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Zahltagkredite – Fluch oder Segen?

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Zusammenfassung

Kurzfristige Kleinkredite über wenige Wochen ohne Sicherheiten sind teuer. Sie sind riskanter und haben zudem hohe Bearbeitungskosten. Trotzdem werden sie meist von Haushalten mit geringem Einkommen genutzt.

FormalPara Relevanz

Kurzfristige Kleinkredite über wenige Wochen ohne Sicherheiten sind teuer. Sie sind riskanter und haben zudem hohe Bearbeitungskosten. Trotzdem werden sie meist von Haushalten mit geringem Einkommen genutzt. Zahltagkredite helfen, vorübergehende Mehrausgaben oder unerwartete Einnahmenausfälle bis zum nächsten Gehaltseingang zu finanzieren. Sie stiften Nutzen, indem sie kostspielige Einschränkungen und einen Aufschub von notwendigen laufenden Ausgaben wie Medikamente, Zahnarzt, Telefon bis hin zum Essen vermeiden helfen. Aber gerade die Nutzer von Zahltagkrediten kommen wesentlich häufiger in finanzielle Schwierigkeiten als andere. Nutzen die Anbieter die Unwissenheit und mangelnde Selbstkontrolle der Kunden aus? Sollen sie deshalb mit Höchstzinsen reguliert oder gar verboten werden? Ein Konsumentenschutz mit Maß ist notwendig, aber darf auf den Nutzen nicht vergessen.

Christian Keuschnigg und Michael Kogler

FormalPara Quelle

Der nachfolgende Text ist eine Zusammenfassung von: Melzer, Brian (2011), The Real Costs of Credit Access: Evidence from the Payday Lending Market, Quarterly Journal of Economics, 126 (1), 517–555.

Spätestens seit der Finanzkrise wird die Regulierung von Finanzprodukten stärker diskutiert. In angelsächsischen Ländern stehen besonders so genannte Zahltagkredite (Payday Lending) in der Kritik. Die Kreditgeber würden sich mit hohen Zinssätzen und Gebühren auf Kosten von Haushalten mit geringen Einkommen bereichern. Zahltagkredite sind kurzfristig, ungesichert und für kleine Beträge. Wie der Name verrät, überbrücken sie in der Regel einen kurzfristigen finanziellen Engpass bis zum nächsten Lohneingang. Da Kreditgeber meist neben einem Bankkonto einen Einkommensnachweis verlangen, nehmen hauptsächlich Haushalte mit einem regelmäßigen Einkommen zwischen US$ 15.000 und 50.000 solche Kredite auf. Zahltagkredite sind vor allem in den USA und in Großbritannien verbreitet. Schätzungen gehen davon aus, dass in den USA über 10 Mio. Haushalte solche Kredite nutzen. Sie sind in Bezug auf Volumen, Laufzeit und Zinssatz jedoch nicht vergleichbar mit Konsumkrediten, welche in der Schweiz und in anderen kontinentaleuropäischen Ländern angeboten werden.

Die Diskussion über den Nutzen oder Schaden für die Kreditnehmer ist kontrovers. Einerseits ermöglichen es Klein- und Überbrückungskredite, dass die Haushalte einen nicht erwarteten Ausfall anderer Einnahmen oder plötzliche Mehrausgaben wie z. B. ungeplante Gesundheitsausgaben bewältigen können, ohne ihren Konsum übermäßig einschränken zu müssen. Der Zugang zu kurzfristigen Krediten hilft ihnen, finanzielle Engpässe zu überbrücken, was sie in jedem Fall besserstellt. Andererseits legen verhaltensökonomische Studien nahe, dass viele Personen die Kosten dieser Kleinkredite unterschätzen und die Kreditaufnahme oft impulsives Verhalten widerspiegelt. Diese Argumente werden ins Feld geführt, um Anbieter verstärkt zu regulieren oder die Angebote beispielsweise mithilfe eines Höchstzinssatzes zu erschweren.

