1 Vom Tierwohl zum Tierhaltungsstandard

In der Nutztierhaltung liegt bislang keine einheitliche Definition des Begriffs „Tierwohl“ vor (Carenzi und Verga 2009). Bereits 1979 formulierte das britische Farm Animal Welfare Council mit den „fünf Freiheiten“ (FAWC 2010) wesentliche Aspekte für eine artgerechte Haltung sowie für die physische und psychische Unversehrtheit von Nutztieren: Freiheit i) von Hunger und Durst, ii) von haltungsbedingten Beschwerden, iii) von Schmerzen, Verletzungen und Krankheiten, iv) von Angst und Stress sowie v) zum Ausleben normaler Verhaltensmuster. In der wissenschaftlichen Debatte lassen sich im Allgemeinen die folgenden drei Zugänge zu Tierwohl unterscheiden (Carenzi und Verga 2009; Fraser 2008): i) die Möglichkeit des Tieres seine biologischen Funktionen zu erfüllen (Biological Functioning), ii) ein subjektives Erleben ohne Tierleid (Affective State) und iii) die Möglichkeit des Tieres sein natürliches Verhalten auszuüben (Natural Living).

Die Auseinandersetzung mit dem Tierwohl kann jedoch nicht nur auf naturwissenschaftliche Erkenntnisse reduziert und als einfache additive Funktion negativer oder positiver Zustände verstanden werden. Da dem Tierwohl gesellschaftliche Wertvorstellungen zugrunde liegen, müssen die unterschiedlichen kulturell und historisch begründeten Konzepte von Natur sowie ethische und moralische Standards berücksichtigt werden (Alonso et al. 2020). In Europa und Nordamerika zum Beispiel fordern Konsumentinnen und Konsumenten zunehmend eine artgerechte Haltung von Nutztieren. Eine aktuelle österreichweite Umfrage unterstreicht, dass in den letzten Jahren die Bedeutung des Themas Tierwohl im Sinne eines „guten Umgangs mit Tieren“ in der Landwirtschaft stark an Bedeutung gewonnen hat (KeyQUEST 2021). Europaweit sind 57 % der Befragten skeptisch, ob das Tierwohl in der landwirtschaftlichen Produktion derzeit ausreichend berücksichtigt wird (EU COM 2016). Produkte, die unter Beachtung des Tierwohls erzeugt wurden, erachtet die Bevölkerung allgemein als gesünder. Sie gelten als qualitativ hochwertiger, schmackhafter, hygienischer und sicherer, aber auch als authentischer, umweltfreundlicher und traditioneller (Buller und Morris 2003; Cardoso et al. 2016; de Graaf et al. 2016). Diese Aufzählung zeigt bereits, dass Tierwohl bei Produkten mit sehr unterschiedlichen und oft widersprüchlichen Qualitätsmerkmalen verbunden ist, deren gemeinsamer Nenner lediglich die Ablehnung meist nicht näher bestimmter industrieller Produktionsweisen ist.

Cardoso et al. (2016) führten unter Konsumentinnen und Konsumenten in den USA eine quantitative Befragung zu den Kriterien für das Wohlbefinden von Kühen in einem „idealen Milchviehbetrieb“ durch. Folgende Aspekte wurden dabei genannt: respektvoller Umgang, Bewegungsfreiheit, Weidezugang, Fütterung ohne Hormone und Antibiotika, Gesundheit sowie moralische Aspekte wie Respekt, Fairness und Würde. Die wichtigsten Kriterien waren Bewegungsfreiheit und Weidezugang. Dies deckt sich mit europäischen Studien, in denen Bewegungsraum und Weidezugang ebenfalls als wichtige Komponenten für das Tierwohl von Milchvieh genannt wurden (Boogaard et al. 2006, 2010; Ellis et al. 2009; Miele et al. 2011). Zuliani et al. (2018) stellten bei Fokusgruppendiskussionen zum Tierwohl in der Milchviehhaltung im Berggebiet fest, dass die städtische Bevölkerung das Tierwohl anders wahrnimmt als die ländliche Bevölkerung: Während Menschen mit städtischem Hintergrund Stallklima, Bewegungsfreiheit und Weidezugang in den Vordergrund rückten, waren für die ländlichen Teilnehmerinnen und Teilnehmer kleine Herdengrößen vorrangig. Von ihnen erwarteten sie ein besseres Mensch-Tier-Verhältnis und geringere Profitorientierung.

