Die Richtungslokalisation

  • Franz Bruno Hofmann

Zusammenfassung

Wie in der Einleitung (S. 4ff.) schon auseinandergesetzt wurde, versteht man unter der absoluten Lokalisation die Lage der Sehdinge relativ zum vorgestellten Orte des eigenen Ich. Die scharfe Abtrennung der absoluten Lokalisation von der relativen hat Hillebrand (776) neuerdings für unberechtigt erklärt, weil es sich bei ihr auch wieder nur um eine relative Lokalisation der Sehdinge gegenüber den sichtbaren Teilen des eigenen Körpers handle. Das ist zwar zum Teil (s. unten!) richtig, aber die Scheidung der absoluten von der relativen Lokalisation reicht viel weiter, und sie ist in der Beschreibung der optischen Lokalisation nicht zu entbehren. Nur wäre es vielleicht richtiger, statt des in der Tat mißverständlichen Ausdrucks »absolute Lokalisation« (vgl. S. 4, Anm.) mit G. E. Müller (803) den bezeichnenderen Namen »egozentrische Lokalisation« zu verwenden, wenn dieser nicht leider im Gebrauch so unhandlich wäre. Ich ziehe es daher vor, im folgenden für die egozentrische Lokalisation nach Breite und Höhe zumeist den Ausdruck Richtungslokalisation, für die egozentrische Tiefenlokalisation den Ausdruck Abstandslokalisation zu verwenden, Bezeichnungen, die von Hering und Donders für die entsprechende innervation, von Helmholtz und v. Kries auch für die Lokalisation gebraucht worden sind.

Preview

Unable to display preview. Download preview PDF.

Unable to display preview. Download preview PDF.

