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Montaignes Begriff Der Gesundheit

  • Jakob Amstutz
Conference paper
Part of the Heidelberger Jahrbücher book series (HJB, volume 18)

Zusammenfassung

In Jeremias Gotthelfs Roman Annebäbi Jowäger von 1842, Untertitel: „ . . . und wie es ihm mit dem Doktern ging“, will die Bäuerin Annebäbi vom Arzt eine Laxierung für ihren Sohn. Der Doktor hält eine solche für schädlich und sagt, man müsse „die Natur machen lassen“, und er selber sei „nur ein Diener der Natur“. Annebäbi, zornig darüber, daß der Doktor ihrem Jungen also nicht helfen wolle, geht auf dem Heimweg ins Wirtshaus, klagt dort bei Wirtin und Gästen über den Arzt und fragt, wer das wohl sei, „der Natur“; gesehen habe sie den jedenfalls noch nie. Von den Gästen meint einer, „der Natur“sei ein Apotheker in Bern, der dem Doktor Medizin liefere. Ein anderer meint, das sei des Doktors Frau, ein dritter gar, „der Natur“sei der Teufel. Annebäbi läßt sich von den Leuten in der Gaststube dann einen Wunderdoktor empfehlen, welcher einen Trank verkaufe, der sowohl gegen Schwangerschaftsbeschwerden wie gegen Beinbrüche wie gegen Durchfall helfe. Die Gesellschaft in der Gaststube verhechelt dann die „neumödischen“Ärzte und Pfarrer, die beide immer „von dem Natur“sprächen1). Eine Annebäbi ähnliche Frau schimpft in Gotthelfs Schulmeister-Roman über den Pfarrer, weil er gesagt habe, „er wisse nicht, wie es im Himmel sei“; früher hätten die Pfarrer jedenfalls gewußt, wie es im Himmel aussehe2). Aber die „neumödischen Pfaffen und Dökter“wüßten eben nichts mehr und könnten einem nicht helfen.

