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Wissenschaftstechnik und Wirtschaftsaufhebung

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Part of the Ethische Ökonomie. Beiträge zur Wirtschaftsethik und Wirtschaftskultur book series (ETH.ÖKO., volume 2)

Zusammenfassung

Schon bei der proto-kulturellen Analyse des praktisch-ökonomischen Tätigwerdens des Individuums mit seiner rein subjektiven Kraft konnten wir darauf verweisen, daß der phänomenologische Charakter der „Welt“ als Erleben unserer Impressionabilität „Widerstand“ und damit „Grenze“ ist. In einer archaischen Wirtschaftsform wird diese ursprüngliche Situation des Lebens, sofern es die Welt als praktisches Korrelat „in seinem Griff hält“, allein dadurch unmittelbar deutlich, als der reale Produktionsprozeß hier mit dem Überleben identisch ist; das heißt: die drängenden Bedürfnisse gegenüber Hunger, Kälte und sonstigen „äußeren“ Widerwärtigkeiten müssen eine sofortige Lösung finden. Diese Grenzsituation offenbart die extremste Bedingung des Lebens, das tatsächlich Notwendige zu produzieren, um dem Tod zu entrinnen. Sobald diese gefährliche Situation sich ein wenig lockert, können mit Hilfe gleichzeitig produzierter Werkzeuge zusätzliche Verbrauchsgüter erzeugt werden, und in diesem Abstand, der sich zwischen dem „Lebensnotwendigen“ und dem, „was das Leben produzieren kann“, auftut, siedelt sich alles an, was wir gewöhnlich bis heute als Kultur und Zivilisation bezeichnen. Die Möglichkeit dieses ökonomisch-kulturellen Abstands, nämlich mehr als die „Bedürfnisse“ produzieren zu können, ist das Grundvermögen des Lebens, weshalb wir weiter oben sagten, die Proto-Kultur der Wirtschaft habe ihre Wurzeln in der Ur-Kultur des Lebens. Denn jedes „Vermögen“ ruht diesseits der kontingent-empirischen Fakultäten im innersten Wesen des Lebens als dessen Pathos.

