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Die „Begriffsjurisprudenz“ des 19. Jahrhunderts

  • Karl Larenz
Chapter
Part of the Enzyklopädie der Rechts- und Staatswissenschaft book series (ENZYKLOPÄDIE)

Zusammenfassung

Der Systemgedanke war in der Rechtswissenschaft ein Erbe der Naturrechtslehre. Er war aber auch tief begründet in der Philosophie des deutschen Idealismus. Fichte, Schelling hatten versucht, die Welt gleichsam aus einem Punkte, einem letzten, „transzendentalen“ Grunde zu konstruieren, d. h. nachdenkend zu begreifen. Hegel hatte es unternommen, das „Wahre“ als das „Ganze“, d.h. als die in sich kreisende, den Gegensatz ebenso einschließende wie in sich aufhebende Bewegung des „konkreten“ Begriffs darzustellen. In der Vorrede zur Rechtsphilosophie steht das Wort von der „Architektonik der Vernünftigkeit“ des Staates, als der „reichen Gliederung des Sittlichen in sich“. Das „System“ bedeutete hier also weit mehr als nur die Übersichtlichkeit und leichtere Beherrschbarkeit des Stoffes; es bedeutete die einzig mögliche Weise, in der sich der erkennende Geist der Wahrheit zu versichern vermag: Kriterium der inneren „Vernünftigkeit“, unerläßliche Anforderung echter Wissenschaftlichkeit. Deshalb betonte Savigny, der insoweit von der Philosophie seiner Zeit nicht unberührt war, von Anfang an, neben dem „historischen“ Charakter der Rechtswissenschaft und mit gleichem Gewicht, ihren „philosophischen“ oder systematischen Charakter. Fast alle bedeutenden deutschen Juristen des 19. Jahrhunderts sind ihm in der hohen Einschätzung des Wertes des wissenschaftlichen Systems gefolgt. Den Stoff entnahmen sie in der Hauptsache den römischen Rechtsquellen; die Systematisierung dieses Stoffes war das wesentliche Anliegen und auch die große Leistung der „Pandektistik“ des 19. Jahrhunderts1.

