbesserung muß in zweifacher Richtung erfolgen: in positiver Richtung, indem wir die Völker von den Vorteilen der Anwendung des Völkerrechtes zu überzeugen trachten; in negativer Richtung, indem wir nachzuweisen versuchen, daß die Gewalt, der Krieg, nicht geeignet sind, den von den Völkern gewünschten Zweck zu erreichen.

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Literatur

  1. 1.
    Die Wichtigkeit der psychologischen Einstellung der Völker für eine friedliche Regelung aller ihrer Beziehungen zueinander ist seit langem wohlbekannt; siehe z. B. Y. de la B r i è r e: L’aspect juridique du désarmement moral, R. G. 1933/129. „Die moralische Abrüstung ist nichts anderes als die psychologische Einstellung, die bei den Regierungen und den Regierten der größtmöglichen Anzahl von Völkern herrschen soll, und es sich zum Ziele setzt, alles auszuschließen, was zu einem gewollten oder provozierten Kriege hinneigen würde. Diese psychologische Einstellung ist daher dem Geiste des Hasses und der Abneigung von Volk zu Volk entgegengesetzt; entgegengesetzt der Absicht zur Einschüchterung, zur Gewalt oder zur List, zur Macht der Waffen zu greifen, um die Streitigkeiten, die mit diesen oder jenen Mächten ausbrechen könnten, zu entscheiden“, ferner: B a b c o c k: Introduction à l’étude sur le désarmement et l’opinion internationale, Paris 1932. Schon die Resolution XVI der Völkerbundversammlung vom 27. September 1922 erklärte, daß „die moralische Abrüstung eine essentielle Vorbedingung der materiellen Abrüstung” ist; siehe nunmehr den Entwurf eines Kollektivvertrages vom 17. November 1933, vorgeschlagen vom Comité für die moralische Abrüstung der Abrüstungskonferenz, Conf. D./C. D. M./36. — Was helfen den Völkern die zahlreichen, mit allen Errungenschaften der modernen Rechtstechnik ausgestatteten Vergleichs- und Schiedsgerichtsverträge, wenn sie sie nicht anwenden wolle n. Das Völkerrecht bedarf weniger neuer Maßnahmen als neuer Menschen: men, not measures.Google Scholar
  2. 1.
    Von allen Lebewesen der Erde ist der Mensch das einzige, das vermöge seiner Verstandeskräfte in der Lage wäre, den allen Kreaturen aufgezwungenen Kampf ums Leben für seine Gattung aufzuheben. Der Mensch kann nämlich einerseits die Erzeugung von Lebensmitteln und die Herstellung von Bekleidungsstücken fast beliebig erhöhen, andererseits kann er die Vermehrung seiner Gattung künstlich regeln. Sein Verstand würde ihn daher in den Stand setzen, für seine Lebensnotwendigkeiten ausreichend zu sorgen. Trotzdem kommt wohl bei keinem anderen hochorganisierten Lebewesen ein solcher wilder Kampf ums Dasein, der sich bis zum Kampfe aller gegen alle steigert, vor, als gerade beim Menschen. Diese Tatsache läßt sich nur erklären, wenn wir annehmen, daß die tierischen Triebe im Menschen noch viel, viel stärker sind, als wir es uns eingestehen wollen, daß daher unser Verstand gegen die Äußerungen dieser Triebe derzeit wenigstens noch ziemlich machtlos ist.Google Scholar
  3. 2.
    Huber, 5.100: „Wenn wir auch nicht wissen können, welcher Wandlungen die menschliche Psyche in fernen Äonen fähig ist, so haben wir für alle übersehbaren Zeiten mit dem Kampfe, der schließlich immer zur Vernichtung des Unterliegenden führen kann, als einem feststehenden Prinzip alles sozialen Geschehens zu rechnen.“Google Scholar
  4. 1.
    Unter Reaktionszeit versteht man die Zeitspanne zwischen einem Reiz und der bewußten Reaktion des Menschen auf diesen Reiz. Diese Spanne beträgt je nach dem Individuum um ein zehntel Sekunde herum. Es gibt aber auch eine Art geistige Reaktionszeit: die Zeit zwischen der ersten geistigen Wahrnehmung einer Lage und dem Momente, in welchem der Mensch diese Lage vollkommen erfaßt hat. Die Erfahrung lehrt uns, daß dieser Moment erst dann einzutreten pflegt, bis dem Menschen die richtige Erkenntnis der Lage, populär gesprochen, in Fleisch und Blut übergegangen ist, so daß er ganz unbewußt die in dieser Lage erforderlichen Entschlüsse zu fassen imstande ist, wenn also fachtechnisch gesprochen, diese Erkenntnis in sein Unterbewußtsein vorgedrungen ist. Dies dauert oft Monate, ja Jahre. Daher erklärt es sich, warum es oft so lange währt, bis die Völker eine neue Lage richtig aufgefaßt haben. Wer z. B. in der Nachkriegszeit als Österreicher in Italien gereist ist, hat feststellen können, daß die Mehrzahl der Vorkriegsitaliener die Zertrümmerung der öst.