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Das Psychogenieproblem

  • Hemmo Müller-Suur

Zusammenfassung

Nach diesen Überlegungen bekommt ein geistig-metaphysischer Krankheit s begriff einen viel klareren Sinn und wird in seiner Art viel besser verständlich, als wenn man ihn bloß völlig unvermittelt dem naturwissenschaftlich-biologischen Krankheitsbegriff gegenüberstellt, welchem gegenüber er für ein undifferenziertes Denken widersprüchlich erscheinen muß. Denn ein Begriff nach Art des naturwissenschaftlich-biologischen Krankheitsbegriffes, welcher besagt: „Krankheit ist immer körperlich“ und ein Begriff von der Art eines metaphysisch — existenziellen Krankheitsbegriffs, der mit den Worten v. Weizsäckers besagt: „Das Wesen des Krankseins ist eine Not und äußert sich als eine Bitte um Hilfe ; ich nenne den krank …, in dem ich als Arzt die Not erkenne“1, scheinen auf den ersten Blick nebeneinander nicht bestehen zu können. Die Anerkennung des einen scheint die Anerkennung des anderen unmöglich zu machen. Geht doch bei dem metaphysisch-existenziellen Begriff die Unterscheidung von objektiv krank und subjektiv krank völlig verloren. Ist doch nach ihm ein leidender Abnormer genau so, ja, womöglich mehr krank als ein nicht leidender schwer Kranker (wie wir es z.B. bei gewissen Schizophrenien, Paralysen, Manien, aber auch bei gewissen inneren Krankheiten, z.B. chronischer Nephritis, vielen Carcinomträgern u. a. sehen können, daß die Patienten nicht leiden, aber schwer krank sind). Und auf die Unterscheidung von subjektiv krank und objektiv krank muß es dem Kliniker doch ankommen!

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Literatur

  1. 1.
    Das Zitat ist entnommen aus L. Binswanger,: Psychotherapie als Beruf. Nervenarzt 1, 207 (1928). Binswanger zitiert nach V. v. Weizsäcker: Der Arzt und der Kranke, Die Kreatur 1, 73. — Zum folgenden vgl. auch H. Müller-Suur: Über Beziehungen und Unterschiede zwischen Zwang und Wahn, Z. Neur. 177 (1944), wo ich auf die speziellere Frage dieses Krankheitsbegriffs beim Paranoiaproblem eingegangen bin.Google Scholar
  2. 1.
    Kisskalt, K.: Theorie und Praxis d. medizin. Forschung. München 1942. 2 3 zitiert nach O. Schwarz,: Medizinische Anthropologie (eine wissenschafttheoretische Grundlegung der Medizin). S. 275 Leipzig, 1929.Google Scholar
  3. 1.
    Schwarz, O. S. 265 u. 267: Zit. S. 92.Google Scholar
  4. 2.
    v. WeizsäCker, V.: Studien zur Pathogenese.Leipzig 1935.Google Scholar
  5. 3.
    Glatzel, H.: Ulkuspersönlichkeit und Ulcuserlebnis.Klin. Wschr. 24/25, 257 (1947).Google Scholar
  6. 1.
    Vgl. G. Stammler,der diesen Satz als Motto seinem Buche: Der Zahlbegriff seit Gauss (Halle 1926), vorausgesetzt hat.Google Scholar
  7. 1.
    Eine sehr interessante Analyse des Kausalproblems findet man bei E. Rogge: Das Kausalproblem bei Franz Brentano, Stuttgart 1935. Die Beziehungen zur Biologie stellt dar Max Hartmann in seiner Allgemeinen Biologie, 3. Aufl. Jena 1947.Google Scholar
  8. 2.
    Zur Frage des Motivbegriffs vgl. neuestens H. W. Grühle: Ursache, Grund, Motiv, Auslösung, in: Arbeiten z. Psychiatr. Neurol. usw., Festschr. für Kurt Schneider. Heidelberg 1947.Google Scholar
  9. 1.