Die Bereitschaft, mehr für Produkte zu bezahlen, die unter besonderen Tierwohlaspekten erzeugt wurden, ist entscheidend für die Umsetzung entsprechender landwirtschaftlicher Praktiken. Ein Review der wissenschaftlichen Literatur zur Zahlungsbereitschaft für das Tierwohl (Clark et al. 2017) ergab, dass demografische Variablen den größten Einfluss haben. So nimmt die Zahlungsbereitschaft mit zunehmendem Alter ab, steigt jedoch mit höherem Bildungs- und Einkommensniveau. Zudem ist sie bei Frauen höher als bei Männern. Unterschiede ergaben sich auch je nach geografischer Region. In nordeuropäischen Ländern ist die Bereitschaft mehr für Tierwohlprodukte zu bezahlen geringer als in Südeuropa. Dies wurde damit begründet, dass im Norden größeres Vertrauen in staatliche Regulierungen besteht während im Süden eher der Markt eine Rolle spielt.

Für Milchverarbeitungsbetriebe und den Lebensmittelhandel bietet eine erhöhte Zahlungsbereitschaft der Konsumentinnen und Konsumenten einen Anreiz, sich durch private Tierwohlstandards von Konkurrenzunternehmen abzuheben. Die drei größten Molkereien in Österreich haben bereits private Tierwohlstandards eingeführt. So belohnt Marktführer Berglandmilch seit Juli 2019 Tierwohlmaßnahmen, die über den gesetzlichen Mindeststandard hinausgehen mit bis zu einem Cent mehr pro Kilogramm Milch (Berglandmilch 2019). Die Staffelung erfolgt in drei Stufen: Stufe 1 sieht eine Kombinationshaltung (Anbindehaltung im Winter und Weidehaltung bzw. Alpung in der Vegetationszeit) mit 120 Tagen Auslauf im Jahr vor, statt der gesetzlich vorgeschriebenen 90 Tage. Stufe 2 ist Laufstallhaltung oder Kombinationshaltung mit ganzjährigem Auslauf. Stufe 3 bildet die Laufstallhaltung mit ganzjährigem Auslauf (auch ohne Weidezugang) oder mit mindestens 120 Tagen Weidezugang im Jahr. Die Niederösterreichische Molkerei (NÖM) verlangt von ihren Lieferantinnen und Lieferanten, dass die Kühe mindestens 120 Tage im Jahr im Laufstall oder in einer Kombinationshaltung mit Auslauf oder Weidegang gehalten werden (NÖM 2021). Auch SalzburgMilch schreibt mindestens 120 Tage Auslauf im Jahr und/oder Zugang zu Weideflächen vor (SalzburgMilch 2021).

Unternehmen des Lebensmitteleinzelhandels nutzen das Tierwohl als Argument, um sich mit privaten Standards von der Konkurrenz abzuheben, sowohl im konventionellen wie auch im Biosegment. Die drei größten Lebensmittelketten (SPAR, REWE mit „Fair zum Tier“ und HOFER mit „FairHOF“) haben private Tierwohlstandards für konventionelle Milchprodukte entwickelt. Die Vorgaben decken sich weitgehend mit jenen der milchverarbeitenden Betriebe. In der Regel wird Laufstallhaltung oder Kombinationshaltung mit 120 Tagen Auslauf im Jahr bzw. Weidegang vorgeschrieben. Während sich SPAR bei den Milchprodukten ihrer Biomarke „Natur pur“ mit den gesetzlichen Biostandards (BIO AUSTRIA 2021) zufriedengibt, setzen die beiden Konkurrenten „Ja! Natürlich!“ und „Zurück zum Ursprung“ auf eigene private Tierwohlstandards. Die REWE-Gruppe schreibt für „Ja! Natürlich“-Biomilch und -Biomilchprodukte ganzjährige Auslaufhaltung vor und für andere Produkte (gekennzeichnet mit dem grünen „Gras-Kuh“-Label) zusätzlich mindestens 120 Tage im Jahr Weidegang oder Alpung (Ja! Natürlich Naturprodukte 2019). Während der Diskonter HOFER bei der Biomarke „Natur aktiv“ nur die gesetzlichen Biorichtlinien für Tierwohl in der Milchviehhaltung verlangt, sind die Standards bei „Zurück zum Ursprung“ höher. Sie geben vor, dass die Tiere täglich Auslauf im Freien haben müssen, wovon sie mindestens 120 Tage im Jahr auf der Weide oder Alm verbringen (HOFER 2021a). Bestehende Kleinbetriebe können weiterhin Ställe mit Anbindehaltung nutzen, bei Um- und Neubauten dürfen jedoch nur mehr Laufställe errichtet werden. Milchkühe in Anbindehaltung müssen während der weidefreien Zeit täglich mindestens zwei Stunden Zugang zu einem Auslauf haben.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass milchverarbeitende Betriebe und der Lebensmittelhandel die vielschichtigen gesellschaftlichen Vorstellungen zum Tierwohl in ihren Standards für Milch und Milchprodukte zunehmend auf die Bewegungsmöglichkeiten der Tiere und somit auf die beiden Haltungsformen Laufstallhaltung (mit oder ohne Weidezugang) oder Kombinationshaltung reduzieren, was für sie von Vorteil ist, da dies eine leicht überprüfbare Differenzierung erlaubt. Dabei wird die Laufstallhaltung mit Auslauf bevorzugt. Ein befestigter Auslauf (mit Betonplatte) wird dem Weidegang als gleichwertig angesehen, obwohl die Werbung das Bild der „glücklichen“ Kuh auf der Weide bzw. auf der Alm vermittelt. Private Standards, die sich zunehmend an der Laufstallhaltung orientieren, tragen somit dazu bei, dass dieses Bild immer weniger mit der Realität in der Milchviehhaltung übereinstimmt.

