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Was fehlt uns eigentlich?

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Part of the Ethische Ökonomie. Beiträge zur Wirtschaftsethik und Wirtschaftskultur book series (ETH.ÖKO., volume 2)

Zusammenfassung

Aus dem diffusen Unbehagen, was uns Menschen in den wirtschaftlich reichen Industrienationen im Grunde noch fehle, schält sich als individuelles, kulturelles wie wirtschaftliches Bedürfen das Bedürfen nach „Lebensqualität“ heraus. Dieser Begriff schwankt zwischen einer allseits wieder hergestellten Natur-Umwelt bis hin zur ungetrübten Privatheit im eigenen Heim. Dazwischen liegen die großen Anfragen problembelasteter Technik-Wissenschaft wie humane Medizin, sparsamer Ressourcenverbrauch und Recycling,1 aber auch mehr ideologische Beunruhigungen wie beispielsweise gesellschaftliche und persönliche „Identität“. Lebensqualität soll in vielen Diskursen ein Richtmaß dafür abgeben, daß wir uns auf unserer Erde wieder „wohl“ — wenn nicht gar „heimisch“ — fühlen. Das Dilemma ist nur, daß die so beschworene Lebensqualität keinen genau verbindlichen Inhalt hat, sondern ein jeder aus diesem Begriff semantisch das hervorholt, was er gläubigmeinend zuvor hineingelegt hat: nämlich seine Hoffnungen wie Befürchtungen bezüglich Existenz und Leben oder Zukunft und Fortschritt.

