Seelsorgerische Aspekte zum Sterben des alten Menschen

  • B. Grandthyll

Zusammenfassung

Gegenwärtig begegnen uns zwei konträre Einstellungen zum Tod. Die erste ist die seit mehreren Jahrzehnten überwiegende Verdrängung von Tod und Sterben; die zweite läßt sich seit gut 10 Jahren als erneute Thematisierung des Todes kennzeichnen. Beiden Strömungen geht eine jahrhundertelange Vertrautheit des abendländischen Menschen mit dem Tod voraus1. Dieser vertraute Umgang mit Tod und Sterben wird deutlich in den öffentlichen Sterberitualen, die der Sterbende auf dem Sterbebett selber „zelebriert“, indem er seine Verhältnisse regelt. Der Tod ist vertraut, weil die Toten inmitten der Lebenden Raum haben: Der Kirchhof als Friedhof ist Platz des öffentlichen Lebens, ein zentraler zumal. Darstellungen des mittelalterlichen Totentanzes, das „Memento mori“ des Barocks in Kunst und Literatur2, der monumentale Friedhofskult des 18. und 19. Jahrhunderts sind heute stumme Zeugen einer einst lebendigen Tradition des öffentlichen Todes, einer Zeit, in der Tod und Sterben vorkommen und benannt werden durften.

