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Die Methode der systematischen Metaphernanalyse

Zusammenfassung

Das letzte und fünfte Kapitel bündelt die Erträge der vorhergehenden in der Methodik einer systematischen Metaphernanalyse. Mit ihr ist der Anspruch verbunden, ein Auswertungsprozedere für alle qualitativ forschenden sozialwissenschaftlichen Studien bereitzustellen, deren Forschungsfrage auf die Entdeckung wirksamer Muster der Orientierung zielt. Das Kapitel beginnt mit einer allgemeinen Bestimmung dessen, was eine qualitative Forschungsmethode leisten soll, bevor eine Ablaufskizze alle Schritte der systematischen Metaphernanalyse vorstellt und diese im Detail expliziert. Das Kapitel schließt mit Überlegungen zu Gütekriterien und einem Ausblick auf die mögliche zukünftige Methodenentwicklung.

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Notes

  1. 1.

    Ein in der kurzen Zeit schon viel zitierter Befund, der u. a. auch in Mruck und Mey (2010, S. 13) zu finden ist.

  2. 2.

    Eine weitere Möglichkeit, mit dem Dilemma der Heterogenität umzugehen, zeigt das über 700 Seiten umfassende Handbuch rekonstruktiver Methoden von Bock und Miethe (2010): Die Bestimmung einer Gemeinsamkeit wird nicht versucht, aber in einem ausführlichen ersten Abschnitt des Buchs stellen sich VertreterInnen von sieben unterschiedlichen Traditionen qualitativer Forschung vor. Die Gemeinsamkeit besteht also in der von HerausgeberInnen organisierten Publikationsgemeinschaft.

  3. 3.

    Diese Einteilung forderte am deutlichsten die Kritik heraus, vgl. Herzog und Hollenstein (2007), Götsch et al. (2009).

  4. 4.

    Unter anderen reagierten darauf: (Flick 2007b; Mayring 2007b; Mruck 2007; Breuer 2007; Garz 2007; Hitzler 2007b; Knoblauch 2007; Kromrey 2007; Schnettler 2007; Witt 2007; und andere). Einen Überblick geben Herzog und Hollenstein (2007). Die gesamte Debatte kann hier nicht nachgezeichnet werden. In dem wesentlichen Punkt, der Diagnose einer Zersplitterung bei einer zunehmenden Unmöglichkeit, enge Gemeinsamkeiten zu finden, stimmten fast alle AutorInnen überein, auch wenn dieser Sachverhalt oft als notwendige Diversifizierung im Hinblick auf verschiedene Disziplinen und Anwendungsszenarien gewertet wurde (Flick 2007b; Mruck 2007; Mayring 2007b; Breuer 2007; zusammenfassend Herzog und Hollenstein 2007).

  5. 5.

    Eine differenzierte Diskussion der unter dem Begriff „interpretatives Paradigma“ zusammengefassten Ansätze kann in diesem Zusammenhang nicht erfolgen, vgl. Keller (2009).

  6. 6.

    Auch Lamnek (2005, S. 34) sieht eine (von mehreren) Gemeinsamkeit(en) qualitativer Forschung in Bezug auf das interpretative Paradigma, ebenso Mruck und Mey (2010, S. 23), ähnlich in der Erziehungswissenschaft Bennewitz (2010), wiederholt Knoblauch (zuletzt 2013).

  7. 7.

    Reichertz geht nicht auf Implikationen und Diskursgeschichte der diltheyschen Dichotomie von Verstehen (des Seelenlebens) und Erklären (der Natur) ein; vgl. auch Winkler (2010, S. 29 f.), der von einer faktischen Auflösung dieser Dichotomie in den gegenwärtigen geistes- und sozialwissenschaftlichen Diskursen spricht.

  8. 8.

    Dieser Ausgang eines Ordnungsversuchs von der Gegenstandsangemessenheit gilt bei Groeben dagegen als Beginn des Untergangs des qualitativen Paradigmas:

    „Was resultiert, ist eine fast amorphe Vielfalt sowohl auf der Gegenstands- als auch auf der Methodik-Seite im qualitativen Paradigma. Damit aber fehlt es an der auch nur minimalen Kohärenz, die Voraussetzung dafür wäre, eine irgendwie geartete gemeinsame Gegenposition zum herrschenden quantitativen Paradigma aufzubauen“ (Groeben 2006, Abs. 8).

