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Zivilisationskritik und Kulturhoffnung

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Part of the Ethische Ökonomie. Beiträge zur Wirtschaftsethik und Wirtschaftskultur book series (ETH.ÖKO., volume 2)

Zusammenfassung

Wenn die gewesenen und kommenden Begriffe von Kulturarbeit im Sinne von historisch-soziologisch gesehenen Klärungsprozessen davon zeugen, wo sich symbolisch-real Orientierung, Kommunikation und Kampf miteinander verschränken, so war es für Europa ein Weg vielfältiger Ablösungserscheinungen und Konfrontationen, in denen sich höfische Zivilisation von „Barbarei“, dann antihöfische und antibürgerliche Kultur von Zivilisation löste, um erneut technisch-politisch (National-)Kultur und Barbarei besonders in Deutschland miteinander zu verbinden. Norbert Elias1 hat beispielsweise diese Entwicklung unter dem Gesichtspunkt der zivilisatorischen Prozesse nachgezeichnet, denen zufolge sich drei Verhaltensbereiche menschlicher Realität — nämlich Vorstellungsmuster, Affektregulierung und Gesellungsfunktionalitäten — zu gegenseitigen Kontrollinstanzen herausbilden. So ermöglicht größere instrumenteile Kontrolle über die äußere Natur stärker ausdifferenzierte innergesellschaftliche Abhängigkeiten, die als Gewaltkontrolle zugleich den Anspruch der Affektkontrolle erhöhen, wodurch ein neuer Kreislauf von potenzierter Natur- und Konfliktbeherrschung auch im ökonomischen Sinne in Gang gesetzt werden kann. Die Abwandlung von der mittelalterlichen courtoisie zur civilité über die humanistische civilitas 2 bis hin zum einheitlichen Begriff der civilisation des fürstlichen Absolutismus kündet von schichtenspezifischen Kulturauffassungen, die heute — besonders in der starken deutschsprachigen Trennung von Kultur/Zivilisation — daran zu arbeiten haben, mit der technisch-militärischen Kulturabkoppelung nicht eine dem Zivilisationsstand als solchem eingeschriebene Barbarei anachronistischer Konfliktlösungen aufkommen zu lassen.