-ung. Monarchie nicht zur Kenntnis genommen hat; in ihrem Unterbewußtsein lebt noch das alte Kaisertum Österreich und beeinflußt ihre Einstellung zur Republik Österreich. Man muß daher annehmen, daß es noch ziemlich lange dauern wird, bis die Völker sich dessen voll bewußt geworden sein werden, daß ein moderner Krieg mit den früheren Kriegen, ja sogar mit dem Weltkriege wohl nicht viel mehr als den Namen gemeinsam hat, und daß es keine Phrase ist, wenn man feststellt, daß der nächste Krieg den Untergang der heutigen Zivilisation bedeuten würde. (Siehe auch die Ausführungen zu § 2 [2] e.)Google Scholar
  5. 2.
    Man darf dabei nicht nur an solche Fälle denken, in denen der Konflikt schon offen ausgebrochen war und der Krieg in der letzten Minute verhütet worden ist, wie z. B. im griechisch-bulgarischen Streite 1925. Viel wichtiger ist die Tatsache, daß die Regierungen von Anfang an ihre Handlungen so einrichten, daß es äußerlich überhaupt nicht zu einem den Frieden bedrohenden Konflikte kommt.Google Scholar
  6. 1.
    Den Unterschied zwischen alter und neuer Diplomatie illustriert köstlich folgende Geschichte Paul Morands. Als er als Botschaftsattaché seinen Chef Paul C a m b o n um einen Urlaub bat, um die irische Revolution an Ort und Stelle zu studieren, meinte dieser: „Eine Studienreise? Sie gehören wohl zu der neuen Generation von Attachés, die Verträge unterzeichnen will?“Google Scholar
  7. 2.
    Ein Europäer, der die Digesten von Moore liest, wird von einem gewissen Neide gegenüber der völkerrechtlich so oft eingehend begründeten Noten der amerikanischen Regierung erfaßt. Wenn ein ähnliches Werk bisher in keinem anderen Lande herausgegeben wurde, so ist dies nicht nur darauf zurückzuführen, daß den anderen Ländern eine Persönlichkeit wie Moore fehlt. Es fehlt leider in diesen Ländern auch zumeist das entsprechende Material, das veröffentlicht werden könnte. Neuerlich hat Sm i t h (Great Britain and the Law of Nations, 1932) den sehr verdienstvollen Versuch unternommen, einen „englischen“ Moore herauszugeben.Google Scholar
  8. 1.
    Um diese Scheu zu bannen, ist auch vorgeschlagen worden, die konkreten Streitfragen nicht durch eine förmliche Klage vor das Gericht zu bringen, sondern beide Regierungen sollten an das Gericht mit dem Ersuchen herantreten, eine Äußerung dahin abzugeben, welche Regeln des Völkerrechtes auf den Streitfall anzuwenden sind. Das Gericht sollte sein Gutachten abgeben, ohne daß Schriftsätze gewechselt oder mündliche Verhandlungen abgehalten worden wären.Google Scholar
  9. 1.
    Selbst vertraglich ausdrücklich vorgesehene Möglichkeiten schiedsgerichtlicher Lösungen für konkrete Fragenkomplexe werden in der Praxis oft nicht ausgenützt. So sollten nach dem ÏYbereinkommen, betreffend die Staatsbürgerschaft, abgeschlossen in Rom am 6. April 1922, zwischen Österreich, Ungarn, Italien, Polen, Rumänien, Jugoslawien und der Tschechoslowakei internationale Kommissionen die strittigen Fälle des Erwerbes der Staatsangehörigkeit nach den Bestimmungen der Verträge von St. Germain und Trianon entscheiden. Obwohl Österreich, Italien und Polen dieses Übereinkommen ratifiziert haben, sind diese Kommissionen nie angerufen worden.Google Scholar
  10. 2.
    Siehe die Ausführungen von R e n a u l t auf der zweiten Haager Friedenskonferenz 1907 (Actes et Documents I1/67).Google Scholar

Copyright information

© Springer-Verlag Wien 1934

Authors and Affiliations

  • Rudolf Blühdorn
    • 1
  1. 1.WienÖsterreich

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