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Irritation, Erfahrung und Verstehen

  • Arno CombeEmail author
  • Ulrich Gebhard
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Zusammenfassung

Wir bringen Irritationen in Zusammenhang mit Bildungsprozessen, also mit reflexiven Momenten, in denen Routinen aufbrechen und der Verständnishorizont, mit dem wir der Welt und uns selbst begegnen, nicht nur erweitert, sondern verwandelt wird. Im Anschluss an Oevermann und Dewey zeigen wir, dass und warum die Strukturmomente der „ästhetischen Erfahrung” als Basis jeglicher intensiven, bildenden Gegenstandserfahrung gelten dürfen. Wir erweitern diese Sicht im Blick auf den Unterricht. Dessen interaktives Zentrum und zentrales Irritationsfeld liegt im Bereich der „hermeneutischen Erfahrung”. Im hermeneutischen, auf Verstehen zielenden Gespräch, d. h. in der interpretativen Auseinandersetzung mit anderen über den Sinn eines Sachverhalts können jene reflexiven Momente entstehen, die persönlichkeitswirksam sind und bleiben. An der Phänomenologie von Erfahrungsprozessen lässt sich allerdings zeigen, dass diese zwei gegensätzliche Impulse hervorbringen: Das Versprechen auf die Entdeckung eines noch Unbekannten und die Angst vor dem Ungewissen und Unkontrollierbaren. Diese Ambivalenz besteht auch hinsichtlich der Öffnung eines Diskursraumes, ohne die wahrhaftige, gleichwohl brüchige Erfahrungen angesichts der derzeitigen Verfasstheit von Unterricht nicht zu haben sind.

Schlüsselwörter

Erfahrungsprozesse ästhetische Erfahrung hermeneutische Erfahrung Irritation Nachdenklichkeit Bildung 

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  1. 1.HamburgDeutschland
  2. 2.Universität HamburgHamburgDeutschland

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