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References

  1. 1.
    Vgl. hierzu und im folgenden die Untersuchungen von Ariès P (1981) Studien zur Geschichte des Todes im Abendland, dtv, München (Wissenschaft 4369), besonders S. 19–70,157–201.Google Scholar
  2. 2.
    Erinnert sei daran, daß beides, Totentanz wie Memento mori, nicht bloßer Reflex, sondern die Aufarbeitung der Erfahrung von Massensterben (Pest und Dreißigjähriger Krieg) war.Google Scholar
  3. 3.
    Aries weist darauf hin, daß bereits ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Familie darauf bedacht ist, den Sterbenden möglichst lange vor der Wahrheit schonen zu wollen (1981, S. 57 f., 160f.).Google Scholar
  4. 4.
    Vgl. Hofmeier J (1974) Die heutige Erfahrung des Sterbens. Concilium 10:236.Google Scholar
  5. 5.
    Die ausführlichste Darstellung des Konflikts ist wohl die Untersuchung von Glaser BG, Strauss A (1974) Interaktion mit Sterbenden. Vandenhoeck & Ruprecht, GöttingenGoogle Scholar
  6. 6.
    Aries (1981) spricht von einem „neuen Todesideal“ (S. 166 f.). Es geht um ein diskretes, von unkontrollierbaren und unkalkulierbaren Emotionen freies Sterben, das alle Beteiligten möglichst wenig stören soll.Google Scholar
  7. 7.
    „Alle diese kleinen stillen Tode haben den großen dramatischen Vorgang des Todes ersetzt und unkenntlich gemacht, und niemand hat mehr die Kraft oder die Geduld, über Wochen hinweg einen Zeitpunkt zu erwarten, der einen Teil seiner Bedeutung eingebüßt hat“ (Aries 1981, S. 59).Google Scholar
  8. 8.
    Meyer stellt den Zusammenhang von Euthanasie und der Reduktion des Sterbens deutlich heraus [Meyer JE (1979) Todesangst und Todesbewußtsein der Gegenwart. Springer, Berlin Heidelberg New York, besonders S. 100].Google Scholar
  9. 9.
    Eine vollständige Literaturübersicht ist hier nicht möglich. Ich verweise auf entsprechende Hinweise bei Piper HC (1977) Gespräche mit Sterbenden. Herder, Göttingen.Google Scholar
  10. 9a.
    Mayer-Scheu J, Kautzky R (Hrsg) (1980) Vom Behandeln zum Heilen. Vandenhoeck &Ruprecht, Freiburg Göttingen.Google Scholar
  11. 10.
    Vgl. dazu auch Kübler-Ross E (1977) Was können wir noch tun? 3. Aufl. Kreuz, Berlin, S. 101–136.Google Scholar
  12. 11.
    Zum Thema Sterben und Tod sollen einige Titel genannt sein: Jüngel E (1977) Tod, 4. Aufl. Kreuz, StuttgartGoogle Scholar
  13. 11a.
    Greshake G (1974) Bemühungen um eine Theologie des Sterbens. Concilium 10: 270–278.Google Scholar
  14. 11b.
    vgl. Boros L (1967) Erlöstes Dasein, 8. Aufl. Grünewald, Mainz, besonders S. 89–108.Google Scholar
  15. 11c.
    vgl. Rahner K (1976) Grundkurs des Glaubens. Herder, Freiburg, S. 260–279.Google Scholar
  16. 11d.
    vgl. Ratzinger J (1968) Einführung in das Christentum. Kösel, München,S. 289–300.Google Scholar
  17. 12.
    Zum Folgenden vgl. Jüngel (1977), besonders S. 78–144, und Greshake (1974), besonders S. 272–275.Google Scholar
  18. 13.
    Zu beachten ist, daß der Tod im Alten Testament keine selbständige Macht ist, sondern nur Gott Herr über Leben und Tod ist (so auch Psalm 104, 28 f.).Google Scholar
  19. 14.
    „Unsere Tage zu zählen lehre uns! Dann gewinnen wir ein weises Herz... Es komme über uns die Güte des Herrn, unseres Gottes. Laß das Werk unserer Hände gedeihen“ (Psalm 90,12.17).Google Scholar
  20. 15.
    Der Begriff der „Verhältnislosigkeit“ als Kennzeichnung des Todes ist von Jüngel entlehnt. Der Begriff der modernen Erkenntnis, daß menschliche Identität erst durch Interaktion entsteht. Vgl. bei Mead GH (1975) Geist, Identität und Gesellschaft, 2. Aufl. Suhrkamp, Frankfurt (stw 28), besonders S. 216–272.Google Scholar
  21. 16.
    Greshake (1974, S. 273). Die Vorstellung einer Auferstehung der Toten kommt nur am Rande und in relativ späten Texten ausdrücklich vor. Vgl. Jüngel (1977, S. 101–103).Google Scholar
  22. 17.
