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Zur Differenzierung von Alters-, Perioden- und Kohorteneffekten in Zeitreihendaten am Beispiel der Wahlbeteiligung

  • Per HolderbergEmail author
  • Michael Corsten
Chapter
Part of the Blickpunkt Gesellschaft book series (BLICKG)

Zusammenfassung

Quantitative, empirische Generationsvergleiche auf der Basis von großen Datensätzen sind bisher selten durchgeführt worden. Dies mag daran liegen, dass die mit der Kohorten- und Generationsforschung eng verknüpfte Lebensverlaufsforschung auf längsschnittliche Erhebungsdesigns gesetzt hat, die jedoch für längere Zeiträume Geburtsjahrgänge in ihrem biografischen Verlauf nur selektiv zu repräsentieren vermag. Entweder handelt es sich um thematisch spezifische Datensätze oder um Vergleiche ausgewählter Geburtskohorten. Allgemeiner angelegte Datensätze (wie SOEP) weisen entweder zu wenig Fälle auf oder erfordern zur Konstruktion einer hinreichenden Fallzahl eine komplizierte Aggregation von Teildatensätzen. Insofern erscheint es uns nach wie vor aussichtsreich, die als Querschnittserhebungen konstruierten Zeitreihen der Allbus-Datensätze in der klassischen Form einer Trendstudie für die Untersuchung von Generationseffekten zur politischen Partizipation und zum zivilgesellschaftlichem Engagement in Deutschland seit 1980 zu nutzen. Es sollen im ALLBUS erhobene Merkmale der politischen Aktivität über die Zeit verfolgt werden. Der Einbezug der Generationszugehörigkeit soll dabei einen differenzierenden Blick auf Alters-, Kohorten- und Periodeneffekte zur Erklärung der Intensität politischer Partizipation eröffnen. Unsere Ausgangsthese ist dabei, dass es zu einer stärkeren sozial-selektiven Spreizung an politisch Aktiven als auch der politisch Inaktiven gekommen ist. Zivilgesellschaftlich liberalisierte kulturelle und politische Werte sind zum common sense der Mittelschichten geworden, die auch eine erhöhte Wahlbeteiligung in den Baby-Boomer Geburtskohorten erklärten könnten. Allerdings kann dies gleichzeitig das Anwachsen einer Teilpopulation von Bürgerinnen und Bürger aus der Mittelschicht bedingen, die zunehmend inaktiv oder aus Enttäuschung zum Protestwähler wird. Dabei wird gefragt, ob sich spezifische Generationseffekte beobachten lassen. Neben der inhaltlichen Frage bietet die Untersuchung auch Aufschluss über methodische Probleme, z. B. der operationalen Konstruktion von Kohorten als Generationen.

Schlüsselwörter

Politische Partizipation Kohortenanalyse Generationen Wahlverhalten 

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Copyright information

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Authors and Affiliations

  1. 1.Institut für SozialwissenschaftenUniversität HildesheimHildesheimDeutschland

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