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Die „Kostenexplosion“ im Gesundheitswesen

  • L. Czayka

Zusammenfassung

Von 1970 bis 1983 stiegen die Gesamtausgaben für Gesundheit in der Bundesrepublik von 70 Mrd. auf 214 Mrd. DM und damit um etwa 200%, während das Wachstum des Bruttosozialprodukts nur etwa 150% betrug. Der Anteil der Gesundheitsausgaben am Bruttosozialprodukt — die sog. „Gesundheitsquote“ — erhöhte sich von 10,3% auf 12,8%. Im selben Zeitraum waren aber auch in anderen Bereichen — beispielsweise im Verkehrswesen und im Bildungswesen — ähnliche Entwicklungen zu beobachten, ohne daß dabei von „Kostenexplosion“ die Rede war. Warum ist die Ausgabenentwicklung im Gesundheitswesen zum Politikum geworden? Der Grund mag darin liegen, daß das Gesundheitswesen in der Bundesrepublik — wie auch in einer Reihe anderer westlicher Länder — weder im engeren Sinne marktmäßig noch im engeren Sinne staatlich organisiert ist und die Ausgabenentwicklung in diesem Bereich infolgedessen prima vista weder als Ausdruck der aggregierten individuellen Präferenzen bei wettbewerblicher Preisbildung noch als Ausdruck des demokratisch legitimierten staatlichen Willens interpretiert werden kann. Obwohl eine bemerkenswerte Expansion der Gesundheitsausgaben auch in Ländern mit anderen Gesundheitssystemen — wie etwa in den USA oder in GB — zu beobachten ist, wird vermutet, daß sowohl die Nachfrage als auch die Kosten im Gesundheitswesen der Bundesrepublik systembedingt überhöht seien, daß eine Bewältigung der Finanzierungsprobleme der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) durch eine weitere Anhebung der Beitragssätze kaum noch möglich sei und daß eine weitere Steigerung der Gesundheitsausgaben zu keiner wesentlichen Verbesserung des gegenwärtigen Gesundheitszustandes der Bevölkerung und zu keiner wesentlichen Erhöhung der Lebenserwartung mehr führen würde.

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Literatur

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Copyright information

© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 1987

Authors and Affiliations

  • L. Czayka

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