  9. 9.

    Daneben nennen die Autoren zwölf „Kennzeichen“ qualitativer Forschungspraxis (ebd., S. 22–24): methodisches Spektrum statt Einheitsmethode, Gegenstandsangemessenheit der Methoden, Orientierung am Alltagsgeschehen, Kontextualität, Perspektiven der Beteiligten, Reflexivität des Forschers, Verstehen als Erkenntnisprinzip, Prinzip der Offenheit, Fallanalyse als Ausgangspunkt, Konstruktion der Wirklichkeit, Textwissenschaft, Entdeckung und Theoriebildung als Ziel.

  10. 10.

    Dagegen hält Flick diese Entgegensetzung für kontraproduktiv und stellt vielfältige Überlegungen für ein Ergänzungsverhältnis von qualitativer und quantitativer Forschung bereit: Flick (2008, 2009, S. 216–238, 2012a), ähnlich Mayring (2002, S. 38 f.).

  11. 11.

    Er nennt noch Offenheit, Forschung als Kommunikation, Prozesscharakter von Forschung und Gegenstand, Reflexivität von Gegenstand und Analyse, Explikation und Flexibilität (ebd.).

  12. 12.

    Zu den 13 „Säulen“ qualitativer Forschung zählt Mayring: Einzelfallbezogenheit, Offenheit, Methodenkontrolle, Offenlegung des Vorverständnisses, ebenso Nutzung von Introspektion zur Offenlegung desselben, Beachtung Forscher-Gegenstand-Interaktion, Achtung der Ganzheit und Rückführung analytischer Trennungen, Wahrnehmung der Historizität der Untersuchungsphänomene, Problemorientierung, argumentative Verallgemeinerung, kontrolliertes induktives Vorgehen. Es gehe um Regeln bzw. Regelmäßigkeiten in lokalen Kontexten, nicht um naturwissenschaftskonforme „Gesetze“, aber auch Ermöglichung von Quantifizierungen (ebd., S. 19–39, vgl. Mayring 2007c).

  13. 13.

    So versuchen Prengel et al. (2010) einige der oben genannten Grundsätze qualitativer Forschung für die Pädagogik in einer „Theorie der Perspektivität“ in Anlehnung an die phänomenologische Psychologie C. F. Graumanns zu fassen. Diese zu einer Theorie entfaltete Metapher der „Perspektive“ verbindet visuelle und Raummetaphern. Insbesondere die Metaphorik des Sehens bzw. Schauens als Erkenntnisform hat eine lange Tradition in der Pädagogik (Schmitt 2011a), allerdings wird ein Prozesscharakter des Erkennens in visuellen Metaphern, die oft eine Plötzlichkeit desselben suggerieren, kaum gefasst; ebenso wenig die kommunikative/interaktive Entstehung und Verhandlung von Perspektiven. Hier scheinen Metaphern des Wegs oder der Arbeit für eine Charakterisierung qualitativer Forschung dringend notwendige Ergänzungen zu sein, die in dieser Zusammenfassung von Prengel et al. kaum diskutiert werden (vgl. die erste Fußnote in Abschn. 5.2.2).

  14. 14.

    Erste Überlegungen zu dem folgenden Text finden sich in Schmitt (2011c, e).

  15. 15.

    Keller (2014, 3. Abs.) spricht im Hinblick auf die Verfügbarkeit von Zeit zur Forschung von den „an idealen Ressourcenbedingungen orientierten Vorstellungen von Forschungsparadigmen“, die unter konkreten Arbeitsbedingungen „zur Verzweiflung von Studierenden und Lehrenden“ führen würde (ebd.). Solche Vorstellungen eines unendlichen Verstehens sind bereits in der philosophischen Hermeneutik angelegt (Abschn. 2.2); die eigenen Erfahrungen bei der Vermittlung von Forschungsmethoden (Schmitt 2007c) lassen es geraten erscheinen, die Knappheit der Ressource „Zeit“ ernst zu nehmen.

  16. 16.

    Einige innere und äußere Kontexte der Entwicklung der Forschungsmethodik sind im Abschn. 1.1 skizziert.

  17. 17.