Literatur

  1. 1.
    Auch die Schallrichtung wird, wie BOURDON (748a) gezeigt hat, sehr stark durch die optische Wahrnehmung des tönenden Körpers beeinflußt. Verlegt man dessen Bild durch Spiegelung an einen anderen Ort und lenkt seine Aufmerksamkeit voll auf das Bild hin, so scheint auch der Schall aus dieser ganz anderen Richtung zu kommen.Google Scholar
  2. 1.
    Ober den großen Einfluß dieser Vorstellung vgl. auch G. E. Müller (803, S. 122 ff.).Google Scholar
  3. 1.
    Immerhin gibt es aber auch beim Menschen gewisse Analogien dazu, auf die PIéRON (808) aufmerksam gemacht hat, freilich nicht beim optischen, sondern beim haptischen Raum in Form der lokalisierten, d. h. an die Reizung bestimmter Hautstellen gebundener Reflexe. So tritt schon beim Neugeborenen der an die Reizung der Fußsohle gebundene Plantarreflex mit Streckung der großen Zehe und Anziehen des Beines auf, und ähnliche lokalisierte Abwehrbewegungen haben VASCHIDE und VURPAS (833) bei einem Anenzephalen beobachtet. Die komplizierten Abwehrreflexe, die bei bewußtlosen Patienten mit Meningitiden auftreten, und die PièRON mit anführt, sind in diesem Zusammenhang wohl nicht genügend beweiskräftig. Auch die Folgerung, die PIéRON und lange vorher SACHS (812) aus diesen Erfahrungen gezogen haben, daß nämlich die Raumdaten des Gesichts-wie des Tastsinns auf dem Gewahrwerden dieser lokalisierten Reflexe beruht, läßt sich nicht halten.Google Scholar
  4. 1.
    Der binokulare Blickpunkt braucht durchaus nicht mit dem Fixationspunkt jedes Einzelauges zusammenzufallen. Blicken wir z. B. mit parallelgestellten Blicklinien auf ein in geringer Entfernung vor den Augen befindliches Stück Papier, auf dem im Schnittpunkt der Blicklinien mit der Papierfläche je ein Fixationspunkt aufgezeichnet ist, so liegt der binokulare Blickpunkt weit hinter den beiden Fixationspunkten, nämlich in unendlicher Entfernung.Google Scholar
  5. 1.
    Es ist mir übrigens zweifelhaft, ob HERING die Änderung der absoluten Raumwerte wirklich schon in das Vorstadium der Augenbewegung verlegt hat, denn in der unter seiner Leitung entstandenen Untersuchung von BRüCKNER (453) wird ebenfalls angegeben, daß die Bilder eines intermittierend sichtbaren Lichtpunktes während der Augenbewegung nach den alten, vor der Bewegung vorhandenen Raumwerten lokalisiert werden. Dasselbe fand später HANSELMANN (1210).Google Scholar
  6. 1.
    Dieser Innervationsimpuls könnte natürlich auch ein angeborener Reflex sein, der beim Streben, einen indirekt abgebildeten Gegenstand deutlich zusehen, zwangsläufig seiner Größe nach mit der Abstandsschätzung verbunden ist. Wir werden unten sehen, warum wir diese Annahme mindestens in ganz strenger Form nicht machen können.Google Scholar
  7. 1.
    Man könnte annehmen, daß wegen der nachträglichen Orientierung die Umwertung der Raumwerte bei den willkürlichen Augenbewegungen langsamer erfolgt, als bei den Blickbewegungen, und darauf die besondere Deutlichkeit der Erscheinungen bei den Willkürbewegungen zurückführen. Die Dinge sind aber unter diesem Gesichtspunkt noch nicht genauer untersucht.Google Scholar
  8. 1.
    Sind im Sehfelde sonstige isolierte Lichtphänomene sichtbar, so wandern diese natürlich ebenso mit der Augenbewegung mit, wie das Nachbild.Google Scholar
  9. 2.
    Ich spreche zunächst nur von mir, weil es Personen gibt, bei denen sich das Nachbild anscheinend anders verhält. So gibt HERING (772, S. 18) an, daß sich das Nachbild auch bei starker Blickwendung auffällig wenig bewegt, und Gh. BELL bemerkt, daß es ihm während der Bewegungen des Auges im Finstern stets ruhend erscheint (PURKYNJE, siehe AUBERT, 1310, S. 118).Google Scholar
  10. 3.
    Bei HERING glitt das Nachbild nicht in die Mittelstellung, sondern etwas nach rechts, was er vermutungsweise auf seine Kopfhaltung beim Lesen und Schreiben zurückführt (1. c. S. 21).Google Scholar
  11. 1.
    Als solches empfiehlt es sich den vorgehaltenen eigenen Finger zu wählen, weil man den Blick auf einen Teil des eigenen, Körpers auch dann, wenn man ihn nicht sieht, am besten einzustellen vermag (s. oben S. 312). Gibt es doch Personen, [denen es gelingt, in diesem Falle die Forderung HERINGS nach Erhöhung der Vorstellung zur Anschauung zu erfüllen, indem sie die im ganz lichtlosen Raum vor den Augen vorüberbewegte Hand sogar wirklich zu sehen meinen (AUBERT, 1, S. 336, JAENSCH, 9 a, S. 393 ff.).Google Scholar
  12. 1.
    Man kann sich von ihr durch einen ganz einfachen Versuch überzeugen. Man erzeuge sich ein zentrales Nachbild, schließe die Augen, betaste mit den Fingern die Lider und drehe mit mittlerer Geschwindigkeit Kopf und Körper, soweit man kann, von einer Seite zur anderen. Man sieht dann das Nachbild im Anfang hinter der Drehung etwas zurückbleiben und am Schluß träge wieder zur Mitte nachgleiten, während man mit den Fingern deutlich die Nystagmusrucke fühlen kann. Anders verhält es sich bei mir während anhaltender Drehung und beim Nachdrehungsgefühl auch nicht.Google Scholar
  13. 1.
    Das letztere beobachtete auch NAGEL (1349, S. 384).Google Scholar
  14. 1.
    Eine solche kann auch für die reflektorische Augenrollung bei seitlicher Kopfneigung in Betracht gezogen werden. Doch sind dabei die Verhältnisse viel komplizierter (s. unten S. 601 ff.).Google Scholar
  15. 1.
    Einähnliches Ergebnis hatte SCHöN (364 a), wenn er bei parallel gestellten Gesichtslinien ein seitliches nahes Objekt in Doppelbildern sah, dann die Augen schloß und mit dem Finger die Richtung, in der er es gesehen hatte, verzeichnete. Bei stärker seitlichen Objekten gingen die Richtungslinien alle nach dem Zentrum jenes Auges, auf dessen Seite sich der Gegenstand befand. SCHöN bezog das aber auf die oben S. 256 angeführte Bevorzugung des Doppelbildes des gleichseitigen Auges, das dabei allein beachtet werde.Google Scholar
  16. 1.
    Die Verlängerung der Sehrichtungen nach hinten in Abb. 3 bei KöLLNER (787) führt sogar ganz genau auf ein solches einheitliches Zentrum hinter den Augen. Ähnliches gilt für die mittleren Sehrichtungen der Abb. 2 und 4 (ebenda), während die seitlichen allerdings größere Abweichungen zeigen, die aber wahrscheinlich von der Ungenauigkeit der Bestimmung im stark indirekten Sehen herrühren.Google Scholar
  17. 1.
    Bei Personen, die genau auf das Zentrum der Gesichtswendung hin lokalisieren, muß die Sehrichtung der Objekte bei der Kopfdrehung nach rechts und links, nach oben und unten trotz der parallaktischen Verschiebung naher und ferner Gegenstände unverändert gleich bleiben, und aus der Gewohnheit, so zu lokalisieren, wäre dann die ganze Erscheinung zu erklären. Bei FüNAISHI ist das in der Tat der Fall, bei mir hingegen nicht.Google Scholar
  18. 1.
    Wenn dieser Einfluß nicht systematisch gleich gehalten wird, drückt er natürlich auch die Bestimmtheit der Einstellungen herab. Aus diesem Grunde haben SACHS und WLASSAK zumeist von Einstell versuchen abgesehen.Google Scholar
  19. 1.
    Eine solche Krümmung der Einstellungen der scheinbaren Mediane (nicht der Richtung geradeaus) geben auch schon BOURDON (3, S. 147) und BLUMENFELD (864, S. 289) an.Google Scholar
  20. 2.
    Dabei ändert sich auch die durch tonische Innervation beider Augen festgehaltene Schielstellung, doch gehen beide Veränderungen einander nicht streng parallel. Über die Schwierigkeiten, die sich daraus für die Annahme einer lokali-satorischen Funktion des »Spannungsbildes« der Augenmuskeln ergeben, vgl. man TSCHERMAK (831, S. 39 ff.).Google Scholar
  21. 4.
    Für die Pseudofovea der Schielenden hatte ich schon früher (334, S. 835ff.) dasselbe angenommen.Google Scholar
  22. 1.
    Über die Grundlagen und Voraussetzungen dieses Messens vgl. man v. KRIBS (793, S. 104 ff.).Google Scholar
  23. 4.
    In den Versuchen von DIETZEL (751) war diese seitliche Ablenkung der scheinbaren Mediane individuell sehr verschieden groß und hob sich nicht deutlich von dem Einfluß eines seitlichen Lichtes beim Blick geradeaus ab, was aber vielleicht daran lag, daß die Versuchspersonen nicht die Mediane des Kopfes, sondern die des Rumpfes angaben.Google Scholar

Copyright information

© Julius Springer in Berlin 1925

Authors and Affiliations

  • Franz Bruno Hofmann

There are no affiliations available

Personalised recommendations