Der vorliegende Beitrag soll die Tierwohldebatte aus Sicht der betroffenen Bäuerinnen und Bauern darstellen. Er untersucht die bäuerlichen Einstellungen zum Tierwohl, die Auswirkungen der privaten Standards des Lebensmittelhandels auf bergbäuerliche Milchviehbetriebe sowie die langfristigen Folgen für die Berggebiete.

Zunächst wird der heuristische Rahmen und das für die Analyse herangezogene Datenmaterial beschrieben. Anschließend werden die Argumente der betroffenen Bäuerinnen und Bauern für bzw. gegen die Laufstallhaltung anhand von Diskussionen in zwei bäuerlichen Foren analysiert, und schließlich werden daraus, in Kombination mit Strukturdaten, zwei zugrundeliegende landwirtschaftliche Wirtschaftsstile abgeleitet. Die abweichenden Positionen repräsentieren verschiedene Zugänge zur Landwirtschaft mit unterschiedlichen Auswirkungen auf die zukünftige Bewirtschaftung im Berggebiet. Abschließend werden Schlussfolgerungen für die Entwicklung der Milchwirtschaft im Berggebiet gezogen, da die über private Standards vermittelten Vorstellungen von Tierwohl auch die Interessensvertretung und gesetzliche Vorgaben beeinflussen können.

2 Theorie: Konventionen und Wirtschaftsstile

Die Einstellungen der Bäuerinnen und Bauern zum Tierwohl resultieren aus der Kombination ihrer prinzipiellen Werthaltungen, ihres Handlungsrepertoires im Rahmen der Betriebsorganisation sowie ihrer Argumente für eine bestimmte Haltungsform. Dieser Beitrag verbindet das Konzept der Landwirtschaftsstile („Farming Styles“, van der Ploeg 2012) mit der Theorie der Konventionen (Boltanski und Thévenot 1991), um die Reaktionen der Bäuerinnen und Bauern auf die Anforderungen des Lebensmittelhandels zu analysieren.

Das Konzept der Landwirtschaftsstile („Farming Styles”) bezeichnet das, was bäuerliche Gruppen selbst als die „richtige“ Wirtschaftsweise definieren. Sie beziehen sich darauf, wie Landwirtschaft innerhalb der Gruppe praktiziert werden soll und definieren somit das Handlungsrepertoire der Gruppenmitglieder. Landwirtschaftsstile stellen somit kollektive Interpretationen und Handlungsanleitungen für Bäuerinnen und Bauern dar und bilden gruppenspezifische Ordnungsprinzipien, die Land, Arbeit, Tiere, Maschinen, Wissen, Erwartungen und Aktivitäten verbinden. Sie strukturieren Handlungen als Koproduktionen der materiellen und sozialen Welt (van der Ploeg 2012). So werden die Vorgaben der Märkte, der technischen Entwicklungen und der Agrarpolitik unterschiedlich bewertet und in landwirtschaftliche Praktiken übersetzt. Landwirtschaftsstile folgen bestimmten Pfadabhängigkeiten, nicht nur aufgrund der natürlich gegebenen Produktionsbedingungen und Betriebsstrukturen, sondern auch aufgrund gemeinsamer Wertvorstellungen.

Während Landwirtschaftsstile kollektive Richtlinien dafür liefern, „wie Dinge sein bzw. gemacht werden sollten“, werden „Konventionen der Rechtfertigung“ (Boltanski und Thévenot 1991; Diaz-Bone und Thévenot 2010) von Individuen verwendet, um ihre eigenen Praktiken vor anderen zu rechtfertigen und um die Qualität von Produkten zu beschreiben. Argumente werden dabei aktiv und reflexiv konstruiert und sind daher nicht so fest verankert wie die Wirtschaftsstile. Die verschiedenen Rechtfertigungsstrategien können in sieben „Argumentationswelten“ kategorisiert werden (Lamont und Thévenot 2000): Welt des Marktes, industrielle Welt, zivilgesellschaftliche Welt, häusliche Welt, Welt der Meinung, Welt der Inspiration und schließlich Welt des Umweltbewusstseins.