    „Ablaufskizze“, „Schritte der Methode“, „Vorgehensweise“, „Stufen“: Es dürfte offensichtlich sein, dass meine Darstellung von dem metaphorischen Konzept „Methode = Weg“ dominiert wird. Natürlich sind andere Metaphern denkbar: Methode als „Werkzeug“ („tool“), als „Plan“, als „Sichtweise“, „Erleuchtung“ und „Aufklärung“, als „Meditation“ und „Demutsübung“ am Material, aber auch schlicht als „Arbeit“ etc. Keine Metapher ist falsch, jedoch hat die Wegmetapher durch ihre breite Anschlussfähigkeit, durch ihre Üblichkeit und durch ihr Versprechen einer Ordnung des Handelns in Raum und Zeit einige Vorteile. Gelegentlich wird die Darstellung auch durch andere Sprachbilder ergänzt, um weitere Facetten der Methodik zu verdeutlichen.

  18. 18.

    Flick (2007a, S. 473–482) diskutiert u. a. in tabellarischer Dichte allgemeine Kriterien der Auswahl von Auswertungsmethoden.

  19. 19.

    Ich habe diesen Schritt früher (zuletzt Schmitt 2003) „unsystematisch“ genannt, weil keine Aussicht besteht, die Fülle des kulturellen Möglichkeitenraums auszuschöpfen. Inzwischen lassen andere Metaphernkorpora und Analysen zwar kaum einen strengen systematischen Vergleich, aber doch eine fundiertere Abschätzung zu, welche konkurrierenden metaphorischen Konzepte in der entsprechenden Lebenswelt vorkommen können, sodass die Bezeichnung als „unsystematisch“ inzwischen nicht mehr angemessen ist.

  20. 20.

    In die Nähe der Fiktion einer künstlichen Dummheit als erleichternder Bedingung des Verstehens alltäglicher Routinen findet sich der Vorschlag, die alltägliche Welt ethnografisch zu betrachten. Wie die Überlegungen zur Vorkonditioniertheit der InterpretInnen durch kulturell übliche und biografisch geprägte Metaphern zeigen (Abschn. 5.4.2), ist dieser Vorschlag als didaktische Metapher vielleicht hilfreich, angesichts des Ausmaßes metaphorisch-kultureller Vorprägung tatsächlich aber hilflos.

  21. 21.

    Diese Argumentation wurde entwickelt in Schmitt (2000d).

  22. 22.

    Darüber hinaus sitzt er einer kulturell üblichen Metaphorik auf, wenn er schreibt, dass die von ihm dargestellten hermeneutischen Ansätze im Gegensatz dazu versuchten, „methodisch kontrolliert durch den oberflächlichen Informationsgehalt des Textes hindurchzustoßen zu ‚tieferliegenden‘ Sinn- und Bedeutungsschichten“. Zumindest an dieser Stelle ist es ihm nicht gelungen, das „Vorab-Gewissheiten applizierende Alltags-Verstehen“ hinter sich zu lassen und hinter/unter/über das kulturell übliche metaphorische Stereotyp von der uninteressanten Oberfläche und dem tiefen Sinn zu gelangen. Die räumliche Konstruktion, dass Sinn „hinter“ oder „unter“ den Texten existiere, beschränkt die Möglichkeiten, Sinn zu bedenken und zu erfahren.

  23. 23.

    Ob die Metaphern in den folgenden Schritten für einen Einzelfall oder gleich für eine Gruppe gesammelt werden, hängt von der Forschungsfrage und der von ihr abgeleiteten Samplingstrategie ab.

  24. 24.

    Vgl. Abschn. 5.6.1.2.1 zu szenischen Narrationen.

  25. 25.

    Vgl. zur Problematik der Wörtlichkeit Abschn. 2.1.1; Deignan spricht von einem „Kern“ der Bedeutung: „A metaphor is a word or expression that is used to talk about an entity or quality other than the referred to it by its core; or most basic meaning. This non-core use expresses a perceived relationship with the core meaning of the word, and in many cases between two semantic fields“ Deignan (2005, S. 34).

  26. 26.

    Wenn nicht anders vermerkt, entstammen die Beispiele aus den Studien Schmitt (2002a, b).

  27. 27.

    Mit ähnlich eindeutigen Operationalisierungen haben Pollio et al. (1977, 71 f.) recht hohe Übereinstimmungen zwischen verschiedenen Ratern herstellen können, sie verweisen auf die Notwendigkeit eines Trainings.

  28. 28.

