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Genealogie und „Ökonomie“ des Bedürfens

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Part of the Ethische Ökonomie. Beiträge zur Wirtschaftsethik und Wirtschaftskultur book series (ETH.ÖKO., volume 2)

Zusammenfassung

Hat der lebensphänomenologische Ansatz im deutschsprachigen Raum bereits seine Rezeption gefunden, besonders für den Bereich der Ästhetik und Kulturkritik,40 so sind natürlich auch Argumente laut geworden, welche die „Immanenz des Lebens“ ohne Transzendenzbezug in ihrem eigenen phänomenologischen Wesen für bedenklich erklären. Untersucht man jedoch diese Einwände genauer, so wird von diesen nicht beachtet, daß Immanenz eben nichts mit Introjektion zu tun hat. Letztere meint eine Verlagerung ins „subjektiv Innere“, in das „Milieu der genuinen Tatsachen“ wie Wünsche und Sorgen, die sich von der Objektivität als einem ersten „Hier“ und „Jetzt“ abschälen, um sich dann als „Subjektivität“ vom Rest der objektiven Tatsachen weiterhin abzukapseln.41 Bei einer solchen scheinbar „unbefangenen Phänomenologie“, wie sie H. Schmitz „ernüchtert empirisch“ in Anspruch nimmt, wird dann gerade aber nicht bedacht, daß die Raum-Zeit-Korrelation Hier/Jetzt als „primitive Gegenwart“ des Leibes schon eine erste Konstitution aus transzendentalem Vermögen heraus bedeutet, welches das Leben als subjektiven „Pol“ (wenn auch nicht als Bewußtsein im klassischen Sinne) bereits voraussetzt. Vor der „Introjektion“ — bzw. damit diese überhaupt statthaben kann — muß das phänomenologische Leben als Affektionsmöglichkeit schon „gegeben“ sein, so daß dieses Leben als „Immanenz“ gerade nicht die Negativform zur Transzendenz darstellt, sozusagen einen „weltentleerten Hohlraum“ (was im übrigen immer noch ein „Raum“ wäre), sondern die Ermöglichung zur Errichtung jeglicher Räumlichkeit schlechthin.42

