Das Gefühl des Fremden im Leben und im Traume

  • Wilhelm Stekel

Zusammenfassung

Im Gegensatze zu der bekannten Erscheinung des „déjà vu“, die von verschiedenen Psychologen eingehend studiert wurde, ist das Gefühl des Fremden und Traumartigen bisher sehr wenig gewürdigt worden. Es scheint mir sehr verdienstvoll, daß Löwenfeld1) an 12 Fällen eine Analyse dieses Zustandes versucht. Ich sage versucht, weil ich die Empfindung habe, daß Löwenfeld das Problem in seiner Gänze noch nicht erschöpft hat. Immerhin hat er bei der Betrachtung dieser Zustände auf ein wesentliches Moment aufmerksam gemacht, nämlich auf die Begleitung eines starken Affektes, und zwar meist eines Angstaffektes. — „Wir müssen“, sagt der Autor, „den Angstzuständen einen wesentlichen Anteil an der Hervorrufung des Fremdartigen und Traumartigen des Automatismus zuerkennen“. Zum Beispiel, ein Patient klagt über ein Gefühl, das ihn beständig verfolge und belästige. Es ist ihm, als ob er, der doch Familie hat, allein auf der Welt stände. Wenn er auf der Straße geht, erscheint ihm alles eigenartig fremd. Wenn seine Frau mit ihm spricht, oder Freunde sich mit ihm unterhalten, hat er ebenfalls das Gefühl des Fremdartigen. Die Stimme aller Personen seiner Umgebung kommt ihm verändert, fremdartig vor und wenn eines seiner Kinder auf ihn zuläuft, erscheint es ihm ebenfalls als fremd. Auf der Straße leidet er unter inhaltslosen Angstzuständen. Seit einiger Zeit zeigt sich bei ihm auch eine gewisse geistige Apathie. In einem zweiten Falle beschränkt sich dieses Gefühl des Fremdartigen auf die Mutter. Es ist dem Kranken (15jähriger Knabe), als ob er die Mutter erst suchen müßte, als ob seine Mutter eine ihm fremde Person sei. Andere Kranke haben dieses Gefühl des Fremden auch in bezug auf leblose Objekte, auf die Wohnung, auf die Straße, durch die sie gehen, und die sie verändert finden, insbesondere in bezug auf Eichtung und Anordnung. Diesen Zuständen ähnlich, aber meiner Ansicht nach durchaus nicht identisch sind jene Zustände, in denen der Neurotiker — um solche handelt es sich ja immer in diesen Fällen — die Empfindung hat, er lebe in einem Traume, es sei nicht das wirkliche Leben, in dem er sich befindet.

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© J. F. Bergmann, München 1927

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  • Wilhelm Stekel

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