Zusammenfassung
Jahrzehntelang hat die ‚neue Frauenbewegung‘ ein positives Bild von ‚der Frau‘ im NS gezeichnet, was oft zu einer den Holocaust verharmlosenden Argumentation führt(e). Obwohl Frauen als Denunziantinnen, Fürsorgerinnen oder KZ-Aufseherinnen an der Ausgrenzung und Vernichtung von Jüdinnen und Juden begeistert mitwirkten, wurden sie in feministischen Schriften oft als auf die Mutterrolle reduzierte ‚Gebärmaschinen‘ dargestellt – ein feministischer Fall von Täter(innen)-Opfer-Umkehr. Doch befriedigt Antisemitismus bei Frauen und Männern die gleichen Bedürfnisse? Und wie passt der Antizionismus der Queer-Ikone Judith Butler in dieses Bild?
Bei dem Beitrag handelt es sich um einen Wiederabdruck des Textes aus der sans phrase 4/2014, der wiederum eine Weiterentwicklung und Aktualisierung meines 2004 erschienenen Buches darstellt, vgl. Radonić (2004).
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Notes
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Wovon Herzog jedoch keinen Begriff hat: Libertinage unter NS-Vorzeichen, die die Partialtriebe ausrottet, könnte zugerichteter nicht sein. Und der Ausnahmezustand trug die wagnersche Götterdämmerung von Anfang an in sich, „das Moment tödlicher Traurigkeit, des halbwissend einem Unheilvollen sich Anvertrauens […], das den angedrehten Rausch, die Fackelzüge und Trommeleien begleitete.“ (Adorno 1997, S. 115).
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Annette Kuhn (1992) malt das Bild vom draußen wütenden Bösen und der drinnen lebenden weiblichen ‚dissidenten Frauenkultur‘, während Gerda Szepansky den weiblichen Kampf ums Überleben als in sich widerständig bezeichnet, denn der Kampf ums Überleben gelte als Kampf gegen den Krieg, die Gegnerschaft zum Krieg sei wiederum Widerstand gegen das System. (1986, S. 70).
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Wissenschaftliche Redlichkeit würde an dieser Stelle das Zugeständnis erfordern, dass im selben Jahr mit Christina Thürmer-Rohr (1987) die Abgrenzung von der Opferthese durch das Konzept der ‚Mittäterschaft‘ von Frauen begann. Doch hier ist letztlich auch nur von aktiver Anpassung der Frauen an die ‚mörderische Normalität‘ einer von Männern gemachten Welt die Rede, bei der sich Mittäterinnenschaft letztlich erneut auf weibliche Korrumpierbarkeit durch das patriarchale System und seine Ideologie reduziert.
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Gemeint ist hier nicht die Frage nach den unterschiedlichen Projektionen auf Jüdinnen und Juden, der nicht zuletzt die oben kritisierte A.G. Gender-Killer ausführlich nachgegangen ist.
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Ihre Kritikerinnen, so rationalisiert Mulack ihr Ressentiment, verwechseln natürlich bloß Antipatriarchalismus mit Antisemitismus, was beweise, dass sie selbst noch in patriarchalischen Ketten lägen. Auch in der bereits erwähnten Zeitschrift Schlangenbrut wurde dies erkannt: Wer Matriarchatsforscherinnen des Antisemitismus zeihe, „erweise sich als Agentin des Patriarchats und zerre die Schwestern auf den Scheiterhaufen, um im Patriarchat zu reüssieren.“ (zit. nach Heine 1994, S. 15 f.) Diese Schlangenbrut weist eine gewisse Fixierung auf das Brennen und den Scheiterhaufen auf, was uns daran erinnert, dass Hexentheoretikerinnen, vor allem jene, die Freya huldigen, ebenfalls dieser Deutung des Judentums anzuhängen scheinen. Siehe zur Kritik daran: Becker et al. 1977.
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Natürlich nicht, denn jede identitäre Zuschreibung muss dekonstruiert werden, würde die Queer-Theoretikerin jetzt einwenden und es ist natürlich nur Zufall, dass immer Israel und die USA als Beispiel dienen.
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Butler macht aus Arendts Aussagen ohnehin, was sie will: „Sie setzt an dieser Stelle sowohl ‚Liebe‘ als auch ‚Glauben‘ in Anführungszeichen, aber ich frage mich, ob es nicht vielmehr der Allgemeinbegriff ‚die Juden‘ ist, gegen den sie sich wendet.“ (Butler 2013, S. 162) Ähnlich ergeht es auch Lévinas, denn ihn „für eine linke Politik in Anspruch zu nehmen heißt dabei, ihn gegen seinen eigenen Zionismus und gegen seine Weigerung zu lesen, anzuerkennen, dass die Palästinenser einen legitimen ethischen Anspruch an das jüdische Volk erheben“ (Butler 2013, S. 53).
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Siehe zur Kritik an der Auslöschung des naturhaften Leibes Gruber (2011, S. 159 f.).
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Zuerst will Butler zwar ihren KritikerInnen, die sie des jüdischen Selbsthasses bezichtigen könnten, weismachen, sie selbst repräsentiere das „richtige“ Judentum, doch letztlich soll sich auch das Diaspora-Judentum „zerstreuen“, jegliches Partikulare aufgeben, um moralisch zu werden.
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Zur Kritik an Butlers Israel-Darstellung siehe Stephan Grigats Rezension in der Jungle World 3/2014.
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Und Butler begreift das Jüdisch-Sein immer wieder als einen Gegensatz zur „Aufnahme einer ethischen Beziehung zum Nicht-Juden.“ (Butler 2013, S. 140 f., vgl. S. 119).
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Das ganze Werk wirkt dadurch wie ein Eiertanz um die verbotene Gleichsetzung, etwa wenn es heißt: „Niemand behauptet, die Juden hätten anderen angetan, was sie selbst erlitten haben. Ganz im Gegenteil gibt es hier eine gewisse Ähnlichkeit, ja Resonanz, obgleich man sich vielleicht hüten sollte, diese in einem solchen Moment überzubenennen, um nicht jenen Widerhall zu verlieren, von dessen Wahrnehmung so viel abhängt.“ (Butler 2013, S. 134) Der Kontext der Sätze hilft einem da auch nicht weiter […] Aber der Eiertanz-Stil findet sich auch in anderen Zusammenhängen wieder: „Ich will auch nicht einfach sagen, Juden seien zur Kritik am Staat Israel verpflichtet, obgleich ich tatsächlich der Auffassung bin, dass sie – oder vielmehr wir – sehr wohl dazu verpflichtet sind.“ (Butler 2013, S. 140) Also was jetzt? ‚Eiertanz‘ ist dabei – sicher ist sicher – übrigens keine anti-feministische Anspielung, sondern bezieht sich auf Goethe und Hühnereier (vgl. Goethe 1999).
Literatur- und Quellenverzeichnis
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Radonić, L. (2016). Von der friedfertigen Antisemitin zur queer-theoretischen Post-Zionistin. In: Busch, C., Gehrlein, M., Uhlig, T. (eds) Schiefheilungen. Springer VS, Wiesbaden. https://doi.org/10.1007/978-3-658-10410-8_10
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