3 Material und Methode

Da Konventionen diskursiv ausgehandelt werden während sich Landwirtschaftsstile in verfestigten Handlungspraktiken manifestieren, ist es zielführend, verschiedene Datenquellen zu kombinieren, um ein umfassendes Bild der Haltung der Bäuerinnen und Bauern zum Tierwohl zu erlangen.

Anhand von zwei Internetforen auf Landwirt.com wurde untersucht, mit welchen Konventionen Bäuerinnen und Bauern ihre Position für das Tierwohl und eine bestimmte Haltungsform für bzw. gegen die Vorgaben der Marktpartner begründen: Im März 2017 eine Debatte über die Vor- und Nachteile von Laufstall- bzw. Anbindehaltung (156 Beiträge) (Landwirt.com 2021a) und im Jahr 2018 eine Diskussion zum Thema „Tierwohl, weil Kühe Namen tragen“ (57 Beiträge). Das zweite Forum war eine Reaktion auf die Ankündigung der Biomarke „Zurück zum Ursprung“ ab sofort ganzjährig mindestens zwei Stunden Auslauf pro Tag zu verlangen und ab 2021 nur noch Milch aus Laufstallhaltung abzunehmen (Landwirt.com 2021b).

Zur Abgrenzung der unterschiedlichen Praktiken, die mit der Haltungsform verbunden sind (z. B. Alpung oder Düngungssystem) und die den Landwirtschaftsstilen zugrunde liegen, wurden Daten aus Agrarstrukturerhebungen, Auswertungen des Landwirtschaftsministeriums und der Bundesanstalten sowie Erhebungen im Rahmen von Masterarbeiten herangezogen. Insbesondere die Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage unter 1.698 Tiroler Zuchtbetrieben (Gstrein 2019) dienen zur Veranschaulichung der Struktur von Milchviehbetrieben im Berggebiet.

3.1 Konventionen

Die verschiedenen Argumente in den Forenbeiträgen zum Tierwohl für oder gegen eines der beiden Haltungssysteme stellen Rechtfertigungsstrategien für die Praktiken der Bäuerinnen und Bauern dar. Von den sieben Argumentationswelten finden wir hier vorrangig die Welt des Marktes, die industrielle Welt, die häusliche Welt und die zivilgesellschaftliche Welt.

In der Welt des Marktes spielen vor allem Preise, Mengen und Investitionskosten sowie die Konkurrenzfähigkeit und der Wettbewerb um eine starke Marktposition eine Rolle. Die Befürworterinnen und Befürworter der Laufstallhaltung argumentieren mit den Erfordernissen des Marktes: Man müsse wettbewerbsfähig bleiben, vor allem im Export. Die Debatte um die Fortführung der Anbindehaltung beschränke sich in Europa ohnehin nur auf Österreich, Südtirol und Bayern, da es sie nur dort gebe. Eine Umstellung auf Laufstallhaltung sei unumgänglich. Förderungen solle es in Zukunft nur noch für Laufställe geben.

Für Vertreterinnen und Vertreter der Kombinationshaltung würden die hohen Kosten für einen Laufstall durch die erzielbaren Mehrerlöse kaum kompensiert. Zudem seien die hohen Investitionskosten in Zeiten geringen Einkommens nicht wirtschaftlich. Besonders in steilen Hanglagen herrsche zudem Platzmangel. Liegt der Bau eines Anbindestalls am eigenen Betrieb noch nicht lange zurück, thematisieren sie Pfadabhängigkeiten, die einen schnellen Wechsel in ein anderes Haltungssystem verunmöglichen. Andere Forenbeiträge problematisieren die Marktmacht der Unternehmen des Lebensmittelhandels und kritisieren, dass immer höhere Tierwohlstandards nur dazu dienen würden, sich von der Konkurrenz abzuheben. Standards, die Laufstallhaltung vorsehen, würden gesellschaftliche Forderungen nach tiergerechter Haltung nur vorschieben. Konsumentinnen und Konsumenten wenden sich primär gegen Massentierhaltung und „Turbokühe“, die gerade in Großbetrieben mit Laufställen zu finden seien.

Bei Argumenten aus der industriellen Welt geht es vor allem um Standardisierung, Effizienz und Produktivität der landwirtschaftlichen Produktion. Proponentinnen und Proponenten der Laufstallbetriebe betonen hier besonders die arbeitswirtschaftlichen Vorteile und argumentieren, dass es auch Lösungen für Kleinbetriebe gebe. Sie argumentieren auch, dass im Laufstall höhere Milchleistungen erzielt würden, da den Kühen permanent Futter angeboten werde, was auch als Ausdruck des Tierwohls zu werten sei.