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Literatur

  1. 1).
    Jeremias Gotthelf, Sämtliche Werke, ed. Hunziker und Bloesch, Erlenbach-Zürich, 1921 ss., V 56 ss. — Daß der Arzt Diener der Natur sei, wiederholt Gotthelf auch anderswo, z. B. in Ueli, der Pächter, a. a. O. XI 334.Google Scholar
  2. 3).
    Zitiert werden die Essais nach der Ausgabe von A. Thibaudet, Paris 1950 (zitiert nur mit Nummer von Buch, Essai und Seite), alles andere nach den Oeuvres complètes de Michel de Montaigne, ed. A. Armaingaud, Paris 1924 ss (zitiert Armaingaud). P. Villey, Les sources et l’évolution des Essais de Montaigne, wird zitiert Villey. Übersetzungen ohne Autorangabe stammen vom Verfasser. — I 24, 157.Google Scholar
  3. 4).
    II 37, 854; III 13, 1223.Google Scholar
  4. 5).
    II 37, 854.Google Scholar
  5. 6).
    Hugo Friedrich, Montaigne, 2. Aufl., Bern 1967, 299 ss. — Arthur Armaingaud, Herausgeber und Kommentator von Montaignes sämtlichen Werken (12 Bände, Paris 1924-1941) und Verfasser zahlreicher Studien über Montaigne. Vgl. Armaingaud I 3. Pierre Valléry-Radot, La médecine et les médecins dans l’oeuvre de Montaigne, Paris 1924.Google Scholar
  6. 7).
    I 30, 237; III 13, 1212.Google Scholar
  7. 8).
    Exodus 20, 4. — Vgl. d. Vf. Aufsatz „Weltbild und Heilung“, Der Psychologe, Bern 1963, Nr. 5/6, p. 211 ss.Google Scholar
  8. 9).
    I 31 ist ganz den Sitten der Indianer gewidmet, welche der europäischen Verdorbenheit ungefähr so vorgehalten werden, wie Tacitus den Römern die Sitten der Germanen vorhielt. Erwähnungen überseeischer Länder und Völker und ihrer Bräuche sind über die „Essais“verstreut.Google Scholar
  9. 10).
    II 12, 506.Google Scholar
  10. 11).
    II 12, Apologie des Raimundus de Sabunda, ganzer Essai. II 23, 767; III 2, 900; III 9, 1073; III 12, 1174; III 13, 1201; III 13, 1224.Google Scholar
  11. 12).
    I 26, 191.Google Scholar
  12. 13).
    Friedrich, a. a. O. 297.Google Scholar
  13. 14).
    II 23, 403.Google Scholar
  14. 15).
    III 9, 1072.Google Scholar
  15. 16).
    Siehe seine Briefe. Für den Umgang mit Bauern siehe folgende Essai-Stellen: II 17, 746; III 12, 1180; III 13, 1201.Google Scholar
  16. 17).
    II 32, 807: Lob Senecas und Plutarchs. Die Essais seien „massonnés purement de leurs despouilles“. II 33, 819: Die Sache des Imperiums, das durch Caesar über die Republik siegte, sei eine „très injuste cause“; so müsse er trotz seiner Bewunderung Caesars „zugeben“. III 9, 1074: Der Römerstaat sei, je größer desto kränker geworden unter den Kaisern. Gesund war er nur unter der Republik.Google Scholar
  17. 18).
    Armaingaud XI, Text der Streitschrift und Kritik. — Villey II 337 bringt nur ein argumentum e silentio gegen Montaignes teilweise Verfasserschaft.Google Scholar
  18. 19).
    Étienne de la Boéties und Montaignes Gedanken müßten von ökumenikern aller Konfessionen heute studiert werden.Google Scholar
  19. 20).
    III 13, 1213. Dieser letzte Essai enthält neben II 37 und dem Journal seiner Badereise durch Süddeutschland und Italien die meisten expliziten Aussagen über Gesundheit, Krankheit, Ärzte und ihre Kunst.Google Scholar
  20. 21).
    II 2, 899. Übersetzung nach Friedrich, p. 132. In II 1, 371 findet sich ein wörtlicher Anklang an Heraklit, Fragment 12 (Diels): „Qui y regarde primement ne se trouve guère deux fois en mesme estat.“Google Scholar
  21. 22).
    II 2, 382.Google Scholar
  22. 23).
    II 12, 537.Google Scholar
  23. 24).
    Gotthelfs Landarzt definiert die Natur ebensowenig wie Montaigne. Gotthelf a. a. O. V 70: „… daß die Natur die Natur sei und wir alle von ihr leben müssen…“Google Scholar
