Frieden und Diplomatie

  • Carl J. Friedrich
Part of the Enzyklopädie der Rechts- und Staatswissenschaft book series (ENZYKLOPÄDIE)

Zusammenfassung

Das Zusammenleben der Völker scheint ein fortwährender Kriegszustand zu sein, der nur von kurzen Perioden einer durch völlige Erschöpfung herbeigeführten Entspannung unterbrochen wird. Bei der Betrachtung der letzten vierhundert Jahre europäischer Geschichte würde ein pessimistischer Philosoph gewiß versucht sein, den unheilvollen Satz des Heraklit zu wiederholen, wonach der Krieg der Vater aller Dinge ist. In den meisten Fällen jedoch sind die unvermeidlichen Spannungen, die sich aus territorialen und anderen Interessenkonflikten ergaben, durch diplomatische Methoden erfolgreich behoben worden. Nach den Lehrbüchern ist (oder war wenigstens) Diplomatie „die Anwendung von Klugheit und Takt auf die Gestaltung amtlicher Beziehungen zwischen den Regierungen unabhängiger Staaten“ (Satow). Ungeachtet der spöttischen Bemerkung Napoleons gegenüber Talleyrand, „Verträge mögen von Diplomaten unterzeichnet sein, aber sie werden von Soldaten gemacht“, erscheint daher der Krieg als das Versagen der Diplomatie, da er die Anwendung brutaler Gewalt ist. Allem gegenteiligen Anschein zum Trotz verringert die Diplomatie die Spannungen, die zwischen Staaten unvermeidlich sind, wenn ihre Ziele, wie etwa Gebietserwerbungen, in Konflikt miteinander geraten. Sie versucht, den Krieg zu vermeiden und doch ein Höchstmaß an staatlichen Zwecken zu verwirklichen.

