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Das Qualifizierungsdilemma der sozialen Dienstleistungen

  • Philipp StaabEmail author
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Zusammenfassung

Am Beispiel sozialer Dienstleistungsarbeit geht der Beitrag der Frage nach, wie die Gleichzeitigkeit inhaltlicher und qualifikatorischer Aufwertung und die Lohnstagnation in vielen sozialen Berufen zu erklären ist. Es wird argumentiert, dass soziale Dienstleistungen von einem Qualifizierungsdilemma geprägt sind: Zwar führt die Steigerung des Komplexitätsgrades und der Ansprüche an die Professionalität vieler sozialer Dienste zu einer inhaltlichen Aufwertung der Arbeitsprofile, die sich auch in einer Expansion von Bildungszertifikaten niederschlägt. Allerdings gehen damit keine signifikanten Lohngewinne einher. Der Grund hierfür liegt in der sozialen Dienstleistungen eigenen Non-Progressivität: Im Vergleich zu industrieller Arbeit sind sie von einem systematisch sehr schwachem Produktivitätswachstum gekennzeichnet, was bedeutet, dass die Beteiligung an Produktivitätsgewinnen nicht als Grundlage für die Forderung nach deutlicher Lohnprogression ins Feld geführt werden kann. Die sozialen Dienste bilden Peripherien staatlicher Sozialpolitik, die – direkt über politisch gesicherte Mindestlöhne und indirekt über rechtliche Rahmenbedingungen – systematischer staatlicher Regulierung unterliegen. Die Wertzumessung sozialer Dienstleistungen ist somit eine genuin politische Frage. Chancen auf einen Erfolg im Kampf für eine der inhaltlichen und qualifikatorischen Aufwertung entsprechende Entlohnung könnte einerseits durch Prozesse sozialer Schließung gestärkt werden, bedürften allerdings andererseits zunächst eines spezifischen Funktionsbewusstseins aufseiten der Beschäftigten.

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Authors and Affiliations

  1. 1.Universität KasselKasselDeutschland

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