  24. 25).
    II 12, 647; II 23, 767.Google Scholar
  25. 26).
    I 20, 104; II 37, 859.Google Scholar
  26. 27).
    II 37, 865.Google Scholar
  27. 28).
    II 12, 642; II 37, 864.Google Scholar
  28. 29).
    II 37, 877.Google Scholar
  29. 30).
    Armaingaud VIII 58.Google Scholar
  30. 31).
    III 12, 1165.Google Scholar
  31. 32).
    II 37, 859.Google Scholar
  32. 32 a).
    Seneca, Ep. CVII.Google Scholar
  33. 33).
    II 12, 544.Google Scholar
  34. 34).
    II 37, 865.Google Scholar
  35. 35).
    II 37, 866.Google Scholar
  36. 36).
    Herodot II 94.Google Scholar
  37. 37).
    II 37, 867.Google Scholar
  38. 38).
    II 12, 497.Google Scholar
  39. 39).
    II 12, 541.Google Scholar
  40. 40).
    II 12, 544. Andererseits litt schon sein Vater an Nierensteinen. Vgl. Armaingaud I 6. Vererbung war wohl auch ein Faktor.Google Scholar
  41. 41).
    III 12, 1167.Google Scholar
  42. 42).
    II 12, 497; II 12, 541.Google Scholar
  43. 43).
    II 3, 389.Google Scholar
  44. 44).
    III 13, 1250.Google Scholar
  45. 45).
    I 50, 340.Google Scholar
  46. 46).
    Ernst Jünger, Werke, Stuttgart o. J.; II 54, II 329. Ähnliche Aussagen finden sich bei Jünger des öfteren.Google Scholar
  47. 47).
    II 12, 497.Google Scholar
  48. 48).
    II 12, 546; II 20, 761; III 1, 883.Google Scholar
  49. 49).
    III 13, 1194.Google Scholar
  50. 50).
    Goethe, Zahme Xenien II, Jubiläumsausgabe IV 4, 47.Google Scholar
  51. 51).
    Wenn ein Philosoph gegen Leiden unempfindlich sein müsse, dann sei er selber kein Philosoph, sagt Montaigne in III 9, 1063. Auch Schmerz und Krankheit will er nicht verdrängen, sondern als solche durchstehen und erkennen. Das trennt ihn von der stoischen „apathia“. Ähnlich Erasmus, Lob der Torheit, 30.Google Scholar
  52. 52).
    III 13, 1253.Google Scholar
  53. 52 a).
    II 17, 722.Google Scholar
  54. 53).
    II, 42 ss.Google Scholar
  55. 54).
    I 9, 51 ss.Google Scholar
  56. 55).
    II 31, 805; III 4, 930.Google Scholar
  57. 56).
    I 26, 199.Google Scholar
  58. 57).
    III 5, 1000.Google Scholar
  59. 58).
    III 13, 1254.Google Scholar
  60. 59).
    II 17, 721 s; III 13, 1250.Google Scholar
  61. 60).
    II 17, 721 s.Google Scholar
  62. 61).
    III 13, 1245 ss.Google Scholar
  63. 62).
    II 37, 865.Google Scholar
  64. 63).
    III 4, 930.Google Scholar
  65. 64).
    Tusc. IV 35.Google Scholar
  66. 65).
    III 13, 1211.Google Scholar
  67. 66).
    18: „De l’oisivete“.Google Scholar
  68. 67).
    III 13, 1247.Google Scholar
  69. 68).
    III 10, 1134.Google Scholar
  70. 68a).
    II 18, 751.Google Scholar
  71. 69).
    III 10, 1125.Google Scholar
  72. 70).
    II 18, 749; III 3, 925 s.Google Scholar
  73. 71).
    II 33, 820 s.Google Scholar
  74. 72).
  75. 73).
    I 25, 184 s.Google Scholar
  76. 74).
  77. 75).
    III 3, 915.Google Scholar
  78. 76).
    II 2, 384 s.Google Scholar
  79. 77).
    Villey II 223—228.Google Scholar
  80. 78).
    Maurice Merleau-Ponty, Eloge de la Philosophie, Paris 1953, p. 321 s.Google Scholar
  81. 79).
    I 38, 272 s. Vgl. auch I 18, 99; I 38, 273; I 54, 348 ss; II 12, 545; II 15, 690; II 16,699; II 20 „Nous ne goustons rien de pur“, ganzer Essay. III 2, 906; III 8, 1031 s.Google Scholar
  82. 80).
    I 20, 104.Google Scholar
  83. 81).
    III 13, 1224.Google Scholar
  84. 82).
    III 9, 1075.Google Scholar
  85. 83).
    Villey I 111 s.Google Scholar
  86. 84).
    III 13, 1223.Google Scholar
  87. 85).
    III 13, 1227. Thomas Mann, dessen Skepsis und Ironie manches mit Montaigne gemeinsam hat, schreibt einmal: „Man kann auf gesunde Art krank und auf kranke Art gesund sein.“ Thomas Mann, Altes und Neues, Frankfurt 1953, p. 464.Google Scholar