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Hinweise und Anmerkungen

  1. 1.
    Die Wichtigkeit der Unterscheidung zwischen der Festlegung der Politik und den damit zusammenhängenden Verhandlungen wird hervorgehoben von Harold Nicolson, Curzon: The Last Phase, 1919–1925 (1934), in einem abschließenden Essay, das „einige Bemerkungen über die Praxis der Diplomatie“ enthält. Die Unterscheidung ist zwar alt, bedarf aber ständig neuer Beachtung. D. J. Hill, A History of Diplomacy in the International Development of Europe (1905), Vol. III, macht beachtenswerte kritische Ausführungen über das Versagen Ludwigs XIV. (pp. 282ff.) und Friedrichs des Großen (pp. 537ff.), doch seine Beurteilungen sind communis opinio doctorum. Zu Ludwig XIV. vgl. G. PagÉs, La Monarchie d’Ancien Régime en France (1928), pp. 134ff., zu Friedrich dem Großen: G. Küntzel, „Die Drei Großen Hohenzollern“ in Meister der Politik, herausgegeben von E. Marcks und K. von Müller (1923), Bd. II, S. 391 ff. Zu Napoleon siehe J. H. Rose, The Life of Napoleon I (1901–1924), Vol. II, pp. 213ff.Google Scholar
  2. 2.
    Siehe die oben erwähnten allgemeinen Abhandlungen und Hans J. Morgen thau, Politics among Nations: The Struggle for Power and Peace (1948). Alle gehen sie von der mehr oder weniger ausdrücklichen Annahme aus, daß eine zusammenhängende Außenpolitik möglich sei. Lippmann geht sogar so weit vorzuschlagen, die Außenpolitik solle zuerst festgelegt werden (von wem?) und dann erst sei die Zustimmung des Volkes zu suchen.Google Scholar
  3. 3.
    Ein glänzendes Beispiel der „Kunst des Verhandeins“ bietet Crane Brin-tons Abhandlung über Talleyrands Diplomatie, The Lives of Talleyrand (1936), pp. 166ff. Bas allgemeine Problem dieses Abschnitts ist ausführlicher behandelt in C. J. Friedrich, Foreign Policy in the Making (1938).Google Scholar
  4. 4.
    Zum französisch-russischen Bündnis siehe W. L. Langer, The Franco-Russian Alliance, 1890–1894 (1929), p. 399. Hinsichtlich der englisch-deutschen Beziehungen vgl. F. Meinecke, Geschichte des deutsch-englischen Bundesproblems, 1890–1901 (1930).Google Scholar
  5. 5.
    Zur Frage der Diplomatensprache siehe Satow, op. cit. Vol. I, pp. 58ff. Die Bemerkung der Sowjets ist zitiert nach New York Times, January 28, 1934; zu Curzons Verstoß vgl. Nicolson, op. cit. p. 358.Google Scholar
  6. 6.
    Hier ist auf die einschlägigen Abschnitte von Kap. XIX, „Der verantwortliche Staatsdienst“ zu verweisen. Siehe Otto Krauske, „Die Entwicklung der ständigen Diplomatie“, Staats- und sozialwissenschaftliche Forschungen, Bd. XXIII (1885). Eine allgemeine Zusammenfassung gibt F. L. Schuman, International Politics (1933 und spätere Auflagen). Siehe auch D. J. Hill, History of Diplomacy in the International Development of Europe (1905–1914), insbesondere Vol. I, pp. 359–360.Google Scholar
  7. 7.
    Außer Nicolsons Werken siehe Cecil Spring-Rice, The Letters and Friendships of Sir Cecil Spring-Rice (1929); The Life and Letters of Walter Hines Page (ed. B. J. Hendrick, 1923); die Memoiren von Stimson und Byrnes, sowie das Werk von Robert Sherwood, Roosevelt and Hopkins, das die Atmosphäre der jüngeren internationalen Politik, von oben gesehen, wiedergibt. Eine realistische und humorvolle Darstellung aus der Froschperspektive — wenn man so sagen kann — des unteren Konsularbeamten gibt Donald Dunham, Envoy Unextra-ordinary (1944). Ein weiteres Werk von außergewöhnlichem Interesse, das die Enttäuschungen des Berufsdiplomaten unter demokratischen Traditionen zeigt, ist das des Botschafters Joseph C. Grew, Ten Years in Japan: A Contemporary Record (1944), wozu A. Whithey Griswold The Far Eastern Policy of the United States (1938) den äußeren Rahmen gibt.Google Scholar
  8. 8.
    Vgl. hierzu Cmd. 6420 (1943), „Proposals for the Reform of the Foreign Service“, und den kritischen Aufsatz von Ivor Thomas, M. P., „The Reform of the Foreign Service“, The Political Quarterly, Vol. XIV (1943).Google Scholar
  9. 9.
    Dieses Problem stand im Mittelpunkt der langwierigen Kontroverse hinsichtlich des Verhältnisses zwischen dem amerikanischen Staatsdepartement und der für den europäischen Wiederaufbau zu errichtenden Organisation. Siehe Seymour Harris, The European Recovery Program (1948).Google Scholar
  10. 10.
    Siehe H. K. Norton, Foreign Office Organization (1929), und aus den letzten Jahren J. Rives Childs, The American Foreign Service (1948), worin der Text des Foreign Service Act von 1946 enthalten ist, sowie drei Arbeiten in The Public Service and University Education (ed. J. E. McLean, 1943), Part III. Das oben unter den Vorbemerkungen erwähnte Werk von Bendiner enthält eine sehr kritische Beurteilung. Eine versöhnlichere Einstellung zu den Dingen findet sich bei Dunham, vgl. oben Anm. 7. Eine umfassendere vergleichende Untersuchung der Frage, warum der auswärtige Dienst in allen demokratischen Ländern so wenig populär ist, wäre dringend geboten.Google Scholar
  11. 11.
    Siehe Martin Hill, Immunities and Privileges of International Officials (1947), sowie Egon Ranshofen-Wertheimer, The International Secretariat (1946) und Chester Purvis, The Internal Administration of the International Secretariat (1946). Von Nutzen war mir der wertvolle Rat von Dr. Daniel S. Cheever, Chairman of the International Affairs propram, Harvard University.Google Scholar
  12. 12.
    Eine ausführlichere Behandlung dieses Punktes findet man in des Verfassers Foreign Policy in the Making (1938), insbesondere pp. 116–133. Edward H. Carr, The Twenty-Years Crisis (1939) fand seinerzeit allgemeine Zustimmung, obgleich dieses Werk eher den Ausdruck einer verzweifelnden Haltung angesichts der faschistisch-totalitären Drohung darstellt; der gleiche Verfasser hat neuerdings auch zur Beschwichtigungspolitik (appeasement) gegenüber der Sowjetunion geraten. Zum Problem des Gleichgewichts der Macht siehe auch die oben erwähnte allgemeine Abhandlung von Spykman, besonders S. 20ff., sowie die umfassende historische Darstellung von Charles Dupuis, Le principe d’équilibre et le concert européen de la paix de Westphalie a ’acte d’ Algeciras (1909). Dupuis zeigt, wie der Begriff des Gleichgewichts der Macht als Verhandlungsinstrument verwandt worden ist. Beachtung verdient auch eine interessante Arbeit von Alfred Vagts, „The United States and the Balance of Power“, Journal of Politics (Nov. 1941).Google Scholar
  13. 13.
    Die aus Lippmann zitierten Stellen finden sich auf S. 50f., 149ff., 164ff., 169f.Google Scholar
  14. 14.
    Hans J. Morgenthau, op. cit., vertritt den Standpunkt, daß der Kampf um die Macht und der Frieden Hand in Hand gehen; wie Spinoza scheint er der Ansicht zu sein, daß „der große Fisch den kleinen kraft des natürlichen Rechts auffrist“, eine Auffassung, die sich sicherlich durch manche historische Erfahrung belegen läßt.Google Scholar

Copyright information

© Springer-Verlag Berlin · Göttingen · Heidelberg 1953

Authors and Affiliations

  • Carl J. Friedrich
    • 1
  1. 1.Harvard UniversityUSA

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