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Narrative Formen in Geschichtspolitik und Erinnerungskultur

  • Wolfgang Bergem
Chapter

Zusammenfassung

Erzählen ist grundlegend für Verständnis und Erschließung von Wirklichkeit. Als allgemeines Organisationsprinzip der Selbstwahrnehmung, der Weltaneignung und der Identitätsproduktion hat Narrativität strukturbildende Funktion für menschliches Handeln und Bewusstsein. Die Unübersichtlichkeit (lebens-)geschichtlicher Erlebnisse und die mit ihnen verbundenen Kontingenzerfahrungen werden in den Prozessen ihrer narrativen Wahrnehmung und Verarbeitung zu Verständlichkeit, Plausibilität und Zielgerichtetheit transformiert. Der politischen und gesellschaftlichen Wirklichkeit kommen somit erst durch ihre narrative Erfassung und Gestaltung die Kohärenz, Kausalität und Sinnhaftigkeit einer Geschichte zu. Indem Erzählen Realität verdichtet, wandelt es Geschehen in Geschichten um, die dann als Gegenstand der Erinnerung zu Geschichte gerinnen können. Der Beitrag geht der Frage nach, wie im Erzählen von Geschichten, die in einem von mehreren Individuen geteilten Gedächtnis aufbewahrt werden, die narrativen Formen von Geschichtspolitik und Erinnerungskultur Gemeinschaftlichkeit und kollektive Identität konstituieren sowie politische Legitimität produzieren.

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Authors and Affiliations

  1. 1.Philosophische Fakultät, Seminar für Sozialwissenschaften, PolitikwissenschaftUniversität SiegenSiegenDeutschland

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