Zusammenfassung

Die Entwicklung der inneren Politik in den letzten Jahrzehnten ist durch soziale Momente erheblich beeinflußt worden. Es sind Gesetze geschaffen worden, die den Schutz bestimmter Personenkreise gegen Ausbeutung, gegen die wirtschaftliche Lage und gegen Krankheit und Not bezweckten. Diese Politik ist außerordentlich fruchtbar gewesen und hat den Personenkreisen, für die sie bestimmt war, auch in Wirklichkeit genützt. Aber diese Politik hat sich in einseitiger Weise mit bestimmten Personenkreisen beschäftigt, mit den Arbeitern im allgemeinen und in besonderen Berufen, mit den Handwerkern, mit den Angestellten. Auch die Notlage der Landwirtschaft ist erkannt worden und hat zu einer besonderen Gestaltung der Politik geführt. Demgegenüber hat man die gebildeten Stände vernachlässigt und es ruhig mit angesehen, wie die Zeit über ihr Schicksal hinwegschritt. So ist es gekommen, daß heute geradezu eine Notlage der gebildeten Stände besteht, die alle mehr oder minder in gleicher Weise betrifft. Alle Kopfarbeiter, die studiert haben, können mit einem Alter von 32 Jahren nur ausnahmsweise an die Heirat denken. Gelegentlich werden die Aussichten in einem Berufe so schlecht, daß der Andrang aufhört und nach einigen Jahrzehnten ein Bedürfnis sich zeigt, das für kurze Zeit eine Besserung bedingt. Dann erfolgt aber ein massenhafter Ansturm gerade auf diesen Beruf, und hinterher ist es umso schlimmer. Wir haben derartige günstigere Perioden bei den Oberförstern, den Oberlehrern, den Theologen erlebt oder sind zum Teil in einer solchen günstigen Periode, aber im allgemeinen sind sonst die Aussichten in allen Berufen gleich schlimm. Jeder Abiturient geht heute einer ungewissen Zukunft entgegen, die ihn für Jahrzehnte noch vom Vaterhause in Abhängigkeit hält. Das ist aber nicht nur in den studierenden Berufen so, sondern ebenfalls in anderen höheren Berufen, beim Militär, beim Bankfach usw. DieNotlage desÄrztestandes, die zur Organisierung führte, ist somit nicht eine besondere Einzelerscheinung, sondern eine Teilerscheinung jener großen wirtschaftlichen Misere, in die alle Kopfarbeiter überhaupt hineingezogen sind. Das Besondere an der Lage der Ärzte ist allerdings das, daß dieser Stand sich zuerst gewerkschaftlich organisierte, und daß seine Notlage besonders dadurch verschlimmert wurde, daß der Staat die soziale Versicherung zum Teil auf seine Kosten schuf. Auf die gewerkschaftliche Organisation der Ärzte gehe ich später ein und will zunächst die Lage der Ärzte behandeln, wie sie durch die natürlichen Umstände und durch die soziale Gesetzgebung bedingt ist.

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Copyright information

© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 1914

Authors and Affiliations

  • Walther Ewald

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