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Notes

  1. 40.
    Vgl. E. Jain: Hermeneutik des Sehens. Studien zur ästhetischen Erziehung der Gegenwart, Frankfurt a. M. (Lang) 1995, S. 147 u. ö.Google Scholar
  2. 41.
    H. Schmitz: „Immanenz als Falle des Lebens“, Philosophische Rundschau, 42/1 (1995), S. 69–75. Vgl. anderslautend B. Forthomme: „Etude sur l’affectivité à propos d’un ouvrage consacré à M. Henry“, Annales de Philosophie (Université Beyrouth), 15 (1994), S. 111–116.Google Scholar
  3. 42.
    Vgl. E. Husserl: Ding und Raum. Vorlesungen 1907 (Husserliana XVI), Den Haag (Nijhoff) 1973; N. Lee: E. Husserls Phänomenologie der Instinkte, Dordrecht u. a. (Kluwer) 1993.Google Scholar
  4. 43.
    Vgl. M. Henry: Marx II: Une philosophie de l’économie, Paris (Gallimard) 1976, S. 214 ff.; P. Koslowski: Ethik des Kapitalismus, Tübingen (Mohr) 41991,S. 36, 50 f.Google Scholar
  5. 44.
    Vgl. D. Lohmar: Phänomenologie der Mathematik. Elemente einer phänomenologischen Aufklärung der mathematischen Erkenntnis nach Husserl, Dordrecht u. a. (Kluwer) 1991.Google Scholar
  6. 45.
    Vgl. E. Husserl: Psychologische Phänomenologie. Vorlesungen Sommersemester 1907 (Husserliana XVI), Den Haag (Nijhoff) 1968, S. 55 ff. (§ 6 ff.).Google Scholar
  7. 46.
    Ohne M. Heidegger’s „seinshütende“ Position zu teilen, kann man aber unabhängig vom lebensphänomenologischen Ansatz bei ihm gleichfalls die Radikalität ermessen, die mit der Technikfrage unter anderem als Geschichtsfrage für ihn überhaupt ansteht. Vgl. Beiträge zur Philosophie. Vom Ereignis (Gesamtausgabe 65), Frankfurt a. M. (Klostermann) 21994, S. 132 beispielsweise: „Was meint Machenschaft? Das in die eigene Fesselung Losgelassene. Welche Fesseln? Das Schema der durchgängigen berechenbaren Erklärbarkeit, wodurch jegliches mit jedem gleichmäßig zusammenrückt und sich vollends fremd, ja ganz anders als noch fremd wird. Der Bezug der Unbezüglichkeit.“Google Scholar
  8. 47.
    „Wissenschaft und Kultur als Kräfte gesellschaftlicher Ordnung während der Transformation“, in: C. Herrmann-Pillath u. a. (Hrsg.): Marktwirtschaft als Aufgabe. Wirtschaft und Gesellschaft im Übergang vom Plan zum Markt, Stuttgart (G. Fischer) 1994, S. 285–301, hier S. 298 f.Google Scholar
  9. 48.
    Wir greifen hier titelvariierend die Untersuchung von P. Peill-Schoeller auf: Kulturelle Synergien in Joint Ventures zwischen China und den deutschsprachigen Ländern, Heidelberg (Springer) 1994.Google Scholar
  10. 49.
    Vgl. für die geschichtliche Retrospektive etwa H. Freyer: Die Bewertung der Wirtschaft im philosophischen Denken des 19. Jahrhunderts (1921), Hildesheim (O1ms) 1966 (Reprint); J. Kromphardt: Konzeptionen und Analysen des Kapitalismus, Göttingen (Vandenhoeck amp; Ruprecht) 1980.Google Scholar
  11. 50.
    Vgl. beispielsweise G. B. Macpherson: Die politische Theorie des Besitzindividualismus. Von Hobbes bis Locke, Frankfurt a. M. (Suhrkamp) 1973; E. Streissler/Ch. Watrin (Hrsg.): Zur Theorie marktwirtschaftlicher Ordnung, Tübingen (Mohr) 1980.Google Scholar
  12. 51.
    Dies wurde bereits detailliert an solchen Texten erhoben bei M. Henry: Marx II: Une philosophie de l’économie (1976), S. 138 ff.Google Scholar
  13. 52.
    Vgl. dazu P. Koslowski: Ethik des Kapitalismus (1991), S. 29 ff.Google Scholar
  14. 53.
    Da im weitesten Umfang andernorts kritische Einwände gegen eine solche Marxinterpretation berücksichtigt wurden, dürfen wir hier der Kürze halber daher verweisen auf R. Kühn: Leiblichkeit als Lebendigkeit, Freiburg/München (Alber) 1992, S. 381 ff., 439 ff. (Kap. VI. 1 u. 5). Vgl. ebenfalls unsere „Einleitung“ zu M. Henry: Radikale Lebensphänomenologie (1992), S. 43 ff., im Zusammenhang mit dem poiesis-Begriff bei Aristoteles und dem Wahrheitsbegriff bei Hegel und Heidegger.Google Scholar
  15. 54.
    Vgl. Phänomenologie des Geistes, hrsg. v. J. Hoffmeister, Hamburg (Meiner) 61952, S. 286 ff.Google Scholar
  16. 55.
    Vgl. im einzelnen M. Henry: Marx I: Une philosophie de la réalité, Paris (Gallimard) 1976, S. 368 ff.: „Le lieu de l’idéologie“. Zum folgenden auch F. A. von Hayek: Drei Vorlesungen über Demokratie, Gerechtigkeit und Sozialismus, Tübingen (Mohr) 1977; O. von Nell-Breuning: Kapitalismus — kritisch betrachtet, Freiburg i. Br. (Herder) 1974.Google Scholar
  17. 56.
    In dieser Hinsicht ist Heidegger’s Kritik der abendländischen „Ideengeschichte“ von bleibender Aktualität, weil sie ebenfalls eine Grundverkehrung des „Erscheinens“ thematisiert, nämlich von der phúsis zum noûs. Vgl. Beiträge zur Philosophie (1994), S. 208 ff.Google Scholar
  18. 57.
    Wie dies P. Koslowski: Ethik des Kapitalismus (1991), hier bes. S. 42 ff., versucht.Google Scholar
  19. 58.
    „Wissenschaft und Kultur als Kräfte gesellschaftlicher Ordnung während der Transformation“ (1994), S. 290 ff.Google Scholar
  20. 59.
    Vgl. im einzelnen P. Koslowski: Neuere Entwicklungen in der Wirtschaftsethik und Wirtschaftsphilosophie, Berlin u. a. (Springer) 1992.Google Scholar
  21. 60.
    Vgl. S. Auroux: Barbarie et philosophie, Paris (P.U.F) 1990 (Nachwort zur italien. Übers.).Google Scholar
  22. 61.
    „Phénoménologie non-intentionelle: une tâche de la phénoménologie à venir“, in: D. Janicaud (Hrsg.): L’intentionnalité en question. Entre phénoménologie et recherches cognitives, Paris (Vrin) 1995, S. 383–397, hier S. 396.Google Scholar

Copyright information

© Physica-Verlag Heidelberg 1996

Authors and Affiliations

  1. 1.Institut für Philosophie derUniversität WienWienGermany

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