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Das (un-)entbehrliche Theater? Die Bedeutung der Stadt- und Staatstheater für die „Stadtgesellschaft“. Einführung in das Teilkapitel

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Zusammenfassung

Während die einen die öffentlichen Theater als unentbehrlichen Freiraum für Selbstverständigungsprozesse und Garant für Demokratie-Diskurse in einer Stadtgesellschaft beschwören, kritisieren die anderen, dass die Stadt- und Staatstheater in ihrem Publikum weder die Bevölkerung in ihrer Vielfalt repräsentieren noch relevant seien für einen Großteil der Menschen vor Ort und die Stadtgesellschaft.

Schlüsselwörter

Stadt- und Staatstheater Stadtgesellschaft Stadttheater-Debatten Teilöffentlichkeit Bevölkerungsgruppen 

„Es gibt keine Institution, die sich besser für die Selbstverständigung in einer Stadtgesellschaft eignet als das Theater. Wer Demokratie und Zivilgesellschaft stärken möchte, muss die Theater, die Lehranstalten der Pluralität, stärken“ (Harald Wolff, Nov. 2016, Nachtkritik.de).

„Und sei es noch so dekonstruktiv oder popkulturell: Letztlich steht das aktuelle Theater, von rühmlichen Ausnahmen abgesehen, für die affirmative Selbstvergewisserung eines überschaubaren Milieus, einer Gruppe von speziell gebildeten, wohlhabenden, meistens weißen Menschen, für die der Kokon aus Bühne und Zuschauerraum zum Naherholungsgebiet des unverfänglichen Unter-Sich-Seins geworden ist“ (Björn Bickert 2015, S. 4).

Während die einen die öffentlichen Theater als unentbehrlichen Freiraum für Selbstverständigungsprozesse und Garant für Demokratie-Diskurse in einer Stadtgesellschaft beschwören, kritisieren die anderen, dass die Stadt- und Staatstheater in ihrem Publikum weder die Bevölkerung in ihrer Vielfalt repräsentieren noch relevant seien für einen Großteil der Menschen vor Ort und die Stadtgesellschaft.

Seit einigen Jahren wird in den Debatten um die Zukunft der Stadttheater der Begriff der Stadtgesellschaft verwendet als Metapher für die Verankerung der Theater in der Bevölkerung einer Stadt – über das Theaterpublikum hinaus – sowie als Begriff für eine Erweiterung der Aufgaben von Stadttheater im Sinne von kulturellem Community Building.

1 Theater und Stadtgesellschaft im Kontext der Stadttheater-Debatten in Deutschland

Der Begriff der Stadtgesellschaft tauchte erstmals Mitter der 1990er Jahre im veröffentlichten Diskurs vor allem in stadtsoziologischen und politischen Kontexten auf, auch deshalb, weil eine zunehmende Pluralisierung und mehr noch soziale Spaltung der Bevölkerung in der Stadt wahrgenommen wurde. Rodenstein identifiziert nach einer Analyse soziologischer Diskurse drei Bedeutungen des Begriffs (Rodenstein 2013):

Stadtgesellschaft als inklusiver Begriff für die gesamte Bevölkerung der Stadt in ihrer Diversität

Der Begriff adressiert nicht nur eine gehobene, elitäre Bürgergesellschaft, sondern alle sozialen Milieus. Auch steht er in Abgrenzung zu einer nationalen Definition von Staatsgemeinschaft und inkludiert explizit auch die neu Zugezogenen aus anderen Ländern, wobei der Begriff der „Stadtgesellschaft“ oft um „multi-“ oder „interkulturell“ ergänzt wird.

Stadtgesellschaft als normativer Begriff, der für eine bestimmte Qualität des Zusammenlebens steht

Darüber hinaus wird der Begriff verwendet als Plädoyer für die proaktive Gestaltung eines Dialogs der verschiedenen Bevölkerungsgruppen und städtischen Instanzen sowie einer Qualifizierung ihres städtischen Zusammenlebens.

Stadtgesellschaft als Gruppe derjenigen einflussreichen Vertreter*innen, die sich in besonderer Weise für eine Stadt einsetzen

Schließlich diene der Begriff auch als Bezeichnung für die einflussreiche Elite und die Meinungsführer*innen sowie die aktiven Bürger*innen einer Stadt.

Wie wird der Begriff im Kontext der Diskurse um die Stadttheater verwendet? Zwischen 2014 und 2019 tauchte der Begriff in insgesamt 137 Artikeln und Kommentaren der Theater-Plattform „Nachtkritik.de“ in den Diskursen über Theater auf; am häufigsten in insgesamt 35 Artikeln und Kommentaren in der dortigen Debatte zur „Zukunft der Stadttheater“1. Im Rahmen dieser Diskurse werden vor allem die ersten beiden oben dargestellten Bedeutungen des Begriffs „Stadtgesellschaft“ verhandelt.