    Eine „Hybris der Kausalkategorie“ (NIC. Hartmann) braucht mit der Annahme dieser Möglichkeit nicht unbedingt einherzugehen und liegt faktisch nicht vor, wenn man die hier vorgenommene Differenzierung des Kausalbegriffs (und seine weitere Bedeutung) berücksichtigt. Auch über die Frage, wie weit die verschiedenen Determinationsformen mit der im weiteren Sinne verstandenen Kausalkategorie erfaßbar sind, ist damit ja noch nichts gesagt. Nur wenn man verlangen wollte, daß die spezielle Form der mechanischen Kausalität maßgebend für alle anderen Arten der Kausalität sein sollte, würde man solch einer Hybris verfallen, die einen Teil zum Ganzen machen will; und weiter, wenn man behaupten würde, in der Erfassung dieser im weiteren Sinns „kausalen“ Gesetzlichkeiten erschöpfe sich unsere Erkenntnis.Google Scholar
  10. 2.
    Vgl. F. Brentano: Über die Zukunft der Philosophie. Edit. O. Kraus. Leipzig 1929Google Scholar
  11. 1.
    Hartmann, Max: Analyse, Synthese und Ganzheit in der Biologie, Sit-zungsber. Preuß. Akad. Wiss. 1935, zit. nach O. Bumke, Gedanken über die Seele. 2. Aufl. Berlin 1941.Google Scholar
  12. 2.
    bürger-Prinz, H.: Über Motiv und Motivation. Nervenarzt 18, 241 (1947).Google Scholar
  13. 3.
    Vgl. Symposion über die Grundlagen der Hirnpathologie: Nervenarzt 19, 529 (1948). Dort sagt Conrad, es sei „an der Zeit“, daß die Hirnpathologie die Gestaltkreislehre von v. WeizsäCKER annehme, „anstatt stolz und beleidigt auf den Plüschmöbeln des vergangenen Jahrhunderts sitzen zu bleiben“.Google Scholar
  14. 4.
    Conrad, K.: Strukturanalysen hirnpathol. Fälle. Dtsch. Z. Nervenheilk. 158, 345 (1917).Google Scholar
  15. 5.
    Schneider, Kurt: Psych. Befd. u. psychiatr. Diagn. in Beiträgen zur Psychiatrie, 2. Aufl.Stuttgart 1948.Google Scholar
  16. 1.
    Stammler, G.: Begriff Urteil Schluß, Untersuchungen über Grundlagen und Aufbau der Logik. Halle 1928.Google Scholar
  17. 1.
    Man unterscheidet, je nachdem die Grenzwerte der Integrale bestimmt oder unbestimmt sind, bestimmte und unbestimmte Integrale. Ein bestimmtes Integral mit zwei bestimmten Grenzwerten: ist eine Zahl; ein bestimmtes In tegral mit einem unbestimmten Grenzwert: wobei a bestimmt und x unbestimmt ist, ist eine Funktion.Google Scholar
  18. 2.
    Seeligeb, R.:Physik und Finalität, Universitas 1947, H. 7 u. 8.Google Scholar
  19. 3.
    Donnan, F. G.: Integral Analysis and the Phenomena of Life, Acta Bio-theotetica 2, H. 1.Leiden 1936.Google Scholar
  20. 1.
    Axiomatik ist Grundlagenforschung der Mathematik und Logik. Vgl. dazu G. Stammler, (zit. S:95 und 101) und L.NELSON: Kritische Philosophie und mathematische Axiomatik. Berlin 1927; weiter auch H. Scholz: Logik, Grammatik, Metaphysik, Arch. Philos. 1, 39 (1947) sowie K. Reidemeister: Anschauung als Ei kenntnisquelle. Z. philos. Forsch. I, 197 (1947) und Baum und Erfahrung Studium Generale I, H. 1 (1947).Google Scholar
  21. 2.
    Hilbert, D.: Neubegründung der Mathematik. Hamburg 1922, zit. nach G. Stammler: Der Zahlbegriff seit Gauss. Halle 1926.Google Scholar
  22. 1.
    Innerer Sinn darf hier nicht im Sinne Kants verstanden werden. Daß Kants Auffassung des inneren Sinnes als Zeitlichkeit sich nicht halten läßt, zeigt Reidemeister (S. Anm. 1 auf S. 104).Google Scholar
  23. 2.