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Literatur

  1. 1.
    Zur Entstehung des Pandektensystems vgl. die Abhandlung von Schwarz, Savzroma 42, 578.Google Scholar
  2. 2.
    Zu diesem Unterschied vgl. auch Stahl, Die Philosophie des Rechts, Bd. II, 2. Abt. (1833), S. 146 ff.Google Scholar
  3. 3.
    Vgl. meine Darstellung der Rechts- und Staatsphilosophie des deutschen Idealismus im Handb. d. Philosophie IV, S. 132.Google Scholar
  4. 4.
    Franz Jerusalem, Kritik d. Rechtswissenschaft, 1948, S. 133 ff., bezeichnet eine solche „Begriffspyramide“ als „unechtes System“.Google Scholar
  5. 5.
    Darin liegt jedenfalls Puchtas Bedeutung für die juristische Methodenlehre. Mit Recht bezeichnet ihn Wieacker (Privatrechtsgeschichte, S. 400) als den Begründer der klassischen Begriffsjurisprudenz des 19. Jahrhunderts. Ob die von Hellebrand (ARSP 58, 361) versuchte Einordnung Puchtas in die Linie des „metaphysischen Voluntarismus“ zutrifft, kann hier dahingestellt bleiben. Mir selbst erscheint dies als sehr zweifelhaft. In Puchtas juristischer Methode herrscht jedenfalls ein streng rationalistischer Zug vor. Richtig bemerkt W. Wilhelm, a.a.O., S. 86: „Savigny war stets darauf bedacht, das logische und das organische Element des Rechts innerhalb der Systematik selbst im Gleichgewicht zu erhalten, um eine Alleinherrschaft der Logik zu verhindern. Bei ihm fand sich noch die Warnung vor dem täuschenden Schein der logischen Sicherheit. In Puchtas Systematik dagegen dominierte die Logik. Das ‚historisch-systematische Ganze‘ des Rechts wurde nunmehr auf den dogmatischen, d. h. hier den logischen Teil reduziert.“ Dabei ist unter Logik immer die formale Logik zu verstehen, nach der sich die Bildung des abstrakt-begrifflichen Systems und die Subsumtion unter die Begriffe dieses Systems vollzieht; nicht eine konkret begriffliche, an der „Natur der Sache“ orientierte Logik wie diejenige Hegels und auch nicht das „organologi-sche“ Denken Schellings und der Romantiker, das Savigny postuliert, aber nicht wirklich praktiziert hatte.Google Scholar
  6. 6.
    Es gebe zwar auch, sagt Puchta, ein System der Rechtsverhältnisse, doch seien diese „nur Kombinationen der Rechte, aus deren Begriff das juristische System abzuleiten ist“. Wie das geschieht, wird alsbald im Text gezeigt.Google Scholar
  7. 7.
    Puchta definiert (Lehrb. d. Pandekten I, S. 28): „Ein Recht (im subjektiven Sinne) ist vorhanden, wenn ein Gegenstand durch das Recht (im objektiven Sinne) in die Macht einer Person gegeben ist.“Google Scholar
  8. 8.
    Es ist also unrichtig, Begriffsjurisprudenz schlechthin mit Positivismus gleichzusetzen, wie dies häufig geschieht. Zutreffend sagt Jerusalem, Kritik der Rechtswissenschaft, S. 149, über die Begriffsjurisprudenz nach der Art Puchtas: „Auch die vom Gesetzgeber selbst aufgestellten Begriffe müssen ihre Legitimation aus Begriffen des Systems herleiten, womit sich also die Begriffsjurisprudenz in scharfen Gegensatz zum Positivismus stellt.“ Die obersten Begriffe des Systems geben eben denjenigen Mindestinhalt an, der in jedem Rechtsbegriff verwirklich sein muß, wenn anders ihm noch die Qualität eines „Rechts“ begriffs zukommen soll. Darin liegt aber, daß der Gesetzgeber nicht beliebig Recht setzen kann — daß er dazu (im Rahmen des faktisch Möglichen) grundsätzlich in der Lage sei, ist die Grundthese des „Positivismus“ -, sondern nur soweit er sich im Rahmen der ihm vorgegebenen Grundbegriffe hält. Sinnvoll ist diese Annahme freilich nur so lange, als die obersten Begriffe des Systems nicht selbst wieder — induktiv — aus dem Erfahrungsmaterial des positiven Gesetzesstoffs abgeleitet werden, sondern auf anderem Wege einsichtig und glaubhaft gemacht werden können. In dem Augenblick, in dem — zufolge des positivistischen Wissenschaftsbegriffs, der Puchta noch ferne lag — die Induktion (oder „Reduktion“) aus einem empiristischen Erfahrungsmaterial als die einzig zulässige Art der Begriffsbildung erschien, mußte daher die Begriffsjurisprudenz zu jener logischen Spiegelfechterei herabsinken, als die sie ihren Gegnern, wie dem späteren Jhering und besonders Ph. Heck, nunmehr nicht zu Unrecht erschien.Google Scholar
  9. 9.
    Hierzu S. Mack, Substanz- und Funktionsbegriff in der Rechtsphilosophie, 1925, besonders S. 83 ffGoogle Scholar
  10. 10.
    Koschaker, Europa und das römische Recht, S. 278 f.; Wieacker, Privatrechtsgeschichte der Neuzeit, S. 373 f., 400 f.; vgl. auch Fr. Jerusalem, Kritik der Rechtswissenschaft, S. 146 f.Google Scholar
  11. 11.
    Über das Verhältnis Puchtas zu Hegel vgl. Schönfeld in Festschr. f. Binder, 1930, S. 1 ff.Google Scholar
  12. 12.
    Christa Dulckeit-v. Arnim sagt daher (Phil. Jb., Jg. 66, S. 80), Hegels Methode sei „nicht deduktiv“, die Dialektik leite nicht ab, sondern sei „Intuition, Erfahrung, anpassende Bewegung an die innere Dynamik der Sache selbst“.Google Scholar
  13. 13.
    Vgl. die §§ 3, 212, 214, 216 der Hegeischen Rechtsphilosophie und Gerhard Dulckeit, Philosophie der Rechtsgeschichte, S. 26 ff.Google Scholar
  14. 14.
    Privatrechtsgeschichte, S. 401.Google Scholar
  15. 15.