Dieser Sichtweise widersprechen Vertreterinnen und Vertreter der Kombinationshaltung: Es sei erwiesen, dass bei optimaler Fütterung in Anbindeställen oft höhere Milchleistungen erzielt würden als in Laufställen. Zudem sei Anbindehaltung besser für die Milchqualität, weil seltener Eutererkrankungen auftreten würden.

Die Rechtfertigungsstrategien der häuslichen Welt verweisen vor allem auf Traditionen, Natürlichkeit und familiäre Strukturen. Die entsprechenden Argumente für die Kombinationshaltung führen Alpung und Weidewirtschaft ins Treffen. Diese bildeten die traditionellen Praktiken der bergbäuerlichen Landwirtschaft und förderten das Tierwohl. Befürworterinnen und Befürworter sehen im Zwang zum Laufstall einen Treiber für einen verstärkten Strukturwandel, der kleinbäuerliche Höfe im Berggebiet vom Markt verdränge. Dies stehe aber in eklatantem Widerspruch zu den Wünschen der Gesellschaft nach einer kleinstrukturierten und tiergerechten Landwirtschaft. Im Hinblick auf das Tierwohl wird die Bedeutung der Weide gegenüber der Bewegungsfreiheit im Laufstall hervorgehoben. Diese Forenbeiträge sehen eine ganzjährige Laufstallhaltung auf Vollspalten problematischer als eine zeitweilige Anbindehaltung mit Weide. Gleichzeitig werden die Rangkämpfe zwischen den Tieren im Laufstall thematisiert. Die Kühe müssten ihre Position in der Gruppenhierarchie ständig bestätigen, was besonders bei behornten Tieren problematisch sei. Andererseits meinen Laufstallvertreterinnen und -vertreter, dass die Rangordnung nach kurzer Zeit hergestellt sei.

Forumsbeiträge, die eine verpflichtende Laufstallhaltung ablehnen, argumentieren häufig mit Rechtfertigungsstrategien der zivilgesellschaftlichen Welt, die durch den Aufruf zu Solidarität und dem Wunsch nach Gerechtigkeit und Fairness gekennzeichnet ist. Sie fordern eine bessere gesellschaftliche Anerkennung ihrer Wirtschaftsweise. Dabei kritisieren die Bäuerinnen und Bauern hier nicht nur eine schwammige Position der Standesvertretung, sondern rufen ihre Kolleginnen und Kollegen auch zum Boykott der Handelsunternehmen auf, da die Mehrkosten von den Mehreinnahmen ohnehin bestenfalls gedeckt würden und sich die Bedingungen ständig änderten.

Zusammenfassend lässt sich aus den Forenbeiträgen schließen, dass die Proponentinnen und Proponenten der Laufstallhaltung stärker in der Welt des Marktes und der industriellen Welt argumentieren, Vertreterinnen und Vertreter der Kombinationshaltung hingegen eher in der häuslichen und zivilgesellschaftlichen Welt.

3.2 Landwirtschaftsstile

In den Argumentationen der Forenbeiträge werden zwei gegensätzliche Positionen zu den Haltungssystemen in der Milchwirtschaft sichtbar, die sich in unterschiedlichen landwirtschaftlichen Handlungslogiken und damit in der Agrarstruktur niederschlagen.

Unterschiede zwischen Betrieben mit Laufstallhaltung bzw. Kombinationshaltung manifestieren sich in ihrer Größe und regionalen Verteilung. Agrarstatistische Analysen zeigen, dass zwischen 2002 und 2010 die Gesamtzahl der Milchproduzentinnen und -produzenten um etwa ein Drittel zurückgegangen ist (Kirner und Wendtner 2012) während sich im gleichen Zeitraum die Anzahl der Betriebe mit mehr als 50 Milchkühen mehr als verdreifacht hat (Rosenwirth et al. 2013). Eine Untersuchung der 621 Betriebe mit dieser Herdengröße (Rosenwirth et al. 2013) hat gezeigt, dass 85,8 % der Betriebe Laufstallhaltung aufwiesen und vor allem in Oberösterreich (insbesondere im Innviertel) und Niederösterreich (vorwiegend im Mostviertel) zu finden waren.

Auch die Agrarstrukturerhebung 2016 (Statistik Austria 2018) zeigt, dass rinderhaltende Betriebe mit Laufstallhaltung vermehrt in Oberösterreich (53,6 % der rinderhaltenden Betriebe) und Niederösterreich (57 %) angesiedelt sind, während in Bundesländern mit einem hohen Anteil an Berggebieten, wie Salzburg nur 37 % und in Tirol nur 24 % der Betriebe zu finden sind (Statistik Austria 2018). Da diese Statistik Betriebe mit Mastvieh, Milchkühen und Mutterkühen gemeinsam auswertet, ist davon auszugehen, dass der Unterschied zwischen Gunstlagen und Bergregionen noch größer wäre, wenn nur Milchviehhaltung berücksichtigt würde.