    Gegen diese Zerstörung der Textstruktur ist in Diskussionen eingewendet worden, sie eliminiere die Kontextgebundenheit von Äußerungen. Das ist insofern richtig – und notwendig –, weil sich hinter Vorstellungen vom Kontext versteckte Vorannahmen der Forschenden finden lassen, die einem Verstehen des Fremden im Wege stehen könnten. Reichertz (2000) hat für Sequenzanalysen eine ähnliche Notwendigkeit der Zerstörung vorhandener Struktur formuliert: „Die strikte Durchführung einer Sequenzanalyse (also der extensiven hermeneutischen Auslegung von Daten in ihrer Sequentialität) kostet nicht nur immens viel Zeit, sondern sie zerstört im Prozess der systematischen und gesteigerten Sinnauslegung alle Selbstverständlichkeiten der eigenen Perspektivik und der eigenen Sprache. Strikte Sequenzanalysen führen dazu, dass alle geltenden oder für uns gültigen Vorurteile, Urteile, Meinungen und Ansichten in der Regel schnell zusammenbrechen. Die Sequenzanalyse dient also gerade nicht dazu, sich an den Gegenstand anzuschmiegen, sondern Sequenzanalyse ist nur ein Verfahren zur Zerstörung unserer gesamten sozialen Vorurteile – auch wenn dies nicht immer gelingt. Ist die Perspektivik mittels Sequenzanalyse einmal zerstört, entwirft der Forscher abduktiv Aussagen zu dem untersuchten Gegenstandsbereich“ (Reichertz 2000, Abs. 45). Die Metaphernanalyse will nicht eine auf eine Sequenzanalyse hinaus (zu Überschneidungen vgl. Abschn. 5.7.8), aber diese Regel der seriellen Identifikation von Metaphern führt ähnlich dazu, eigene Vorausdeutungen des Materials aufzugeben.

  29. 29.

    Diese Art des „Codierens“ unterscheidet sich z. B. vom „offenen Codieren“ im Sinne der Grounded Theory vor allem dadurch, dass zunächst ausschließlich die Sprache des Materials genutzt wird: „in-vivo-codes“ im Sinne der Grounded Theory (Corbin 2011, 73 f.).

  30. 30.

    Spätere Analysen ergaben tatsächlich, dass das zuerst genannte „Schmecken“ sich tatsächlich als schwaches Beispiel für das Konzept „Alkoholkonsum ist Nahrungsaufnahme“ nutzen ließ. Hier stand der Nährwert des Alkohols im Vordergrund; im Zentrum des Konzepts stand die mir bis dahin unbekannte Formulierung: „Sieben Bier sind auch ein Schnitzel“.

  31. 31.

    Auch Brown (1976) vertritt diesen erweiterten Metaphernbegriff, der Modell, Metonymie und Allegorie einbezieht.

  32. 32.

    Varianten von Metonymien werden diskutiert in Lakoff und Johnson (1980, S. 37 ff., 1998, S. 47 ff.), Gibbs (2002, S. 319–358) und Lakoff (1987, S. 203–204), Evans und Green (2007, S. 310–325).

  33. 33.

    Vgl. den Sammelband von Driven und Pörings (2002) und die Übersicht über die Diskussion bei Deignan (2005, S. 53–71).

  34. 34.

    Andere Funktionen einer Geste, z. B. als Überwältigung der Zuhörer, haben Welzer et al. (1997) beschrieben; Metaphern als organisierende Struktur der Gebärdensprache Lakoff und Johnson (1999, S. 85 f., 588).

  35. 35.

    In linguistischem Kontext hat Müller (2008) die Ergänzung der Dichotomie „dead/alive“ um „sleeping/waking“ vorgeschlagen, die Übergänge auch im Sinn einer historischen Bedeutungsveränderung zu sehen erlaubt.

  36. 36.

    Diese Regel soll der Aufmerksamkeitslenkung durch bereits erkannte Konzepte („Priming“) entgegenwirken. Sicher bleiben einzelne Redewendungen übrig, die nicht zu Clustern mit gleichem Ziel und gleicher Quelle der Metaphorisierung geordnet werden können. Hier wäre einzeln zu explizieren, ob sie nicht doch auf ein zu entdeckendes metaphorisches Konzept verweisen (als „Spitze eines unentdeckten Eisbergs“) und eine Erweiterung der Textbasis nach sich ziehen sollten.

  37. 37.

