Asymmetrie zwischen Sein und Sollen. Bemerkungen zur Begründung der deontischen Logik

  • Gerhard Otte
Conference paper

Zusammenfassung

Auch die juristische Logik hat ihre Dogmen. Ein Dogma in der negativen Bedeutung des Wortes, nämlich eine nicht hinterfragte, der Diskussion nicht ausgesetzte Theorie ist es jedenfalls, wenn angenommen wird, daß Seinssätze aus Sollenssätzen nicht ableitbar seien. Diese Annahme wird in der juristischen Logik bisher ganz allgemein gemacht (1).

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Anmerkungen

  1. 1.
    Vgl. Weinberger, Bemerkungen zur Grundlegung der Theorie des juristischen Denkens, in: Jahrbuch für Rechtssoziologie und Rechtstheorie, Bd. 2, S. 144, 151, 154, 159; Wagner-Haag, Die moderne Logik in der Rechtswissenschaft (1970), S. 108; vgl. auch Kelsen, Reine Rechtslehre, 2. Aufl. (1960), S. 5. — Anders m.W. bislang nur Rödig, Über die Notwendigkeit einer besonderen Logik der Normen, in: Jahrbuch für Rechtssoziologie und Rechtstheorie, Bd. 2, S. 163 ff. (184 f.). — Die gemeinsamen Zweifel an der h.M. führten auf der Rechtstheorie-Tagung in Rheda 1971 zu meinem ersten wissenschaftlichen Kontakt mit Jürgen Rödig. Mit diesem Beitrag nehme ich eine damals mit Weinberger und Rödig geführte Diskussion wieder auf.Google Scholar
  2. 2.
    Näheres über ihren Ursprung (insbes. zu J.St. Mill, Arnold Kitz, J. v. Kirchmann, Rickert, Simmel) s. bei Brecht, Arnold, Politische Theorie (1961) S. 242–267.Google Scholar
  3. 3.
    Aristoteles, Analytica priora I 1 (24 b 18–20).Google Scholar
  4. 4.
    Vgl. etwa Bocheński, Die zeitgenössischen Denkmethoden, 3. Aufl. (1965), S. 89 (wo nicht ohne Grund ein Syllogismus zur Erläuterung benutzt wird); die Unterscheidung zwischen Ableitung (syntaktisch) und Folgerung (semantisch), vgl. etwa Stegmüller, W., Wissenschaftliche Erklärung und Begründung (1969), S. 34 f. u. 48, darf als für die Zwecke dieses Aufsatzes irrelevant übergangen werden.Google Scholar
  5. 5.
    Es mag hier der Hinweis auf Kants Bemerkungen über den analytischen Charakter der nach dem Satz vom Widerspruch (nach Kant das Prinzip der Logik) gewonnenen Erkenntnis genügen, Kritik der reinen Vernunft, B 10–13 u. 189–192.Google Scholar
  6. 6.
    Dazu Popper, Logik der Forschung, 2. Aufl. (1966), S. 83 ff.; Opp, K.D., Methodologie der Sozialwissenschaften (1970), S. 166 ff.Google Scholar
  7. 7.
    Dies ist ein Anwendungsfall für das scholastische Theorem „verum sequitur quodlibet”.Google Scholar
  8. 8.
    Hoerster, N., Zum Problem der Ableitung eines Sollens aus einem Sein in der analytischen Moralphilosophie, in: ARSP 1969, S. 11 ff. (insbes. S. 33–36).Google Scholar
  9. 9.
    Hoerster a.a.O. S. 35.Google Scholar
  10. 10.
    Hoerster a.a.O. S. 36.Google Scholar
  11. 11.
    Aus p folgt p v q; p V q ist äquivalent mit 00AC;pq; also: p → (¬pq); daraus folgt, wenn p wahr ist, nach der Abtrennungsregel ¬ pq und hieraus, wenn ¬ p wahr ist, wiederum nach der Abtrennungsregel q.Google Scholar
  12. 12.
    Popper, Conjectures and Refutations, 3. ed. (1969), S. 321.Google Scholar
  13. 13.
    Insbesondere der Hegels, vgl. Die Wissenschaft der Logik, Erster Teil, Zweites Buch, Erster Abschnitt, Zweites Kapitel (in der Ausgabe von Glockner Bd. IV S. 504–551).Google Scholar
  14. 14.
    Hierauf stellt bekanntlich Popper, a.a.O. S. 319 und 321, in seiner Polemik gegen die Dialektik ab.Google Scholar
  15. 15.
    Üblicherweise so notiert: ¬ p →(pq);die Form im Text entsteht durch Substituierung von p durch ¬ p.Google Scholar
  16. 16.
    Weinberger, Rechtslogik, S. 217.Google Scholar
  17. 17.