Der typische Zahltagkredit in den USA umfasst US$ 350 für 2 Wochen. Für diesen ungesicherten Kurzzeitkredit werden Gebühren von ca. US$ 15 pro US$ 100 fällig.

Brian Melzer untersucht, ob ein einfacherer Zugang zu Zahltagkrediten die Haushalte besserstellen und vorübergehende wirtschaftliche und finanzielle Nöte verringern kann. Er verwendet Daten aus einer detaillierten Befragung von knapp 9000 Haushalten mit einem Haushaltseinkommen von US$ 15.000 und 50.000 in den U.S. Bundesstaaten Massachusetts, New Jersey und New York zwischen 1997 und 2002. In diesen drei Bundesstaaten ist die Vergabe von Zahltagkrediten verboten. Aber es besteht die Möglichkeit, sich Geld in benachbarten Staaten zu leihen, wo solche Kredite erlaubt sind. Diesen Umstand nutzt die Analyse. Melzer zeigt, dass die Anzahl der Anbieter in den Grenzregionen der Nachbarstaaten, die an diese drei Bundesstaaten angrenzen, deutlich höher ist. Dies lässt den Schluss zu, dass Haushalte tatsächlich über die Grenzen von Bundesstaaten hinweg Zahltagkredite aufnehmen, wenn es zuhause nicht möglich ist. Der Vorteil dieses Ansatzes besteht darin, dass die Anpassung in den benachbarten Bundesstaaten unabhängig von den Entwicklungen im Heimatstaat ist. Damit wird es möglich, die Auswirkungen des Zugangs zu Zahltagkrediten von anderen Einflüssen im Heimatstaat zu isolieren und eindeutig festzumachen.

Die Studie vergleicht nun die finanzielle Situation von Haushalten, die in Grenznähe wohnen und daher leichter Zugang zu Zahltagkrediten im Nachbarstaat haben, mit jener von Haushalten ohne erleichtertem Zugang. Dabei wird der Effekt des Zahltagkredits auf verschiedene Arten von finanziellen Schwierigkeiten wie z. B. das Bezahlen von Rechnungen oder das Kürzen von Ausgaben infolge Geldnot geschätzt. Zudem umfasst die Befragung Informationen zu Gesundheitsausgaben wie etwa die Frage, ob Haushaltsmitglieder benötigte Gesundheitsausgaben verschieben mussten. Letzteres ist ein deutlicher Hinweis auf einen einschneidenden finanziellen Engpass.

Die empirische Evidenz deutet darauf hin, dass ein einfacherer Zugang zu Kleinkrediten die finanzielle Situation der betroffenen Haushalte nicht verbessert, sondern sogar verschlechtert. Nach Abb. 1 steigt die Wahrscheinlichkeit, in finanzielle Schwierigkeiten verschiedener Art zu geraten, mit dem Zugang zu Zahltagkrediten weiter an. Unabhängig davon, ob sie solche Kredite in Anspruch nahmen oder nicht, gaben rund 18 % aller Haushalte in der Stichprobe an, dass sie Gesundheitsausgaben verschieben mussten. Die Wahrscheinlichkeit für eine solche Einschränkung ist jedoch bei Haushalten mit Zugang zu Anbietern von Zahltagkrediten um rund 4,5 Prozentpunkte deutlich höher. Ein vergleichbarer Effekt zeigt sich auch bei anderen finanziellen Schwierigkeiten wie z. B. bei Problemen mit der rechtzeitigen Begleichung aller Rechnungen. Dabei berücksichtigt die Schätzung auch andere Einflussgrößen wie den sozioökonomischen Hintergrund der Haushalte sowie die speziellen Bedingungen in der Wohnsitzregion.

Abb. 1
figure 1

(Quelle: Melzer, 2011, 532)

Veränderung der wirtschaftlichen Lage durch Zahltagkredit.

Erleichterter Zugang zu Zahltagkrediten erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass ein Haushalt in finanzielle Schwierigkeiten gerät, um 5,3 Prozentpunkte.