    „Wir können diesen Tod mit der Tradition den Fluchtod nennen. Er ist der Fluch der bösen Tat, die alles verhältnislos macht und so in der Tat fortwährend Böses gebären muß, bis sie als letztes den Tod gebiert, der die Nichtigkeit eines verhältnislosen Lebens offenbart, indem er es zunichte macht“ (Jüngel 1977, S. 113).Google Scholar
  23. 18.
    Die Psalmworte, die dem sterbenden Jesus in den Mund gelegt sind, deuten darauf hin, daß Jesus zwar den Tod des Sünders auf sich genommen hat, aber nicht als Sünder, sondern im unerschütterlichen Vertrauen auf den treuen und rettenden Gott gestorben ist. Das gilt auch für das Psalmwort „ Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“ (Psalm 22,2). Dieser Psalm birgt eine Entwicklung in sich, die mit dem Lobpreis der Treue Gottes endet.Google Scholar
  24. 19.
    Die Erinnerung an Leiden und Sterben Jesu (Memoria-These) ist nach Metz ein entscheidendes gesellschaftskritisches Moment der christlichen Verkündigung [vgl. Metz JB (1971) Zur Präsenz der Kirche in der Gesellschaft. In: Zukunft der Kirche. Concilium-Berichtsheft. Grünewald, Mainz, S. 87–91]. Die wissenschaftstheoretische Relevanz des Gedächtnisses der Toten macht Peukert deutlichGoogle Scholar
  25. 19a.
    Peukert H (1976) Wissenschaftstheorie, Handlungstheorie, Fundamentale Theologie. Patmos, Düsseldorf, besonders S. 280–282, 301 f.].Google Scholar
  26. 20.
    Vgl. Meyer (1979, S. 108–111) und Jüngel (1977, S. 162f.).Google Scholar
  27. 21.
    Eines der vielen historischen Beispiele sind die Passionslieder, deren bekanntestes wohl „O Haupt voll Blut und Wunden“ von Paul Gerhardt ist. In der Betrachtung des Leidens und Sterbens Jesu erfolgt die Bewältigung des eigenen Sterbens auf dem Wege der Identifikation mit dem sterbenden Jesus.Google Scholar
  28. 22.
    Diese Problematik hat Drewermann grundsätzlich aufgearbeitet. Vgl. Drewermann E (1983) Der tödliche Fortschritt, 3. Aufl. dtv, Regensburg, besonders S. 46–142. Mit Drewermann ist daran festzuhalten, daß die christliche Tradition an der beschriebenen Entwicklung mitschuldig ist.Google Scholar
  29. 23.
    Hierzu öfter Beispiele in der Untersuchung von Ariès (1981).Google Scholar
  30. 24.
    Neben dem Wechsel des Ortes des Sterbens ins Krankenhaus wäre der Übergang von der Großzur Kleinfamilie zu nennen, in der der alte und kranke Mensch nicht mehr den hohen Rang wie ehedem hat.Google Scholar
  31. 25.
    Vgl. Glaser u. Strauss (1974). Gerade in ihrer Schonungslosigkeit sind die Aussagen, die dort über das Verhältnis von Patient und Stab getroffen werden, doch hilfreich.Google Scholar
  32. 26.
    Vgl. auch den Beitrag von Kautzky (1980, S. 58–63), s. Anmerkung 9.Google Scholar
  33. 27.
    So die inzwischen weit bekannten Phasen des Sterbens in Kübler-Ross E (1969) Interviews mit Sterbenden. Kreuz, Stuttgart.Google Scholar
  34. 28.
    Vgl. hierzu den entsprechenden Beitrag im vorliegenden Sammelband. Außerdem: Dokumentation Nr. 4 der Deutschen Bischöfe (1975) Das Lebensrecht des Menschen und die Euthanasie. Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, Bonn.Google Scholar
  35. 29.
    Euthanasie ohne Einwilligung des Sterbenden ist von meinem theologischen Verständnis rigoros abzulehnen, da in diesem Fall Menschen über die Qualität des Lebens anderer zu befinden hätten. Meyer (1979) gibt u. a. zu bedenken: „Ich kann um den Verstorbenen nicht trauern ,wenn ich an seinem Ende zustimmend, entscheidend oder handelnd beteiligt war; denn trauern kann ich nur um den, der mir genommen wurde“ (S. 100).Google Scholar
  36. 30.
    Der offizielle Standpunkt der katholischen Kirche gestattet, daß „... Patient, Angehörige und Ärzte unter Abwägung aller Umstände von außergewöhnlichen Maßnahmen und Mitteln absehen, ... wenn jede Hoffnung auf Besserung ausgeschlossen ist und die Anwendung besonderer medizinischer Techniken ein vielleicht qualvolles Sterben nur künstlich verlängern würde“ (Dokumentation Nr. 4 der Deutschen Bischöfe 1975, S.6).Google Scholar
