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Die Dualität von Leib und Körper und die Strukturen der Lebenswelt

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Mathesis universalis – Die aktuelle Relevanz der „Strukturen der Lebenswelt“
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Zusammenfassung

Der Text greift den wiederholt von praxistheoretischen Arbeiten formulierten Vorwurf einer mentalistischen Verkürzung der Phänomenologie Alfred Schütz’ und daran anschließender Handlungstheorien auf und versucht diesen durch eine Re-Lektüre zentraler Texte von Schütz zu entkräften. Im Vordergrund steht dabei zunächst die Suche nach Anschlüssen für körperliche und leibliche Aspekte der Weltorientierung, die anschließend mithilfe neuerer Erkenntnisse aus dem Schnittfeld von Leibphänomenologie und Körpersoziologie präzisiert werden. Durch die so gewonnene Erweiterung der Schütz’schen Phänomenologie lässt sich der präreflexive Bereich der gedehnten Gegenwart, der von Retentions- und Protentionsprozessen geprägt ist, genauer bestimmen. Dies ist zugleich der Bereich, für den die Praxistheorie ihre spezielle Kompetenz beansprucht und den sie als den für das Soziale entscheidenden Bereich fokussiert. Mit Schütz wiederum lässt sich zeigen, dass sich die Komplexität menschlicher Weltorientierung damit jedoch nur unzureichend erfassen lässt.

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Notes

  1. 1.

    Die Vorstellung eines auch nur hypothetischen „einsamen Ich“ ruft natürlich sofort sämtliche praxistheoretisch argumentierende Kritiker (und nicht nur diese) auf den Plan. Aus meiner Sicht lässt sich die (vorläufige!) Fokussierung auf den Einzelakteur jedoch als methodologisches Prinzip verstehen, mit dem keinesfalls eine Vorentscheidung über den Stellenwert kollektiver, interaktiver, kommunikativer, figurativer oder – allgemeiner formuliert – sozialer Phänomene getroffen wird. Die Schütz’schen Überlegungen zur Konstitution sinnhafter Erlebnisse in der „Sphäre des einsamen Ich“ sind aus meiner Sicht ein hervorragender Ausgangspunkt, um detailliert beschreiben zu können, wie „Subjekte“ überhaupt Erfahrungen machen oder – poststrukturalistisch gewendet – welche grundlegenden Mechanismen eigentlich am Werke sind, wenn von „Subjektivierung“ die Rede ist.

  2. 2.

    Vielleicht wäre es Fußballakrobatik, eine Variante des Fußballspiels, die sich durch kunstvolle Tricks mit dem Ball auszeichnet und auf eine Fokussierung auf das Erzielen von Toren verzichtet.

  3. 3.

    Eine stärker bewusstseinsphänomenologisch konnotierte Entsprechung zu Vorgängen wie diesen findet man wiederum bei Schütz, der beschreibt, wie „polythetisch“ ausgeführte Handlungsschritte, die jeweils der bewussten Überlegung bedürfen, durch Routinisierung in den Hintergrund des Bewusstseins absinken, sodass wir sie schließlich nur noch „monothetisch“ in den Blick nehmen können, vgl. Schütz 1974, S. 100 f.).

  4. 4.

    Man kann sich sicherlich darüber streiten, ob das Wissen, das ein Sitzenkönnen voraussetzt, „in den Körper eingeschrieben“ (Bourdieu) oder im „Hintergrund des Bewusstseins abgelagert“ (Schütz) ist. Vielleicht stimmt einfach beides, denn im Grunde ist damit Ähnliches gemeint: ein Wissen, das präreflexiv verfügbar, aber nicht angeboren ist, sondern auf Erfahrungen mit der gesellschaftlich gedeuteten Wirklichkeit der Alltagswelt basiert. Deshalb ist dieses Wissen kultur- und sicherlich auch milieuspezifisch.

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Steets, S. (2021). Die Dualität von Leib und Körper und die Strukturen der Lebenswelt. In: Dreher, J. (eds) Mathesis universalis – Die aktuelle Relevanz der „Strukturen der Lebenswelt“. Springer VS, Wiesbaden. https://doi.org/10.1007/978-3-658-22329-8_6

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  • Publisher Name: Springer VS, Wiesbaden

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