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Notes

  1. 1.
    Ökonomen machen darauf aufmerksam, das ökologische Hauptproblem sei ein „effektives Nachfrageversagen“ (effective demand-failure), Natur in ihrer Schönheit und Artenvielfalt zu erhalten, obwohl die meisten Menschen durchaus über die Erschöpfbarkeit der Ressourcen besorgt sind. Daher rührt dann eine nur geringe Zahlungsbereitschaft für diesen Problembereich. Vgl. hierzu P. Koslowski: Gesellschaftliche Koordination. Eine ontologische und kulturwissenschaftliche Theorie der Marktwirtschaft, Tübingen (Mohr) 1991, S. 56 f.; Wirtschaft als Kultur. Wirtschaftskultur und Wirtschaftsethik in der Postmoderne, Wien (Passagen) 1989, S. 40–50, wo ein „ontologischer Gerechtigkeitsbegriff“ gegenüber der Natur eingefordert wird.Google Scholar
  2. 2.
    Vgl. zur eingehenderen phänomenologischen Begründung dieser Ausgangsposition hier M. Henry: Radikale Lebensphänomenologie. Ausgewählte Studien zur Phänomenologie, Freiburg/München (Alber) 1992; R. Kühn: „Bedürfen und Vorstellungsdestruktion“, Gregorianum, 76/2 (1995), S. 323–342.Google Scholar
  3. 3.
    So kann man P. Koslowski zustimmen, daß das Zukunftsproblem nicht so sehr in den knappen Ressourcen liege als vielmehr in der Beherrschung der „organisch-natürlichen Ordnungsstrukturen“; vgl. Wirtschaft als Kultur (1989), S. 26 ff. Es scheint uns aber fraglich, ob die Biotechnologie in bio-ökonomischer wie soziologischer Hinsicht sich von ihrer galileischen Vorgabe der Ausschaltung der Subjektivität wird lösen können, um „Natur“ als Korrelat unserer prinzipiellen Lebensverwiesenheit zu verstehen und anzuerkennen. Auf die Grenze einer biologischen Interpretation des menschlichen Sozialverhaltens verweist aus der Sicht seiner eigenen Disziplin F. M. Wuketits: Gene, Kultur und Moral. Sozialbiologie — Pro und Contra, Darmstadt (Wissenschaftl. Buchgesellschaft) 1990.Google Scholar
  4. 4.
    Vgl. letzthin zum Beispiel im Anschluß an Dilthey F. Fellmann: Lebensphilosophie. Elemente einer Theorie der Selbsterfahrung, Reinbek (Rowohlt) 1993, S. 234.Google Scholar
  5. 5.
    Vgl. Die Barbarei. Eine phänomenologische Kulturkritik, Freiburg/München (Alber) 1994, durch dessen Übersetzung wir für die vorliegende Studie wertvolle Anstöße erfuhren. Vgl. zuvor schon R. Kühn: Leiblichkeit als Lebendigkeit. Michel Henrys Lebensphänomenologie absoluter Subjektivität als Affektivität, Freiburg/München (Alber) 1992, hier bes. Kap. VII. 2 ff. (S. 470 ff.).Google Scholar
  6. 6.
    Unter dem Zeichen dieses Syndroms der Postmoderne als geschichtlichem Utopieverlust sind inzwischen zahlreiche kulturphilosophische und-kritische Stellungnahmen erschienen, die ihre eigene Berechtigung haben. Vgl. zum Beispiel P. Koslowski: Die postmoderne Kultur. Gesellschaftlich-kulturelle Konsequenzen der technischen Entwicklung, München (Beck) 21988; Die Prüfungen der Neuzeit. Über Postmodernität. Philosophie der Geschichte, Metaphysik, Gnosis, Wien (Passagen) 1989; M. Frank: Conditio moderna. Essays, Reden, Programm, Leipzig (Reclam) 1993 (wo dem neufranzösischen Denken sozialdarwinistisches und präfaschistisches Gedankengut vorgeworfen wird); C.-F. Geyer: Einführung in die Philosophie der Kultur, Darmstadt (Wissenschaftl. Buchgesellschaft) 1994 (unter Einbezug der Frage multikultureller Gesellschaften sowie politischen und religiösen Fundamentalismus’. Solche Problemstellungen werden besonders auch in unserem Teil II aufgegriffen). Schließlich J.-F. Lyotard: Das postmoderne Wissen. Ein Bericht, Wien (Passagen) 1993.Google Scholar
  7. 7.
    Vgl. Werke III, hrsg. v. K. Schlechta, München (Hanser) 71963, S. 775 f.: „Aus dem Nachlaß der Achtzigerjahre“. Natürlich sind weitere Vergleichsmöglichkeiten dadurch nicht ausgeschaltet; vgl. zu Hegel beispielsweise K. Kozu: Das Bedürfnis der Philosophie. Ein Überblick über die Entwicklung des Begriffskomplexes „Bedürfnis“, „Trieb“, „Streben“ und „Begierde“ bei Hegel, Bonn (Bouvier) 1988.Google Scholar
  8. 8.
    Vgl. Analysen zur passiven Synthesis. Aus Vorlesungs-und Forschungsmanuskripten 1918–1928 (Husserliana XI), Den Haag (Nijhoff) 1966, S. 11 ff. u. 292 f. Für einen an Husserl orientierten kulturkritischen Ansatz E. W. Orth: „Kulturphilosophie und Kulturanthropologie als Transzendentalphilosophie“, Husserl Studies, 4 (1987), S. 242–255.Google Scholar
  9. 9.
    Werke II (1963), S. 863. Zum Zusammenhang von conatus und Fülle als Freude vgl. M. Henry: „Le bonheur chez Spinoza“, Revue d’histoire de la Philosophie, 39–41 (1944–1946), S. 67–100 u. 187–225.Google Scholar
  10. 10.
    Vgl. H. Bergson: „L’évolution créatrice“, in: H. Bergson: Oeuvres. Edition du Centenaire, Paris (P.U.F.) 1970, S. 708 ff.Google Scholar
  11. 11.
    „Les deux sources de la morale et de la religion“, in: Oeuvres (1970), S. 1055 ff.Google Scholar
  12. 12.