Die Unterschiede in der Haltungsform spiegeln sich auch in der Wirtschaftsweise wider. Nur in 8,3 % der Betriebe mit mehr als 50 Milchkühen und überwiegender Laufstallhaltung wird das Milchvieh gealpt. Betriebe, die Milchkühe alpen, liegen vorwiegend im Berggebiet, in den Bundesländern Tirol, Vorarlberg und Kärnten. Insgesamt verbringen in Tirol fast zwei Drittel der Milchkühe den Sommer auf der Alm, im Vergleich zu knapp 10 % im österreichischen Durchschnitt (Schlatzer und Lindenthal 2018). Gleichzeitig werden in Tirol 66 % der Rinder in Anbindeställen gehalten. Der österreichische Durchschnitt liegt bei nur 42 %. Es gibt also einen klaren Zusammenhang zwischen Haltungsform und Alpung. Wird jedoch nicht mehr Milchvieh, sondern nur mehr Jung- und Galtvieh gealpt, sinkt die Bewirtschaftungsintensität und damit der Umfang der Almpflege. Langfristig kann dies zur Verbuschung und Verwaldung der Almflächen führen, mit negativen Folgen für das Landschaftsbild und den Tourismus. In Laufstallbetrieben wird aber nicht nur häufiger auf die Alpung, sondern auf die Weidehaltung insgesamt verzichtet. In einer Untersuchung in Niederösterreich gaben 46 % der Befragten mit Laufstallhaltung an, dass sie ihre Milchkühe nicht mehr auf die Weide treiben (Kalteis 2020).

Ein weiterer Indikator für die Intensität der Wirtschaftsweise ist das Düngemanagement. Laut Agrarstrukturerhebung 2010 (Statistik Austria 2013) arbeiten noch 71 % der rinderhaltenden Betriebe mit weniger als 20 Großvieheinheiten (GVE) mit Festmist, während es bei Betrieben mit mehr als 20 GVE nur 30 % sind. Betriebe mit Laufstallhaltung düngen wesentlich häufiger mit Gülle als Betriebe mit Anbindeställen. Eine intensive Güllewirtschaft geht mit häufigeren Schnitten im Grünland einher und erhöht damit die Flächenproduktivität (Uekötter 2010). Die Folge ist eine Veränderung der Flora und ein Rückgang der Biodiversität auf den Grünlandflächen.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die Einstellungen von Bäuerinnen und Bauern zu Haltungssystemen mit ihren Wirtschaftsstilen übereinstimmen. Jene, die eine Laufstallhaltung favorisieren, empfinden dies als Ausdruck einer unternehmerischen Haltung. Sie werten Investitionen, insbesondere im Zusammenhang mit einer technischen Rationalisierung und einer Steigerung der Milchleistung, als positiv und setzen auf Wachstumsstrategien, um sich im Wettbewerb durchzusetzen. Es handelt sich meist um größere Betriebe in Gunstlagen. Sie verfolgen einen stark marktorientierten Milchwirtschaftsstil. Die Gegenposition vertreten Bäuerinnen und Bauern, die eine Kombination von Anbindehaltung im Winter und Weide bzw. Alpung im Sommer als traditionelle Wirtschaftsweise in der Milchproduktion erhalten wollen. Ihre Vision für die Zukunft ist der multifunktionale, kleinbäuerliche Familienbetrieb mit einer engen Beziehung zwischen Menschen, Tier und Natur. Anstelle einer Betriebsvergrößerung versuchen sie ihr wirtschaftliches Überleben mittels Diversifizierung und durch die Kombination mit einem außerlandwirtschaftlichen Nebenerwerb zu sichern. Solche Betriebe finden sich häufiger in landwirtschaftlichen Ungunstlagen wie z. B. im Berggebiet. Die damit verbundene Wirtschaftsweise kann als Kuhhaltungsstil bezeichnet werden.

Aus einer Erhebung von 1.698 Tiroler Milchviehhalterinnen und -haltern (Gstrein 2019) lassen sich folgende Charakteristika des Kuhhaltungsstils ableiten: In 76,5 % der befragten Betriebe überwiegt die Kombinationshaltung. Sie halten mit durchschnittlich 9,9 Kühen weniger Kühe als Betriebe mit Laufstall (19,7 Kühe), stellen aber 70 % der gealpten Kühe. Sie werden auch häufiger im Nebenerwerb geführt (67,4 % gegenüber 52,5 % im Milchwirtschaftsstil). Der Kuhhaltungsstil, der die Weide- und Alpwirtschaft in den Mittelpunkt der Milchviehhaltung stellt, ist mit der Erhaltung der traditionellen alpinen Kulturlandschaft verbunden, die sich auch daraus entwickelt hat.