    Vgl. die von Kleining (1995, S. 272) formulierte „100 %-Regel“, alle (und vor allem die nicht passenden!) Daten einzubeziehen, auch wenn diese Regel bei „toten“ Metaphern (vgl. 5.6.1.2.9) Begrenzungen erfährt.

  38. 38.

    Vgl. Abschn. 1.4.5 und 5.11.6.

  39. 39.

    Vgl. meine Kritik ihrer Metaphorik des „Sammelns“ und „Findens“ in Abschn. 2.2.1.

  40. 40.

    Als Beispiel für eine Differenz, die Interpretationen generieren lässt, vgl. meine kritischen Anmerkungen zur Darstellung von Buchholz in Schmitt (2002c).

  41. 41.

    Vgl. Abschn. 5.11.4, in dem die Ansätze von Pragglejaz, MIPVU u. a. diskutiert werden, die entgegen einer regelbasierten Identifikation von Metaphern die Rekonstruktion von Konzepten weitgehend unausgeführt lassen.

  42. 42.

    Wenn nicht anders vermerkt, entstammen die Beispiele aus den Studien Schmitt (2002a, b).

  43. 43.

    Zur szenischen Formulierung metaphorischer Konzepte vgl. Abschn. 5.6.2.3.2.

  44. 44.

    Semino et al. (2004) diskutieren die Konzeptbildung ebenfalls als behandlungsbedürftiges Thema der kognitiven Linguistik, diskutieren jedoch ein ausschließlich regelbasiertes Vorgehen, bei dem neue erkannte Sinnzusammenhänge und die damit zusammenhängende Neuzuteilung zu wenig gewürdigt werden. Überdies beziehen sie sich zur Absicherung der Identifikation von Metaphern auf Korpora üblicher Metaphern. Dieser Zugang verschließt die Einsicht, dass erst der Kontext bestimmt, ob wir von einer Metapher sprechen können, schließt Allegorien und Narrationen als Träger von Metaphern aus und beschränkt sich auf konventionelle Metaphorik.

  45. 45.

    In der Substantivierung zu „Entwicklung“, die „los geht“, könnte auch eine Personifizierung von „Entwicklung“ zur autonom handelnden Person enthalten sein. Bei weiteren im Text vorfindlichen Personifizierungen könnte diese dritte Codierung ebenfalls erfolgen.

  46. 46.

    Sachweh (2000, S. 28 ff.) diskutiert weitere „Stereotype“ des Alters (Alter als Krankheit, Alter als Verlust etc.), die ebenfalls als metaphorisches Konzept reformuliert werden könnten.

  47. 47.

    Einen ähnlichen Gebrauch einer Heuristik nehmen Lucius-Hoene und Deppermann (2004, S. 320 ff.) in ihrer Methodik einer Rekonstruktion narrativer Identität vor, ohne diese weiter einzuordnen.

  48. 48.

    Natürlich erfordert die Wertung, einen Aspekt einer Metapher als „highlighting“, einen anderen als „hiding“ zu sehen, den subjektiven Rückgriff auf eine gelebte und verstandene Kultur. Sie ist daher von Differenziertheit und Reichtum des Wissens um lebensweltliche Bezüge des interpretierenden Subjekts abhängig: Diese subjektiven Voraussetzungen hermeneutischen Verstehens lassen sich nicht eliminieren.

  49. 49.

    Die Analyse von Machtstrukturen kann sich vor allem an den Studien orientieren, die im Kontext der Diskursanalyse nach Foucault bzw. der „critical discourse analysis“ entstanden sind (Abschn. 3.5).

  50. 50.

    In der zweiten Fallstudie zur Sprachenpolitik der Schweiz (ebd.) mit vier politisch akzeptierten Sprachen fällt im Vergleich dazu auf, dass nur die Vertreter einer frühen Englischbeschulung die Werkzeugmetapher gebrauchen, während diejenigen, die Englisch ablehnen (vor allem in der französischsprachigen Schweiz), stärker mit der Metapher der Sprache(n) als Verbundenheit argumentieren und einen primären Erwerb der in der Schweiz vorhandenen Sprachen nahelegen.

  51. 51.

    Zouhair (2007) plädiert in dem von ihm vorgeschlagenen Verfahren, das die „critical discourse analysis“ und die Metaphernanalyse nach Lakoff und Johnson verbindet, ebenfalls für eine sorgfältige Entwicklung der Implikationen („entailments“) einer Metaphorik.

