Advertisement

Ethos als Protest und Zeitlichkeit

Chapter
  • 13 Downloads
Part of the Ethische Ökonomie. Beiträge zur Wirtschaftsethik und Wirtschaftskultur book series (ETH.ÖKO., volume 2)

Zusammenfassung

Das Bedürfen an Wärme, von dem die Rede war, ist nicht von einer Subjektivität zu trennen, die diese Lebensnotwendigkeit des Sich-wärmen-müssens erleidet. Im Erleiden ist phänomenologisch — wie groß auch immer der empirische Schmerz sein mag, und damit die Möglichkeit seines Differierens, Aushaltens und Beendigens — das Sich-erleiden der Subjektivität mitgegeben, die das innere Erscheinungswesen des Lebens ausmacht. Tritt nun mit diesem inneren Pathos eine Zeitlichkeit im transzendenten Sinne auf, weil das Leid und der Schmerz als solche, das heißt: auch das unerfüllte Verlangen als Mangel, eine Pro-testation des Ego hervorrufen, die das „Sein“ des Schmerzes in ein „Sein-sollen“ von etwas Anderem verwandeln möchte?5 Damit wäre die lebensphänomenologische Grundeidetik erschüttert, daß Sich-erleiden und Sich-erfreuen nicht nur derselben Affektivität angehören, sondern in ihrem notwendigen Übergang ineinander sich je auch dieselbe Historialität des absoluten Lebens in seinem „Werden“ als Passivität fortzeugt. Der Ausschluß mundaner Temporalität ergibt sich prinzipiell aus der Tatsache, daß im Transzendenzakt des Bewußtseins zwei Sachverhalte meist miteinander verwechselt werden: die Errichtung des ekstatischen Zeithorizonts und die Entgegennahme dieses Horizonts in jeglichem Transzendenzakt.

Preview

Unable to display preview. Download preview PDF.

Unable to display preview. Download preview PDF.