    Vgl. hierzu auch meine Gegenüberstellung von naturwissenschaftlicher und geisteswissenschaftlicher Betrachtungsweise im „Nervenarzt“ 1947.Google Scholar
  24. 1.
    Vgl. Franz Brentano: Kategorienlehre, edit. A. Kastil, Leipzig 1933 und Psychologie vom empirischen Standpunkt, edit. O. Kraus.Leipzig 1924ff.Google Scholar
  25. 2.
    Über die Bedeutung dieses Sachverhaltes für die spezielle Psychopathologie vgl. H. Müller-Suur: Das Gewißheitsbewußtsein beim schizophrenen und beim paranoischen Wahnerleben. Fortschr. Neur. 1950.Google Scholar
  26. 1.
    „Noematisch“ heißt so viel wie etwa: geistig wahrgenommen, „erschaut“ im Sinne der Wesensschau der Phänomenologen. Von dem erschauten geistigen Gegenstand, dem „Noema“, wird der Akt des geistigen Schauens als die „Noesis“ unterschieden.Google Scholar
  27. 1.
    v. Cues, Nic: Vom Können-Sein, dtsch. von E. BohnenstäDT. Leipzig 1947.Google Scholar
  28. 2.
    Es lassen sich ja, wie gesagt (vgl. oben S. 105 f), all unsere scheinbar bejahenden rationalen Urteile, wenn sie als allgemein und richtig eingesehen werden sollen, nur in negativer Form begreifen, so daß, um noch ein anderes Beispiel anzuführen, also der Ausdruck „möglich“ rational heißen muß: „nicht unmöglich“, wenn er logisch einwandfrei gefaßt werden soll.Google Scholar
  29. 1.
    Nach einer Diskussionsbemerkung aus dem Arbeitskreis von v. Allesch-Göttingen. Über Cnidarier vgl. A. Kühn: Grundr. d. allg. Zoologie Abb. S. 20 und 152. Leipzig 8. Aufl. 1944.Google Scholar
  30. 2.
    Vgl. dazu die Hinweise auf das Beziehungsgefüge der motivierten Handlung, die wir oben auf S. 98f. gegeben haben.Google Scholar
  31. 1.
    Vgl. K. Conrad,: Über den Begriff der Vorgestalt und seine Bedeutung für die Hirnpathologie, Nervenarzt 18, 289 (1947).Google Scholar
  32. 3.
    Bubkamp, W.: Die Struktur der Ganzheiten. Berlin 1929.Google Scholar
  33. 1.
    Näheres zu diesem Problem in spezieller Beziehung zur Psychiatrie siehe in H. Müller-suur: „Die Ganzheitsfrage in der Psychopathologie“ im Studium Generale (im Druck). Dort sowie auch in meiner Arbeit über die psychiatrischen Theorienbildungen (Fortschr. Neur. 1949) bin ich auch auf verschiedene Bedeutungsperspektiven des Ganzheitsbegriffes eingegangen, die hier unberücksichtigt bleiben.Google Scholar
  34. 1.
    Krueger, F.: Der Strukturbegriff in der Psychologie, Jena 1924.Google Scholar
  35. 2.
    v. Ehrenfels, Chr.: Über Gestaltsqualitäten (1890), in: Das Primzahlengesetz, Leipzig 1922, zit. nach der Einl. von O. Kraus in Bd. III von F. Brentanos Psychol. v. empir. Standpunkt Leipzig 1928.Google Scholar
  36. 1.
    Einen guten Überblick über Ganzheitspsychologie gibt K. Conbads Sammelreferat in Fortschr. Neur. 15, 131 (1943). Auf einige wichtige Werke, die von Conrad nicht angeführt worden sind, sei hier noch (nach Angaben aus dem Psychologischen Institut der Univ. Göttingen) hingewiesen: A. Meinung: Untersuchungen zur Gegenstandstheorie. Leipzig 1904. — ST. Witasek: Grundlinien der Psychologie. Leipzig 1908, und Psychologie der Baumwahrnehmung. Heidelberg 1910. — V. Benussi: Psychologie der Zeitauffassung. Heidelberg 1913. — M. Webtheimer: Drei Abhandlungen zur Gestaltpsychologie. Erlangen 1925, und Productive Thinking. New York 1945. — Manoil: La psychologie experimentale en Italie. Paris 1938. — A. Gemelli: Über das Entstehen von Gestalten, Arch. Psychologie 65 (1928), und Antropologia e psicologia. Milano 1940. — J. G. v. Allesch: Ganzheit und Eigenschaft, Arch. Psychologie 105 (1939) und Die Wahrnehmung des Baumes (Die Gestalt H, 3). Halle 1941.Google Scholar
  37. 1.