  52. 52.

    Weitere Beispiele siehe Schmitt (2000a, Exkurs 3: Körper, Psyche und Faschismus).

  53. 53.

    Diese Logik fußt auf der Vorstellung, dass a) ein Gespräch eine innere Ordnung hat und b) sich diese Ordnung allein aus den wechselnden Zügen der Interaktanden ableitet (z. B. Soeffner 2004d, S. 81–86; 2004e, S. 146; Kurt 2004, S. 240–257; vgl. kritisch Reichertz 2004, Abs. 31). Gesprächssteuernde Interferenzen aus der leiblichen Sphäre (von Hunger über Müdigkeit bis hin zu bedürfnisbezogenen Phantasien) sind somit nicht einbezogen bzw. werden mit dem Hinweis, dass Annahmen über Inneres explizit verboten seien (Soeffner 2004d, S. 84), in skepsiserzeugender Weise ausgegrenzt. Ein solches Verbot mag für die (Wissens-)Soziologie durchaus aus Gründen des fachlichen Selbstschutzes sinnvoll sein, eine Generalisierung auf andere Disziplinen erscheint jedoch nicht begründbar. Auch Einwirkungen der dinglichen Umwelt auf Gesprächssequenzen sind in dieser Logik nicht fassbar, die innerhalb der Soziologie z. B. der Ansatz von Clarke (2012) zu fassen sucht.

  54. 54.

    Vgl. das Beispiel in Abschn. 5.5.1. Dies sollte nicht nur, aber auch als Problem der Qualität der Interviews diskutiert werden, vgl. die Diskussion in Abschn. 5.8.6.

  55. 55.

    Allerdings missverstehen Cameron und Deignan Lakoff und Johnson, da sie eine enge Bedeutung von „kognitiv“ annehmen und behaupten, dass die affektiven Implikationen der Metaphorik in der kognitiven Metapherntheorie undiskutiert bleiben – das ist nicht angemessen, sieht man das Fallbeispiel zu „Wut“ in Lakoff (1987, S. 380–415). Nach dem Scheitern, die unterschiedlichen Bedeutungen von Metaphern an der Zuordnung zu Wortklassen (Verben, Substantiven) zu deuten, ziehen sie die Chaostheorie zu Hilfe statt einer rekonstruktiven Perspektive auf Gespräche. Erst Cameron (2010) entwickelt eine Methodik, die segementierende Aktivitäten, Rekonstruktion von Sprechabsichten und Metapherngebrauch verbindet.

  56. 56.

    Die folgenden Überlegungen wurden in Schmitt (2005a) zunächst für den Rahmen einer entwicklungspsychologischen Forschung entwickelt und hier mit erziehungswissenschaftlichen, psychotherapeutischen und kommunikationstheoretischen Studien (Debatin 1995) erweitert und differenziert.

  57. 57.

    Während ältere therapeutische Handlungsanweisungen die Vermittlung von neuen Metaphern vorschlagen (Gordon 1985), wollen neuere (Kopp 1995) von den Metaphern der Klienten ausgehend kognitive und emotionale Lernprozesse erleichtern.

  58. 58.

    Dieser Abschnitt entwickelt Überlegungen aus Schmitt (2005a) weiter und löst die in Schmitt (1995, 56 ff.) noch versuchte Reformulierung klassischer Gütekriterien für die qualitative Forschung ab.

  59. 59.

    Eine Übersicht über weitere Möglichkeiten der Kriterien von Wissenschaftlichkeit bieten Breuer und Reichertz (2001); eine wissenssoziologische Sicht auf Gütekriterien präsentiert Reichertz (2000).

  60. 60.

    Auf den Begriff der Deutungsmuster wird in Abschn. 3.1 eingegangen, auch auf weitere zentrale Begriffe (soziale Repräsentationen, Habitus), um Möglichkeiten und Grenzen metaphernanalytischer Forschung zu entwickeln.

  61. 61.

    Vgl. Strübing (2004, S. 57–61) zum Begriff der Theorie in der Grounded Theory.

  62. 62.

    Auch Debatin (1996, S. 99) fordert, dass für die wissenschaftliche Beschreibung von Phänomenen systematisch alternative Metaphern zuzulassen sind, „auch wenn dadurch die Konsistenz und die Abgeschlossenheit der wissenschaftlichen Erklärung in Mitleidenschaft gezogen werden sollten“ (ebd.).