Notes

  1. 5.
    Dies ist zusammengefaßt der Grundeinwand von J. Porée: „Le temps du souffrir. Remarques critiques sur la phénoménologie de Michel Henry“, Archives de Philosophie, 54 (1991), S. 213–240, auf den wir hier zu antworten versuchen.Google Scholar
  2. 6.
    Vgl. z. B. den Versuch H. Krämer’s, in einer „mehrdimensionalen Sicht des Ethischen“ Motive der Moralphilosophie und der Lebenskunstlehre als Strebens-oder Glücksethik in einer sogenannten „Dritten Ethik“ zu vereinigen: Integrative Ethik, Frankfurt a. M. (Suhrkamp) 1992.Google Scholar
  3. 7.
    Vgl. A. Aguirre: „Zum Verhältnis von modaler und praktischer Möglichkeit“, in: E. W. Orth (Hrsg.): Perspektiven und Probleme der Husserlschen Phänomenologie (Phänomenologische Forschungen 24–25), München/Freiburg (Alber) 1991, S. 150–182, hier S. 180 ff.Google Scholar
  4. 8.
    Vgl. zu einer Kritik allzu leichtfertiger „Sinngebung“ bei chronischen Schmerzen H. Saner: „Die Grenzen des Ertragbaren. Zur Phänomenologie chronischer Schmerzen“, in: R. Kühn/ H. Petzold (Hrsg.): Psychotherapie und Philosophie — Philosophie als Psychotherapie?, Paderborn (Junfermann) 1992, S. 15–28.Google Scholar
  5. 9.
    Zum Ansatz einer Ethik bei der notwendig „besseren“ Lebensbewältigung vgl. P. Lorenzen/ O. Schwemmer: Konstruktive Logik Ethik und Wissenschaftstheorie, Mannheim (Bibliographisches Institut) 21975. Ihre eigene epistemologische Rekonstruktion einer transkulturellen Invariabilität des Anthropologischen verkennt allerdings nicht die dazu notwendige Kritik bisheriger logischer und ethischer „Orthosprachen“ in einer je historischen Kontextualität. Erinnert sei natürlich auch an die Kritik der praktischen und instrumentalen Vernunft bei TH. W. ADORNO seit der Frühschrift Dialektik der Aufklärung (1944). Jetzt in: Ges. Schriften 3, Frankfurt a. M. (Suhrkamp) 1980.Google Scholar
  6. 10.
    Besonders dort, wo er sich auf die „Bedeutung eines Emotivismus“ beruft, der keine ontologische Fundierung in der Selbstaffektion kennt; vgl. H. Spector: Analytische und postanalytische Ethik. Untersuchung zur Theorie moralischer Urteile, Freiburg/München (Alber) 1993; außerdem H. G. Fackeldey: Norm und Begründung. Zur Logik normativen Argumentierens, Frankfurt a. M. (Lang) 1992, in bezug auf kritischen Rationalismus und Transzendentalpragmatik.Google Scholar
  7. 11.
    Wir akzeptieren damit den Begriff „Schatten“ im Husserlschen Sinne aus W. Berger’s Untersuchung: Das Bedürfnis und sein Schatten. Vorarbeiten zu einer Philosophischen Anthropologie, Freiburg/München (Alber) 1992. Allerdings ist für die Lebensphänomenologie jeder anthropologische Fundierungsversuch konstitutiv ein „Schatten“ und nicht erst bei der Konstatierung von theoretischabstrakter Aporetik aus Anlaß ordnungsimmanenter Voraussetzungen von Bedürfnisdefinition oder-klassifizierungen: ein „somatisch“ unmittelbar Gebundenes solle allgemein begrifflich gefaßt werden; vgl. ebd. S. 11 ff.Google Scholar
  8. 12.
    Vgl. M. Henry: „Théodicée dans la perspective d’une phénoménologie radicale“, Archivio di Filosofia, 1–3 (1988), S. 383–393. Zur weiteren Information C.-F. Geyer: „Theodizee oder Kulturgeschichte des Bösen? Anmerkungen zum gegenwärtigen Diskurs“, Zeitschrift für philosophische Forschung, 45/2 (1992), S. 238–256. Zu nachfolgendem Kantischen Begriff unter anderem W. Schulte: Radikal böse. Karriere des Bösen von Kant bis Nietzsche, München (Fink) 1988.Google Scholar
  9. 13.
    Vgl. als Vorbereitung auf eine solche „andere“ lebensphänomenologische Religionsphilosophie R. Kühn: Studien zum Lebens-und Phänomenbegriff Cuxhaven-Dartford (Junghans) 1994, Kap. VIII. 1: „Religionsphänomenologie als Lebensphänomenologie“ (S. 349–373).Google Scholar
  10. 14.
    Vgl. D. Janicaud: Le tournant théologique de la phénoménologie française, Paris (Eclat) 1992, bes. S. 61 ff.Google Scholar
  11. 15.
    Von solcher Situation eines „gebrochenen Wesens“ her entwickelt D. Wyss sein Buch Die Strukturen der Moral, Göttingen (Vandenhoeck amp; Ruprecht) 1968. Solche Fragilität läßt dann schon die vorprädikativen Erfahrungsstrukturen wie Raum, Zeit, Berühren, Einkörperung, Entkörperung, Triebleben, Umweltbeziehung usw. in der Dichotomie von sittlich/unsittlich erscheinen, die im Gewissensproblem kulminiert.Google Scholar
  12. 16.
    So geht auch H. Saner, weil er mit der Geburt Freiheit beginnen läßt, in seinem wertvollen Beitrag „Memento nasci. Vorbemerkungen zu einer Philosophie der Geburt“ nicht über diesen zeitlichen Anfangspunkt hinaus. In: G. K. Kalten-brunner (Hrsg.): Überleben und Ethik, Freiburg i. Br. (Herder) 1975, S. 142–161.Google Scholar

Copyright information

© Physica-Verlag Heidelberg 1996

Authors and Affiliations

  1. 1.Institut für Philosophie derUniversität WienWienGermany

Personalised recommendations