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IV. Ein ökonomisches Konzept des Schadensrechts

  • Hans-Bernd Schäfer
  • Claus Ott
Chapter
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Zusammenfassung

Im Bürgerlichen Gesetzbuch wird man — anders als in modernen Gesetzen, etwa dem Stabilitätsgesetz (§ 1)1 — nichts über die Ziele finden, die mit dem Schadensrecht verfolgt werden sollen. Die Formulierung solcher Ziele kann dem Rechtsanwender jedoch wichtige Orientierungshilfen geben, wenn er nicht weiß, wie er ein konkretes Problem lösen soll. Der Gesetzgeber des BGB mag im Jahr 1900 vorausgesetzt haben, die Ziele des Schadensrechts gingen nur ihn etwas an, während der Richter lediglich das Gesetz entsprechend dem Subsumtionsmodell anzuwenden habe. Heute trifft dies jedoch nicht mehr zu. Im Gegenteil, gerade im Schadensrecht hat Richterrecht eine bedeutsame Rolle bei der Rechtsfortbildung übernommen. Man denke nur an die Produzentenhaftung, an das Recht am eingerichteten und ausgeübten Gewerbebetrieb, an das Persönlichkeitsrecht oder an das Organisationsverschulden sowie an die vielen Fallgruppen, in denen die Rechtsprechung den ebenfalls im Gesetzestext nicht enthaltenen Begriff der Verkehrspflichten in konkrete Verhaltensgebote umgesetzt hat. Bei all diesen Fällen mußten sich die Richter fragen, was sie mit ihren Entscheidungen bezweckten, welche Ziele sie verfolgen und in welchem Maße ihre Entscheidung diese Ziele unterstützte. Guido Calabresi ist 1970 in seinem wegweisenden Buch mit dem Titel „The Costs of Accidents“ der Frage nach den Zielen des Schadensrechts nachgegangen. Er zeigte, daß mit jeder Schädigung drei Arten von Kosten verbunden sind, die durch das Schadensrecht beeinflußt werden sollten.

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Referenzen

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    Vgl. Pauly, M., The Economics of Moral Hazard, 1983, Bd. 58, S. 531 ff.Google Scholar
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Copyright information

© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 1986

Authors and Affiliations

  • Hans-Bernd Schäfer
    • 1
  • Claus Ott
    • 1
  1. 1.Fachbereich Rechtswissenschaft IIUniversität HamburgHamburg 13Deutschland

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