    Ich glaube, daß etwas Ähnliches auch v. Allesch mit dem meint, was er „gerichtete Intuition“ nennt (nach Diskussionserfahrungen aus einem Göttinger psychologisch-psychiatrischen Kolloquium). Gemeint ist mit der gerichteten oder determinierten Intuition eine gelenkte, in gewissen Grenzen beschränkte Intuition, bei der durch willkürliche Einschränkung des Bereichs, auf den der intuitive Akt gerichtet ist, die Intuition eine ziemlich präzise bestimmbare Richtung bekommt. — Man kann übrigens auch die Form des Aktvollzugsverlaufs der Intuition direkt von der körperlichen Seite her beeinflussen; z. B. durch verschiedene Pharmaka: Die verschiedenen Rauschmittel sowie die verschiedenen körperlichen Techniken zur Erzielung ekstatischer Zustände gehören hierher. Zu fragen wäre, ob es sich bei der von v. Allesch gemeinten Methode nicht auch vielmehr noch um eine Differenzierung als um eine Einschränkung der Intuition handelt. Sicher nicht handelt es sich jedoch für ihn um ein Befürworten vagen Erfühlens mit „psychologischen Evidenzerlebnissen“.Google Scholar
  38. 2.
    Chao I-TAO Zit. nach O. Fischeb: Chin. Landschaftsmalerei. München 1923.Google Scholar
  39. 1.
    Aus der Chandogya-Upanishad des Samaveda 3, 14, nach Deussens Übersetzung. Leipzig (Brockhaus).Google Scholar
  40. 1.
    Unter Gefühl wäre danach gegenüber dem mehr stimmungshaft-zustand-lichen Gemüt ein gegenständlich bestimmterer Erlebnisbereich zu verstehen: Gemüt und Gefühl verhalten sich wie Glück (stimmungshaft) und Freude (gefühlsmäßig) oder Angst (stimmungshaft) und Furcht (gefühlsmäßig).Google Scholar
  41. 2.
    Dies wird näher belegt durch das Abgestimmtsein von Denken und Sein aufeinander (vgl. Theodor Litt: Denken und Sein. Stuttgart 1948). Vgl. dazu auch S. 132f. — In der Ungleichartigkeit der sprachlichen Bezeichnungen im Schema (links mehr Hervortreten des psychologischen Erlebnismomentes, rechts mehr Hervortreten des Gegenständlichen) äußert sich, daß man im allgemeinen in der Innenwelt die Abhängigkeit des Erlebens von Gegenständlichkeiten und in der Außenwelt die Abhängigkeit der Gegenständlichkeiten von der Erlebnis-und Erkenntnis-Beziehung zu übersehen pflegt.Google Scholar
  42. 1.
    Vgl. E. Rothacker: Logik und Systematik der Geisteswiss. München 1926.Google Scholar
  43. 2.
    Spemann, H.:Experimentelle Beiträge zu einer Theorie der Entwicklung. Berlin 1936.Google Scholar
  44. 1.
    Vgl. dazu z. B. H. L. Matzat,: Die Gedankenwelt des jungen Leibniz, Beiträge z. Leibnizforschung, herausgeg. v. Schischkoff. Reutlingen 1947.Google Scholar
  45. 1.
    Vgl. dazu auch weiter meine Kritik von Carl Schneiders Symptomenverbands-Theorie unter diesem Gesichtspunkt in Fortschr. Neur. 1949, 31 ff. und meinen Beitrag zur Strukturfrage des Korsakow-Syndroms im Arch. Psy-chiatr. 181, 683ff.Google Scholar
  46. 1.
    Zur Frage der wechselseitigen Kausalität vgl. E. Rogge: Das Kausalproblem bei Franz Brentano, Stuttgart 1935, dessen Darstellung des Prinzips der Naturkausalität wir im folgenden benutzen.Google Scholar
  47. 1.
