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Welchen Beitrag ‚leistet‘ die Materialität der Medien zum soziokulturellen Wandel?

Erkenntnistheoretische Potenziale des Affordanzkonzepts für die Mediatisierungsforschung am Beispiel des alltäglichen Musikhörens

Part of the Medien • Kultur • Kommunikation book series (MKK)

Zusammenfassung

Der Beitrag setzt sich mit den Potenzialen des Konzepts der ‚Affordanz‘ für die empirische Mediatisierungsforschung auseinander und stellt jene praktisch an ausgewählten Fallbeispielen aus dem eigenen SPP-Projekt zur Mediatisierung des alltäglichen Musikhörens in Deutschland dar. Nach einer kurzen Einführung der historischen Ursprünge, theoretischen Grundgedanken und sozialwissenschaftlichen Desiderata der Konzeption James J. Gibsons wird eine Erweiterung um das Habituskonzept Pierre Bourdieus und die Generationentheorie Karl Mannheims vorgeschlagen. Mithilfe dieses praxeologisch gerahmten Affordanzkonzepts lässt sich die Rolle der Materialität neuer Medienentwicklungen für den soziokulturellen Wandel empirisch untersuchen, ohne der Idee einer fixierten ‚Medienlogik‘ anheimzufallen. Anhand exemplarischer Interviewanalysen zum Gebrauch mobiler Audiomedien im Alltag wird anschließend verdeutlicht, inwiefern ein solcher Zugang sozialkonstruktivistische Perspektiven integriert, aber über diese in produktiver Weise hinausgeht und damit die Mediatisierungsforschung, aber auch angrenzende mit ‚Soziomaterialität‘ befasste Forschungsfelder befruchten kann.

Schlüsselwörter

  • Affordance
  • Generation
  • Habitus
  • Mediatisierung
  • Medientechnologien
  • Praxeologische Wissenssoziologie
  • Audiomedien
  • Soziomaterialität

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Notes

  1. 1.

    Unter ‚Praktiken‘ verstehen wir von einem impliziten Wissen angeleitete, routinisierte Verhaltensweisen, für die Artefakte und menschliche Körper konstitutiv sind. Hinsichtlich dieser von verschiedenen Ansätzen praxistheoretischer Provenienz geteilten grundlagentheoretischen Annahme sowie der in Abschn. 2.2 näher erläuterten Annahme, dass dieses Wissen „konjunktiven Erfahrungsräumen“ entspringt, unterscheidet sich der diesem Beitrag zugrunde liegende, an Karl Mannheim orientierte Begriff der Praxis etwa von einem interpretativ-interaktionistisch ausgerichteten Praxisbegriff in der Tradition der Cultural Studies (vgl. auch Lepa und Guljamow 2017).

  2. 2.

    Zur Diskussion des Affordanzkonzepts in der Soziologie vgl. Hutchby (2001), Rappert (2003), Dant (2005), Zillien (2008), Bloomfield et al. (2010).

  3. 3.

    Entsprechend gibt es verschiedene Versuche, Bourdieu techniksoziologisch weiterzudenken (vgl. Hillebrandt 2002; Burri 2008; diesbezüglich kritisch Schulz-Schaeffer 2004). Alkemeyer und Schmidt (2006) deuten dabei die Fruchtbarkeit des Affordanzkonzepts für ein solches Unterfangen an. Einen dezidierten Vorschlag zu dessen Erweiterung durch das Bourdieusche Habituskonzept haben Fayard und Weeks (2014) kürzlich für die Organisationsforschung vorgelegt.

  4. 4.

    Eine aktuelle Weiterentwicklung der an Mannheim und Bourdieu anknüpfenden praxeologischen Wissenssoziologie in Hinblick auf materielle Artefakte von Nohl (2013) verknüpft Mannheims Konzept des konjunktiven Erfahrungsraums mit Deweys und Bentleys pragmatistischem Konzept der transaction. Ein solches Konzept konjunktiver Transaktionsräume sensibilisiert dafür, wie „Menschen und Dinge (im Plural) sich innerhalb gemeinsamer, sich allmählich spezifizierender Praktiken aufeinander abstimmen und dabei ihre jeweiligen Orientierungen (bei Menschen) und Eigenschaften (bei Dingen) entstehen“ (Nohl 2013, S. 194). Für eine Anwendung dieser Perspektive am Beispiel des Plattenspielers vgl. Hoklas und Lepa (2015).

  5. 5.

    Dieses wurde im Rahmen der zweiten Förderphase des SPPs von 2013 bis 2015 am Fachgebiet Audiokommunikation der Technischen Universität Berlin durchgeführt.

  6. 6.

    Entsprechend spiegelt die hier aus Darstellungsgründen eingenommene ‚medienzentrierte‘ Perspektive nicht die generelle Zielsetzung der Interviewanalyse, sondern soll diese lediglich exemplarisch illustrieren, wie sich das Affordanzkonzept in der komparativen Analyse als fruchtbares Beschreibungsinstrument anwenden lässt.

  7. 7.

    Die Gleichheitszeichen zeigen Wortverschleifungen an.

  8. 8.

    Die (.)-Zeichen kennzeichnen ein kurzes Absetzen beim Sprechen von bis zu einer Sekunde. Bei längeren Pausen ist in den Klammern die Pausendauer in Sekunden angegeben.

  9. 9.

    Die @-Zeichen zeigen an, dass etwas lachend gesprochen wird.

  10. 10.

    Die Unterstreichungen kennzeichnen eine Betonung.

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Hoklas, AK., Lepa, S. (2017). Welchen Beitrag ‚leistet‘ die Materialität der Medien zum soziokulturellen Wandel?. In: Krotz, F., Despotović, C., Kruse, MM. (eds) Mediatisierung als Metaprozess. Medien • Kultur • Kommunikation. Springer VS, Wiesbaden. https://doi.org/10.1007/978-3-658-16084-5_13

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