1.1 Alle sind gemeint – Adressierung einer „pluralen“, „diversen“, „interkulturellen“ „Stadtgesellschaft“ einschließlich der aus anderen Ländern Zugewanderten

Mit dem Begriff der Stadtgesellschaft wird an Theater der Anspruch gestellt, die gesamte Bevölkerung in ihrer Pluralität einschließlich der aus anderen Ländern Zugewanderten zu adressieren. Der Begriff „Stadtgesellschaft“ ist dabei häufig mit Zusätzen wie „plural“, „divers“ oder „multikulturell“ versehen.

Auch der Deutsche Bühnenverein begründet seine Forderung für mehr öffentliche Theatermittel mit „neuen Herausforderungen für die Stadtgesellschaft, die einem massiven Wandel unterlägen“ (Deutscher Bühnenverein 2017). „Das Theater muss sich ja an die gesamte Stadtgesellschaft richten, nicht nur an die Bildungsbürger oder die Hipster oder die Jungen“, formulierte Ulrich Khuon in seiner Funktion als Präsident des Deutschen Bühnenvereins im SZ-Interview anlässlich der Debatte um die Berliner Volksbühne (Dössel und Laudenbach 2016). Auch der Theaterpreis der Bundesregierung greift den Begriff auf, wenn er in seinem Mission-Statement formuliert, dass der Preis „neue Wege in die Stadtgesellschaft“ aufzeigen soll.2 Eine vielfach konstatierte wachsende Vielfalt der „Stadtgesellschaft“ wird in einigen Kommentaren auch als Ursache für eine Legitimationskrise der Stadttheater genannt, die unfähig seien, diese plurale Bevölkerung in ihrem Publikum wie in ihrem Programm zu repräsentieren.

1.2 Forderung an Theater, aktiv zur Bildung von Stadtgesellschaft über Zuschauerschaft hinaus beizutragen

In der Debatte über Theater steht der Begriff auch dafür, dass Stadttheater zu einer Bildung und Qualifizierung von Stadtgesellschaft beitragen sollen, indem sie demokratiestärkende Diskurse zu aktuellen Herausforderungen initiieren und auch alternativen Öffentlichkeiten eine Stimme geben. Theater habe das Potenzial, Öffentlichkeit herzustellen und neue Perspektiven zu entwickeln, so eine häufige Argumentation. Oft wird der Begriff im Kontext der Diskussion neuer Theaterformate und partizipativer Projekte (etwa mit Bezug auf die Bürgerbühnen oder den Fonds „Heimspiel“ der Kulturstiftung des Bundes) genannt. Als wesentlich wird dabei die „Verortung“ der Theater in der jeweiligen Stadt gesehen, nicht nur durch die oft im Zentrum der Stadt situierten Theatergebäude, sondern auch über die Identifikation der Bevölkerung mit dem in der Stadt beheimateten Ensemble sowie über vielfältige Kooperationen mit bürgerschaftlichen Initiativen. Während einige betonen, dass Theater als „soziale Kunstform“ in besonderer Weise geeignet sei, „Stadtgesellschaft“ zu formieren, kritisieren andere, dass das (Stadt-)Theater aufgrund überkommener Formen, Formate und Kanon gerade nicht die aktuellen Anliegen der Bewohnerschaft einer Stadt aufgreife.

1.3 Stadtgesellschaft als einflussreiche Teil-Öffentlichkeit einer Stadt und Lobby für oder gegen Theater

Vereinzelt wird der Begriff der „Stadtgesellschaft“ auch als Synonym für die einflussreichen Mitglieder einer Stadt genutzt, auch im Sinne einer Kultur-Elite, die sich etwa im Kontext von Theaterschließungsdebatten oft für das Theater, manchmal auch gegen das „Stadttheater“ positionieren.

Die 140 Stadt- und Staatstheater, die meisten davon mit eigenem Ensemble, Gewerken, Repertoirebetrieb und mehreren Sparten, beanspruchen einen Großteil öffentlicher Fördergelder und sind in vielen mittelgroßen Städten die größte und damit zentrale Kultureinrichtung. Insofern ist es für die Legitimierung der staatlichen Förderung von hoher Bedeutung, wie die Theater in der „Stadtgesellschaft“ verortet sind und wie sie wahrgenommen werden von unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen. Es ist zu vermuten, dass gravierende gesellschaftliche Veränderungen wie insbesondere kulturelle Globalisierung, Migration und Digitalisierung die vormals zentrale Funktion der Stadt- und Staatstheater als Ort der bürgerlichen Repräsentation und Selbstverständigung zunehmend auflösen.

Welche Bedeutung haben die Theater für das Zusammenleben und den Dialog in einer Stadtgesellschaft, welche Aufgaben werden ihnen zugeschrieben? Welches Image haben sie in der Bevölkerung? Und wie definieren die Theaterschaffenden selbst ihre Rolle in der Stadt, ihr Verhältnis zu Stadtgesellschaft und zum Publikum? Auf welche Weise gestalten sie den Dialog und die Nachfrage?