Finanzielle Schwierigkeiten sind häufiger bei geringen Einkommen verbreitet, und so zählen vorwiegend Haushalte mit einem Einkommen von US$ 15.000 bis 50.000 zu den potentiellen Nutzern von Kleinkrediten. Die Häufigkeit von finanziellen Schwierigkeiten nimmt nur in dieser Einkommensgruppe mit dem Zugang zu kurzfristigen Kleinkrediten zu. Die Nähe zu den Nachbarstaaten, die solche Kredite erlauben, erleichtert den Zugang. Der Effekt auf die Häufigkeit von finanziellen Engpässen ist in dieser Gruppe besonders ausgeprägt, wenn eine Grenzregion eine große Anzahl Pendlern in den Nachbarstaat hat. Denn Pendler haben den einfachsten Zugang und die geringsten Reisekosten.

Ist der geschätzte Effekt eines verbesserten Zugangs zu Zahltagkrediten ökonomisch relevant? Die Stichprobe umfasst alle Haushalte in jenem Einkommenssegment, welches am stärksten davon Gebrauch macht. Jedoch nutzt nur ein Bruchteil der Haushalte, die Zugang haben, diese Kredite tatsächlich. Angenommen es nimmt nur jeder zehnte Haushalt in der Stichprobe mit Zugang zu Zahltagkrediten tatsächlich einen solchen auf. Dann liegt die Wahrscheinlichkeit, dass ein Haushalt mit einem Zahltagkredit nicht in der Lage ist die Rechnungen zu begleichen, bei rund 62 % im Vergleich zu 20 % bei Haushalten, die einen solchen Kredit aufnehmen könnten, aber es nicht tun. Für den Durchschnitt der untersuchten Bevölkerungsschicht steigt die Wahrscheinlichkeit, dass ein Haushalt in finanzielle Schwierigkeiten gerät, mit dem Zugang zu Zahltagkrediten um 5,3 Prozentpunkte an. Das bedeutet, dass Finanzprobleme bei jenen, die tatsächlich Kleinkredite aufnehmen, mit wesentlich höherer Wahrscheinlichkeit auftreten.

Während ein Viertel der Kreditnehmer ein bis zweimal im Jahr einen Kleinkredit aufnimmt, benutzen rund 30 % mindestens zwölf Kredite pro Jahr.

Die naheliegende Erklärung für diese negativen Ergebnisse sind die hohen Kosten, welche bei einer häufigen Nutzung von Zahltagkrediten entstehen. Ein erheblicher Teil der Kreditnehmer nimmt mehr als zwölf Kredite pro Jahr auf. Für diese Haushalte summieren sich die jährlichen Gebühren auf mehrere hundert bis über tausend Dollar. Das ist im Vergleich zu ihrem meist geringen Einkommen sehr beträchtlich.

Die regelmäßige Nutzung solcher Kredite verursacht im Vergleich zu den niedrigen Einkommen hohe Kosten. Die Studie von Brian Melzer zeigt für die USA, dass der Zugang zu Zahltagkrediten durchaus negative Auswirkungen haben kann. Sie sollten eigentlich helfen, finanzielle Engpässe zu überbrücken, um Rechnungen rechtzeitig zu begleichen und wichtige Ausgaben nicht verschieben zu müssen. Es zeigt sich jedoch, dass sie selbst zur Ursache finanzieller Schwierigkeiten werden können. Es bedarf weiterer Forschung, um besser zu verstehen, welche Kredite den Kreditnehmern schaden, wann ein Zahltagkredit echten Nutzen bringt, und wie Regulierung und Konsumentenschutz optimal auszugestalten wären.

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Spycher, T. (2018). Zahltagkredite – Fluch oder Segen?. In: Keuschnigg, C. (eds) Inklusives Wachstum und wirtschaftliche Sicherheit. Springer Gabler, Wiesbaden. https://doi.org/10.1007/978-3-658-21344-2_29

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  • Publisher Name: Springer Gabler, Wiesbaden

  • Print ISBN: 978-3-658-21343-5

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