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Sinti und Roma als Problemgruppe? Problematisierung und Entproblematisierung im Kontext von Nicht-Wissen und politischer Correctness

Chapter

Zusammenfassung

Problemgruppenkonstruktionen basieren auf Differenzkonstruktionen, mit denen Minderheiten oder Subkulturen von einer als unproblematisch geltenden Mehrheitsbevölkerung unterschieden werden. Im diesen Beitrag wird auf der Grundlage von Befunden der historischen und gegenwartsbezogenen Antiziganismusforschung sowie einer eigenen qualitativen Studie gezeigt, dass es sich bei denjenigen, die Sinti und Roma bezeichnet werden, um einen Fall handelt, der in besonderer Weise dazu geeignet ist, die Funktionsweise von Problemgruppenkonstruktionen und deren Auswirkungen zu verdeutlichen. In Zusammenhang damit werden Schwierigkeiten aufgezeigt, mit denen eine Forschung konfrontiert ist, die darauf zielt, zur Analyse und Kritik der Problemgruppenkonstruktion Sinti und Roma beizutragen. Diese resultieren insbesondere daraus, dass eine Kritik von Formen der Ethnisierung und des Gruppismus im Fall von Sinti und Roma Selbstdefinitionen als ethnische Minderheit berücksichtigen muss, die sich von der Mehrheitsgesellschaft unterscheidet und abgrenzt. Für diese Selbstdefinition ist – insbesondere bei Sinti – das Wissen um die Geschichte und Gegenwart antiziganistischer Diskriminierung in Deutschland ein zentraler Bestandteil, was dazu führt, dass eine Forschung, die darauf zielt, verbreitete Zuschreibungen problematischer Eigenschaften durch empirisch fundiertes Wissen zu widerlegen, bislang kaum möglich ist.

Schlüsselwörter

Problemgruppenkonstruktionen Antiziganismus Sinti und Roma Diskrimierung Selbst- und Fremdethnisierung 

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Authors and Affiliations

  1. 1.Institut für Soziologie an der Pädagogischen Hochschule FreiburgFreiburgDeutschland

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