  63. 63.

    Vgl. Flick (2007a, S. 172–192, 2012, S. 252–265) im Hinblick darauf, wie das Ziel der Forschung, deren Fragestellung, der Anspruch auf verallgemeinerungsfähige Aussagen und das Sampling auf die Entscheidung für ein Design einwirken bzw. vom Design beeinflusst werden; die Wahl der Metaphernanalyse als Auswertungsmethode fügt hier keine neuen Überlegungen hinzu bzw. verhält sich hier wie jede andere Methodik auch.

  64. 64.

    Weitere ethnologische Studien mit kognitiv-linguistischem Hintergrund, die Differenzen ähnlich wenig elaboriert präsentieren, siehe in Kimmel (2004b).

  65. 65.

    Koller (1993, 1994) bezieht sich nicht auf Lakoff und Johnson und beschränkt sich daher nach dem Vorbild älterer literaturwissenschaftlicher Metaphernanalysen auf wenige Metaphoriken, die er für zentral hält, ohne den konzeptuellen metaphorischen Reichtum der Texte zu rekonstruieren.

  66. 66.

    Finke (2003) versucht, produktive von denkbeschränkenden Metaphern zu unterscheiden, wobei er den Doppelcharakter des hiding und highlighting jeder Metapher übersieht; er bietet eine lesenswerte Übersicht über wissenschaftliche Metaphern für Kultur in Abgrenzung zu Natur und zur Metaphorik der Grenze. Moring (2001) unterscheidet drei unterschiedliche Detektivmetaphern für die qualitative Forschung.

  67. 67.

    Vgl. meine Anmerkungen zu Farzin (2011) in Abschn. 3.5.1 zu den Metaphern Foucaults; zu Luhmann und Bourdieu im Abschn. 4.1.1.

  68. 68.

    Dieser Abschnitt erweitert erste Skizzen (Schmitt 2011d, 2014).

  69. 69.

    Ein drittes, davon abweichendes, aber sehr knapp skizziertes Vorgehen findet sich bei Buchholz (1996, S. 210).

  70. 70.

    „Pragglejaz“ ist ein Akronym der Vornamen von Peter Crisp, Ray Gibbs, Alan Cienki, Graham Low, Gerard Steen, Lynne Cameron, Elena Semino, Joe Grady, Alice Deignan und Zoltan Kövecses.

  71. 71.

    Vgl. auch Steen et al. (2010) und die Rezension von Ahrens (2012).

  72. 72.

    Metaphernanalytische Vorgehensweisen werden oft, trotz gegenteiliger Ankündigungen, nicht wirklich expliziert, vgl. Kochis und Gillespie (2006).

  73. 73.

    Die AutorInnen der Pragglejaz Group (2007) bezeichneten ihr Vorgehen kurzerhand als „MIP“ (für „Metaphor Identification Procedure“), Steen et al. (2010) ihren Ansatz als „MIPVU“: „Metaphor Identification Procedure VU University Amsterdam“). Der wichtigste Unterschied besteht darin, dass Steen, Dorst et al. Vergleiche als Bedeutungsübertragung anerkennen (ebd., S. 10 f.).

  74. 74.

    Diese häufigen „Schlüsselmetaphern“ werden dann als zentral betrachtet und damit Häufigkeit und Bedeutung einer Metapher unbesehen miteinander identifiziert.

  75. 75.

    Auf diese Problematik wurde im Abschn. 1.3.4 schon eingegangen; vgl. auch Koller (2004): Sie praktiziert ebenfalls eine Korpusanalyse mit einer Mischung aus qualitativen und quantitativen Elementen, welche die zu den Forschungshypothesen passenden Metaphern im Text sucht (vgl. kritisch Schmitt 2009a, b, Abschn. 4.7.4.1).

  76. 76.

    Ähnlich Bock (1981), vgl. meinen Kommentar in Abschn. 4.6.1.1.3.

  77. 77.

    Vorstufen der folgenden Positionierung finden sich in Schmitt (2011c, e).

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Schmitt, R. (2017). Die Methode der systematischen Metaphernanalyse. In: Systematische Metaphernanalyse als Methode der qualitativen Sozialforschung. Springer VS, Wiesbaden. https://doi.org/10.1007/978-3-658-13464-8_5

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