    Vgl. „L’évolution créatrice“, in: Oeuvres (1970), S. 710 f.; P. Koslowski: Wirtschaft als Kultur (1989), S. 28: „Die Einsicht in die expansiv-kontraktive Natur des organischen Wachstumsprozesses ist ebenso zentral wie tröstlich für unser Thema der begrenzten Ressourcen. Sie zeigt nämlich, daß entgrenzte Expansion nicht die Gestalt des Organismus zu verwirklichen vermag und daher nicht Normalität beanspruchen kann.“Google Scholar
  13. 13.
    H. Bergson: „Essai sur les données immédiates de la conscience“, in: Oeuvres (1970), S. 89. Gleiches bliebe zu G. Simmel anzumerken, wenn er in Fragmente und Aufsätze (hrsg. v. G. Kantorowicz, München-Leipzig [Duncker amp; Humblot], 1926, S. 31) wie folgt von einem „Wissen des Lebens“ spricht: „Weise aber ist die Erkenntnis, die, obgleich sie nur etwas Einzelnes betreffen mag, mit der Ganzheit des Lebens in Zusammenhang steht. Sie ist immer eine Aufgipfelung, um deren Fuß die ganze Ebene des Lebens herum liegt.“ Elan wie Ganzheit fassen beide das Leben noch als etwas in der Schau oder Intuition Gegebenes auf, und eben nicht als die immanent-phänomenologische Strukturierung allen „Gebens“ selbst mit seinen transzendental-genealogisch einsichtig zu machenden Modalitäten.Google Scholar
  14. 14.
    Vgl. „L’évolution créatrice“, in: Oeuvres (1970), S. 928 ff. Zu Bergsons Werk insgesamt P. Trotignon: L’idée de la vie chez Bergson et la critique de la métaphysique. Essai sur le système de Bergson, Paris (P.U.F.) 1968.Google Scholar
  15. 15.
    Dies ist grundsätzlich anerkannt wie gefordert bei P. Koslowski: Wirtschaft als Kultur (1989), S. 54 ff., auch wenn dieses Selbst bei ihm nicht seine letzte phänomenologische Klärung erfährt. Vgl. etwa S. 59: „Die Welt hat nicht genügend Bedeutung für den Menschen und doch gewinnt er sein Selbst nur, wenn er sich an die Objektivität hingibt.“Google Scholar
  16. 16.
    Vgl. M. Frank: Conditio moderna (1993), S. 13 u. ö.; dazu Besprechung von C. Beyer: Prima Philosophia, 7/3 (1994), S. 329–333. Zur weiteren gegenwärtigen Diskussion über Subjektivität vgl. auch R. M. Chisholm: Die erste Person. Eine Theorie der Referenz und der Intentionalität, Frankfurt a. M. (Suhrkamp) 1992; O. Mohr: Das sinnliche Ich. Innerer Sinn und Bewußtsein bei Kant, Würzburg (Königshausen amp; Neumann) 1991; K. Comoth: Quasi Perfectum. Subjektivität im Umkreis der Trinität, Heidelberg (Winter) 1992; D. Bell/W. Vossenkuhl (Hrsg.): Wissenschaft und Subjektivität. Der Wiener Kreis und die Philosophie des 20. Jahrhunderts, Berlin (Akademie-Verlag) 1993; R. Bernet: La vie du sujet. Recherches sur l’interprétation de Husserl dans la phénoménologie, Paris (P.U.F.) 1994.Google Scholar
  17. 17.
    Gegen Tugendhats Argument vgl. schon M. Frank: Selbstbewußtsein und Selbsterkenntnis. Essays zur analytischen Philosophie der Subjektivität, Stuttgart (Reclam) 1991, S. 178 ff. Ebenfalls bereits H. Schmitz: „Zwei Subjektbegriffe. Bemerkungen zu dem Buch von E. Tugendhat: Selbstbewußtsein und Selbstbestimmung“, Philosophisches Jahrbuch, 89 (1982), S. 131–142; „Sind Tiere Bewußthaber? Über die Quellen unserer Du-Evidenz“, Zeitschrift für philosophische Forschung, 46/3 (1992), S. 329–347.Google Scholar
  18. 18.
    Vgl. für diese Diskussion auch im Rahmen klassischer Husserlinterpretationen besonders L. Landgrebe: Faktizität und Individuation. Studien zu Grundfragen der Phänomenologie, Hamburg (Meiner) 1982; M. Henry: Radikale Lebensphänomenologie (1992), S. 102 ff. u. ö.Google Scholar
  19. 19.
    Vgl. D. Janicaud: Le tournant théologique de la phénoménologie française, Paris (Eclat) 1991; B. Waldenfels: Phänomenologie in Frankreich, Frankfurt a. M. (Suhrkamp) 1983; R. Kühn: Französische Reflexions-und Geistesphilosophie, Frankfurt a. M. (Hain) 1993, Teil IV: „Ontologie und Phänomenologie“ (S. 157–221). Außerdem H. R. Sepp (Hrsg.): Edmund Husserl und die phänomenologische Bewegung. Zeugnisse in Text und Bild, Freiburg/München (Alber) 1988.Google Scholar
  20. 20.
    Wirtschaft als Kultur (1989), S. 77. Vgl. ebd. S. 182: „Die Normativität des Lebens führt eine ganzheitliche soziokulturelle Gestalt des Lebens herbei, auch wenn die konkreten Gestalten der Kulturen und Sozialordnungen verschieden sind.“ Diese Normativität des Lebens als Hervorgang aus seinem inneren Telos bleibt aber gerade lebensphänomenologisch aufzuweisen, falls man nicht in eine faktische Normativität verfallen will, die schließlich äußere Normen mit dem Leben selbst fälschlicherweise gleichsetzt.Google Scholar
  21. 21.
    Vgl. P. Koslowski: Gesellschaftliche Koordination (1991), S. 75 f., 102 f.; W. Heinrichs: Einführung in das Kulturmanagement, Darmstadt (Wissenschaftl. Buchgesellschaft) 1993, worin verschiedene Formen des öffentlichen und privatwirtschaftlichen Kulturbetreibens vorgestellt werden.Google Scholar

Copyright information

© Physica-Verlag Heidelberg 1996

Authors and Affiliations

  1. 1.Institut für Philosophie derUniversität WienWienGermany

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