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Neurosen pp 13-23 | Cite as

Verteilung von Neurosen in Behandlungsinstitutionen

  • Ch. Reimer
  • J. Gross

Zusammenfassung

Von einer Epidemiologie der Neurosen würde man eine Antwort auf die Frage „Wie häufig sind Neurosen?“ erwarten. Sieht man die Literatur zum Thema durch, so fällt auf, daß in diesem Bereich der Epidemiologieforschung besonders schwerwiegende Probleme bestehen:
  1. 1.

    In der umfangreichen Literatur finden sich ganz widersprüchliche Beschreibungen und Definitionen dessen, was die jeweiligen Untersucher unter dem Begriff „Neurose“ verstehen. Zwischen den publizierten Zahlen über Häufigkeiten von Neurosen und den Schwierigkeiten einer exakten Neurosendiagnostik besteht eine große Diskrepanz.

     
  2. 2.

    Die größten Schwierigkeiten hegen auf dem Gebiet der Methodik bzw. Meßtechnik: Das Hauptproblem dabei ist wiederum die klinische Diagnostik bzw. die diagnostische Unschärfe dessen, was als Neurose zu gelten hat. Dabei spielen sowohl unterschiedliche Neurosenklassifikationen eine Rolle, die sich unter anderem auch nach dem theoretischen Konzept der jeweiligen tiefenpsychologischen Schule richten, als auch Abhängigkeiten der Definitionen und Diagnosen von innerpsychiatrischen Entwicklungen, wie z.B. dem Wandel des Psychiatrieverständnisses und seinem Einfluß auf die psychiatrische Diagnostik.

    Die Fehleranfälligkeit der klinischen Diagnostik im psychiatrischen Bereich zeigt sich in der oft geringen Übereinstimmung zwischen verschiedenen Psychiatern; wie Ley (1972) gezeigt hat, ist diese Übereinstimmung bei Neurosen und Charakterstörungen besonders gering. Auch andere, mehr situative Faktoren, wie z.B. die Verfügbarkeit therapeutischer Möglichkeiten, mögen für die diagnostische Variabilität mit verantwortlich sein. Ähnlich dürfte auch die hohe Streuung zu erklären sein, die Shepherd et al. (1966) für Raten psychischer Störungen bei der Klientel der von ihnen untersuchten Allgemeinpraktiker fanden: Die höchste Rate war neunmal höher als die niedrigste.

     
  3. 3.

    Bei der deflatorischen Einengung der Neurosen gibt es sowohl Abgrenzungsprobleme gegenüber psychotischen Syndromen wie auch gegen über organisch gebahnten Symptomen und Psuchosomatischen Erkrankungen sowie gegenüber sog. abnormen Persönlichkeiten. Die Dunkelziffer kann sic hunter anderem auch dadurch erhöhen,daß neurotische Prozesse bei Alterspatienten entweder zugedeckt sind oder vom Diagnostiker vorschnell auf eine organische Schiene geleitet warden. Die größten Schwienrigkeiten liegen jedoch, wie Katschnig u. Strotzka (1977) es formulieren, Darin, „daß zwischen dem, was üblicherweise Neurose genannt wird, und alltäglichen normalen seelischen Leidenszuständen keine klar angebbare Grenze besteht“

     
  4. 4.

    Hinzu komme objektiv schwer faßbare Faktoren, die aus möglichen Gegenübertragungen in den diagnostischen Prozeß einfließen, Für den Bereich der psychoanalytischen Diagnostik haben sich u.a. Beckmann (1974) sowie Meyer et al. (1969) mit dieser Problematik auseinandergesetzt.

     
  5. 5.

    Allein schon aus diesen Erwägungen mag deutlich warden, daß in der Epidemiologieforschung im Bereich der Neurosen die Gefahr von FehlKlassifizierungen im Sinne einer Unter- oder Überdiagnostik gegeben ist.

     

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Literatur

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Copyright information

© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 1981

Authors and Affiliations

  • Ch. Reimer
  • J. Gross

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