    In Anlehnung an Rogges Schema der Naturkausalität.Google Scholar
  48. 1.
    Viele würden hier sagen: je nach der Konstitution. Wir vermeiden diesen Terminus absichtlich aus ähnlichen Gründen wie den in § 37 angeführten. Er scheint uns für deskriptive Zwecke zu sehr mit hypothetischen Vorstellungen belastet.Vgl. oben S. 83.Google Scholar
  49. 2.
    Daß diese Reaktionsform nicht die Krankheit ist, führt Ewald aus: Krankheitseinheit u. Reaktionsform. Z. Neur. 99 (1925) und: Dementia praecox und Schizophrenie. Z. Neur. 123 (1930).Google Scholar
  50. 1.
    Eigene unveröffentlichte Beobachtung aus der Anstalt Kortau b. Allenstein (Ostpr.). Zwangsartige Mechanismen, deren Analyse ja psychologisch von besonderem Interesse ist, sind bei Schauanfällen (Blickkrämpfen) und anderen extra-pyramidalmotorischen Veränderungen des Zentralnervensystems verschiedentlich beschrieben worden; vgl. z. B. G. Hermann, Zwangsmäßiges Denken u. andere Zwangserscheinungen b. Erkrankungen des striären Systems, Mschr. Psychatr. 52 (1922). — G. Ewald: Schauanfälle als postencephalitische Störung, Mschr. Psychiatr. 57 (1925). — F. Kehrer: Verbindungen von choreatischen und tick-förmigen Bewegungen m. Zwangsvorstellungen u. ihre Beziehungen zu d. Zwangsvorgängen b. Zwangsneurose und Encephalitis epidemica.Berlin 1938.Google Scholar
  51. 1.
    Zum Unterschied der psychischen und der physischen Phänomene vgl. § 21 und § 36. Man kann die ersten auch als Elemente von solchen Phänomenen definieren, denen seelische Wesen als „Substanzen“ zugrunde liegen (sub-sistieren) und die letzteren als Elemente von solchen, denen körperliche Dinge subsistieren.Google Scholar
  52. 2.
    Damit soll natürlich nicht gesagt sein, daß die verschiedenen psychischen Akte unter sich nicht qualitative Differenzen aufweisen; das „sein“ ist hier logisch gemeint.Google Scholar
  53. 1.
    Der Begriff der Intentionalität ist von Franz Brentano durch seine Psychologie vom empirischen Standpunkt in die Psychologie und (phänomenologische) Philosophie eingeführt worden. Brentano hat ihn aus dem Begriff der intentio-nalen (mentalen) Inexistenz der Scholastiker entwickelt. Vgl. Brentano: Psychol. I, 124ff. Leipzig 1924 (Locus classicus der Intentionalität).Google Scholar
  54. 1.
    Man beachte hier wieder, daß unsere Beduktion auf das Innewerden des Erlebens eine Gegebenheitsweise modo obliquo nennen muß, die im allgemeinen (nämlich bei der „ontologischen“, „gegenstandstheoretischen“ Haltung) als modus rectus erscheint. Der beschriebene Intentionalitätsunterschied bleibt, wie man sieht, aber auch bestehen, wenn man die für die psychologische Beduktion notwendige gnoseologische Wendung nicht mitmachen will.Google Scholar
  55. 2.
    Vgl. § 21, Anm. auf S. 39/40. Wir werden unseres Sehens durch die gesehenen Gegenstände inne, unseres Hörens durch die Töne, unseres Denkens durch die Gedanken usw. Durch das (transparente) Medium des Erlebens (des Sehens, Hörens, Denkens) hindurch aber sind wir auf den Erlebnisstoff (die gesehenen Gegenstände, die Töne, die Gedanken) gerichtet.Google Scholar
  56. 3.