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Notes

  1. 1.
    Über den Prozeß der Zivilisation. Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen, 2 Bde., Basel (Haus zum Falken) 1939 (Neudruck Frankfurt a. M. 1976); Die höfische Gesellschaft. Untersuchungen zur Soziologie des Königtums und der höfischen Aristokratie, Neuwied/Berlin (Luchterhand) 1969. Dazu W. ENGLER: Selbstbilder. Das reflexive Projekt der Wissenssoziologie, Berlin (Akademie Verlag) 1992, S. 52–94, sowie zum Antagonismus zwischen positivistisch-naturalistischem und geisteswissenschaftlich-historischem Erbe von Soziologie und Kulturwissenschaft K. Acham: Geschichte und Sozialtheorie. Zur Komplementarität kulturwissenschaftlicher Erkenntnisorientierungen, Freiburg/München (Alber) 1995.Google Scholar
  2. 2.
    Vgl. hierzu besonders auch E. Grassi: Verteidigung des individuellen Lebens. Studia humanitatis als philosophische Überlieferung, Bern (Francke) 1946.-Auf die weiteren Zusammenhänge mit dem Civitas-Begriff der klassischen Staats-und Rechtstheorie des Gemeinwohls kann hier nur verwiesen sein, da dies eine Betrachtung über „Gewalt und Kultur“ als Pazifierung des inneren Gemeinwesens und der äußeren Feindabschreckung durch Krieg einschließt. Zumindest scheinen aber für die Zukunft wirtschaftlich-zivilisatorische Entwicklung und hochgerüstete Gewaltanwendung unwahrscheinlicher zu werden, da ein Krieg mehr zerstören würde, als er politisch „einbringt“. Kants Formel von der „Weltbürgergesellschaft“ mit einem wechselseitigen und vorbehaltlosen Gewaltverzicht wäre dann keine reine Utopie mehr. Zu dieser Feststellung gelangt G. Kohler „Krieg, Politik und Markt. Kants Versprechen“, Zeitschrift für Philosophische Praxis, 1 (1994), S. 12–19, hier bes. S. 16 ff., nach einer Analyse des atomaren Wettrüstens, das der Westen als demokratisch-kapitalistisches Modell vor dem Osten gewann, was ebenfalls zu dessen Zusammenbruch geführt haben dürfte — zunächst ideologisch, dann politisch real.Google Scholar
  3. 3.
    Analoges wäre vom „Kulturphänomen“ Liebe zu sagen, deren funktionalkommunikativer Codierung Neklas Luhmann ab dem 17. Jahrhundert nachgeht, indem er unter anderem die Thematisierung der Liebe als Leidenschaft, Galanterie, Freundschaft, Plaisir, Heirat untersucht. Vgl. Liebe als Passion. Zur Codierung von Intimität, Frankfurt a. M. (Suhrkamp) 1983. Wenn alle literarischen, idealisierenden und mystifizierenden Vorstellungen den Gehalt von Liebe nicht ausschöpfen, sondern nur Reaktionen auf auch ökonomisch bedingte Gesellschaftsveränderungen anzeigen, bleibt trotzdem die lebensphänomenologisch unabweisbare Frage: Was läßt Leben zu Liebe in selbstaffektiver Hinsicht bei sich wandelnden äußeren Formen werden?Google Scholar
  4. 4.
    Vgl. H. Platz: Geistige Kämpfe im modernen Frankreich, München (Kösel-Pustet) 1922, hier bes. S. 529 ff. Allgemein zum französischen Denken auch R. Kühn: Französische Reflexions-und Geistesphilosophie, Frankfurt a. M. (Hain) 1993.Google Scholar
  5. 5.
    Ähnliche Kritik bei W. Berger: Das Bedürfnis und sein Schatten, Freiburg/München (Alber) 1992, S. 85 ff. Zur Überprüfung der Eliasschen Zivilisationsforschungsansätze, vor allem hinsichtlich der inzwischen eingetretenen Freizügigkeit von Gefühls-und Sexualitätsäußerungen, vgl. C. Wouters: „Informalisierung und der Prozeß der Zivilisation“, in: P. R. Gleichmann u. a. (Hrsg.): Materialien zu N. Elias’ Zivilisationstheorie, Frankfurt a. M. (Suhrkamp 1977, S. 268 ff.Google Scholar
  6. 6.
    Vgl. außer den entsprechenden Analysen bei Elias auch A. Corbin: Pesthauch und Blütenduft Eine Geschichte des Geruchs, Berlin 1984; W. Schivelbusch: Das Paradies, der Geschmack und die Vernunft. Eine Geschichte der Genußmittel, Frankfurt a. M. 1983; H.-P. Duerr: Nacktheit und Scham. Der Mythos vom Zivilisationsprozeß, Frankfurt a. M. 1988, unabhängig davon, daß letzteres Buch eine Kritik an Elias darstellt.Google Scholar