    Es kann in, diesem Zusammenhang dahingestellt bleiben, ob es sich um eine Verallgemeinerung der ursprünglich nur für Aussagen definierten Beziehung handelt, wie etwa Weinberger, a.a.O. S. 33,195, 217, sowie Bemerkungen … (Anm. 1), S. 155–159, unter Berufung darauf meint, daß nur Aussagen sinnvoll als wahr bzw. falsch bezeichnet werden können, oder ob für das logische Folgern von vornherein ein Begriff der relativen Wahrheit zugrunde zu legen ist, der dem Tarskischen Begriff der Wahrheit in formalisierten Sprachen entspricht und, weil er von der Reduzierbarkeit der Wahrheit auf Beobachtung absieht, unmittelbar auch für logische Verknüpfungen von Normen gilt (so Rödig, Die Theorie des gerichtlichen Erkenntnisverfahrens, §§ 34.3, 41, 61).Google Scholar
  18. 18.
    Formuliert nach Weinberger, Rechtslogik, S. 217.Google Scholar
  19. 19.
    Hierzu Rödig, Über die Notwendigkeit … (Anm. 1), S. 164–173 m.w.N.Google Scholar
  20. 20.
    Ob Sätze mit Dispositionsprädikaten (z.B. „Dieses Stück Zucker ist löslich”) als Beleg dienen können, ist kontrovers; vgl. einerseits Rödig (Anm. 17), § 61, andererseits Weinberger (Anm. 1), S. 158.Google Scholar
  21. 21.
    Weinberger, Bemerkungen … (Anm. 1), S. 159, sieht die Frage und beantwortet sie negativ durch das Postulat einer besonderen Logik der Normen; dazu unten im Text.Google Scholar
  22. 22.
    Zur allgemeinen Information etwa Bocheński, Formale Logik, 2. Aufl. (1962), §§ 13 f.; Menne, Einführung in die Logik (1966), S. 90–107; Otte, Dialektik und Jurisprudenz (1971), S. 145–151.Google Scholar
  23. 23.
    Dazu etwa Weinberger, Rechtslogik, S. 201 f.; Lenk, H., Zur logischen Symbolisierung bedingter Normsätze, in: Lenk (Hrsg.), Normenlogik (1974), S. 113 f.Google Scholar
  24. 24.
    Wagner–Haag (Anm. 1), S. 81 f.Google Scholar
  25. 25.
    Diesen Einwand hat Weinberger in einem Brief an mich vom 2.4.1971, der der Diskussion meiner Beweisführung mit der 2. Figur gewidmet ist, erhoben. Dieser Brief, für den ich Herrn Weinberger auch an dieser Stelle sehr herzlich danke, scheint mir für die Klärung eines Grundlagenproblems der deontischen Logik höchst förderlich zu sein.Google Scholar
  26. 26.
    Hier und im folgenden beziehe ich mich auf die Mitteilungen in dem in Anm. 25 genannten Brief.Google Scholar
  27. 27.
    Vgl. Aristoteles, Analytica priora B 15 (63 b 41–64 a 4); Bocheński (Anm. 22) § 12.29.Google Scholar
  28. 28.
    Vgl. auch Weinberger, Rechtslogik, S. 214–216, und Bemerkungen … (Anm. 1), S. 159 f.Google Scholar
  29. 29.
    Z.B. Bemerkungen … S. 159.Google Scholar
  30. 30.
    Bemerkungen … S. 160; vgl. auch Rechtslogik, S. 216, wo von Pflichtenkollisionen die Rede ist.Google Scholar
  31. 31.
    So aber Berkemann, Zum Prinzip der Widerspruchsfreiheit in der deontischen Logik, in: Lenk (Anm. 23), S. 166 f. (182 f.).Google Scholar
  32. 32.
    Weinberger, Rechtslogik, S. 216.Google Scholar
  33. 33.
    Kelsen, Reine Rechtslehre, S. 211.Google Scholar
  34. 34.
    Weinberger a.a.O. S. 200.Google Scholar
  35. 35.
    Weinberger a.a.O. S. 218 f.Google Scholar
  36. 36.
    Dies auch nach Weinberger a.a.O. S. 208. Im Widerspruch dazu jedoch a.a.O. S. 219, wonach! B und ! ~ B nicht unverträglich sein sollen; wäre das richtig, würde ein großer Teil der von Weinberger auf S. 208 notierten Konsequenzen und Unverträglichkeiten nicht bestehen. — Einen dem modus tollens genau entsprechenden Schluß hält Weinberger übrigens auf S. 219 zu (8) ohne Angabe von Gründen für „nicht frei von Problemen”.Google Scholar
  37. 37.
    Weinberger a.a.O. S. 219 zu (10).Google Scholar
  38. 38.
    Weinberger, Bemerkungen … (Anm. 1), S. 159.Google Scholar

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© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 1978

Authors and Affiliations

  • Gerhard Otte

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