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Notes

  1. 30.
    Vgl. außer den zuvor schon genannten Arbeiten auch H. Kasper: Die Handhabung des Neuen in organisierten Sozialsystemen, Berlin (Springer) 1990; W. Böckmann: Sinnorientierte Führung als Kunst der Motivation, Landsberg (Moderne Industrie) 1987. — Es bleibt allgemein nur bei einer Oberflächenbeschreibung, solange die technisierte Wirtschaft nur als eine Reaktion auf den ökonomischen Realprozeß als zu automatisierenden gedacht wird, da hierbei „das Ökonomische“ als Ausgangsidee bereits immer schon ideal-transzendental vorausgesetzt ist. In phänomenologischer Sicht kann dieses Ökonomische — wie jede Entität — nur eine abkünftige sein, letztlich eben vom Leben, weshalb wir unsere Bemühungen um diesen analytischen Aufweis hier hauptsächlich konzentrieren. Vgl. außerdem B. S. Frey/W. Stroebe: „Ist das Modell des Homo Oeconomicus ‘unpsychologisch’?“, Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft, 136(1980), S. 82–97.Google Scholar
  2. 31.
    Diese phänomenologische Wissenschaftsanalyse wird von M. Henry in Die Barbarei (1994) eingehend durchgeführt, um dort sowohl auf Technik, Wirtschaft wie Humanwissenschaften angewandt zu werden; vgl. bes. S. 83 ff., 151 ff., 170 ff. für die Diskussion unseres Zusammenhangs. Zur weiteren Dokumentation des Weltbildwandels vgl. sodann A. MAIER: Die Mechanisierung des Weltbildes im 17. Jahrhundert, Rom (Edizioni di storia e letterature) 21968; H. Grossmann: Die gesellschaftlichen Grundlagen der mechanistischen Philosophie und die Manufaktur (1935), Reprint München (Kösel) 1970.Google Scholar
  3. 32.
    Ohne Zweifel lassen sich unabhängig von dieser Sichtweise geistes-und wirkungsgeschichtliche „Verstehenserklärungen“ der Maschinenentwicklung geben; vgl. zum Beispiel A. Baruzzi: Mensch und Maschine. Das Denken „sub specie machinae“, München (Fink) 1973. Danach ist für das moderne Bewußtsein „Sein“ die materielle Einheit der Natur, während Gott nicht mehr als Referenz dient. Animalität und Lebenskraft erscheinen als ein Naturprodukt, während der Maschinenaspekt metaphysisch die Schöpfung unter dem Gesichtspunkt physikalischer Kausalität verwaltet. Jegliche Wirklichkeit muß der beobachtenden Erfahrung unterworfen werden, damit Welt und Mensch sich der Maschine angleichen können. Neben den Folgen einer Konzeption des „natürlichen Glücks“ (plaisir bei den französischen Materialisten, die Baruzzi untersucht) verstärkt sich der kybernetische Gedanke einer „Natur-Maschine“, worin sich das alte Gottesverhältnis des Menschen neu abbildet: Der Mensch nimmt göttliche Allmacht an, während sich die Maschinen selbst regeln. Da aber damit die Abhängigkeit der Menschen von ihren eigenen Erfindungen eintritt, muß ein „künstlicher Mensch“ entworfen werden, der einer natürlichen Selbsterkennung des Menschen nach den alten Totalitätsphilosophien gehorcht. Aber damit scheint uns eben die ontologische Subversion der Technik wiederum nur auf der Ebene der Vorstellungsveränderungen verständlich gemacht zu sein. Zur Bedeutung der Idee anderer möglicher Welten und ihrer Kompossibilität als Problem von Mathematik, Mechanik, Sozial-und Rechtsphilosophie im 17. Jahrhundert vgl. auch P. Koslowski: Gesellschaftliche Koordination (1991), S. 20 ff.Google Scholar
  4. 33.
    Vgl. S. Teufl: Der „Sinn“-Begriff anhand der Logotherapie und Existenzanalyse nach Viktor E. Frankl — Anwendungen für das Management? Der Versuch einer Annäherung. Diplomarbeit der Sozial-und Wirtschaftswissenschaften Universität Wien, 1993, 95 S.Google Scholar
  5. 34.
    Vgl. M. Henry: Du communisme au capitalisme (1990), S. 165 ff., für diese Feststellung und ihre Konsequenzen. Im folgenden wird dadurch auch nochmals unsere grundsätzliche Unterschiedlichkeit von jedem marxistisch-ideologischen Diskurs einsichtig. Vgl. diesbezüglich beispielsweise A. Sohn-Rethel: Materialistische Erkenntniskritik und Vergesellschaftung der Arbeit, Berlin (Merve) 1971; L. Althusser/E. Balibar: Das Kapital lesen I, Reinbek (Rowohlt) 1971.Google Scholar
  6. 35.
    Die „übergeordneten Ziele“ wie etwa „Service am Kunden“ oder „Produktivität bei Spitzenleistungen“ implizieren „normative Wendungen“ einer „starken Kultur“, die als Sinnreferenz vielleicht von den Führungskräften geteilt werden, aber damit noch nicht unbedingt von den Betriebsmitgliedern als intrinsischer Motivation; vgl. W. Holleis: Unternehmenskultur und moderne Psyche (1987), S. 274, 285 f., 293. Vgl. für frühere Tauschformen M. D. Sahlins: „Exchange-value and the Diplomacy of Primitive Trade“, in: Essays in Economic Anthropology. Dedicated to the Memory of Karl Polanyi, Seattle (University of Washington Press) 1965.Google Scholar
  7. 36.
    Vgl. H. Zemanek: Das geistige Umfeld der Informationstechnik, Berlin u. a. (Springer) 1992, S. 95 ff.: „Von der Einzellösung zur Systemlösung — Eine Wandlung der Technik“; D. Parrochia: Philosophie des réseaux, Paris (P.U.F.) 1993; E. F. Schumacher: Die Rückkehr zum menschlichen Maß. Alternativen für Wirtschaft und Technik, Reinbek (Rowohlt) 1977.Google Scholar
  8. 37.
    S. Auroux erhebt denn auch diese „wissenschaftliche Kultur“ zur allein legitimen anstelle der überkommenen „literarisch-humanistischen Kultur“; vgl. Barbarie et philosophie, Paris (P.U.F.) 1990.Google Scholar

Copyright information

© Physica-Verlag Heidelberg 1996

Authors and Affiliations

  1. 1.Institut für Philosophie derUniversität WienWienGermany

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