  7. 7.
    Vgl. U. Beck: Politik in der Risikogesellschaft. Essays und Analysen, Frankfurt a M. (Suhrkamp) 1991. Ähnliche Fragen stellen sich bereits den Unternehmen; vgl. P. Ulrich: Transformation der ökonomischen Vernunft. Fortschrittsperspektiven der modernen Industriegesellschaft, Bern/Stuttgart (Haupt) 1986; W. Holleis: Unternehmenskultur und moderne Psyche, Frankfurt a. M. (Campus) 1987; W. Böckmann: Sinnorientierte Führung als Kunst der Motivation, Landsberg (Moderne Industrie) 1987; M. Craig: Kreatives Management in New Age, New York (Springer) 1989; H. Kasper: Die Handhabung des Neuen in organisierten Sozialsystemen, Berlin (Springer) 1990.Google Scholar
  8. 8.
    Vgl. Der sinnenhafte Aufbau der sozialen Welt. Eine Einleitung in die verstehende Soziologie, Wien (Springer) 1932, S. 235 ff. Dazu weiter H. Coenen: Diesseits von subjektivem Sinn und kollektivem Zwang, München (Fink) 1986, Kap. 1.1: „A. Schütz und die Monadologie der sozialen Welt“.Google Scholar
  9. 9.
    Vgl. zu dieser Kritik am „radikalen Kontextualismus“ der mikrosoziologisch-„perlokutiven“ Handlungskonzeption auch W. Engler: Selbstbilder (1992), S. 108 ff. Des weiteren Themenheft „Multikulturalismus“: Deutsche Zeitschrift für Philosophie, 2 (1995).Google Scholar
  10. 10.
    So im Hinblick auch auf eine mimetisch begründete Entstehung von fremder Kulturunterdrückung durch Verneinung dessen, was die aufgeklärte Vernunft sich selbst versagen muß: M. Horkheimer/ Th. W. Adorno: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente, Frankfurt a. M. (Fischer) 1944.Google Scholar
  11. 11.
    Vgl. R. Kühn: Deuten als Entwerden. Eine Synthese des Werkes Simone Weils in hermeneutisch-religionsphilosophischer Sicht, Freiburg-Basel-Wien (Herder) 1989, S. 188 ff.Google Scholar
  12. 12.
    Ökologie des Geistes. Anthropologische, psychologische, biologische und epistemologische Perspektiven, Frankfurt a. M. (Suhrkamp) 1985, S. 389 ff. Wie im übrigen konkret „Kulturgeschichte“ geschrieben wird, zeigen mit Beispielen aus Literatur, Philosophie und Kultursoziologie die Beiträge in B. J. Dotzler/E. Müller (Hrsg.): Wahrnehmung und Geschichte. Markierungen zur Aisthesis materialis, Berlin (Adademie Verlag) 1995.Google Scholar
  13. 13.
    Vgl. Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse, II. Teil, Bd. 10 (Werke in 20 Bde.), Frankfurt a. M. (Suhrkamp) 1969, S. 207 f., 226 ff. Ausführlicher dazu R. Kühn: Studien zum Lebens-und Phänomenbegriff, Cuxhaven-Dartford (Junghans) 1994, Teil IV: „Dialektik des Erscheinens bei Hegel“ (S. 156–203).Google Scholar
  14. 14.
    Vgl. diesbezüglich zum Beispiel B. E. Goffmann: Das Individuum und der öffentliche Austausch. Mikrostudien zur öffentlichen Ordnung, Frankfurt a. M. (Suhrkamp) 1974, S. 97–137: „Der korrekte Austausch“.Google Scholar
  15. 15.
    Für die weitere wissenschaftskritische Selbstdiskussion vgl. beispielsweise W. Wildgen: Dynamische Sprach-und Weltauffassungen fin ihrer Entwicklung von der Antike bis zur Gegenwart), Universität Bremen 1985; H. P. Krüger: Kritik der kommunikativen Vernunft. Kommunikations orientierte Wissenschaftsforschung im Streit mit Sohn-Rethel, Toulmin und Habermas, Berlin 1990; Dialektik, 3 (1993): „Natur, Naturwissenschaften, Kulturbegriffe“. Zuvor schon G. Bachelard: La philosophie du non. Essai d’une philosophie du nouvel esprit scientifique, Paris (P.U.F.) 1975.Google Scholar

Copyright information

© Physica-Verlag Heidelberg 1996

Authors and Affiliations

  1. 1.Institut für Philosophie derUniversität WienWienGermany

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