    Dem gegenüber betont Fikentscher, Methoden des Rechts, Bd. III, S. 202 f., die durchgehenden Gesichtspunkte in Jherings gesamtem Werk.Google Scholar
  16. 16.
    Wir zitieren nach der 1. Auflage (Teil 1, 1852; Teil II, 2, 1858).Google Scholar
  17. 17.
    Nach W. Pleister, Persönlichkeit, Wille und Freiheit im Werke Jherings, 1982, S. 186, verdankt Jherings Konzeption der Persönlichkeit im „Geist“ am meisten Stahl.Google Scholar
  18. 18.
    So in dem Einleitungsaufsatz in Jher. Jb. Bd. 1, S. 10.Google Scholar
  19. 19.
    „Die Gesamtmasse des Rechts“, so heißt es in dem Einleitungsaufsatz a.a.O. weiter, erscheine jetzt „nicht mehr als ein System von Sätzen , Gedanken, sondern als ein Inbegriff von juristischen Existenzen, sozusagen lebenden Wesen, dienenden Geistern“ (!).Google Scholar
  20. 20.
    Geist D. röm. Rechts II, 2, S. 392; Jher. Jb. Bd. 1, S. 18.Google Scholar
  21. 21.
    Zur Kritik JherinGs „naturhistorischer Methode“ vgl. die Beiträge von EkelÖf (S. 27), Hommes (S. lOl) und Losano (S. 142) in: Jherings Erbe, herausgeg. von Wieacker u. Wollschläger, 1970.Google Scholar
  22. 22.
    Wir zitieren die 7. als die letzte von eigener Hand besorgte Auflage. Die erwähnte Anmerkung auf S. 60.Google Scholar
  23. 23.
    Große Rechtsdenker, S. 591.Google Scholar
  24. 24.
    Ges. Reden u. Abhandl., S. 6.Google Scholar
  25. 25.
    Ebenda, S. 9.Google Scholar
  26. 26.
    Ebenda, S. 105.Google Scholar
  27. 27.
    Die Seitenzahlen beziehen sich auf das Lehrbuch der Pandekten.Google Scholar
  28. 28.
    Vgl. die Anm. auf S. 57: „Was der Natur der Dinge, dem Bedürfnis des Verkehrs entspricht, darüber kann man verschiedener Ansicht sein; es kommt nicht darauf an, was wir darüber denken, sondern was der Gesetzgeber darüber gedacht hat.“Google Scholar
  29. 29.
    So sagt er einmal, noch ganz im Sinne der idealistischen Philosophie, das Recht sei in erster Linie nicht Einschränkung, sondern Anerkennung der menschlichen Freiheit (Reden, S. 101).Google Scholar
  30. 30.
    Vgl. die Anmerkung auf S. 89 des Pandektenlehrbuchs.Google Scholar
  31. 31.
    Vgl. Pandekten I, S. 91, Anm. 3; S. 99; S. 491, Anm. 1 a.Google Scholar
  32. 32.
    Der Allgemeine Teil des deutschen Bürgerlichen Rechts I, S. 93 u. 134.Google Scholar
  33. 33.
    In diesem Sinne führt Nicolai Hartmann (Das Problem des geistigen Seins, S. 121 f.) das Eigentum darauf zurück, daß die Person sich mit ihrem Eigentum einen „Lebenskreis“ oder „Bannkreis“ schaffe, der ihr, als dieser individuellen Person, zugehörig ist, ihr Gepräge trägt.Google Scholar
  34. 34.
    Rechtsphilosophie, §45.Google Scholar
  35. 35.
    Zutreffend bemerkt Manigk (Handw. d. Rechtsw., S. 433), in der „subjektiven“ und „objektiven“ Auslegungstheorie verkörperte sich der Gegensatz des Positivismus und des Rationalismus.Google Scholar
  36. 36.
    Binding, Handbuch des Strafrechts I, S. 450 ff; Wach, Handbuch des deutschen Zivilprozeßrechts I, S. 254 ff.; Kohler, Grünhuts Ztschr., Bd. 13, S. 1 ff.Google Scholar
  37. 37.
    Einen Vorläufer hat die objektive Auslegungstheorie in Heinrich Thöl, Einleitung in das Deutsche Privatrecht, 1851, S. 144 ff., bes. S. 150. Dagegen betont die in diesem Zusammenhang ebenfalls oft genannte Schrift von Schaffrath, Theorie der Auslegung consti-tutioneller Gesetze, 1842, lediglich, daß der — ausdrücklich als „empirische Tatsache“ bezeichnete — „wirkliche“ Wille des Gesetzgebers (S. 33) nur gelte, soweit er auch im Gesetz erklärt sei.Google Scholar
  38. 38.
    Binding, S. 451; Wach, S. 257.Google Scholar
  39. 39.
    Zu ihnen gehören u.a.: Bekker, Jher. Jb. 34, S. 71 ff.; Brütt, Die Kunst der Rechtsanwendung, 1907, S. 50 ff.; Burckhardt, Die Lücken des Gesetzes, S. 64 ff; Methode und System des Rechts, S. 278; Esser, Einführung in die Grundbegriffe, S. 183 f.; Kretschmar, Über die Methode der Privatrechtswissenschaft, S. 38; Radbruch, Rechtsphilosophie, 3. Aufl., S. 110 f.; Reichel, Gesetz und Richterspruch, S. 67 ff; Rumpf, Gesetz und Richter, S. 120 ff; Schwinge, Teleologische Begriffsbildung im Strafrecht, S. 57 f. Im gleichen Sinne auch Germann, Schweiz. Ztschr. f. Strafrecht, 1941, S. 147 f.; Betti, Allgemeine Auslegungslehre § 55. Ablehnend Enneccerus-Nipperdey, § 54, II; Nawiasky, Allgemeine Rechtslehre, S. 128; vermittelnd Baumgarten, Grundzüge der jur. Methodenlehre, S. 35; Binder, Philosophie des Rechts, S. 913 f., 976; Sauer, Jur. Methodenlehre, S. 292 ff; Coing, Grundzüge der Rechtsphilosophie, 3. Aufl. S. 312 ff. (mit einem „gewissen Vorrang“ der objektiven Momente, S. 320). Eingehend erörtern das Für und Wider Engisch, Einfuhrung, S. 88 ff., u. Liver, Der Wille des Gesetzes, 1954.Google Scholar
  40. 40.
    Vgl. E. I. Bekker, Jher. Jb. 34, S. 75 ff.Google Scholar
  41. 41.
    In seinem Lehrbuch des Bürgerlichen Rechts (1904), Bd. I, S. 24 f.Google Scholar
  42. 42.
    Ihr Wortführer war insoweit Bergbohm, Jurisprudenz und Rechtsphilosophie, 1892.Google Scholar

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© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 1983

Authors and Affiliations

  • Karl Larenz
    • 1
  1. 1.Universität MünchenMünchen 19Deutschland

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