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Sauerbruch und die NS-Forschung

  • Wolfgang U. EckartEmail author
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Part of the essentials book series (ESSENT)

Zusammenfassung

Sauerbruch war kein  organisierter Nationalsozialist und auch kein uneingeschränkter Befürworter nationalsozialistischer Ideologie und Praxis, er trat nicht der NSDAP bei und er verweigerte sich demonstrativ besonders dem Antisemitismus; aber er hat sich doch zweifellos in Dienst des NS-Staates nehmen lassen, wenngleich sein prätentiös autoritärer Habitus auch der Naziclique gegenüber gelegentlich sperrig daher kam. Sauerbruch war auch für die Nationalsozialisten kein einfacher Zeitgenosse, aber nicht jede Aufmüpfigkeit war Regimekritik oder gar Widerstand. Bei einem der inflationären NS-Feiertage 1933 auf dem Dach der chirurgischen Klinik die 1918 von der Klinik erworbene Reichsflagge statt des roten Tuchs mit der Hakenkreuz-Rune zu hissen, war noch kein Widerstand, sondern eher Trotz: Sauerbruch war „dem Dritten Reich bisher noch nicht vorgestellt worden“. Und kann man die Opposition des überzeugt naturwissenschaftlich orientierten Arztes, etwa in der Eröffnungsrede der 94. Versammlung Deutscher Naturforscher und Ärzte vom 20. September 1936 in Dresden, gegen die bald gescheiterte ideologische Kapriole der Neuen Deutschen Heilkunde bereits Regimekritik nennen? Freilich, Sauerbruch war mit seiner vehementen Ablehnung des faden Konglomerats aus Naturheilkunde, irrationaler Heilmystik und unwissenschaftlicher, kaum medizinisch zu nennender Spekulation für manchen Wirrkopf des Regimes „unter die Ketzer“gegangen, dem Führerprinzip der NS-Medizin und damit der einen Rollenzuweisung aber treu geblieben. Naturwissenschaftliche Medizin hat für Sauerbruch Hippokrates und Paracelsus als Kronzeugen und Führer. Wer als Vertreter der „Arztkunst“ nicht paracelsisch „Wissen und Können“ verkörpert, war „Volksfeind“. Sauerbruch wollte nicht Volksfeind sein, wohl aber dem Ideal des ärztlichen Führers entsprechen; und dieses Ideal war Teil der NS-Gesundheitsführung wie kein anderes.

Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden 2016

Authors and Affiliations

  1. 1.Institut für Geschichte und Ethik der MedizinHeidelbergDeutschland

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