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Welche Verfassung schützt der Verfassungsschutz?

  • Martin Kutscha
Chapter
Part of the Studien zur Inneren Sicherheit book series (SZIS, volume 21)

Zusammenfassung

Zur Überraschung vieler Beobachter entpuppten sich in letzter Zeit gleich mehrere Verfassungsschutzämter als die effektivsten Datenschutzbehörden Deutschlands, als es um die Aufklärung der Versäumnisse bei der Suche nach den Mitgliedern der neonazistischen Terrorzelle „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) ging: Allein beim Bundesamt sind nach der Enttarnung dieser Zelle Anfang November 2011 mehr als 284 Akten aus dem „Bereich Rechtsextremismus“ geschreddert worden. Im August 2012 wurde bekannt, dass auch beim Berliner Verfassungsschutz zahlreiche Akten, die Aufschluss über die Kontakte der Terrorzelle zu V-Leuten hätten geben können, vernichtet worden sind, obwohl sie für die Aufnahme in das Landesarchiv vorgesehen waren. Der nach dem Rücktritt der Leiterin des Berliner Verfassungsschutzes, Claudia Schmid, eingesetzte kommissarische Leiter dieser Behörde, Bernd Palenda, macht hierfür eine „Verkettung unglücklicher Umstände“ sowie „Missverständnisse und organisatorisches Versagen“ verantwortlich. Angesichts der Häufung der Fälle von Aktenvernichtung in den verschiedenen Ämtern erscheint diese Erklärung als wenig überzeugend. Vermutlich nicht ohne Grund sieht die Abgeordnete Eva Högl, Obfrau der SPD im NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestages, insoweit denn auch Absicht am Werk; „so viel Dummheit“ könne sie sich nicht vorstellen.

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Authors and Affiliations

  1. 1.BerlinDeutschland

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