  37. 31.
    Außer den in Anmerkung 9 genannten Titeln sowie den bereits zitierten Büchern von E. Kübler-Ross weise ich auf den authentischen Bericht einer Sterbebegleitung hin: Martini W, Schroif A (1980) Der Tod wird keine Grenze für uns sein. Grünewald, Mainz.Google Scholar
  38. 31a.
    Wichtig sind auch: May-Scheu J (1974) Der mitmenschliche Auftrag am Sterbenden. Concilium 10: 286–293. Vgl. auch: Dokumentation Nr. 17 der Deutschen Bischöfe (1978) Menschenwürdig sterben und christlich sterben. Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, Bonn. Für mich von Bedeutung sind auch Gedanken von R. Zerfaß gewesen, die er in seiner Vorlesung „Die Verantwortung der Kirche für den einzelnen“ im Wintersemester 1979/80 in Würzburg gehalten hat und die mir als Mitschrift vorliegen.Google Scholar
  39. 32.
    Gerade die Angst, die „um des Sterbenden willen“ zurückgedrängt wird, teilt sich dem Sterbenden (oft nonverbal) doch in ihrer Bedrückung mit und verstärkt so dessen Angst noch mehr.Google Scholar
  40. 33.
    Vgl. hierzu die schon erwähnten Untersuchungen von Ariès (1981) sowie von Glaser u. Strauss (1974).Google Scholar
  41. 34.
    Die bekannten Phasen des Sterbens nach Kubier-Ross sind weniger als Normen, denn als Strukturierungshilfen, die im Einzelfall variieren können, für die Erfahrungen des Sterbebegleiters zu verstehen.Google Scholar
  42. 35.
    Piper (1977) fordert vom Sterbebegleiter: „Er muß sich über seine Gefühle, seine Identifizierung mit dem Sterbenden oder seine Fluchtneigungen, klarwerden.Google Scholar
  43. 35a.
    Nouwen HJM (1972) The wounded healer. Doubleday, New York.Google Scholar
  44. 36.
    Die „Laienhaftigkeit“ ihres Umgangs wird meiner Ansicht nach mehr als aufgewogen durch ihre Betroffenheit und die damit verbundene Intensität der Zuwendung. Daß solche Begleitung durch Angehörige oder Freunde möglich ist, zeigen Martini u. Schroif (1980).Google Scholar
  45. 37.
    Nach meiner Erfahrung zeigt sich -parallel übrigens zur zunehmenden Hausgeburt -ein Trend, das Sterben wieder in den häuslichen Bereich zurückzunehmen, der für mich gerade beim Pflegepersonal eines geriatrischen Krankenhauses wahrzunehmen ist, wenn sicher auch nicht repräsentativ.Google Scholar
  46. 38.
    Jüngel (1977, S. 162). Weiter sagt er sehr pointiert: „Sein ganzes Leben als Einübung in das Sterben hinzubringen, ist ein Skandal“ (S. 161).Google Scholar
  47. 39.
    Die Bedenken von Meyer (1979, S.99) haben ihre Berechtigung. Es ist aber auch zu sehen, daß genau hier die Grenze für den Begleiter liegt: Die Angst des Sterbenden vor dem bald bevorstehenden Tod kann nicht identisch sein mit der Angst des Begleiters vor seinem Sterben-Müssen.Google Scholar
  48. 40.
    Eine Witwe erzählt im Rückblick: „Unsere,Wahrheit’, denn eine solche war sie geworden -sie gehörte nicht ihm, nicht mir, und keiner brauchte sie allein zu tragen und zu ertragen; sie war die unsrige, wie uns unser Leben auch ja nur gemeinsam gehörte -, eröffnete uns die Möglichkeit, in Offenheit und unverstellt, ohne die Anstrengung einer Heuchelei oder Verschleierung miteinander den Tod anzugehen...“ (Martini u. Schroif 1980, S. 106).Google Scholar
  49. 41.
    Becker P (1980) Die Wahrheit am Krankenbett -eine Sterbehilfe? Bischöfliches Generalvikariat, Trier.Google Scholar
  50. 42.
    Wichtig für diesen Zusammenhang das Buch von: Piper I, Piper HC (1980) Schwestern reden mit Patienten, 2. Aufl. Vandenhoeck &Ruprecht, Göttingen.Google Scholar
  51. 43.
    Der Fall, den Kübler-Ross (1977, S. 122 f.) schildert, scheint mir nicht völlig atypisch zu sein.Google Scholar

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© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 1986

Authors and Affiliations

  • B. Grandthyll

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