    Die auf den Gegenstand per secundam intentionem bezogenen Akte kann man auch als „Vorstellungen“ im Sinne von Jaspers den (inneren und äußeren) Wahrnehmungen gegenüberstellen, und man hat dann ein Kriterium für die Unterscheidung des Bildhaftigkeitsbewußtseins der Vorstellungen und des Leibhaftigkeits-bewußtseins der Wahrnehmungen in der primären intentionalen Gegebenheit des Erlebnisgegenstandes beim Leibhaftigkeitsbewußtsein und der sekundären intentionalen Gegebenheit des Erlebnisgegenstandes beim Bildhaftigkeitsbewußtsein. Man braucht also nicht, wie Mayer-GROSS bei der Gegenüberstellung von Jaspers, Carl Schneider und A. Grünbaum in der kritischen Darstellung dieser Frage im Handbuch der Geisteskrankheiten von Bumke (Bd. I, Berlin 1928) annehmen zu müssen glaubt, auf den „unanschaulichen Erlebnisanteil“ (das würde in unsere Deduktion übersetzt heißen: auf das Aktvollzugsmoment selbst) zurückzugreifen um Vorstellung und Wahrnehmung im Sinne von Jaspers ZU unte-scheiden. (Vgl. auch die vorstehende Anmerkung Anm. 1.)Google Scholar
  57. 1.
    Vgl. Litt, Theodor: Denken und Sein. Stuttgart 1948. Litt unterscheidet aber nicht, wie wires hier tun, das primäre und das sekundäre Aktzentrum und muß daher einige Kontroversen gegen die ontologische und die mathematisierende Geisteshaltung führen, welche bei der hier vertretenen Auffassung entfallen.Google Scholar
  58. 1.
    Diese materiale Beeinflussung von Subjekt und Objekt ist von anderer Art als die auf der anderen Seite vorhandene geistige Beeinflussung von Objekt und Subjekt und darf nicht mit dieser verwechselt werden.Google Scholar
  59. 1.
    Vgl. E. Kretschmer: Medizinische Psychologie. Leipzig, seit 1922 in zehn Auflagen.Google Scholar
  60. 1.
    Das Hysterieproblem hat enge Beziehungen zur Charakterfrage und damit zum bewußten richtigen Normstreben, das wir als „Charakterkoeffizienten“ der Charakterstruktur gegenübergestellt haben. Vgl. §§ 29, 30.Google Scholar
  61. 2.
    Der aus dem psychogenen Mechanismus resultierende Spontaneitätsverlust führt zu Affektstauungen, welche dann in irgendeiner Form zur Lösung drängen. Das vor der Lösung bestehende Gefühl der intensiven Affektspannung können manche Hysteriker genießen, andere benutzen es zu anderen Zwecken. — Kretschmer spricht vom Affektpumpen, wenn Hysteriker sich durch gegenseitige Gefühlsansteckung in Erregung und Spannung versetzen. Vgl. E. Kretschmer: Hysterie, Reflex und Instinkt, 3. Aufl. Leipzig 1944.Google Scholar
  62. 1.
    Sokolowsky, Ernst: Hysterie und hysterisches Irresein. Zbl. f. Nervenheilkunde 1886, 302 ff. Zit. nach R. Gaupp: Wandlungen des Hysteriebegriffes. Mschr. Psychiatr. 99 (1938). Neben K. Jaspers Darstellung in seiner allgemeinen Psychopathologie und dem 8. Kapitel (Vom Charakter der Hysterie) aus L. Klages: Die Grundlagen der Charakterkunde. Leipzig 7. Aufl. 1936 (bei dem man sich allerdings von Klages metaphysischer Einstellung und seiner falschen Bewertung des Geistigen distanzieren muß) gibt diese Abhandlung von Gaupp wegen ihres weiten Horizontes wohl die beste Einsicht in das Wesen und die Problematik der Hysterie.Google Scholar
  63. 1.
    So scheint uns z. B. für die Analyse der Paranoia von Bedeutung zu sein, daß ein dauernder psychogener Mechanismus zu irreversiblen abnormen Erlebnisvollzügen führen kann, die krankhafte Erlebnisweisen vortäuschen können, wenn man nicht scharf auf den qualitativen Unterschied im Aktvollzug als Kriterium für das Krankhafte achtet. Darauf soll an anderer Stelle mit Analysen des Gewißheitsbewußtseins im Wahnerleben näher eingegangen werden.Google Scholar

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© Springer-Verlag OHG. 1950

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  • Hemmo Müller-Suur

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