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Organisation der Stromnetz-Ausbauplanung: Ausblick

  • Jakob Jannis BürgerEmail author
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Part of the essentials book series (ESSENT)

Zusammenfassung

Im Laufe der Jahre 2014 und 2015 kam es wiederholt zu Diskussionen um die NEP-Ausbaupläne. Ein Zentrum der medialen Auseinandersetzung war der HGÜ-Korridor D, doch auch andere NEP-Projekte gerieten in Kritik. Dies lag zum einen an lokalen Oppositionsbewegungen, die sich teilweise auf drastische Weise manifestierten. Zum anderen versprach auch die verabschiedete Reform „EEG 2014“ des Erneuerbare-Energien-Gesetzes neben weiteren Änderungen reduzierte mittelfristige Offshore-Wind-Ausbauziele, was dazu führte, dass manche Akteure eine erneute Prüfung des Netzausbaubedarfs forderten.

Im Laufe der Jahre 2014 und 2015 kam es wiederholt zu Diskussionen um die NEP-Ausbaupläne. Ein Zentrum der medialen Auseinandersetzung war der HGÜ-Korridor D, doch auch andere NEP-Projekte gerieten in Kritik. Dies lag zum einen an lokalen Oppositionsbewegungen, die sich teilweise auf drastische Weise manifestierten. Zum anderen versprach auch die verabschiedete Reform „EEG 2014“ des Erneuerbare-Energien-Gesetzes neben weiteren Änderungen reduzierte mittelfristige Offshore-Wind-Ausbauziele, was dazu führte, dass manche Akteure eine erneute Prüfung des Netzausbaubedarfs forderten. Infolge dieser zahlreichen, kontroversen Diskussionen wurden im Dezember 2015 schließlich vom Gesetzgeber einige Änderungen an der zukünftigen Ausbauplanung beschlossen:
  • Für neue HGÜ-Leitungen wird (trotz erheblicher Mehrkosten) standardmäßig eine Erdverkabelung vorgesehen; nur in Ausnahmefällen sind auch Freileitungen möglich. Zuvor war genau das Gegenteil der Fall: Freileitungen waren die allgemeine Regel, Erdkabel waren die Ausnahme. Wechselstrom-Leitungen sind von dieser neuen Regel nicht betroffen, ebenso wenig wie die Umwandlung bestehender Wechselstrom-Leitungen in HGÜ-Leitungen (letzteres betrifft vor allem die südliche Hälfte des geplanten HGÜ-Korridors A).

  • Der Verlauf des umstrittenen HGÜ-Korridor D (BBPlG-Projekt Nummer 5) wird erheblich geändert.

  • Die Aktualisierung der Netzausbaupläne soll nur noch alle zwei Jahre erfolgen, anstatt wie bisher in jährlichem Rhythmus. Auch wurden formale Vorgaben, wie zum Beispiel die in den Mittel- und Langfristszenarien des NEP zu betrachtenden Zeitrahmen, angepasst.

Der erste NEP nach dieser neuen Methode wurde im Laufe der Jahre 2016 und 2017 erstellt und bezog sich auf die Zeithorizonte 2030 und 2035. Eine aktualisierte Version des NEP für die Zeithorizonte 2030 und 2035 wird von den Übertragungsnetzbetreibern und der Bundesnetzagentur in den Jahren 2018 und 2019 erstellt.

Es bleibt jedoch abzuwarten, ob diese Maßnahmen ausreichen, um die Kontroversen um den Netzausbau zu beenden, insbesondere wenn es sich wie bei den HGÜ-Leitungen um Großprojekte und neue Technologien handelt. Zudem birgt auch der neue Prozess die Gefahr, dass neue politische Diskussionen aufkommen, die erst mit erheblichem Zeitverzug in die Netzplanung aufgenommen werden können und bis dahin die Planungen und den Netzausbau verzögern.

Diese Verzögerungen führen bereits heute zu bedenklichen Netzengpässen in Deutschland, und damit teilweise ebenfalls zu erheblichen Problemen der Versorgungssicherheit in den Netzen von Deutschlands Nachbarländern, wenn diese ungeplanten, hohen Stromflüssen ausgeliefert sind. Langfristig bedarf es einer anderen, nachhaltigeren Lösung für diese Engpässe, zumal dies auch die Ausgaben für Redispatching innerhalb Deutschlands reduzieren würde. Außerdem wäre dies wichtig für ein besseres Ausschöpfen des Potenzials der Interkonnektoren. Diese stellen die Verbindung dar, dank derer Deutschland Stromhandel mit seinen Nachbarländern betreiben kann. Die Nutzung der Interkonnektoren wird mittlerweile jedoch mancherorts von netzinternen Engpässen auf deutscher Seite stark erschwert (siehe Exkurs Stromhandelskapazitäten).

Exkurs: Stromhandelskapazitäten – Rolle der Interkonnektoren und des Netzausbaus im Stromhandel

Deutschlands Stromexporte beliefen sich im Jahr 2014 auf 59,2 TWh (2013: 59,4 TWh), die Importe auf 24,7 TWh (2013: 26,9 TWh). Im Handelssaldo war Deutschland 2014 also insgesamt Nettoexporteur mit 34,5 TWh (2013: 32,5 TWh) [18]. Von diesem in Handelsbörsen festgelegten Stromaustausch weichen die tatsächlichen physikalischen Stromflüsse ab und machen auf diese Weise zum Teil verschiedene Anpassungsstrategien nötig. Dies geschieht umso mehr, je stärker Netzengpässe den freien Stromfluss einschränken.