Theaterbesuch und Theater – Wahrnehmung in der Bevölkerung

Welche Legitimität die öffentlich geförderten Theater sowohl im Publikum wie in der Bevölkerung insgesamt genießen, welche Bevölkerungsgruppen Theater tatsächlich besuchen, welche Aufgaben den Theatern zugeschrieben werden und inwiefern sich die Bevölkerung für oder gegen öffentliche Theaterförderung ausspricht, zeigen die Ergebnisse einer repräsentativen Befragung der Bevölkerung in Deutschland (Birgit Mandel).

Wahrnehmung von Publikum und Stadtgesellschaft durch die Theaterschaffenden

Wie die Theaterschaffenden den Rückhalt ihres Theaters in der Stadtgesellschaft wahrnehmen, welchen Stellenwert diese dem Publikum geben und wie sie dessen Erwartungen und Interessen in ihrer Arbeit umsetzen, zeigt die Auswertung von Interviews mit Theaterschaffenden an drei verschiedenen Stadttheatern. Diese Ergebnisse werden in Bezug gesetzt zur kritischen Wahrnehmung der Stadttheater im Fachdiskurs (Charlotte Burghardt).

Eine Gesamtbefragung der Intendant*innen an deutschen Stadt- und Staatstheatern gibt Aufschluss über Ziele, Herausforderungen und Veränderungsstrategien der Theater sowie den Einfluss der Zuwendungsgeber aus Sicht ihrer Leitungen (Birgit Mandel).

Eine empirische Vollerhebung der Mitarbeiterschaft an sechs verschiedenen Stadttheatern in Deutschland zeigt, wie die unterschiedlichen Berufsgruppen am Theater Mission, Aufgaben, Wirkungen und Zukunft der Theater in der Stadtgesellschaft wahrnehmen, ebenso wie sie ihre eigenen Arbeitsbedingungen bewerten (Lara Althoff, Eckhard Priller, Annette Zimmer).

Diversifizierung der Programme der Stadt- und Staatstheater als Reaktion auf die veränderte Stadtgesellschaft

Wie sich seit Anfang der 1990er Jahre die Programme der Stadt- und Staatstheater verändert haben und welche Rolle dabei die verstärkten Bemühungen der Theater um eine Neuverortung in der pluralisierten Stadtgesellschaft gespielt haben, wird anhand einer vergleichenden Analyse der Werk- und Theaterstatistiken des Deutschen Bühnenvereins dargestellt. Dabei zeigt sich ein widersprüchliches Bild dieses Veränderungsprozesses (Hilko Eilts).

Partizipative Formate als Strategie für den Dialog mit der „Stadtgesellschaft“ – das Programm „Heimspiel“ der Kulturstiftung des Bundes

Inwiefern können kulturpolitische Förderprogramme Einfluss nehmen auf Transformationsprozesse der Theater in Richtung einer höheren Verbundenheit mit der Stadtgesellschaft? Im Rahmen einer Analyse aller bisher geförderten Initiativen der Stadt- und Staatstheater durch den Fonds „Heimspiel“ der Kulturstiftung des Bundes wird gezeigt, welche Wirkungen die Fördermaßnahmen auf Programme, Formate und Strukturen der Theater haben. Der Fonds gilt als Initialzündung zur Schaffung neuer partizipativer Formen und Formate an den öffentlich getragenen Theatern in Deutschland (Lukas Stempel).

Fußnoten

Literatur

  1. Bickert, Björn. 2015. Die Kunst der Teilhabe – Theater als Politische Praxis. Vortrag Deutscher Bühnenverein. Jahreshauptversammlung 2015: Partizipation – Bürgerbühne – Demokratiefähigkeit. https://www.bjoernbicker.de/11-0-Texte.html. Zugegriffen: 26. Aug. 2020.
  2. Deutscher Bühnenverein. 2017. Bühnenverein fordert angesichts der zu erwartenden Steuermehreinnahmen Stärkung der Kulturpolitik vor Ort. Wachsender Widerspruch zwischen steigenden Erwartungen und mangelnder Handlungsfähigkeit. http://www.buehnenverein.de/de/presse/pressemeldungen.html?det=458. Zugegriffen: 29. Dez. 2020.
  3. Dössel, C., und P. Laudenbach. 2016. Fluchtursachen. https://www.sueddeutsche.de/kultur/intendant-des-deutschen-theaters-berlin-fluchtursachen-1.3003388?reduced=true. Zugegriffen: 29. Dez. 2020. Google Scholar
  4. Rodenstein, Marianne. 2013. Stadtgesellschaft – Was ein Begriff über die Wirklichkeit unserer Städte aussagt. Forum Stadt 40 (1): 5–19.Google Scholar

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Authors and Affiliations

  1. 1.Institut für KulturpolitikUniversität HildesheimHildesheimDeutschland

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