Es zeigt sich, dass Betriebe des Milchwirtschaftsstils Milchkühe im Laufstall halten, eher in Gunstlagen liegen, größer sind und häufiger im Vollerwerb geführt werden. Sie wirtschaften mit intensiveren Düngungspraktiken und versuchen, ihren Gewinn mit Strategien der Spezialisierung und Rationalisierung zu maximieren. Dies korrespondiert damit, dass sie mit Argumenten aus der Welt des Marktes und der Industrie für den Laufstall als effizientes Haltungssystem eintreten, das sie aufgrund der Wettbewerbssituation für notwendig halten. Das Tierwohl wird mit der Bewegungsfreiheit der Kühe und der Möglichkeit zum Ausleben ihres Sozialverhaltens argumentiert. Ein Laufstall mit befestigtem Auslauf wird als ausreichend erachtet, Zugang zu einer Weide ist nicht unbedingt notwendig. In der Umfrage von Gstrein (2019) unter Tiroler Betrieben mit Laufstallhaltung kommt eine eher „technische“ Definition von Tierwohl zum Ausdruck. Ohne große Unterschiede werden hierfür die Aspekte Mensch-Tier-Beziehung (10,7 %), Stallklima (9,6 %), Tiergesundheit (8,7 %), ausreichend Platz (8,4 %), Wasserversorgung (8,0 %) und Alpung (7,8 %) genannt. Insgesamt zeichnet sich damit ein Zugang ab, der dem Biological Functioning zugeordnet werden kann.

Betriebe mit Kuhhaltungsstil hingegen befinden sich vorwiegend in Ungunstlagen. Ihre Bewirtschafterinnen und Bewirtschafter fühlen sich der traditionellen Kombinationshaltung mit Weidehaltung und Alpung verbunden. Sie setzen mehr auf Diversifizierung und Nebenerwerb. Sie führen auch traditionelle Tätigkeiten durch, die „sich nicht rechnen“ (z. B. reproduktive Arbeiten der Almpflege). Die Argumentation für die Kombinationshaltung ist in der häuslichen Welt und der zivilgesellschaftlichen Welt verankert. Es werden faire Preise für eine traditionelle, kleinbäuerliche Wirtschaftsweise gefordert und der Strukturwandel wird problematisiert. In Bezug auf das Tierwohl nennen Betriebe mit Kombinationshaltung in der Untersuchung von Gstrein (2019) die Mensch-Tier-Beziehung im Kleinbetrieb („Tiere mit Namen“) (12,8 %) und die Alpung (13,4 %) als die wichtigsten Faktoren für das Tierwohl. Den größten Vorteil der Kombinationshaltung gegenüber dem Laufstall sehen sie in der besseren Mensch-Tier-Beziehung mit 27,5 % aller Nennungen, vor der besseren Tierbeobachtung (17,4 %) und der besseren tierindividuellen Fürsorge (15,7 %). Diese Argumentation entspricht eher dem Zugang des Natural Livings.

Die beiden Landwirtschaftsstile haben unterschiedliche Auswirkungen auf die Erfüllung der Funktionen der Landwirtschaft und auf die ländliche Entwicklung im Berggebiet. Während beim Milchwirtschaftsstil die Produktions- bzw. Versorgungsfunktion im Vordergrund steht, ist der Kuhhaltungsstil auf die multifunktionale Kreislaufwirtschaft ausgerichtet. Die beiden Landwirtschaftsstile spiegeln somit die zunehmende Polarisierung zwischen Milchviehbetrieben in benachteiligten Berg- und Hanglagen und solchen in den Gunstlagen im Tal wider.

4 Haltungsformen und Werthaltungen

Ob Laufstall- oder Kombinationshaltung gewählt wird, ist also nicht nur eine Folge von Pfadabhängigkeiten (z. B. einem kürzlich errichteten Stall), finanziellen Überlegungen oder räumlichen Gegebenheiten, sondern drückt ein bestimmtes Verständnis von Tierwohl und Landwirtschaft insgesamt aus. Diese Komplexität findet in der gegenwärtigen Etablierung von Tierwohlstandards keine Entsprechung. Vielmehr ist es so, dass die Reduzierung des Tierwohls auf eine bestimmte Haltungsform die diversifizierte und multifunktionale Landwirtschaft im Berggebiet benachteiligt und den Agrarstrukturwandel weiter befeuert.