Besonders deutlich lässt sich dies anhand des deutsch-französischen Saldos veranschaulichen. So wies 2014 das deutsche Handelssaldo mit Frankreich einen Nettoexport von 6 TWh aus (2013: 9,8 TWh), während in Bezug auf das Saldo der physikalischen Stromflüsse Deutschland ein Nettoimporteur von Frankreich war, in Höhe von 14 TWh (2013: 10,6 TWh). Gleichwohl war Deutschland 2014 nicht nur im Handel Nettoexporteur, sondern auch in Bezug auf die physikalischen Stromflüsse, mit einem Saldo von 32,5 TWh (2013: 30,7 TWh) [18]. Somit wies Deutschland in der Tat einen Export an physikalischen Stromflüssen auf, der auf fast derselben Höhe wie seine handelsseitigen Exporte lag – die einzelnen Lieferungen verteilten sich nur sehr unterschiedlich auf die verschiedenen Stromhandelspartner.

Für die Zukunft gehen die deutschen Übertragungsnetzbetreiber (ÜNB) von den in Tab. 4.1 zusammengefassten Handelskapazitäten aus:
Tab. 4.1

Prognose der ÜNB, in Abstimmung mit der Bundesnetzagentur, für Austauschkapazitäten zwischen Deutschland und angrenzenden Marktgebieten. (Quelle: Eigene Bearbeitung in Anlehnung an [25])

2025 (in GW)

BE

CH

CZ

DK-O

DK-W

FR

LU

NL

NO

PL a

SE

Von DE nach …

1

4,4

1,3

1

2,5

3

2,3

5

1,4

2

1,2

Von … nach DE

1

4,2

2,6

1

2,5

3

2,3

5

1,4

3

1,2

2035 (in GW)

BE

CH

CZ

DK-O

DK-W

FR

LU

NL

NO

PL a

SE

Von DE nach …

2

4,4

2

1,6

2,5

4,1

2,7

5

1,4

2

1,2

Von … nach DE

2

5

2,6

1,6

2,5

4,1

2,7

5

1,4

3

1,2

BE – Belgien, CH – Schweiz, CZ – Tschechien, DE – Deutschland, DK – Dänemark (Ost/West), FR – Frankreich, LU – Luxemburg, NL – Niederlande, NO – Norwegen, PL – Polen, SE – Schweden

aDiese polnischen Handelskapazitäten stehen u. U. nicht nur für den polnischen Handel mit Deutschland zur Verfügung, sondern müssen von Polen z. T. zugleich auch für Handel mit der Slowakei und Tschechien genutzt werden

Ähnliche Vergleichswerte für die Gegenwart veröffentlichten die ÜNBs jedoch nicht. Als Grund für diese Entscheidung muss der Umstand angenommen werden, dass die Kapazität eines Interkonnektors nur dann voll genutzt werden kann, wenn es in den von ihm verbundenen Marktzonen keine wesentlichen, einschränkenden Netzengpässe gibt. Dies ist zurzeit keinesfalls gegeben; die Handelskapazitäten Deutschlands mit Dänemark-West und Polen etwa sind aktuell durch deutsche Netzengpässe stark eingeschränkt. Auch sollten die genannten ÜNB-Hypothesen für die zukünftigen Interkonnektoren nur im Kontext des ÜNB-Szenarios eines idealen, zukünftig engpassfreien Netzes gedacht werden. Einzig für Norwegen und Belgien ist der Unterschied zur heutigen Situation sofort klar erkennbar, da sie derzeit noch über keinerlei direkte Übertragungsnetz-Verbindung zu Deutschland verfügen.

Bislang blieb Deutschland im Stromhandelssaldo Nettoexporteur, trotz des fortschreitenden Ausstiegs aus der Kernkraft, dank erneuerbarer und fossiler Stromerzeugung. Allein im Jahr 2011, als dieser Ausstieg beschlossen wurde, war das Saldo etwas weniger hoch als in den Jahren zuvor, erreichte jedoch ab 2012 wieder die vorherigen Werte und überstieg diese sogar. Doch im Zuge der bis 2022 geplanten vollständigen Abschaltung aller Kernkraftanlagen sowie der Schließung mancher Kohle- oder Gaskraftwerke könnte sich Deutschlands Stromexportsaldo durchaus auch verringern oder gar in Nettostromimporte umschlagen, laut der ÜNB-Analyse eines engpassfreien Netzes im Jahr 2025 [25], auf der auch Tab. 4.1 beruht. Dies verdeutlicht, dass der obengenannte Ausbau der Handelskapazitäten nicht nur im Kontext von Exporten zu sehen ist, sondern auch die Importfähigkeit erhöhen kann.

Doch bereits jetzt entlasten die Interkonnektoren das deutsche Netz, indem sie Stromflüssen erlauben, deutschen Engpässen über benachbarte Stromnetze auszuweichen. Da dies jedoch zu einer zusätzlichen, schwer planbaren Belastung der benachbarten Stromnetze führt, bleibt der (weitgehend) engpassfreie Betrieb des deutschen Übertragungsnetzes, und damit der innerdeutsche Netzausbau, ein wichtiges Ziel für die deutsche und europäische Versorgungssicherheit und für die volle Nutzbarkeit der Stromhandelskapazitäten.

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© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2018

Authors and Affiliations

  1. 1.ParisFrankreich

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