  88. 86).
    III 13, 1223.Google Scholar
  89. 87).
    III 9, 1076.Google Scholar
  90. 88).
    I 24, 156; I 30, 237; II 37, 854–857.Google Scholar
  91. 89).
    II 37, 858.Google Scholar
  92. 90).
    Carl Müller, Gotthelf und die Ärzte, Bern 1959. Gotthelf, IV und XI.Google Scholar
  93. 91).
    III 13, 1224. Vgl. zum Leiden-Können auch I 14, 80; II 12, 548; III 2, 913; III 9, 1072; III 9, 1075 s.Google Scholar
  94. 92).
    Gotthelf, V, p. 60 u. ö.Google Scholar
  95. 93).
    II 37, 858 s; III 13, 1223.Google Scholar
  96. 94).
    Friedrich, a. a. O. p. 280 s.Google Scholar
  97. 95).
    III 9, 1094.Google Scholar
  98. 96).
    II 33, 821.Google Scholar
  99. 97).
    II 6, 415.Google Scholar
  100. 98).
    Armaingaud XII 422 s.Google Scholar
  101. 99).
    Genesis 25, 8.Google Scholar
  102. 100).
    III 13, 1251. Übersetzung von Hugo Friedrich, a. a. O. 280.Google Scholar
  103. 101).
    III 12, 1183 s.Google Scholar
  104. 102).
    II 2, 382.Google Scholar
  105. 103).
    III 9, 1096; I 20 ganzer Essay.Google Scholar
  106. 104).
    I 38, 273.Google Scholar
  107. 105).
    III 8, 1032.Google Scholar
  108. 106).
    II 17, 722.Google Scholar
  109. 107).
    III 12, 1187 und Brief an seinen Vater nach des Freundes Tod, Armaingaud XI 165 ss.Google Scholar
  110. 108).
    III 8, 1032.Google Scholar
  111. 109).
    II 10, 462.Google Scholar
  112. 110).
    I 39, 274; I 18, 100.Google Scholar
  113. 111).
    I 21, 123; III 9, 1097.Google Scholar
  114. 112).
    III 5, 943.Google Scholar
  115. 113).
    „Le plus simplement se commettre à nature, c’est s’y commettre le plus sagement.“III 13, 1205.Google Scholar
  116. 113a).
    II 12, 350; II 18, 751; III 12, 1180.Google Scholar
  117. 114).
    II 12, 589. 1576 ließ Montaigne ein Medaillon mit seinem Bildnis und „Que sais’je?“als Devise prägen; Armaingaud I, XIV.Google Scholar
  118. 115).
    I 54, 349.Google Scholar
  119. 116).
    III 10, 1144.Google Scholar
  120. 117).
    III 3, 925.Google Scholar
  121. 117a).
    I 54, 348 s. Montaignes Stufenfolge in der Entwicklung des Bewußtseins erinnert sehr an Kleists Aufsatz Über das Marionettentheater, wo die Extreme Marionette und Gott sind. Man ist auch an den stärksten philosophischen Text Hermann Hesses gemahnt: Stufen der Menschwerdung, Verlag Oltener Bücherfreunde 1946. Darstellung derselben Entwicklung in der Mythologie bei Joseph Campbell, The Hero with a Thousand Faces, New York 1962.Google Scholar
  122. 118).
    I 54, 348.Google Scholar
  123. 119).
    III 9, 1110.Google Scholar
  124. 120).
    Edmund Husserl, Cartesianische Meditationen, Husserliana I 4 ss u. Ö.Google Scholar
  125. 121).
    Friedrich, a. a. O. 291 ss.Google Scholar
  126. 122).
    Simone de Beauvoir, La force de 1’age. Paris 1960, p. 17.Google Scholar
  127. 123).
    II 12, 642; II 37, 858; II 37, 864.Google Scholar
  128. 124).
    Armaingaud VII 228 ss; VIII 18; VIII 66.Google Scholar
  129. 125).
    III 2, 899.Google Scholar
  130. 126).
    II 37, 861 s.Google Scholar
  131. 127).
    II 37, 863 s. Friedrich, a. a. O. 147 s.Google Scholar
  132. 128).
    Friedrich Nietzsche, Unzeitgemäße Betrachtungen: Schopenhauer als Erzieher, § 2. Der von Nietzsche (ungenau) zitierte Ausspruch Montaignes über Plutarch steht III 5, 979.Google Scholar

Copyright information

© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 1974

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  • Jakob Amstutz

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