Dementsprechend verteidigte die bäuerliche Standesvertretung zunächst die Kombinationshaltung als „Zurück zum Ursprung“ im Herbst 2018 ankündigte, dass ab sofort allen Tieren ganzjährig mindestens zwei Stunden Auslauf pro Tag zu gewähren sei und zudem ab 2021 nur noch Milch aus Laufstallhaltung angenommen werde. Der Tiroler Bauernbund und die Tiroler Landwirtschaftskammer zeigten sich entsetzt, da dies bedeutete, dass mehr als 100 Biobetriebe in Osttirol aus dem Markenprogramm ausscheiden würden. In einem Artikel in der Bauernzeitung vom 11.10.2018 bezweifelte die Tiroler Landtagsabgeordnete Kathrin Kaltenhauser, dass der Handel an eine bäuerlich geprägte Landwirtschaft glaube: „Massentierhaltende Betriebe erfüllen mit einem Laufstall mit 7000 Milchkühen die Anforderungen des Handels. Eine bäuerliche Familie, die ihre Kühe beim Namen kennt und die Tiere im Sommer auf die Alm bringt und im Winter im Stall hält, erfüllt diese Kriterien nicht“ (Pixner 2018). Auch Landwirtschaftskammerpräsident Josef Hechenberger stellte die Frage, ob „jetzt die Marketingabteilungen der Handelsketten die Zukunft der Landwirtschaft bestimmen“ (Pixner 2018). Die Genossenschaft der Tiroler Rinderzüchter zeigte sich besorgt darüber, dass die verschärften Richtlinien viele Betriebe zur Aufgabe zwinge und forderte einen breiteren Zugang zur Tierwohldiskussion, die neben der Haltungsform andere relevante Faktoren wie Mensch-Tier-Beziehung, Betriebsgröße, Versorgung und Pflege der Tiere sowie Tierbeobachtung, Weidehaltung und Alpung (Rinderzucht Tirol 2021) berücksichtigen müsse.

Mittlerweile scheint jedoch die Formel „Tierwohl gleich Haltungsform“ allgemein akzeptiert zu sein. So zählen zu den Gewinnern des 2019 erstmals verliehenen Tierwohlpreises der Tiroler Landwirtschaftskammer sechs Betriebe mit Laufstall- und nur ein Betrieb mit Kombinationshaltung. Im November 2020 unterzeichnete Landwirtschaftsministerin Elisabeth Köstinger gemeinsam mit dem Dachverband Nachhaltige Tierhaltung Österreich (NTÖ), der Landwirtschaftskammer Österreich (LK) und den Landwirtschaftskammern der Bundesländer einen „Pakt für mehr Tierwohl“. Darin spricht sich auch die landwirtschaftliche Standesvertretung unter anderem dafür aus, dass der Neubau von Anbindeställen ab 2021 nicht mehr gefördert werden soll.

Diese Entwicklungen begünstigen eindeutig den Milchwirtschaftsstil gegenüber dem Kuhhaltungsstil. Wie gezeigt wurde, gehen mit diesem Wirtschaftsstil wachstumsorientierte Entwicklungsstrategien und Intensivierung einher, wodurch der bereits bestehende landwirtschaftliche Strukturwandel in Richtung Konzentration der Milchviehhaltung in den Gunstlagen verstärkt wird. Es kann vermutet werden, dass dies den Zielen der Verarbeitungsbetriebe und des Lebensmittelhandels entgegenkommt, die aus Kostengründen an kurzen Lieferwegen und einer geringeren Anzahl von Zulieferbetrieben interessiert sind.

Die privaten Tierwohlstandards mit ihren Vorgaben zur Laufstallhaltung erhöhen den bereits bestehenden wirtschaftlichen Druck auf die Milchviehhaltung erheblich. Die langfristige Zukunft der multifunktionalen Milchwirtschaft im Berggebiet wird damit in Frage gestellt. Nach Gstrein (2019) würden im Fall einer verpflichtenden Laufstallhaltung in den nächsten 15 Jahren fast 85 % der Betriebe mit Kombinationshaltung die Kuhhaltung bzw. den Betrieb ganz aufgeben. Da 70 % der gealpten Kühe aus der Kombinationshaltung stammen, hätte dies gravierende Folgen für die Almwirtschaft und das alpine Landschaftsbild.

Dies steht ironischerweise im Gegensatz zu den Werbeaussagen des Lebensmittelhandels wie sie z. B. auf der Homepage von „Zurück zum Ursprung“ zu lesen sind: „Wir haben es uns zum Ziel gemacht, diese regionalen landwirtschaftlichen Strukturen und deren landschafts- und kulturprägenden Nutzen speziell im Alpenraum zu erhalten und zu fördern und damit neue Maßstäbe in Hinblick auf Umwelt- und Tierschutz sowie Gentechnikfreiheit zu setzen. So hat etwa die Alpung von Milchkühen in Bergbauernregionen nicht nur eine lange Tradition, sondern trägt wesentlich zum Erhalt der alpinen Kulturlandschaft bei.“ (HOFER 2021b)