Die Auswirkungen des Geschlechtsrollenwandels auf Theorie und Praxis der psychoanalytisch orientierten Psychotherapie

  • Christa Rohde-Dachser
Conference paper
Part of the Lindauer Texte book series (LINDAUER TEXTE)

Zusammenfassung

Das Jahrhundert, das wir heute — knapp an der Schwelle zum Jahr 2000 — in der Rückschau überblicken, war, zusammen mit anderen Veränderungen, durch einen rasanten Wandel des Geschlechterverhaltnisses gekennzeichnet. Dabei geriet insbe-sondere die weibliche Geschlechtsrolle unter einen massiven Modernisiemngsdruck, der zur zunehmenden Freisetzung der Frauen aus bis in die 50er Jahre noch eher “ständisch” orientierten Strukturen führte. Damit einher ging ein ungeahnter Zuwachs an Wahlmöglichkeiten gerade für die Frau, bei gleichzei-tigem Verlust an verläßlichen Bindungen. Eindrucksvoll zeigt sich dies an den steigenden Scheidungsziffern. Jede 3. Ehe wird heute geschieden, in Großstädten schon fast jede 2. (vgl. Beck 1986, S. 164). Immer mehr Menschen leben vor-übergehend (oder auch dauernd!) in Ein-Personen-Haushalten. Meist handelt es sich dabei urn ältere, verwitwete Personen, überwiegend Frauen (a.a.O.). Weibliche Lebensentwürfe schwanken deshalb heute zwischen dem Interesse an einer Bemfstätigkeit, die neben sogenannter “Selbstverwirklichung” vor allem ökono-mische Sicherheit garantiert, und dem Wunsch nach Partnerschaft und Mutterschaft. Verstrickungen in die widerspriichlichen normativen Anforderungen dieser beiden Lebensbereiche sind die Regel. So kommt es zu dem typischen Hin und Her zwischen “eigenem Leben” und “Dasein für andere”, das Beck auch als Zeichen für die gegenwärtige Unentschiedenheit des weiblichen Individualisierungsprozesses wertet (vgl. a.a.O., S. 172).

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© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 1991

Authors and Affiliations

  • Christa Rohde-Dachser

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